Was Kunst nicht ist

Verehrte Prinzess ‘Ishka,

mir ist ein Brief zugespielt worden, an dich adressiert und voll mit Gedanken, die unkommentiert zu lassen ich nicht länger ertrage.

Miasha offeriert darin zwei Ideen über einen Begriff von der Kunst, die mir einer Diskussion wert scheinen. Wir müssen, denke ich, uns kaum darüber unterhalten, weshalb gerade die Kunst eines solchen Blickes wert ist. Die Künstler schließlich sind die Priester der Moderne und die Kunst unser Idol.

Die erste dieser Ideen ist die negative Beschreibung der Kunst als das, was „andere Begriffe nicht besser beschreiben können.“ Was politisches Traktat, philosophisches Essay oder juristisches Plädoyer ist, sei dementsprecend keine Kunst. Kunst wäre, was sich anders nicht sagen ließe. Eine Art von sprachloser Transzendenz, die sich nur in der Erfahrung jenseits der Begrifflichkeit für uns öffnet.

Ein Gedanke, der mir ausnehmend gut gefällt, da er das Gefühld es Erhabenen auch in die Moderne rettet.

Ich denke aber auch, dass Miasha die Konsequenzen dieser Idee nicht bis ins letzte ergründet hat. Sie stehen seinen eigenen Ansichten im Wege, da damit die Kunst womöglich zu sehr auf den Bereich des rein Ästhetischen eingegrenzt wird. Insbesondere Kunst im Bereich des Alltäglichen und Funktionalen – Design, Mode usw. – verliert damit einiges an Legitimität und wird zu einer Mischform, einer Art von Bastard, die nicht ihren eigenen Begriff als Maßstab anlegt, sondern ihn mit dem des Schönen und Kunstvollen verschleiern

Dies widerspricht der zweiten Idee, die Miasha äußert und der ich auf das schärfste widerspreche: Dem Anspruch, die Produzenten von Kunst als Künstler zu bezeichnen.

Nicht umsonst gibt es im deutschen wie im englischen Sprachgebrauch eine Trennung zwischen dem Künstler und dem Kunsthandwerker, Artist und Artisan, die ich für wertvoll erachte.

Der rein mechanische Akt, das Beherrschen des reinen Handwerks, kann kaum eine hinreichende Begründung für das Kümnstlertum sein. Wir sehen es etwa an der fotographischen oder filmischen Kunst. Niemand wird bestreiten, dass der Einsatz der Kamera, ihre Positionierung, die Verwendung von Winkeln, Licht, Perspektive usw. die Welt nicht einfach abbildet, sondern sie verzerrt, verändert entsprechend den Vorstellungen des Künstlers – des Manns mit der Kamera.

Aber es ist problematisch, die Beherrschung eines Handwerkes als Kunst betrachten zu wollen, bloß weil dieses Handwerk auch künstlerisch verwendet werden kann.

Eine mit aller Kunst des Filmischen in Szene gesetzte Werbung für eine Stahlfabrik ist allein wegen ihrer handwerklichen Qualität noch keine Kunst. Eben so wenig, wie die Nicht-Beherrschung eines Handwerks notwendigerweise gegen ein Kunstwerk spricht – „Plan 9 from outer space“ ist mit Abstand einer der inkompetentesten Filme aller Zeiten, aber vermutlich mit weit mehr Recht Kunst, als auf Hochglanz polierte Hollywood-Filme der letzten Jahre.

Wir müssen uns also vor Augen halten, dass es einen Unterschied zwischen Künstlern und Kunst gibt.

Ich meine dies im einfachsten aller Sinne: Nicht jeder Künstler schafft Kunst. Nicht jedes Werk eines Künstlers ist Kunst, selbst wenn wir ihm als Künstler eine gewisse Genialität zugestehen wollen.

Das von Miasha angesprochene Problem mit dem Gedanken des Genius – der mit dem anglo-amerikanischen Genie nur am Rande zu tun hat – ist daher keineswegs ein wie auch immer gearteter Elitismus. Auch wenn man den Begriff der Kunst nicht mit dem des Schönen oder Qualitativen für gemein halten sollte.

Wir kennen genügend Beispiele, in denen Kunst geschaffen wurde – Werke von monumentaler Bedeutung, die einen Zeitgeist beschreiben, eine Idee hervor bringen oder in Worte, Bilder und Gefühle fassen, wo es zuvor nicht mehr als eine dumpfe Ahnung gab. Werke, die den Kulturbetrieb vollständig umgestoßen haben – die von ihrem Schöpfer aber nicht in aller Tiefe durchdrungen oder verstanden worden sind.

George Lucas ist eines solcher Beispiele. Ein Mann, der großartiges schuf (ob durch Zufall oder durch glückliche Zusammenarbeit mit Paul Hirsch, Richard Chew, Marcia Lucas im Schnitt des Films sowie Carrie Fisher und Harrison Ford im Schreiben des Drehbuchs, ist ein anderes Thema) und wie die Prequels zeigen offensichtlich nicht versteht, was er dort geschaffen hat.

Der bisweilen paradoxe Gedanke von Kunst als ein Werk von Genialität, das über sich hinaus schafft, das über seine eigene Begrifflichkeit hinaus geht, ist der einzige, der diesen Umständen gerecht wird.

Auch wenn wir dabei für die Kunst alles das aufgeben, was nur in seinen Begriffen und Grenzen eine Vollkommenheit erreicht hat. Wir grenzen Kunst damit ab von allem, was nur handwerkliche Qualität auszeichnet, was geistlos ist, uninspiriert und nur in sprachlosen Wortkadavern von Dingen spricht, die es anders nicht zu fassen bekommt.

Ein Opfer, das ich fröhlich bringe.

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