Roter Löwe – Teil II: Unerbetene Antworten

Die Kapelle, in der Balthasar das Grab des letzten Hexenjägers vermuteten, war eine Groteske.
Sie stand auf einem winzigen Friedhof, der im Lauf der Jahrhunderte zu einem Hügel angewachsen war. Mehr und mehr Leiber waren in die Erde gelassen worden, bis sie sich aufgebläht hatte und nun ihre einstige Friedhofsmauer weit überragte.
Eingekesselt zwischen zwei vielspurigen Hauptstraßen, auf denen rund um die Uhr Lastwagen, Züge und tonnenweise Stahl vorbei fuhren, wurde sie überthront von einem Hochhaus mit zwanzig oder mehr Stockwerken. Von der anderen Straßenseite her wurde sie von einem Konsumtempel überschattet, der erst einige Jahre zuvor für mehrere riesige Supermärkte erbaut worden war.
Das älteste Gebäude der ganzen Gegend – nicht das älteste erhaltene, sondern tatsächlich das älteste von dem wir wissen – war dagegen ein absurd kleiner Bau. Es war ein Relikt nicht nur der Vormoderne, sondern der alten Zeit, und stand dort unbehelligt inmitten des städtischen Chaos. Als wäre ein Blitz in die Stadt selbst eingeschlagen und hätte ihren Leib bis auf den Knochen freigelegt.

Der Kern des Gebäudes stammte aus dem dreizehnten Jahrhundert und war oft genug erneuert worden, aber kaum ein Umbau war jünger als zweihundert Jahre. Ein schlichtes Kreuzgewölbe, weiß getüncht, lag wie eine geduckte Spinne über dem Hügelchen und erhob sich kaum vier Meter hoch. Eine Galerie gab es darin ebenso wenig wie einen Turm, den man nach dem letzten Krieg wegen Baufälligkeit abgetragen hatte.
Das jüngste Stück der Ausstattung war die Glocke gewesen, die im ersten Weltkrieg für Munition eingeschmolzen worden war. Mit der Abtragung des Turms war auch sie nicht mehr ersetzt worden.
Ansonsten hatte das unauffällige Ding die Jahrhunderte fast unverändert überdauert. Misstrauisch hockte es auf seinem Stück Totenacker, eingepfercht zwischen Jahrhunderten, die es kaum berührt hatten.

Alles, was früher einmal an Dorf dort in der Gegend gewesen war, war unter Beton und Stahl verschwunden und vergessen gemacht worden. Und Balthasar war dabei, es wieder hervor zu zerren.

Ich traf ihn am Nachmittag vor Ort, nachdem ich tagsüber gerade die gröbsten Recherchen über die Kapelle und die Gegend angestellt hatte. Ich hatte nicht viel mehr als das gefunden, was man bereitwillig in jeder Ortsbibliothek oder frei zugänglichen Archiven finden kann.
Balthasar wollte keine Zeit verlieren, wie es schien. Die Sache hätte mich stutzig machen sollen. Roth lag seit gut zweihundert Jahren im Grab, das Gotteshaus darüber hatte mehr als ein dreiviertel Millenium überstanden – sicherlich drängte die Zeit nicht? Nicht, wenn sie hier so zäh vorüber floß, dass sie beinahe still zu stehen schien.

Balthasar drängte aber darauf, seinen Verdacht so schnell als möglich zu überprüfen.
Ich hätte damals vielleicht schon eine Ahnung haben können, hätte aufhorchen müssen, dass er für so eine einfache Sache überhaupt Hilfe brauchte. Noch dazu von mir.

Zwar habe auch ich meinen Stolz und bin überzeugt, ein … ein guter Wissenschaftler und Forscher gewesen zu sein. Ich hatte immer schon ein Händchen für die Sprache und glaube, wie kaum ein Zweiter in meinem Feld in die sprachliche Wirklichkeit der Vergangenheit eintreten zu können. Neuzeitliches Französisch und spätmittelalterliches Deutsch gingen mir mit der selben Leichtigkeit über die Lippen, wie ich den Dokumenten dieser Zeit ihre Geheimnisse entlockte. Kaum ein Text – sei es ein medizinisches Rezept oder theologisches Traktat – konnte seinen Inhalt vor mir verbergen, solange er zwischen den Pyrenäen oder der Elbe abgefasst worden war.

Aber Balthasar … Er verdiente es, ein Genie genannt zu werden. Obwohl seine Theorien von der Akademie verlacht wurden, hatte er eine ganze Reihe von Entdeckungen gemacht, die wenigstens in unserer kleinen Welt einiges an Aufsehen erregt hatten. Mehr als einmal hatte er ein lang verschollenes Manuskript wie von Zauberhand präsentieren können.

Vielleicht war ich deshalb von seinem angedeuteten Lob geblendet, von dem Vertrauen, dass er seine Entdeckung ausgerechnet mit mir teilen wollte. Es war ja keine große Sache – die Weltgeschichte würde auch ohne diese regionale Geißel der Aufklärung weitergehen. Kaum ein Buch würde neu geschrieben werden allein deswegen, weil das Grab von Athanasius Roth gefunden worden war.
Mir aber bedeutete es etwas, diese Entdeckung mit ihm machen zu können. Ihn bei seiner Arbeit begleiten zu dürfen war mir Grund genug, meine Schreibstube zu verlassen und das dröge Manuskript, an dem ich arbeitete.

Der Priester, der uns in der Kapelle empfing, war ein älterer Herr jensets der siebzig und unseren Fragen zunächst auch recht zugänglich. Wir gaben uns ihm zwar als Historiker zu erkennen, wollten aber zunächst mehr in Erfahrung bringen, bevor wir die wahren Gründe unserer Fragen offenlegten. Uns triebe ein allgemeines Interesse an der Geschichte des Ortes, besonders derjenigen Zeit, bevor das Dörfchen von der Stadt verschlungen worden war. Wir sagten, wir hätten den Wunsch mehr davon zu erfahren, unter Umständen einen Blick in die Aufzeichnungen der Kapelle zu werfen, falls denn welche geführt worden waren.

Balthasar übernahm die Führung des Gesprächs, ich hielt mich im Hintergrund. Offenbar schien es ihm das beste, nicht mit der allzu abenteuerlichen Geschichte von Friedrich Athanasius Roth zu beginnen, dem Hexenjäger, der seine Ruhe hier gefunden haben sollte. Stattdessen begann er, unsere Absicht mit dem Manuskript zu verschleiern, an dem ich arbeitete. Ich schrieb tatsächlich zur Stadtgeschichte und forschte zur Entwicklung der Vorstädte um das siebzehnte Jahrhundert herum. Wenn auch Roth und diese winzige Kapelle selbst keinerlei Rolle darin spielten.

Ich fand es damals einigermaßen verständlich, dass Balthasar sich nicht zu erkennen gab. Der Name “Athanasius Roth” selbst war zwar nicht weiter gefährlich, natürlich nicht. Tatsächlich dürfte er fast gänzlich unbekannt gewesen sein, da im Ort auch kein Hinweis darauf zu finden war.
Es gab ja, abgesehen von der Kapelle selbst, kaum noch Überreste aus früheren Zeiten. Jedenfalls fanden sich nicht, wie in vielen anderen Städten, stolz an den Fassaden irgendwelche Plaketten oder Gedenktafeln, die auf jene frühere Zeit zurück verwiesen. Kein Schildchen über einem Eingang verkündete ‘Hier wohnte im Sommer 1856 der gnädige Komponist Soundso’, keine Gedenktafel zelebrierte die Geburtshäuser der Wenigen, die von hier aus in die Welt gezogen worden waren.
Das ganze Viertel verriet nichts von den Menschen, die hier einmal gelebt hatten.
Vielmehr waren die einzigen Erinnerungen, die es besaß, gewissermaßen die an die Geschichte selbst. Alte Meilensteine markierten Grenzverläufe und wie sie sich im Lauf der Jahre verschoben hatten. Ab wo das Sperrgebiet einst begann, hinter der zur Staatssicherheit gefoltert wurde, und wo die Grenze der Stadt und des Dorfes vor hundert oder mehr Jahren gelegen hatte.

Dennoch verstand ich Balthasars Zögern. Die Menschen neigen dazu, sich die Vergangenheit nur ein Stückchen heldenhafter vorzustellen, als sie tatsächlich war. Ein wenig glorreicher, wenn man mir das Wort gestattet. Sobald Namen ins Spiel kommen, neigt der Mensch zu einem Kult, den ich heute nur noch mehr verdammen kann. Ein Kult der toten Namen gewissermaßen, der diese wenigen überlieferten Charaktere nur umso bedeutender log und überhöhte, selbst wenn sie wenig mehr als geschwärzte Namen in einem einzigen Manuskriptum waren.
Es war gesund und vernünftig, diesem Kult in unseren Nachforschungen nicht noch mehr Nahrung zu geben. Wir wollten etwas über die gewissermaßen löchrige Geschichte der Gegend erfahren – das genügte.
Diese war auch tatsächlich nicht uninteressant, wie ich anfügen möchte. Gerade weil es hier scheinbar keine Persönlichkeiten gab – weil die Namen an den Häusern fehlten, weil selbst die Klingelschilder modernen Wohntürme kaum mehr als Nummern von Türen und Treppenhäusern zeigten – konnten wir uns ganz auf die Spurensuche konzentrieren. Es würden kaum alberne Ammenmärchen von heldenhaften Rittern oder Prinzessinnen in Nöten zwischen uns und unsere Leiche der Vergangenheit geraten.

Der Priester – der sich uns als Matthias vorstellte, schlicht Matthias, bedauerte diesen Umstand allerdings, als ich ihn darauf hinwies. Für ihn war das alles ein Zeichen von Sündigkeit, von Vergessenheit. Er erklärte, dass diese seine Kirche der letzte Ort der Andacht wäre, mit Charakter und echter Geschichte, die von Menschenhand gefertig wäre. Ganz im Gegensatz zum kalten Beton der Umgebung. Er war, wenn mir die persönliche Bemerkung gestattet ist, beinahe zur Gänze diesem Kult der toten Namen verfallen.

Stolz zeigte er die Relikte herum, als deren ‘Bewahrer’ er sich behauptete. Das Jahrhunderte alte Chorgestühle und den Altar, hinter dem sich einige Totenschilder nebeneinander aufreihten. Gedenktafeln für die hohen Herren der Gegend und ihre Werke.
Eine lange und bedeutungslose Reihe von Landgrafen und Rittern, die das Dorf einmal besessen und ausgebeutet hatten, lange Jahrhunderte, bevor es von der Stadt verschlungen war. Sogar einige Jahrhunderte bevor unser Hexenjäger Roth sich hierher verirrt hatte. Irgendwann waren auch sie einfach… ausgestorben. Es gab ihr Anwesen zwar noch, aber es rottete inmitten moderner Einbauhäuser vor sich hin. Es kam der Stadt und der Gesellschaft nur noch ins Gedächtnis, wenn erneut einige Drogensüchtige dort aufgefunden worden waren oder andere Unbequeme, die sich dort eingerichtet hatten.
Eine wahre Schande, wie der Priester beteuerte und ich mehr halbherzig bestätgte.

Balthasar nahm dieses sich anbahnendes Gespräch zum Anlass, sich allein auf Spurensuche zu begeben. Er hatte eine Kamera dabei, ich weiß nicht was für ein Modell oder welche Marke. Aber er erklärte Matthias recht frei, dass er einige Fotographien anfertigen wollte, als Erinnerungsstützen und später auch zur Untersuchung einiger baulicher Details. Von den älteren Stücken, wenn es denn genehm sei, und einigen der Grabsteine draußen. Ich würde ihm später schon erzählen, was es interessantes über die Gegend zu wissen gab.
Er verschwand mit der Erlaubnis des Geistlichen, nachdem er mehr flüchtig als gewissenhaft einige Teilstücke des Altars und des Chors fotographier hatte, die zwar alt aber nichts wirklich nichts besonderes waren. Stücke, wie er und ich sie zu hunderttausenden anderswo gesehen hatten.

Ich kann nicht behaupten, dass ich sonderlich fasziniert von der grotesken Spinne in ihrem staubigen Netz war, als die die Kapelle mir erschien. Tatsächlich stieß sie mich irgendwie ab. Wie der Anblick einer alten Narbe, die sich der Heilung beharrlich verweigerte und noch immer unregelmäßig aufbrach und blutete, erfüllte sie mich mit Unbehagen.
Der Priester, Matthias, tat nichts daran, um mein Unwohlsein zu beheben. Stattdessen sonderte er beständig in seinem Reden und Tun eine Einstellung ab, die mir unangenehm war. Mich erfasste ein Gefühl von Überkommenheit, das mich bei ihm mehr an einen Junker als an einen Priester dieses Jahrhunderts denken ließ. Er war, in meinen Augen, ein ebensolches Relikt, wie die Totenschilder, die er hütete.

Ich war sicher, dass Balthasar meine Enttäuschung und mein Unwohlsein bemerkt haben musste. Es verärgerte mich durchaus, allein mit Relikt Matthias bleiben und Interesse an seinen staubigen Gebeinen heucheln zu müssen.
Aber ich traute Balthasars Gespür und war zumindest neugierig: Was hatte einen Mann wie Roth, der Verbindungen zum König, nach Potsdam und Berlin hatte, in ein kleines Dorf wie dieses hier getrieben? Was war ein Grund gewesen, all das hinter sich zu lassen und sich so sorgfältig zu verstecken, dass er selbst jetzt noch wenig mehr als ein Gerücht war? Noch dazu in einer Gegend, die mehr und mehr den Eindruck machte, als wäre sie selbst zu seiner Zeit bereits von dörflicher Dekadenz geprägt.

Ich machte also das beste daraus und versuchte mehr über das ehemalige Örtchen heraus zu finden. Wie es hier einmal ausgehen haben mochte, welchen Besitz diese Landgrafen angesammelt hatten und wie er Stück für Stück ersetzt worden war.
Der alte Mann ließ sich von mir leicht genug darauf lenken, von all diesen Dingen zu erzählen, wie es die Eigenart aller einsamen Menschen ist. Er erging sich in einigen Anekdoten über ältere Geschlechter, über die ‘großen Werke’ der Landesherren. Belangloses über eine Neuordnung von Feldern, Stiftung von Kircheninventar und die Teilnahme an diesem oder jenem Kriegszug, um irgendeine mehr oder weniger fremde Gegend auszurauben.
Die letzte Bestattung in der Gruft war seinen Worten zufolge ein gewisser Heinrich von Schönehusen gewesen, mit dem das Geschlecht ausgestorben und der in einem prächtigen Sarkophag eingeschlossen worden war. Jedenfalls symbolisch, denn sein Leichnam sei nie aus dem Krieg heim gekehrt, in den er sich “für sein Blut und Vaterland” gestürzt und in dem der Junker “ruhmreich den Heldentode” gefunden hätte.
Seitdem hätte es auch keinen großartigen Mann mehr in diesem Teil der Stadt gegeben, wie er fand, und die Gruft daher gesperrt und verschlossen und verfiele trotz seiner Sorgfalt langsam. Wegen mangelnder Aufmerksamkeit der Bevölkerung, sagte er. Weil keine Spenden mehr kämen und der Gottesdienst weniger besucht würde und ihm neben der Pflege der Krypta kaum mehr Zeit blieb, um von den hochwohlgeborenen Herren ein weniges an Geld einzutreiben.

Solcher und ähnlicher Art waren die Geschichten, die mich nur noch mehr mit Widerwillen gegen ihn füllten. Mehr aus Vertrauen, dass Balthasar mit Absicht und Plan so lange über den Friedhof schlich und womöglich das Grab von Roth suchte und fand, als aus Hingabe bohrte ich bei ihm nach. Ob er denn mehr wüsste, vielleicht belastbares Material zur Hand hätte?

Die paar Schriftstücke, die er mir darauf zeigte, waren kaum weniger belanglos als sein Geschwätz:
Ein paar alter Urkunden, die die paar Landstriche der Gegend und ihre Besitzer detaillierter festhielten sowie den Stammbaum der Gutsherren zeigten. Eine ältere Karte und seine eigene Rekonstruktion, wie es vor gut hundertfünfzig Jahren – zu Zeiten seines Urgroßvaters, wie er sagte – ausgesehen haben musste.
Er besaß auch noch die Überreste einer theologischen Bibliothek, die über Jahrzehnte hinweg verfallen war. Wenig von Interesse oder Bedeutung sei hier verblieben, der größte Teil wäre weggeschafft worden, eingezogen von irgendwelcher “staatlichen Zensur” und “Büttelei”, wie der Alte es nannte.
Weder fanden sich Gemeindebücher noch Geburts- oder Taufregister – diese Funktion der örtlichen Kapellen war vor Jahrzehnten von staatlichen Behörden übernommen worden. Leider seien ihm im Zuge dieser “Willkür”, wie er es nannte, auch sämtliche Aufzeichnungen dieser Art eingezogen und in die Archive des Rathauses geschafft worden. Männer der Wissenschaft hätten schon vor Jahrzehnten alles katalogisiert und fortgeschafft in alle möglichen Institute und Seminare und Archive, um es wegzuschließen vor denen, die sich tatsächlich dafür interessierten und etwas damit hätten anfangen können.

Die meisten älteren Dokumente seien fortgeschafft worden oder irgendwann verloren gegangen, sagte er. Was hier geblieben war, das war für den staatliche Zensus und die großen Archive gleichgültig – Reste der Bibliothek, die der Gemeinde im Laufe der Zeit vermacht worden waren. Oder die er versteckt hatte. “Vor dem Zugriff eines militanten Atheismus”, wie er es nannte. Die Tagebücher und Aufzeichnungen der Priester, hauptsächlich, die vor ihm hier ihren “edlen Dienst an der Menschenseele” verrichtet hätten.

Die wenigen ihm verbliebenen Folianten von einigem Wert hatte er weggeschlossen, in einem Schrank, der eine Wand der Sakristei vollständig einnahm. Er zeigte ihn mir, oder besser gesagt erklärte er mir, was sich darin verbarg, als ich danach fragte. Gitter versperrten die Schranktüren und der ganze Raum verströmte die Atmosphäre von Alter. Nicht diejenige Art, die einmal meine Leidenschaft geweckt hatte. Diese staubige Art von Alter, wie man sie in alten, seit langen ungelesenen Büchern finden mag. Es war mehr wie ein Geruch von Fäulnis, von stagnierendem, brackigen Wasser oder von lange Monate hindurch unbewegten Gliedern, in denen das Blut steht anstatt zu zirkulieren und die darum langsam bei lebendigem Leib verrotten.
Diesen Eindruck hatte ich, als er mich in die Sakristei führte, wo er mir einige der Landschaftskarten und dergleichen zeigen wollte.

Erst auf meine Nachfrage hin, was sich in dem gesicherten Kasten dort in der Ecke befand, erklärte er mir, dass er noch einige wahrhaft kostbare Werke in seinem Besitz befand. Er bedauerte, dass er sie mir nicht zeigen könne, aber sie bedürfen besonderer Pflege. Gerade ich als Historiker würde das verstehen, das nicht jeder dahergelaufene einen Blick in diese so einzigartigen Stücke werfen dürfe. Ich verstand es durchaus. Falscher Umgang oder Vernachlässigung durch Amateure waren mit die größten Schädlinge, mit denen ich es in meiner paleographischen Tätigkeit je zu tun hatte.
Was ich nicht verstand, waren die massiven Schlösser, die er an den gut daumendicken Eichenbrettern angebracht hatte.
Matthias nannte mir auch nicht einmal die Titel der ach so kostbaren und bedeutenden Werke, die er darin verborgen hielt, sondern machte nur Andeutungen. Es kostete mich einige Überredungskunst, ihm selbst diese zu entlocken. Ich schäme mich ein wenig dafür, auch wenn ich… Auch wenn ich im Grunde weiß, dass dies lange Jahre meine Arbeit war und ich stolz darauf sein darf, sie gut getan zu haben.
Aber in jedem Falle war ich in der Lage, mich so gut und so ausgezeichnet in die gedankliche Welt dieses Relikts zu versetzen – in die Zeit der Religionskriege, als Aberglaube und Hexenhass die Köpfe der Menschen bestimmten – dass er wohl dachte, in mir einen Gleichgesinnten gefunden zu haben.

Mit einem Glitzern in den Augen kam er mir näher, neigte sich zu mir herab.
Alte, fast originale Quarten und Bögen des Hexenhammers, behauptete er stolz, Teile des Werkes zum “peinlichen Inquisitions und Achts-Prozeß” und andere Schriften mehr, die alle Geheimnisse der menschlichen Seele bis ins letzte Eck ausleuchten sollten.
Grauenhafte Bücher in meinen Augen, die das verachtenswerteste Geschäft betrieben: Den Irrsinn mit aller Vernunft aufrecht zu erhalten und mit Sachverstand zu betreiben.

Der Priester aber fuhr fort, mir auseinander zu setzen, von welcher Bedeutung diese alten Werke nicht nur für die Rechtsprechung seien – sondern viel mehr, dass eben dies das Geschäft der Beichte sei: Die Inquisition. Dass die Schuld aus dem Beichtenden heraus gelockt werden müsse, damit dieser sich davon reinigen könne. Dass sie, durch geschickte Fragerei und psychologische Momente, hervor gesucht werden müsste vom Beichtvater selbst und dass es dazu unumgänglich sei, den Aberglauben des Volkes selbst auszunutzen.
Nur indem er die seelische Schwäche des Beichtenden gegen sich selbst wende, könne er sie überhaupt erst aufzeigen, dem Sünder bewusst machen, ihn dazu zwingen ihr ins Auge zu blicken und sie in gerechtem Zorn zu verfolgen.

Mich überlief es, als mir der alte Mann die mir nur zu gut bekannten Methoden auseinandersetze, als er erklärte, was ich aus anderer Feder schon so oft gelesen hatte und wovon ich so oft gehört hatte. Wie die Vernunft sich schließlich gegen sich selber wendet, um sich auszulöschen. Wie sie mit Feuer und Hass ihre eigenen Wurzeln ausbrennt.

Meine Stimme musste mich verraten haben oder irgendetwas an ihr, als ich mich hinreißen ließ zu dieser einen Frage.
Ob er von einem Athanasius Roth gehört habe?
Beinahe augenblicklich löste sich sein guter Wille auf. Natürlich wusste er von dem Mann nichts und er verstand es auch, seine aufkommende Abneigung recht gut zu verbergen. Rasch lenkte er das Thema wieder auf die lokale Geschichte. Wie viele aus seiner Familie hier Pfarrer gewesen seien und wie alt dieser oder jener Teil des Baus war und wann welcher belanglose Gutsherr ihn gespendet hatte.
Aber ich konnte es in seinen Augen sehen. In der Art, wie er mich aus den Augenwinkeln anstarrte, sobald ich vorgab, mich für ein Ornament zu interessieren, erkannte ich es: Ein tiefsitzendes Misstrauen, das mich nicht länger aus dem Blick ließ. Das hier und da nachbohrte, was noch gleich unser Interesse sei, worum genau es in unserem Werk gehen sollte…Weshalb wir gerade ihn beehrten mit unserer Neugierde.

Bald darauf, als ich weiter Vorwänd fand und Lügen, um ihm nicht die Wahrheit sagen zu müssen, warf er mich hinaus. Er habe noch Dinge vorzubereiten und es sei das beste, wenn ich meinem Kollegen zur Hand ginge, da dieser seine Arbeit scheinbar überaus gewissenhaft betreibe.Wir sollten so viele Fotographien anfertigen, wie uns gefiele, und ihm das fertige Werk unbedingt zeigen.
Trotzdem setzte er mich ohne viel Aufhebens vor die Tür.

Blinzelnd trat ich aus der kühlen, dunklen Luft der Kapelle hinaus in die stickige Hitze der Stadt. Ich fand Balthasar auf dem Gräberhügel, der einmal ein Feld gewesen war. Vor Jahrhunderten, bevor die Erde mit hunderten, tausenden Leichen angefüllt und aufgebläht worden war zu dieser kleinen Anhöhe, die sich zwei Meter über die Kirchenmauern erhob. Mit der Kamera stand er über einen der schiefen Steine gebeugt, die er in der letzten knappen Stunde bereits ausführlich studiert haben musste.
Während er die letzten paar erhaltenen Gräber ablichtete, erzählte ich ihm von meinem Gespräch mit dem Priester. Ich beharrte darauf, dass der alte Mann etwas wusste, dass Balthasar Recht gehabt haben musste. Nur warum? Was war an diesem Roth, dass Matthias bei der bloßen Erwähnung dieses Namens zurück geschreckt und uns des Hauses verwiesen hatte?

Balthasar lachte über meine Sorgen, alles ruiniert zu haben.
Er hätte sich schon gedacht, dass der alte Mann nicht kooperieren würde. Aber das bestätigte bloß seine Vermutungen.
Es gäbe keine Aufzeichnungen aus dieser Pfarre, auch nicht in den Archiven. Absolut gar keine aus der Zeit zwischen etwa 1733 und der Mitte des letzten Jahrhunderts. Vor einigen Tagen hätte er bereits nachgeforscht und nichts gefunden. Keine Listen von Geburten oder Toden, keine Regimentsaufzeichnungen, nicht einmal die Schließungen von Ehen waren dokumentiert worden. Alles, was es aus dieser Zeit an nennenswerten Dingen gäbe, fände sich hier. Hier auf diesem Leichenacker unter den Steinen. Erst nachdem die staatlichen Behörden mit der Führung dieser Listen betraut worden waren, wurden sie wieder regelmäßig geführt. Das war Ende der 40er Jahre gewesen. Nach dem Tod dieses Heinrichs von Schönehusen, ganz nebenbei.

Trotz meiner kleinen Ablenkungen hätte ich aber wohl bemerkt, dass Matthias doch erstaunlich gut und viel von den Hexenverfolgungen wusste und vom Malleus und derlei mehr? Dass er genau jener Zeit, von der er nichts zu wissen vorgibt, in Gedanken und Worten so anhängt? Der ganze Unsinn, den einer wie er zum Belügen des bisschen Volkes nötig habe, das sich noch hierher verirrt, beherrsche der alte Matthias noch über das übliche Maß hinaus. Seine Bibliothek sei nur der letzte Beweis, ich hätte es selbst erraten.
Der Mann verberge etwas, stellte Balthasar fest. Und ich hätte seinen Verdacht bloß bestätigt.

Natürlich habe er auch auf dem Friedhof nichts über Athanasius Roth gefunden, genauso wenig in den Inschriften und Widmungen innerhalb der Kirche. Abgesehen von dem ein oder anderen Namen auf den Totenschildern, die im Dunstkreis eines altbekannten und beinahe berüchtigten Alchemisten und Zauberers aufgetaucht waren. Ein Mann, nebenbei, der all die Eigenschaften des grässlichen Kultes um tote Namen darstellte. Noch heute fand man Gedenksteine zu seinen Ehren an gewissen schattigen Lichtungen.

Friedrich Athanasius Roth befände sich aber hier in dieser Gruft. Und da der Greis uns nicht freiwillig in die Gruft und an seine Bibliothek lasse, müssten wir uns anderweitig Zugang und Beweise verschaffen.

Einbruch also.

Warum, fragte ich Balthasar. Weshalb war er bereit dazu, bloß wegen einer Vermutung? Es konnte unmöglich um ein Projekt der Akademie gehen. Auch die kannte Gesetze, jedenfalls in Maßen. Einen alten Mann auszurauben war mit Sicherheit ein von denen, das selbst das Charoninstitut selten übertrat und das ihn ihre Förderungen und guten Willen kosten könnte.
Halb erwartete ich, dass Balthasar sich auf die Wahrheit stützen würde, auf den unverbrüchlichen Glauben, dass die Wahrheit ans Licht gehöre – gleich, ob sie belohnt würde oder nicht.
Halb vermutete ich, er würde mir seinen geheimen Grund offenbaren. Irgendein Motiv, das es rechtfertgen würde, das seinem Forschungswillen so viel mehr Recht verschaffte als dem alten Mann in seiner Kapelle.

Balthasar aber tat nichts dergleichen.
Er lächelte mich bloß über seine Kamera hinweg an, bevor ein Klick seine Fotographie von meinem verwirrten Gesicht signalisierte.
Weil es das spannendste sei, was er gerade zu tun hätte, sagte er.

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