Roter Löwe – Teil I: Schmutzige Geheimnisse

Manche Dinge sind von Jahrhunderten des Vergessens mit aller Absicht begraben worden. Nicht etwa, weil Einzelne es zu ihrer Aufgabe gemacht hatten, gewisse Wahrheiten zu verbergen und unter Schmutz und Nebel zu verstecken – obwohl es mehr als genug Handlanger und Büttel gab und immer noch gibt, die die wahre Geschichte der Welt zum Vergnügen ihrer Herren verschandeln.

Vielmehr gibt es…Wahrheiten, die zu schändlich und schauderhaft sind, um in den Erinnerungen der Menschheit fort zu bestehen. Geschichten und Kreaturen, die nur noch in geflüsterten Namen und Andeutungen weiter bestehen und in den Märchen und Legenden, über die die moderne Zeit nicht einmal mehr müde lächeln will. In Sagen, die unsere Zeit als Kinderei abtut, als die spastischen Zuckungen primitiver Geister und Ängste.

Die Schrecken daran sind schlicht verschwunden. Aus allen Aufzeichnungen sind sie getilgt und dem kollektiven Gedächtnis heraus gebrannt worden mit allem Eifer der Inquisition und der Angst vor den unbekannten und schauderhaften Dingen.

Die schlimmsten von diesen Wahrheiten aber waren diejenigen, die sich nur eine neue Maske übergestreift hatten. Die sich umgelogen hatten zu einem Teil unserer Ordnung, die die Märchen verlachte und das Unbekannte nicht mehr fürchtete, weil es es von ihm nichts mehr wissen wollte.

Diejenigen Wahrheiten, die sich in das Gewand der Lüge gekleidet hatten, um weiter bestehen zu können – vergessen, aber nicht verloren – und die von dem aufgeklärten Menschen darum nicht verfolgt wurden als Abscheulichkeit wider den Menschen.

Ich gestehe freimütig, dass ich mich an diesen Lügen beteiligt habe. Die längste Zeit meines Lebens war es mein bezahltes Werk, in den Untiefen der Geschichten nach Wahrheiten zu suchen. Ich wurde dafür bezahlt, vorgeblich, die Geschichte zu studieren und ihre Geheimnisse ans Licht zu bringen. Aus alten Folianten und Aufzeichnungen zu retten, was für unsere Zeit noch brauchbar war. Was noch einen Sinn hatte.

Und ich muss nun erkennen, dass dieser Sinn selbst eine Lüge war.

Balthasar Grünberg musste diese Dinge gewusst haben, lange bevor ich von ihnen überhaupt eine dunstige Ahnung hatte. Er war ohnehin immer klüger als ich gewesen, schon als wir noch auf der Akademie studierten.

Alle Arroganz und Herrlichkeit, die einem Mann der Wissenschaft zu Gebote stand, beherrschte er schon früh. Nichts war seinem Auge zuwider, keine vergessene Geschichte war zu abstoßend, keine Wahrheit zu scheußlich, um nicht von ihm ans Licht gezerrt und examiniert zu werden.

Durchaus eine Eigenschaft, die bewundernswert gewesen wäre, die ich tatsächlich damals auch bewunderte und zu der ich ebenso wie zu ihm aufblickte. Man musste einfach. Wie konnte man diese Neugier nicht verherrlichen, diese Furchtlosigkeit, mit der er sich noch den hässlichsten Schmutzflecken unserer Geschichte stellte und den abenteuerlichsten Spuren nachging?

Wie konnte ein junger Mann nicht der Bewunderung verfallen, wenn einer wie er keine Angst zeigte, die dunklen und verlorenen Gossen unseres Geisteslebens zu durchwandern und im Unrat des Verstandes zu wühlen. Wie konnte ich nicht in ihm anbeten, was die Zierde allen Mutes und Verstandes sein musste?

Mir jedenfalls schien es so, während unserer Studienjahre und auch lange Zeit danach. Er war wagemutiger als ich, neugieriger. Er scherte sich einen Teufel darum, was die Öffentlichkeit von seinen Forschungen hielt, oder ob die Professoren seine Studien verlachten.

In unserem Feld war es nicht ungewöhnlich, sich mit auch … absurderen Einzelheiten zu befassen. Die Zeit der späten Renaissance war, aller romantischer Blindheit zum Trotz, eine der Wunder. Grimoirs, angeblich wissenschaftliche Künste und angeblich magische Forschung verschwammen in dieser Zeit. Selbst Newton, der von Ihnen wie allen anderen auch sicherlich als Wissenschaftler und Physiker bezeichnet wurde, experimentierte noch freudig mit der Alchemie. Er sprach vom Arbor Saturnae als einem Mittel der Revivikation und glaubte wirklich an seine Wiederbelebung.

Balthasar ging über die bloße Erforschung dieser Randnotizen hinaus. Namen, die ihnen nichts sagen würden, die ich nicht aussprechen kann und will, führte er mit dieser gewissen Ironie im Mund. Als wären diese uralten Hexer gute Freunde und hätten keine Geheimnisse vor ihm, der sie so viel achtete wie Märchen und andere Schreckgeschichten. Er erkundete Abgründe der Vorstellungskraft, die selbst unsere Professoren für unmöglich hielten, für aberwitzig und irrsinnig – und ich darf sie daran erinnern, dass wir in den späten 70er Jahren studierten. Mithin standen dem größten Teil der Professoren noch die Schrecken der ersten Hälfte des Jahrhunderts vor Augen und wie weit der menschliche Irrsinn tatsächlich reichen kann.

Was gab es an Balthasar nicht zu lieben?

Er hatte dabei nur, wie ich denke, eine Sache übersehen. Dass manche Wahrheiten vergessen werden wollten. Werden mussten, wenn die Lüge, die wir uns in jedem Augenblick unseres gewöhnlichen Lebens erzählten, bestand haben sollte. Und dass wir…dass selbst wir bisweilen die Pflicht hatten, die Lüge zu verherrlichen und die Wahrheit zu vergessen. Sie als Abscheulichkeit zu brandmarken und aus allen Aufzeichnungen zu tilgen, alles darüber zu vergessen und vergessen zu machen, so gut es nur in unserer Macht steht.

Dass manche Dinge zu grauenhaft sind um sie verstehen zu wollen. Falls es überhaupt möglich war, sie zu begreifen.

Davon wusste ich damals, als er mich um meine Hilfe bat, aber noch nichts. Wenn ich ehrlich sein soll, wünsche ich mir nichts mehr, als dass ich auch heute noch nichts davon wüsste.

Ich fand mich aber, weil ich ihn bewunderte, als Grabräuber an seiner Seite – nicht ganz widerwillig, wie ich gestehe.

Das heißt: Ich war Historiker, jedenfalls hatte ich an der Akademie das Studium mit ihm gemeinsam durchlaufen. Gräber bargen für mich damals keine Schrecken. Mein Fachbereich war die frühe Neuzeit, auch wenn ich – bedingt durch die Natur der Sache – verschiedentlich Ausflüge in das späte Mittelalter oder die Moderne machte. Im Laufe meiner Arbeit habe ich mehr als einen Kadaver gesehen, mehr als eine Mumie begutachtet, selbst wenn mein eigentliches Fachgebiet nicht Grabkunde war. Diese Dinge lassen sich nicht vermeiden, müssen Sie wissen. Der Tod gehört zum Leben unvermeidlich hinzu – um folglich ein treffliches Bild vom Leben der Vergangenheit zu erhalten, ist es unumgänglich, auch mit dem Tod in Berührung zu kommen.

Ich bin mit der Zeit zu der Überzeugung gelangt, dass Männer wie ich nichts weiter sind als die Grabräuber der Geschichte. Der einzige Unterschied zwischen einem gewöhnlichen Leichendieb und meiner Arbeit ist das Alter der Kadaver. Wenn überhaupt. Oft genug habe auch ich mich schon an namenlosen Massengräbern des letzten Jahrhunderts vergangen, habe Beweise vorgelegt für all die Heuchler und Leugner, die vor ihren eigenen Verbrechen noch die Augen verschlossen.

Die meisten von Ihnen werden sich bei diesen Sätzen empören. Und ich gebe Ihnen recht: Die Wissenschaft tut alles mögliche, um sich von diesen Ideen zu distanzieren. Die wissenschaftliche Arbeit selbst hat auch, soweit man das sagen kann, nur mehr wenig mit den Untaten des 19ten Jahrhunderts gemein. In den seltensten Fällen wird ein Grab mit Hammer und Meißel geöffnet, der darin aufgebahrte Leichnam mit allem Schmuck außer Landes gezerrt und in Kunstgalerien ausgestellt. In der Regel belässt man die Dinge dort, wo man sie findet, und versucht aus ihrer Anordnung Schlüsse zu ziehen.

Und dennoch bin ich mittlerweile überzeugt, dass es sich um keinen qualitativen Unterschied handelt. Menschen wie ich – Menschen wie Balthasar! – entreißen dem Grab der Vergangenheit seine Geheimnisse. Wir zerren ans Licht, was frühere Generationen zu töten versucht und endgültig begraben hatten. Und wenn es nur eine Wahrheit ist, die vergessen gehört.

Die Bitte, die Balthasar mir damals stellte und die mich von dieser simplen Tatsache überzeugt hat, war einfach genug: Er hatte einige Details aufgetan, die ihn vermuten ließen, ein besonderes Grab gefunden zu haben. Eine auf den ersten Blick belanglose Sache, da er beständig recht abenteuerlichen Fährten folgte und sich nicht zu schade war in das Reich der Mythen und Legenden herab zu steigen, um Belege zu finden.

In dieser Sache aber konnte er mich nicht nur überzeugen, sondern meine Neugier gewinnen. Es sollte sich nämlich um das Grab eines gewissen Herrn Roth handeln – Friedrich Athanasius Roth, seines Zeichens einer der letzten Hexenjäger der Mark Brandenburg.

Der Mann war mir einige Male zuvor untergekommen, als ich mich in den königlichen und kurfürstlichen Archiven der Stadt umgetan hatte: Ein Ankläger und Henker, der um die Wende des siebzehnten zum achtzehnten Jahrhunderts herum eine Reihe an Hexenprozessen geführt hatte. Jeder von ihnen war mit Vernunft und Sachverstand konzipiert, mit Anklage, Verteidigung, Examination nach allen Regeln der Wissenschaft und Vernunft durchgeführt, um der Wahrheit auf die Spur zu kommen. Roth war also, in jeder Hinsicht, ein Zeitgenosse Newtons.

Sie denken sicherlich an die Hexenprozesse von Salem, wenn ich dieses Wort im Munde führe … Hah! Was ist Salem schon gewesen, wenn nicht die halbseitige Lähmung des ganzen Irrsinns? Salem war die klägliche Überführung der Hexenjagd in ein ordentliches Gerichtsverfahren. Der Versuch, die Mordlust in Recht zu verwandeln und mit ihm zu begründen, Aberglaube und Irrsinn fortan vernünftig zu betreiben.

Sie mögen gerne glauben, dass die heutige Zeit vernünftiger wäre, aufgeklärter. Dass solche Dinge nie wieder geschehen könnten. Lassen Sie sich gesagt sein: Das Handwerk der Hexenjäger ist nie völlig ausgestorben, es hat sich nur einen anderen Namen gegeben. Athanasius Roth war nicht der letzte seiner Art. Nur der letzte, der noch diesen Titel noch mit Stolz führte, ehe Könige und Richter ihn an sich nahmen.

Man verbrannte weiter hunderte Unschuldige, nur führte man einen Plan dafür ein und behauptete fortan, man hätte ihrem Leben den Wert in einem anständigen Prozess aberkannt. Man mordete gesitteter, das ist alles.

Athanasius Roth jedenfalls starb als reicher Mann mit einigen Ehren und Würden ausgestattet, mit Verbindungen zu anderen Scharlatanen seiner Zunft, zum Adel und selbst an den Hof des Königs noch. Bis hinauf zum Alchemisten seiner Majestät, diesem Johannes Kunckel.

Dennoch hat man sein Grab nie ausfindig machen können. Bis Balthasar darauf gestoßen war, wie nebenbei auf der Suche nach etwas ganz anderem. In einem der Bücher eines Schülers von Kunckel hatte er gewisse Andeutungen gefunden. Hatte wohl endlich jemanden gefunden, der vom Verbleib des Mannes wusste. Oder jedenfalls von seinen Überresten.

Eine belanglose Passage, Balthasar hatte sie mir gezeigt, aufwendig chiffriert mit all ihren Geheimzeichen und Symbolsprachen, die den Mystikern so zu eigen sind. Sie erzählte von nichts weiter als von dem Grab des Hexenjägers, das der Mann besucht und in dem er einen Teil jener Weisheit gefunden hatte, die er mit dem geneigten und kundigen Leser zu teilen bereit war.

Athanasius Roth sollte in einer kleinen Gruft liegen, unter der Kapelle eines Dorfes das erst vor knapp hundert Jahren der Stadt hinzugefügt worden war. Als er den Tod gefunden haben musste, war es kaum mehr als ein Weiler. Eine winzige Ansammlung von Gehöften rund um eine Schmiede und besagte Kapelle, eine gute Tagesreise vor den Toren der Stadt.

Ich willigte also ein, mit Balthasar zu gehen und dort nach dem Grab zu suchen. Eine harmlose Sache, wie ich sagte. Wir beabsichtigten ja nicht viel mehr, als lediglich die Grabstätte zu finden. Vielleicht einige Aufzeichnungen und Fotographien als Beweise zu machen und einen Blick in die Bücher der Pfarre zu werfen, so sie denn noch existierten. Kurz: Wir wollten sicher stellen, dass wir das richtige Grab vor uns hatten.

Dann erst wollten wir mit den königlichen Archiven oder der Akademie selbst das weitere Vorgehen besprechen, einen kleinen Auftrag erhalten oder jedenfalls das übliche Verfahren in Gang setzen.

Balthasar erhoffte sich, soweit ich das einschätzen kann, damals lediglich, weitere Anhaltspunkte zu Johannes Kunckel zu finden.

Allein wenn wir heraus bekämen, wer das Grab gestiftet und womöglich von einem Testament von Roth erfahren könnten, so hätten wir rasch eine weitere Spur bei der Hand, damit jeder von uns seine Neugier befriedigen konnte.

Wenn ich aber damals schon gewusst hätte, was ich heute weiß…Wenn ich auch nur eine Ahnung gehabt hätte, was wir finden und welche verfluchten Geheimnisse wir jener kalten Gruft entreißen sollten…

Ich hätte keinen Fuß in die Kapelle gesetzt.

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