Roter Löwe – Teil IV: Tiefe Wahrheiten

Ich folgte Balthasar in den Abgrund.

Auf eine gewisse Weise hatte er mich mit seiner Wissensgier angesteckt, ganz wie ich es mir anfangs erhofft hatte. Aber nicht auf die Art, wie ich es erhofft hatte.
Er hatte mich geblendet mit seiner Jagd nach Wahrheit, oder vielmehr mit seinem Drang, Lüge und Irrsinn als genau das zu entblößen: Als Hirngespinst. Dieser nächtliche, angespannte Einbruch in eine Dorfkapelle hatte nichts mit den Abenteuern gemein, die ich mir ausgemalt hatte. Es lag nichts Glanzvolles darin, nichts Wunderbares, einem Relikt wie Matthias seine alten Bücher zu stehlen.

Und obwohl ich ängstlich war, obwohl ich nichts von dieser tristen Arbeit hielt und selbst noch diesem alten Priester seinen Irrsinn gegönnt hätte, kam ich mit Balthasar.

Der Eingang zur Krypta befand sich hinter dem Altar, gegenüber der alten Kanzel, auf die der Priester so stolz gewesen war. Sie hatte ein mir unheimliches Äußeres angenommen, verstörte mich noch mehr als die Sakristei. Jene hatte mir bloß körperliches Unwohlsein bereitet. Der Geruch von verrottenden Büchern, von faulendem Staub, hatte mir in der… Bibliothek des Priesters die Galle hoch getrieben.

Die Kanzel und der Altarraum dagegen stießen mich ab. Ich konnte sie nicht anblicken in diesem Halbdunkel, ohne mich umdrehen und fliehen zu wollen.

Nicht so sehr, weil die Kanzel selbst mich beunruhigt hätte. Es war ein schlichtes Ding aus altem Holz, mit abblätternder Farbe. Sie war tatsächlich einige hundert Jahre alt, nach allem was ich wusste, und war mir bei unserem ersten Besuch als nicht viel mehr als eine recht hübsche, antike Dorfkanzel erschienen. In keinerlei Hinsicht ein bemerkenswertes Stück.

Aber ich fragte mich, mit welchen Augen Matthias, der Priester, der ein gefälschtes Tagebuch aus dem vorletzten Jahrhundert führte, sie wohl anblickte. Wie betrachtete sie wohl jemand, der sich für beinahe ebenso alt hielt? Der eine Reihe von Erinnerungen gesponnen hatte, die aus der belanglosen Geschichte des Dings seine eigene, persönliche machten?

Wie ging jemand mit solchen Relikten um, der sie nicht als Zeugnis vergangener Zeiten betrachtete, sondern als Erinnerungsstücke seines eigenen Lebens? Mir war solches Verhalten unverständig. Ich war, vielleicht durch meinen Beruf geschädigt, nur in der Lage diese Dinge als Artefakte zu betrachten. Als Überreste, Relikte meinetwegen, die aus der Vergangenheit in die Gegenwart hinein ragten. Ich betrachtete sie distanziert, kühl.

Jedenfalls dann, wenn ich nicht vor ihnen weglaufen wollte.

Ich wurde von dem Geräusch über Stein schleifenden Metalls aus meiner Phantasie geholt.

Ein schmales Gitter im Boden hatte den Weg hinab in die Eingeweide der Kapelle versperrt. Balthasar hatte sich auch dieses Schlosses angenommen, war aber dieses Mal erstaunlich schnell vorgegangen, wie er selbst sagte. Als wäre diese Vergitterung hier es gewöhnt, geöffnet zu werden. Ganz im Gegensatz zu derjenigen in der Sakristei schien diese hier sogar danach zu verlangen.
Er ging voran und ich folgte ihm, ohne über seinen Scherz zu lachen.

Die Gruft der Kapelle war eng und niedrig. Wir mussten unsere Köpfe zwischen die Schultern ziehen und uns bücken, um die kurzen, engen Stufen hinunter zu gelangen. Eine Mischung aus Staub und Feuchtigkeit schlug uns entgegen, die mich einen Augenblick wanken ließ und mich dazu brachte, mich an der Wand abzustützen. Es war nicht diese kalte Trockenheit, die man gewöhnlich dort unten fand, dieser Geruch von faulender Zeit.

Der Geruch erinnerte mich viel mehr an…Erde, wie im herbstlichen Wald nach einem langen Regen. Schwer von Feuchtigkeit, die einem bis tief in den Rachen kroch.

Balthasar schien sie auch zu riechen, sog die Luft aber nur tiefer in die Brust, bis ein Hustenanfall ihn eines besseren belehrte. Im Gegensatz zu mir hielt er sich nicht lange damit auf, sondern begann, die vor uns liegenden Grabnischen zu untersuchen.

Sie waren langweilig genug auf den ersten Blick, mit nur einigen Tafeln versehen aus dem damals üblichen Bronze. Im Lauf der Zeit war es angelaufen und von Grünspan überzogen. Auch im Gewölbe selbst mussten wir uns beugen, wenn wir den Kopf nicht an der Decke stoßen wollten. Ich kann nicht mehr sagen, wie viele es waren. Ich hatte mit einem Dutzend oder so gerechnet. Es waren einige mehr.

Balthasar ging voran, eine Hand am Stein, in der anderen die Taschenlampe. Ich kann nicht sagen, wie weit wir gingen, wie tief unter die Erde die schmalen Gänge führten, die sich umeinander schlängelten. Das Zeitgefühl schwindet oft in solchen Labyrinthen und Minuten strecken sich zu Stunden aus, besonders wenn eine so monotone Arbeit folgte.

Wir kamen auch nur mühsam voran, da wir jedes Grab einzeln beleuchten und untersuchten. Unsere elektrische Leuchten warfen nur ein schmales, orangenes Glühen an die Wände, mehr ein Schimmer als ein echtes Licht.

Es war eine mühselige Arbeit, in der Dunkelheit die Grabstelen zu entziffern, den Staub der Jahrzehnte und Jahrhunderte von den Täfelchen zu wischen und sie einzeln zu katalogisieren.

Ich fertigte, wie es erst unsere Absicht gewesen war, eine grobe Karte an. Mehr eine Skizze in meinem Notizblock, von jedem Namen an dem wir vorbei kamen und ihren Todesdaten. Sollten wir später feststellen, dass wir eine Stelle übersehen hätten oder sollte uns der Verdacht überkommen, dass ein Grab falsch bezeichnet wäre, so könnten wir es mit dieser Skizze leicht wieder finden.

Viele der Gräber enthielten niemanden von Relevanz. Ein paar konnte ich mit den Männern in Verbindung bringen, deren Totenschilder noch immer andächtig über dem Altar hingen. Die reichen Grundbesitzer der Gegend, Junker, Ritter und andere aristokratische Tyrannen, die sich hier in den letzten Jahrhunderten hatten bestatten lassen. Deren bronzenen Täfelchen ihre ‘großen Taten’ rühmten, derer sie so fähig gewesen waren. Die meisten davon mit einem jämmerlichen Anspruch auf Größe verfasst, der kaum mehr als die alltäglichen Tätigkeiten eines Verwalters beschrieb. Der Bau von Windmühlen, die Umverteilung von Feldern und der übliche Kriegsdienst gegen herbei gelogene ‘Erbfeinde’ stand dort mit solchem Prunk festgehalten, als hätten die hohen Herren Tod und Teufel selbst aufgehalten.

Bemerkenswert war außerdem lediglich, dass keines der Gräber hier unten annähernd so alt wie die Kapelle selbst war. Kaum eines war älter vor der frühen Neuzeit angelegt worden, obwohl die Geschichte der Kapelle bis weit in mittelalterliche Zeiten hinein reichte. Es blieb eine Spanne von vier- oder fünfhundert Jahren, zwischen dem angeblich ältesten Leichnam dort unten in der Krypta und der ersten Errichtung der Kapelle und dem Friedhof.

Ich kann jedenfalls nicht sagen, ob wir wenige Stunden dort verbrachten und mit Fotographien, Taschenlampe und Notizblock eine unsägliche Zeit verschwendete, oder ob wir zügig und konzentriert arbeiteten, ohne uns viel zu unterhalten.

Ich weiß, dass wir nach einer Weile ein Grab fanden, auf dessen Tafel der Name stand, nach dem wir gesucht hatten. Eine Kupferplatte nahm einen guten Teil der eigentlichen Grabnische ein, vielleicht dreißig mal sechzig Zentimeter groß. Jede Faser meines Körpers vibrierte, als Balthasar jubelte, als seine Stimme sich mit dem Staub vom Boden aufwirbelte und er mich herunter winkte.

Angebracht in Messing, dort unten in der letzten Reihe einer Nische, ganz unten am Boden, stand dort: Friedrich Athanasius Roth. 1665-1738. Jurist und Fiskal ihrer Majestät.

„Hier muss er liegen“, flüsterte Balthasar. „Hier muss er liegen, wenn nicht…“

Seine weiteren Worte gingen unter in einer hektischen Suche. Bruchwerkzeuge – Hammer und Meißel – hatte er irgendwo in seiner Tasche untergebracht. Keine großen, nicht geeignet für massiven Stein. Aber gerade genug für Gräber, für die dünnen Platten, die den Hohlraum dahinter versiegelten. Diese hatte er jetzt hervor geholt, bereit sich Gewissheit zu verschaffen, ob Friedrich Athanasius Roth sich tatsächlich in jener Grabnische befand.

Er zögerte, die Spitze des Meißels zitterte über dem Kupferstich, den er für eine endlose Zeit anstarrte. Ehe er seine Hände zur Seite führte, dorthin, wo die Messingplatte durch Bänder mit dem umliegenden Stein verbunden war.

Mit jedem Schlag des Hammers war es, als ob sein Verstand sich aus ihm heraus und in die Gruft ergoss. Als ob er den Drang spürte, sich zu erklären, sich selbst nicht nur zu rechtfertigen, sondern vor sich selbst eine Erklärung für seine Taten zu finden. Mit jedem seiner hektischen, fast panischen Schläge, die Stück für Stück die Grabplatte heraus meißelten, schien er auch die Fassade zu zerstören, die er bis hierhin aufrecht erhalten hatte. Mit jedem Schlag wirkte er mehr selbst wie ein Besessener auf der Suche nach etwas und weniger wie der kühle, furchtlose Jäger verlorenen Wissens.

Ich wollte gar nicht, dass er mir diese Dinge erzählte. Ich fühlte mich aber auch nicht in der Lage, ihn daran zu hindern. Tatsächlich denke ich, dass ich nicht einmal das Bedürfnis dazu in diesem Moment spürte.

Ich sah nur diese Tafel und der Kupferstich, der sich über eben jene Grabplatte erstreckte, hinter der sich die verrotteten Überreste von Roth befinden mussten. Sollten.

Der Kupferstich war ein Meisterwerk, trotz aller Scheußlichkeit. Ich wagte nicht, ihn länger als mit einem kurzen Blick anzusehen, und trotzdem nahm er alle meine Aufmerksamkeit gefangen. Trotzdem schien es mir unmöglich, mich von ihm abzuwenden, selbst um Balthasar anzuflehen, nicht mehr von diesen Dingen zu reden, von denen er sprach. Diese Andeutungen, die ihn fast ebenso irrsinnig erschienen ließen, wie den alte Mann in der Kapelle über uns.

Ich…ich kann seine Formen nicht beschreiben. Ich habe die Worte dafür, keine Frage, die Symbolsprache und die einzelnen Zeichen waren mir wohl vertraut. Nicht zuletzt, weil ich noch in der selben Nacht von ihnen gelesen hatte im angeblichen Tagebuch des irren Priesters.

Meine Hand, in die Balthasar die Taschenlampe gedrückt hatte, um ihm bei seiner Arbeit zu leuchten, zitterte. Und doch konnte ich mich nicht abwenden. Ich konnte nur zusehen, wie Balthasar die Platte langsam aus dem Stein heraus schlug, und war seinem Lärm und seinen Worten ebenso hilflos ausgeliefert wie meiner eigenen Furcht.

Ich werde diese wenigen Minuten nie vergessen, in denen ich…nicht ganz ich selbst war. Nicht sein konnte, nicht sein durfte, wenn der Mann, der ich heute bin, kein Monster sein will.

Ich werde nie vergessen, was Balthasar faselte, während er mit aller Verzweiflung sich an der Grabplatte zu schaffen machte.

Sie zeigte, in ungewöhnlicher Weise miteinander verbunden, all diejenigen Elemente, die ich aus meinen eigenen Forschungen kannte. Die ich in „chymischen Traktaten“ gelesen, bei ‚Paracelsus‘ Hohenheim gesehen hatte. Es war eine einfache Zeichnung, zusammen gesetzt aus nicht mehr als einfachen geometrischen Formen und einer Reihe an kleineren Symbolen in den Zwischenräumen dieser Formen. Es war nichts weiter als ein großer Kreis, der ein Dreieck umschloß, in dem sich ein Viereck befand, das einen Kreis in sich barg.

Im alchemischen Irrtum stand diese Zeichnung für nichts weniger als die Verbindung polarer Gegensätze, für die Quadratur des Kreises. Einige kuriose Fälle von Geisteskrankheit hatten diese Zeichnung an ihre Zellenwände geschmiert – vor hundert Jahren und auch heute noch fand man sie.

Hier, mit diesen Attributen versehen, die sie durch die Zeichen an den Rändern enthielt… hatte sie eine konkretere Bedeutung als bloß die abstrakte Vereinigung zweier Prinzipien. Hier stand sie für die Vereinigung des Todes mit dem Leben. Für den roten Löwen, der die Sonne auf die Erde stürzte und verschlang. Ein Teil des Steins der Weisen, jedenfalls der Formel mit der er hergestellt werden könnte. Wenn man den Worten dieses Schülers des Alchemisten und Glasperlenmachers Kunckel glauben würde, der aber auch behauptete, dass mit ihr der Tod überwunden würde, transzendiert zu… etwas jenseits dieser Grenze zwischen Sterben und Leben hin.

Sie beschrieb den Schlüssel, den Matthias gefunden zu haben behauptete.

Ich…Ich kann nicht hoffen, das Grauen zu beschreiben, das ich empfand, als Balthasar mit jedem Hieb und jedem Erzittern des Kupferstichs tiefer in den Wahn abglitt, den er nur als Lüge hatte entblößten wollen. Wie es mich schauderte, als er wie mit schwacher Hand über den kalten Stein strich, den alten Namen, der sich in das Messing eingetrieben fand. Das Beben, das mich durchlief, will ich nicht einmal mehr denken, denn es war in meinem Kopf, so vollständig, so ausfüllend, so klar und hell antwortete in meinem Schädel etwas auf seine Worte, dass mir noch heute übel wird davon.

Ein seltsamer, verstörender Anblick, wie liebevoll er die Platte schließlich heraus brach, als ihre Bänder von ihm mit Gewalt gelöst worden waren. Wie seine Stimme sich immer mehr veränderte, als er mir davon erzählte, wie er die Aufzeichnungen des Schülers gefunden und ihnen nicht geglaubt hatte…er aber misstrauisch geworden war.

Ob ich denn nicht selbst gesehen hätte, was der Priester verbarg? Dass es allemal ein Geheimnis sei, das zu lüften sich lohnte, das wahrhaft das letzte Geheimnis sei, das von Wert war in dieser Welt. Das Geheimnis des ewigen Lebens.

Ich fühlte diesen Drang zu laufen, fort zu kriechen und so viel und so schnell als möglich alle Welt zwischen mich und diesen obszönen Vorgang zu bringen, den ich wie gelähmt beobachtete.

Dann fühlte ich Balthasars Hand auf meiner Schulter, seine Finger, die sich schmerzhaft in mein Fleisch gruben, mich an meiner Flucht hinderten. Ich starrte hinüber, dachte zunächst noch, er suche Halt, wäre ebenso fassungslos wie ich.

Seine Augen waren…geweitet. Nicht vor Schreck oder vor Angst, wie meine es zweifellos waren. Seine Hand zitterte, als er sie von mir löste und mir mit einem Fingerzeig bedeutete, in die Grabnische zu blicken.

Ein Ausdruck der tiefsten Verzückung war ihm ins Gesicht gemeißelt, von Ekstase und Jubel, ehe er sich wieder den tanzenden Schatten an der Wand widmete, wieder seinen abscheulichen Worten hingab, mit denen er triumphierte.

Das Grab ist leer.

Der Terror, der mich überkam, als ich dieses Gesicht vor mir sah…diese…diese Fratze voller Triumph, als er mir den fehlenden Leichnam vorführte, geht über meinen Verstand.

Ich floh.

Ich schäme mich nicht dafür, denn ich denke nicht, dass irgendein verständiges Wesen anders gehandelt hätte in diesem Moment. Dass es überhaupt eine echte Entscheidung gewesen war, die ich getroffen habe, als ich Balthasar von mir stieß, auf den Stein und in die Splitter seiner Arbeit.

Ja, ich ließ ihn zurück, wie er dort vor dem Grab hockte und aus seiner Tasche die Bücher entnahm. Wie er Worte murmelte, die ich nicht verstand, dieser Spur bereits wieder zu folgen begann. Ihn, der mich hier hinunter geführt hatte und diese verfluchte Tafel liebkoste.

Ich floh, ich kroch durch die engen Gänge, hinter mir noch dieser Schrei des Entzückens, als Balthasar stürzte.

Meine Taschenlampe zerschellte irgendwann, als ich fiel. Es kümmerte mich nicht. Ich kannte den Weg nicht, ich war blind. Aber ich wusste, wovor ich weg rannte. Vor dem Ding, von dem ich so abgestoßen war, dass ich in Kauf nahm, mir den Schädel in der Dunkelheit an einem Steinvorsprung zu zerschlagen.

Ich weiß nicht, ob ich es eine Wahrheit nennen soll, was wir dort unten fanden. Ob etwas tatsächlich wahrhaftig sein kann, wenn es nur…wenn es nur eine Möglichkeit öffnet. Ob dieses…dieses Grab in der Dunkelheit nicht viel mehr ein abscheulicher Scherz war, wie Balthasar erst angedeutet hatte.

Eines aber wahr gewiss, durch welche Teufelei auch immer es die Wahrheit war: Das Grab von Friedrich Athanasius Roth ist leer und ich weiß nicht, ob es irgendwo einen Flecken Erde gibt, den diese Kreatur tatsächlich ihr Grab nennt.

Man mag sich fragen, warum ich von diesen Dingen erzähle. Warum ich in aller Eile eine Kopie meiner schlechten Erzählung verfasst und sie in separaten Schließfächern verstaut habe, die erst nach meinem Tode zu öffnen sind, womit ich beinah jeden Tag rechne.

Warum ich überhaupt mich dieses Vorfalls erinnere, anstatt ihn mit Brandy und psychotropen Substanzen aus meinem Gedächtnis zu löschen, mir wenigstens das Delirium zurück zu holen. Meine Träume gehören nicht länger mir, sondern dem, was ich sah und zu hören meinte dort unten. Man mag sich fragen, warum ich diese Andeutung einer Wahrheit aufbewahre, anstatt sie dem Vergessen zu überantworten.

Weil auch Balthasar noch lebt. Weil er der Gruft entkam, obwohl ich ihn dort zurück ließ und das Gitter hinter mir fallen ließ. Weil er nach mir sucht, nach mir gefragt hat an der Akademie und bei flüchtigen Bekannten, die mir davon erzählten. Ich kenne ihn. Ich weiß, dass… Dass er nicht wie ich vor diesem leeren Grab des Hexenjägers zurück geschreckt ist. Dass er weiter in den Abgrund gestiegen sein wird auf der Suche nach der Wahrheit.

Ich schreibe diesen Bericht, weil ich ihm nicht traue, wie ich geflohen zu sein. Nicht, ohne weiter in der Dunkelheit nach den Geheimnissen des Friedrich ‚Todtlos‘ Roth zu suchen. Balthasar wird nicht geflohen sein, ohne sie dem Priester zu entreißen, der sich mit solcher Wärme an die Zeit vor mehr als hundert Jahren erinnerte.

Ich kenne den Preis, den die ‘weisen Männer’ für die Geheimnisse des Todes bezahlt haben, für die Mysterien, nach denen Balthasar scheinbar so lange unter dem Deckmantel der Forschung gesucht hat.

Und ich weiß, dass ich ihn nicht bezahlen will. Ich weiß, dass ich nicht das Lamm sein will, dass dem Löwen dafür geopfert wird.

Balthasar wird mich nicht unvorbereitet finden.

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