Roter Löwe – Teil III: Alte Freunde

Ich weiß nicht, warum ich mich zwei Tage später wieder mit ihm traf. Mir war seit diesem kurzen Gespräch zwischen den Gräbern klar geworden, dass Balthasar mich benutzte. Nicht auf eine Weise, die ich ihm sonderlich übel nahm, das gebe ich zu. Aber er benutzte mich als Prüfstein für seine Verdächtigungen und Theorien. Es waren Vermutungen über alles, was wir an jenem Nachmittag von Matthias erfahren hatten, die er schon lange vorher angestellt haben musste. Er hatte die ganze Scharade an diesem Tag nur aufgeführt, um zu sehen, ob ich selbst zu ähnlichen Schlüssen wie er kommen würde.

Ich wusste also, dass er noch weitere Pläne und Gedanken vor mir geheim hielt. Dinge, die ich entweder selbst heraus finden sollte, um seine Theorie als vernünftig zu bestätigen, oder nicht erfahren sollte.

Auch mir war es damals bewusst gewesen, wie seltsam er sich verhielt, wie wenig Sinn sein Vorschlag enthielt und wie…

Es war wie ein Zwang von ihm. Eine Art von Besessenheit, die ihn ergriffen hatte. Er war nicht in der Lage, ein einmal aufgespürtes Geheimnis ruhen zu lassen. Sie mussten für ihn bloß gelegt werden, er musste sie enthüllen und verstehen und bis ins kleinste durchleuchten.

Er hatte mir ins Gesicht gesagt, dass kein größerer Plan dahinter steckte, kein Forschungsprojekt von Seiten der Akademie oder irgendeines Instituts. Und ich glaubte ihm.

Diese zwei Behauptungen widersprechen sich in meinen Augen nicht: Folgte einer unschuldigen Neugier, einer Spur, über die er gestolpert war und die er aus Langeweile oder vielleicht auch Eitelkeit verfolgte. Aber sobald er einmal die Witterung aufgenommen hatte, war er kaum mehr zu bändigen.

Sicher ist: Ich bewunderte ihn für genau diese Zielstrebigkeit. Balthasar war ein furchtloser Mann, auch auf der Akademie schon war er mit seinen Untersuchungen dorthin gekrochen, wo auf die ach so ehrbaren Herren Doktoren nur der Spott gewartet hatte. Mit unerschütterlicher Festigkeit hatte er selbst aus den absurdesten Bänden und Hinweisen noch die Wahrheit heraus kristallisiert, hatte aufgespürt, was die Arroganz der gebildeten Männer als Märchen verlacht hatten.

Vielleicht war es das, was mich dazu brachte, mit Taschenlampe und dunkler Kleidung am Treffpunkt aufzutauchen.

Er würde es auch ohne mich tun, so viel hatte er gesagt. Ich war nützlich, aber nicht notwendig, und ich zweifelte keinen Moment daran, dass er die Wahrheit sprach. Indem ich ihm half, teilte ich vielleicht seine Schuld mit ihm…aber auch seine Besessenheit. Ich könnte sie vielleicht verstehen, vielleicht, nur vielleicht, ein wenig davon begreifen. Ein wenig wie er sein, nur ein einziges Mal furchtlos in den Schlund der Vergangenheit schreiten und ihm etwas Unwahrscheinliches, etwas Außergewöhnliches entreißen.

Tatsache ist, dass ich seinem Plan folgte, gleich was meine Gründe dafür gewesen sein mochten.

Wir trafen uns unweit der kleinen Kapelle, recht spät am Abend, in einer kleinen Kneipe. Eine dieser Pinten in den unteren Etagen der Hochhäuser, wo man fast nie jemand anderen traf als die immer gleichen Abhängigen.

Wir konnten aber die Kapelle aus einer angenehmen Entfernung beobachten, dort unter uns, hinter den Fenstern, mit einem Blick auf den Friedhof und halbwegs auf den Eingang. Wir tranken wenig und aßen kaum. Balthasar wagte sich an irgendeines der fettigen ‘Hausmannsgerichte’, die die Küche so reichhaltig aufgewärmt hatte. Ich verweigerte mich fester Nahrung. Mein Magen revoltierte bereits beim Gedanken daran und ich war ohnehin zu angespannt, zu nervös. Den ganzen Abend über hatte ich einen Klumpen in den Eingeweiden. Dort, wo sich meine Furchtlosigkeit zu einem Stein zusammen gezogen haben musste.

Es dauerte eine ganze Weile, bis die Abendmesse vorbei war. Bis die Sonne draußen schwächer wurden und nacheinander vom Orange der künstlichen Glühbirnen ersetzt wurde. Von den Straßenlaternen und Scheinwerfern vorbeifahrender Autos, die das Tageslicht künstlich am Leben erhielten.

Als kein Licht mehr aus der Kapelle selbst kam, dachten wir, es wäre wohl an der Zeit. Ein paar Leute waren noch bis spät nach der Messe dageblieben, scheinbar, aber auch sie gingen schließlich. Wir hatten ihre Gesichter nicht sehen können aus dieser Entfernung, dachten aber nur kurz darüber nach, ob Matthias unter ihnen gewesen sein könnte. Nach einer kurzen Debatte kamen wir überein, dass wir uns vor Ort umsehen müssten, um sicher zu gehen. Die Wohnung des Priesters aber befand sich unmöglich in der Kapelle – wir hatten bei unserem letzten Besuch keinerlei Türen oder Anbauten bemerkt, die auch ein noch so karges Leben ermöglicht hätten. Er musste also im Lauf der Nacht abschließen und nach Hause gehen, früher oder später.

Wir zahlten unsere Rechnung und verließen die Kneipe. Der Weg von einem der Seiteneingänge des Hochhauses zur Hauptstraße herunter führte an der Friedhofsmauer vorbei, die niedrig war und aus Bruchstein, etwa sechshundert Jahre alt, wenn ich eine vorsichtige Schätzung geben sollte. Sie war auch mehr eine Markierung als eine wirkliche Begrenzung. Es war ein leichtes, in einem geigneten Moment darüber zu klettern und im Schatten an die Kapelle gedrückt bis zum Eingang auf der anderen Seite herum zu schleichen.

Der Eingang selbst schien uns einfach genug aufzubrechen. Die Kapelle verfügte nur über ein einziges Hauptportal, das nicht direkt an der großen Hauptstraße lag. Gute zehn Meter Weg trennten die Friedhofsmauer vom Eingang. Zehn Meter, die beinahe wie ein Graben wirkten mit der Mauer auf der ersten, einige alten Bäume und dem Grabhügel auf der zweiten und dritten und schließlich der Kapelle auf der vierten Seite. Er lag in jedem Fall nicht so entblößt, dass wir riskieren mussten, die Aufmerksamkeit der vorbeifahrenden Autos oder etwaiger Nachtschwärmer auf uns zu lenken.

Das Schloß daran war ein einfaches Metallding an einer Kette, dick und schwer und alt, mit massigen Gliedern. Ich…hatte mich nie in meinem Leben mit diesen Dingen beschäftigt, hielt also Wache, während Balthasar sich darum kümmerte.

Der Hof und das Hügelchen, das unter ihm gewachsen war, waren fast ruhig, inmitten des Rauschens. Die Straße selbst war nicht mehr so verstopft wie am Tag, aber immer noch befahren genug. Selbst Straßenbahnen schoben sich noch regelmäßig vorbei. Der Lärm der Straße versiegte hier nicht, auch nicht als es endgültig Nacht wurde, und blieb ein stetes Rauschen. Er erinnerte mich weniger an etwas von einzelnen Menschen produziertes und mehr an eine Naturgewalt – an den Wind oder die Wellen vielleicht.

Der Ort füllte mich immer noch mit Unbehagen. Als gehörten wir hier nicht hin, als wären wir Fremdkörper in einer offenen Wunde und als wäre die Wunde selbst unnatürlich. Sie war zu alt, um noch offen zu sein, sie hätte längst verheilen müssen. Der Protestantismus, der sich in diesem Bau Bahn brach, aber allen voran diese von der Vernunft getriebene Raserei des Priesters hätten vor langer Zeit aus der Welt verschwinden sollen.

Es war ein absurdes Gefühl, als ob ich den Boden unter den Füßen verloren hätte, obwohl ich ihn noch immer unter mir spürte und sah. Als würde sich die Erde selbst unter mir bewegen und rumoren.

Ein Einbruch mitten in der Nacht und vielleicht zwanzig oder fünfundzwanzig Meter von uns pulsierte noch das Stadtleben mit seinen Lichtern. Aus dem Hochhaus gegenüber strahlten noch immer viele Lampen, trotz der späten Stunde. Fernseher liefen und projizierten ihre blaue Ausstrahlung an Wohnzimmerwände, Musikanlagen plärrten in die Nacht hinaus.

Hinter mir rasselte die Kette zu Boden.

Balthasar brummte nur leise, dann verschwand er rasch im Inneren der Kapelle. Ich folgte ihm, zog die Tür hinter mir zu.

Die Kapelle war düster, noch finsterer als die Nacht. Die kleinen, runden Fenster ließen wenig der städtischen Lichter hindurch. Die Enge des kleinen Gemäuers, die dicken Wände und die dicht beeinander stehenden Bänke ließen sie noch kleiner wirken, noch älter.

Balthasar war nicht weit gekommen. Er stand am Anfang des Ganges zwischen den Bänken. Aus seiner Umhängetasche hatte er eine Taschenlampe geholt, ein kleines Gerät, dessen Helligkeit sich regeln ließ. Nur ein dünner Film weißen Lichts ergoß sich durch den Raum. Es war mehr ein kränkliches Glühen tatsächlich, als echtes Licht. Gerade genug, um die Umrisse der Bänke ausfindig zu machen, und keinen Lärm zu verursachen.

Er wartete kaum darauf, dass ich mich wirklich orientiert hatte, sondern ging rasch zur Sakristei im hinteren Bereich.

Wir wollten die Bücher ansehen, die Matthias sich zu zeigen geweigert hatte, die er eifersüchtig hinter Gittern weggesperrt hatte. Der Mann hatte ja von all diesen infamen Verwirrungen des Geistes, die nicht nur mit Athanasius Roth und seinesgleichen in Verbindung standen, viel zu viel verstanden. Wir vermuteten, wir wussten, dass er etwas vor uns verbarg, dass sich dort neben den bloß verächtlichen Schriften der Inquisition…vielleicht auch Überreste der Bibliothek des Mannes finden würden, den es vor dreihundert Jahren in dieses Dorf getrieben hatte. Dass wir dort einen Grund finden könnten, warum er sich hierher zurück gezogen hatte.

Ich glaubte jedenfalls daran, dass der Priester Matthias schlicht in den Besitz einiger der eher obskuren Schriften Roths gelangt war und diese nun hütete wie seinen eigenen Aufapfel. Dass er sie bewahren wollte vor dem Zugriff irgendwelcher “staatlichen Willkür”, wie er es genannt hatte.

In jedem Fall wollten wir uns selbst vom Inhalt seiner Bibliothek überzeugen.

Dann erst, wollten wir die Gruft unter der Kapelle aufbrechen und uns endgültig Gewissheit verschaffen, welche Gräber sich dort befanden. Und ob dasjenige Athanasius Roths darunter war.

So hatte ich es ausgemacht, weil ich das Risiko nicht eingehen wollte. Ich wollte einen belastbaren Hinweis haben und mich selbst überzeugen, dass es nicht bloß ein Hirngespinst Balthasars war oder eine haltlose Vermutung.

Ich wollte nicht riskieren, eine Gruft zu schänden, wenn es keinen Anlass dazu gab.

Ein wenig Aberglaube war dabei, vielleicht. Zumal ich in meinem Leben schon die ein oder andere Leiche gesehen hatte und mich daher weder vor ihnen fürchtete, noch irgendeine Art von heiliger Scheu empfand. Aber insgeheim zögerte ich wohl doch noch, die alten Vorurteile über die Geschichtskunde als eine Art von Leichenfledderei so derartig zu bestätigen.

Die Sakristei, in der die Bücher lagerten, war nicht noch einmal abgesichert. Ihre Tür schwang ohne Widerstand auf. Im Raum selbst befand sich auch das Bureau des Priesters: Ein schmuckloser Schreibtisch zur Vorbereitung der Predigten, auf dem er mir vor einigen Tagen einige der Karten gezeigt hatte. Daneben befanden sich einige nicht weiter auffällige Schränke, in denen alles für den Gottesdienst aufbewahrt wurde – Roben, Kerzen, Weihrauchschwenker und dergleichen mehr.

Im Glühen der Taschenlampe richteten wir unsere Augen auf den Schrank, der hinter dem Schreibtisch einen guten Teil der Seitenwand einnahm. Er sah aus, wie ich ihn in Erinnerung hatte: Ein massives Ding aus daumendicken Eichenbrettern, die mit langen Nägeln zusammen getrieben worden waren. Balthasar war rasch dabei, die Türen zu öffnen. Gitterstäbe, drei Zentimeter dick, umschlossen einen kleineren Schrank, der sich in dem größeren aus Eichenholz befand. Wie in einem Käfig war der kleinere Schrank eingesperrt und vor der Welt versteckt.

Balthasars Aufmerksamkeit richtete sich nur auf das Schloß, das in den Käfig eingelassen war. Es war ebenfalls altmodisch, wie das Schloß am Eingang. Keine Elektronik, keine Fingerabdrücke, geheimen Codes oder Scans würden es öffnen – sondern nur ein feines und komplexes Zusammenspiel aus mechanischen Rädern und Stiften in einer stählernen Hülle.

Wieder dauerte es einige Minuten, bis Balthasar der Mechanik seinen Willen aufgezwungen hatte. Einige Minuten, die er mit der Taschenlampe zwischen den Zähnen am Schloß herumfuhrwerkte, die ich ihm gebannt über die Schulter schaute und meinen Atem anhielt, aus Angst entdeckt zu werden. Es gab nicht ein einziges Geräusch in der Kapelle, abgesehen von dem Schaben, das Balthasars Geräte in dem Schloß verursachten.

Dennoch zitterte ich und lauschte angestrengt, als ob jeden Augenblick Matthias durch die Tür kommen könnte.

Schließlich aber schwang die Käfigtür auf. Balthasar kniete vor dem alten Sicherheitsschrank, die Taschenlampe noch im Mund und den Kopf fast ganz hinein gesteckt. Sein Finger fuhr über die Buchrücken, die sich vor ihm entblößten, die ich aber nicht ausmachen konnte.

Bis er bei einem innehielt, ihn heraus zog und zum Schreibtisch trug.

Er schien völlig vergessen zu haben, dass ich auch anwesend war, obwohl ich ihm über die Schulter sah und zu begreifen suchte, was er da heraus gegriffen hatte.

Eine Art Tagebuch, offenbar, eine Chronik, angefangen auf dem dicken Papier älterer Jahrhunderte, deren Inhalt ich nicht begriff.

Meine geflüsterten Fragen ignorierte er. Er antwortete nicht, winkte nicht einmal ab, sondern war ganz vertieft in seiner Lektüre, die doch nur oberflächlich gewesen sein konnte.

Mein Magen befand sich in offenem Aufruhr. Nicht nur wegen ihm, sondern wegen allem. Wegen der stickigen Atmosphäre, die vom Geruch nach altem Papier und Pergament durchsetzt war, wegen der Dunkelheit, die um Balthasar herum noch stärker zu werden schien, da er den dünnen Strahl seine Lichts nur auf das Buch richtete. Wegen der Stille. Wegen der unnatürlichen Stille in der Kapelle, in die fast nichts von der Außenwelt drang. Nur unser Atmen und das Rascheln von Handschuhen auf Papier.

Eilig nahm ich meine eigene Taschenlampe heraus, die ein kräftigeres Licht als seine warf.

Auch ich wagte nun einen Blick in den Schrank, suchte nach meinen Beweisen, meinen Hinweisen, dass Balthasars Theorie nicht abwegig war. Ich brauchte einen Beweis, dass es einen Sinn hatte, was wir taten. Dass ich nicht nur hier war, um Balthasar und mir etwas zu beweisen, sondern etwas heraus zu finden.

Auf den Buchrücken der zerfledderten Sammlung prankten Namen, die ihnen kaum etwas sagen würden. Obskure und verlachte Autoren, die in der Forschung höchstens als Artefakte überholten Denkens wahrgenommen wurden. Werke, vor denen ich heute erschaudere, weil ich nicht mehr weiß, ob sie Wahrheit oder Lüge sind. Wovon der alte Priester erzählt hatte war vorhanden, sicher. Aber wobei mir übel geworden war und schwindlig, wovor ich zuvor schon Ekel gezeigt hatte, war kaum der geringste Teil der Sammlung.

Es waren gefährliche Bücher, ja. Aber nicht, weil sie verboten waren oder irgendwelche geheimen oder dunklen Künste lehren würden. Ganz im Gegenteil handelt es sich um einige der aufgeklärtesten Texte unserer ganzen Spezies. Texte, die rigoros Licht in das Dunkel der Welt brachten und gerade darum wie die Ausgeburten des Wahnsinns wirken mussten.

Ich wandte mich von ihnen ab und trat wieder zu Balthasar. Ich wollte wissen, was er scheinbar gesucht hatte, was ihn hierher getrieben hatte. Er hatte behauptet, auf eine Spur zu Roths Grab gelangt zu sein, nachdem er das Schriftstück eines gewissen Schülers ausgegraben hatte. Eines ansonsten anonym verbliebenen Schülers eines Zauberers und Alchemisten, der für etwa die Zeit Roths verbürgt gewesen war: Johann Kunckel. Ich hatte es selbst gelesen, er hatte es mir bereitwillig gezeigt. Es war ein kurzes Pamphlet gewesen, ein Brief an eine Reihe anderer Schüler des verstorbenen Meisters. Scheinbar war es Jahrzehnte nach dem Tod des Alchemisten verfasst worden in der Absicht, sein Lebenswerk fortzusetzen – und die anderen Jünger ebenfalls dazu einzuladen.

Balthasar schien ein weiteres Werk des mysteriösen Schülers gefunden zu haben, den wir nur als “M.” kannten. Es erzählte in der üblichen, chiffrierten Symbolsprache der Alchemisten und Scharlatane von seiner Reise. Von seiner Suche nach der Unsterblichkeit. Balthasar überflog ihn nur, verschlang den Text in einer Geschwindigkeit, dass ich nicht mithalten konnte.

Das wenige, was ich davon verstand, kam mir wie das Gerede eines Irren vor. In der Sprache der Alchemisten wurde berichtet, wie die Prima Materia den Tod überwand, die Allheilung brachte, wie sich am Ende des großen Werks Sol und Luna verbanden zu einem ewigen, roten Zwielicht der inneren Sonne.

Ein obskures, unverständiges Buch, alles in allem.

Wäre da nicht die Widmung auf der letzten Seite gewesen, die eine Feder dort irgendwann unter das Titelblatt gekratzt hatte:

‘Meynem Freunde, F.A.Roth

Seynem unersättlichen Durste.’

Ich starrte auf die Buchstaben vor mir, auf die Schnörkel der Kapitälchen.

Natürlich könnte es eine Fälschung sein, ein aufwendiger Scherz. Sie musste weder von Kunckel stammen noch von irgendeinem seiner Schüler. Sie könnte später hinzugefügt worden sein oder eine phantastische Fälschung sein…

Aber sie war hier. Hier in dieser Kapelle, wo wir den echten Roth vermuteten, jedenfalls sein Grab, und uns Hoffnungen machten, diese kleine Lokallegende aufzuklären.

Als ich gerade die Kraft gefunden hatte, meinen Mund zu öffnen, hatte sich Balthasar bereits aus seiner Trance gelöst. Eifrig stopfte er das Manuskript in seine Tasche. Er drängte mich zur Seite, verschwand wieder mit dem Oberköprer im Schrank und nahm Folianten heraus. Als seine Tasche bereits gefüllt war, begann er, auch mir einige davon in die Hände zu geben. Scheinbar willkürlich wählte er sie aus.Verlangte, dass ich sie mit ihm stehlen würde, für ihn, da zwei Paar Hände mehr dieser Schätze tragen könnten als er alleine. Weil es unsere Pflicht, unser Verlangen sei, nicht nur diese Texte sondern ihre giftige Quelle selbst zu verstehen und ausfindig zu machen. Zu begreifen, woher diese tückischen Gedanken kamen, die so viele Geister für so lange Zeit verblendet und vergiftet hatten.

Ich…weigerte mich. Zunächst jedenfalls. Für einen Moment, der vielleicht mein vorzüglichster in alle dem war, blieb ich standhaft. Selbst der Diebstahl von Irrsinn war noch immer Diebstahl. Der Mann, der diese Schriften gehörten, war – auch wenn er mir zuwider war – noch immer ein Mann, und wir hatten das erreicht, was wir herausfinden wollten: Ich war überzeugt, dass Roth sich hier befand. Wir konnten hinunter steigen in die Gruft, Beweise finden und zumindest für uns zufrieden sein, ehe wir eine ordentliche Expedition starteten.

Seine Verachtung war spürbar, als er mich anfunkelte.

“Er ist weniger als ein Mann”, flüsterte er. Seine Augen waren blutunterlaufen und dunkel. Im schwachen Licht der Taschenlampe hatte er ein wildes Aussehen, fast selbst wie ein Tier, das mich in die Ecke trieb.

“Wie könnte er noch einer sein? Wie könnte einer, der von diesen Dingen spricht, der von der Unsterblicheit wie von einer alten Freundin schreibt, von dem Verfall der Zeit, bis die die Jahre alle Bedeutung verloren haben…Wie könnte er noch ein Mann sein? Ein Mensch wie du und ich?

Das hier”, sagte er und hielt seine Tasche ein Stück in die Höhe, worin sich auch das eine Buch befand, nach dem er gesucht zu haben schien.

“Das hier ist der Beweis! Die Behauptungen, zweihundert Jahre alt, in seiner eigenen Schrift, dass er die Formel gefunden hat und das ewige Leben.x

Wenn der nicht den Verstand verloren hat, wenn er noch ein Mann ist mit seinem Gerede von Blut, von Ewigkeit und dem ältesten Fluch der Wissenschaft, vom roten Leu und der Prima Materia…

Wenn er nicht den Verstand verloren hat, dann habe ich es.

Wie kann einer ein Mann sein, der keine Vernunft mehr hat, der sich seinen Hirngespinsten hingibt und mehr ein Tier ist, als ein Mensch? Der behauptet, dass Athanasius Roth nie gestorben ist?

Und ich…ich werde beweisen, dass er es doch ist.”

Ich starrte ihn nur an, unfähig, ein Wort hervor zu bringen. War es das, was er wirklich wollte? War ich ein Handlanger, ein Gehilfe für einen Diebstahl, weil er eine neue Lüge ans Licht zerren wollte? Weil es ihm nicht um die Wahrheit ging, ob und wo Roth gestorben war…sondern um die esoterische Behauptung seiner Unsterblichkeit, die er als Lüge entlarven wollte?

Wollte er nur beweisen, dass sein Verstand in der Lage war, diesen Irrsinn als eben das zu entlarven? Fraglos war er fähig und zeigte heute noch den selben Eifer, mit dem die sogenannten Hexenjäger ihrem Aberglauben der Vernunft huldigten.

Mein Blick senkte sich auf das Buch in meinen Händen. Auf das “chymische Traktat” Kunckels, in dem sich eine Widmung an diesen F.A.Roth befand

Er verlangte meine Tasche, entriss sie mir schließlich böse, als ich zu langsam dabei war, und füllte sie selbst mit den Büchern, die er stehlen wollte.

Ich bin ein Narr, dass ich sie am Ende entgegen nahm. Dass ich sie nicht einfach von mir schleuderte und vor ihm und seiner Neugier zurück in mein altes Leben floh.

Damals dachte ich, dass es nur so sein könnte. Dass Balthasar…Recht haben musste. Niemand, der von diesen Dingen im Ernste sprach, konnte vernünftig sein. Niemand konnte ernstlich sich in diesen Phantastereien ergehen, sich mit Geheimnissen und Lügen umgeben und sie als die Wahrheit auszugeben. Ich dachte, es wäre meine Pflicht als verständiger Mensch…

Damals dachte ich noch, dass diese Lügen aufgeklärt, alle Wahrheit ausgestellt gehörte – auch die über die Vergangenheit.

Heute weiß ich es besser. Heute habe ich diese Vergangenheit gesehen. Habe ihr in das nur zu lebendige Gesicht gestarrt…

Und wünsche mir nichts mehr, als sie zu vergessen.

Manche Dinge sollten begraben bleiben, vergessen und verlogen als jene Monster, über die der moderne, aufgeklärte Mensch nur den Kopf schütteln und lachen kann, weil er sie nicht sieht. Weil er sie nicht versteht, wie sie eigentlich sind.

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