Ratten – Teil III: Gefressen

Die Katze war nirgends aufzutreiben.
Erst dachte Julius, der Kater hätte sich frustriert von den beutelosen Nächten im Flur oder in der Küche auf die Lauer gelegt. Vielleicht, um das Ungeziefer mit seiner Abwesenheit in Sicherheit zu wiegen und hervor zu locken oder mit einem Wechsel seiner Gewohnheiten zu verwirren und so doch noch siegreich zu jagen.
Dann hielt er es für möglich, dass das Tier eingeschnappt sei. Dass es sich – gekränkt von Julius’ kurzer Abwesenheit – versteckt hatte vor ihm und ihn nun in Panik das Zimmer durchsuchen ließ.
Aber weder in der Küche auf einem der Schränke oder dem Fensterbrett, noch auf dem Vorsprung über der Tür im Flur oder dem Regal war Nigel aufzufinden. Nicht einmal unter dem Bett war auch nur eine Spur von ihm.

Obwohl Julius sicher war, ihn in der Nacht aufspringen und durch die Wohnung jagen gehört zu haben. Ganz so, als hätte der Kater in dieser Nacht erneut vom Jagdfieber gepackt und als hätte er versucht, einige Ratten mehr zu erlegen. Aber wie in den letzten Tagen schon hatten keine Opfer da gelegen, als Julius aufgestanden war.
Nigel war noch da gewesen, kurz bevor Julius zum Einkauf gegangen war. Er wusste es ganz genau, schließlich hatte er das Tier fast gewaltsam von seinem Bein nehmen und ihm ernst und eindringlich versichern müssen, dass er in kaum dreißig Minuten zurück wäre.

Aber Nigel blieb verschwunden. Selbst die Katzenminze, die ihn sonst immer für seine Tapferkeit belohnte, lockte das Tier nicht hervor.
Dann erst, als er seine Jacke und das Portemonnaie ablegte, fiel Julius auf, dass er seinen Schlüssel noch immer in der Tasche hatte. Für gewöhnlich war es aber eine Bewegung für, die Tür von außen aufzuschließen und von innen wieder zu verschließen. Das Schloss funktionierte nämlich nicht richtig und es musste von innen mit dem Schlüssel abgeschlossen werden – sonst stand die Tür immer einen Spalt breit offen.
Julius stutzte und stellte fest, dass die Tür nur angelehnt, nicht aber fest verschlossen war. Schloss und Tür waren vollständig intakt, nicht einmal zerkratzt oder Auch in der Wohnung fehlte nichts, alles war an seinem Platz. Jedenfalls war bei der Suche nach Nigel nichts aufgefallen.
Dennoch hatte er die Tür nicht aufschließen müssen, um in die Wohnung zu gelangen.

Hatte er vergessen, abzuschließen?
Besorgt drehte er um und ging hinaus in den Flur.
Es schien wie immer. Die Wände waren leicht verschmutzt, die Nachbarn hatten ihren Müll vor die Tür gestellt. Ein schwarzer Sack voller Unrat, der einen vagen, erdrückend süßen Duft verströmte. Wie faulendes Obst.
Ein gewisser Verfall strömte durch den schmalen Gang, der sich von der Treppe aus in zwei Halbbögen um den schmalen Innenhof erstreckte. „Lichthof“ nannte man den kümmerlichen Schacht, der für trübes Tageslicht im Flur sorgte. Tageslicht, das mit jeder Minute schwächer wurde, die die Sonne sich weiter von ihrem Zenit entfernte.

Julius ging zu den Fenstern, die den Wohnungstüren gegenüber lagen, und blickte hinunter. Als erwarte er, den Kater im Innenhof sehen zu können, wie er auf einer der Mülltonnen saß und in den Himmel starrte.
Aber nichts. Dort unten war nur der länger werdende Schatten, den das Haus auf sich selbst warf.

Dann sah er es.
Das kleine Knäuel Fell, das sich zwischen den Dielen zu seinen Füßen verfangen hatte. Gräulich Braun und kränklich dünn. Wie von den Ratten. Wie von den Ratten, die sich durch das ganze Haus zogen und hier überall ihre Spuren hinterließen.
Er folgte ihnen. Folgte den dünnen Fellknäueln, den Spuren von…von Blut und Klauen und sogar den Brocken von Fleisch, die sich den Flur über verteilt hatten.

Die Wendeltreppe, die von seiner Wohnung aus noch zwei Etagen nach oben führte, verengte sich nach unten hin, bis im Keller kaum ein Mann allein Platz darauf hatte. Alles hier war schmal, düster und schnürte ihm die Luft ab. Nicht nur des Rattenkots und der Ungepflegtheit wegen, der er folgte.

Dabei war es nicht einmal besonders staubig oder stickig hier unten. Feucht ein bisschen, ja. Die ganze Luft war dick und feucht. Es roch nach einer Mischung aus Schimmel – kratzig, ganz tief hinten im Hals – und fauligem Wasser, das vorn in der Nase kitzelte.
Vor Julius erstreckte sich das Netz der Gänge in die Dunkelheit.

Es war mindestens so alt, wie das Gebäude selbst. Womöglich älter. Die Kellerabteile, in denen Julius sich nie viel herum getrieben hatte, weil er nichts besaß, das er hier unten hätte verstauen können, waren wohl einst als Bunker gegen Artilleriefeuer angelegt worden. Sie gruben sich mehrere Meter unter die Erde, tief ins Fundament der Stadt. Die Wände waren alt, aus unverputztem Ziegelstein und dick mit Schmutz überzogen, der eine unbestimmbare Farbe irgendwo zwischen grau und braun angenommen hatte.

Julius stand davor, noch im Pullover. In seiner Hand drückte sich der Schlüssel schmerzhaft in sein Fleisch, stach ihm in die Handballen.
Er wusste, dass der Kater irgendwo da drinnen war.
Er wusste es nicht wegen der Spur von gejagten und zerlegten Ratten, der er gefolgt war. Sondern wegen dieses Gefühls in seiner Brust. Dieses enge, ziehende Gefühl, das ihn jetzt auf dieser Schwelle überkam, das ihn dort hinein zog und von ihm verlangte, in die Dunkelheit zu steigen.

Einen Augenblick lang zögerte er, schloss die Augen. Er umklammerte die Taschenlampe, die er in der Tasche trug und biss die Zähne aufeinander.
Es ekelte ihn, so viel musste er sich eingestehen. Nicht nur vor dem Keller, vor der Dunkelheit. Sondern weil er sicher war, dass sich dort drinnen das Nest der Ratten befand. Oder jedenfalls eines der Nester musste sich dort unten befinden.
Das war vielleicht auch der Grund gewesen, warum Nigel sich dorthin begeben hatte: Um nach Tagen des Hungerns erneut eines dieser Viecher zu erlegen oder auch Dutzende und zwar dort, wo er am meisten davon finden würde: In ihrem Nest.

Julius schüttelte sich. Nein, es war nicht nur Ekel.
Es war Angst. Eine greifbar gewordene Angst, die ihn daran hinderte, über die Schwelle zu treten. Seine eigene Angst vielleicht oder die aller Bewohner des Hauses, die die Wände herab tropfte und sich im Keller sammelte.
Er hatte nicht verstanden, warum der Vermieter und auch niemand sonst etwas gegen die Biester unternahm, die das ganze Haus für sich beansprucht hatten. Warum niemand mit ein paar Fallen, mit Gift und Feuer sich der Plage annahm. Jetzt verstand er.
Man müsste dazu in den Keller gehen.

Ihm war, als könnte er den Kater hören, irgendwo da unten. Ein erbärmliches Geräusch, als hätte er sich verlaufen oder stecke er irgendwo fest.
Langsam zog Julius die Lampe hervor, schaltete sie an. Tief atmete er ein, dann wieder aus. Er zog sich den Pullover über die Nase – und überwand sich.
Wenigstens einen kurzen Blick schuldete er dem Tier.

Einige Teile des Kellers waren sicherlich älter als die zu Bunkern umfunktionierten Keller, wahrscheinlich älter als Bunker überhaupt, denn Julius ließ die Keller schnell hinter sich, kam aber an kein Ende.
Es ging immer nach unten, mit einer leichten Schräge. Tief, tief unter die Erde, mit vielen schmalen Gängen, die untereinander verbunden waren und mehr als einen Zugang hatten. Alle paar Kellerabteile, alle zehn, fünfzehn Meter ging eine Abzweigung ab. Die sich wieder irgendwo in der Dunkelheit verzweigte.

Es war sogar denkbar, dass die ganze Mietskaserne, der gesamte Block, mit diesem Netzwerk verbunden war. Dass er von hier mit der richtigen Karte ungesehen quer über den Hof, unter den Nachbarhäusern durch, bis zur einige Blöcke entfernten K.Straße gelangen konnte. Ohne auch nur einmal Tageslicht zu sehen.

Julius sich an einen Pilz erinnert, ohne den genauen Grund zu kennen.
Der eigentliche Pilz war nämlich nicht das, was man gemeinhin dafür ansah. Der große, fleischige Auswuchs war bloß der Fruchtkörper, der zum Verteilen der Sporen diente, und nicht einmal der größte Teil des Organismus. Dieser lag tiefer unter der Erde, wo es dunkel, feucht und warm war. Was wie eine Pilzkolonie aussah, mit einem Dutzend oder mehr Pilzen, war in Wirklichkeit ein einziger Organismus, tausende kleiner Fäden, die sich mit allem umliegenden verbanden und daran fest saugten.
So fühlte sich dieses Netzwerk von Bunkern und Kellern an. Wer vermochte schon zu sagen, wo es endete? Ob es sich wirklich nur unter diesem einen Hof erstreckte und nicht doch noch über die nächste Straßenseite? Die danach? Ob es sich nicht unter dem neuen Supermarkt an der Ecke einst ein Keller befunden, ganz wie dieser hier, der nur versiegelt aber nicht vollständig zugeschüttet worden war?

Über ihm verliefen die Rohre, keine Handbreit Platz war zwischen seinem Kopf und der Decke aus Hohlräumen. So dicht und eng zogen sie sich kreuz und quer und längs, dass hinter ihnen kaum die echte Decke auszumachen war und es nichts über ihm gab, als die fauligen, bisweilen geplatzten Röhren aller möglichen Macharten.
Zu Beginn waren sie noch ummantelt gewesen, mit einer Schicht aus grauem Kunststoff. Je tiefer er aber in den Untergrund eindrang, desto ungepflegter wurden sie. Und desto älter. Nach der vierten oder fünften Abzweigung waren es Kupferrohre, grünstichig vom Alter und der feuchten Luft. An einigen Stellen waren die Dichtungen völlig durchgerostet und eine übelriechende Brühe ergoss sich in die Gänge, wo ein echter, schimmliger Pilz sich grün und kränklich in die Wände fraß.

Julius machte einen Umweg, ging eine Abzweigung zurück und nahm die nächste. Er fragte sich aber doch, wie viele der Rohre überhaupt mit den Wohnungen verbunden waren.
Es waren einfach viel zu viele davon. Unmöglich konnte jeder Wohnung eine zugeordnet werden. Nicht einmal jedem Zimmer, auch nicht im gesamten Block. Hunderte der Rohre kamen aus den Wänden, der Decke, in einigen der seit Ewigkeiten unbenutzten Keller auch aus dem Boden und verschwanden in der unentwirrbaren Masse über seinem Kopf.

Viele der hinteren Keller schienen gar nicht mehr benutzt zu werden. Sein eigenes Abteil lag im zweiten oder dritten Quergang – er befand sich schon im siebten und der Keller wollte kein Ende nehmen.

Beständig hinter und um Julius war dieses Rascheln. Dieses teuflische Rascheln, wie von winzigen Pfoten, die auf den glitschigen Rohren entlang huschten. Wie von Fell, das sich in der Dunkelheit an den Wänden und einander rieb. Wie von einem Huschen außerhalb seines Gesichtsfeldes.
Mehr als einmal vermeinte er wieder das Stechen zu fühlen, das ihn in seinen Träumen heimgesucht hatte. Und er glaubte, dass von den Rohren über ihm ein pelziges Etwas herunter und etwa in seinen Nacken…dass etwas an seinen Fersen oder Knöcheln zwickte.

Er schüttelte sich, sprang auf der Stelle umher, schlug nach seinem Rücken. Nichts, natürlich war da nichts. Seine Einbildung, redete er sich ein und zog trotzdem die Kapuze seines Pullis über den Kopf – nicht, ohne sich vorher zu vergewissern, ob nicht doch etwas darin lauerte.

Verzagt ging sein Blick in die Dunkelheit jenseits seiner Taschenlampe. In sich spürte er einen Widerwillen, weiter zu gehen. Der so stark war, dass er ihm körperliche Übelkeit brachte. Als greife eine unsichtbare Hand nach seinem Magen und zerre an seinen Innereien und verlange, dass er sich übergab und seinen Unrat zu dem des Kellers hinzufügte.

Er wollte so wenig weiter, dass er für einen Moment inne hielt. Genau dort wo er eben panisch herum gesprungen war. Seit fünfzehn Minuten, verriet seine Armbanduhr ihm, schlich er durch die Dunkelheit. Seit fünfzehn Minuten wagte er es kaum, einen Ton von sich zu geben – als ob er sich fürchtete, bemerkt zu werden.
Dabei war genau das seine Absicht, oder nicht? Nigel, dieser hinterhältige Kater, war abhanden gekommen und sollte ihn bemerken. Mit seinen feinen Ohren sollte er Julius hören und ihn riechen und schnell zu ihm zurück kommen, damit er endlich diesem Ort den Rücken kehre und nie wieder kommen könnte.
Aber er kam nicht. Und Julius gingen die Ideen aus.

Unschlüssig für einen Augenblick schwenkte er den Lichtkegel hin und her. Muffige Kellerabteile und rottendes Holz auf beiden Seiten für drei, vier Meter. Dahinter einige Meter Zwielicht, dann die schwarze Finsternis, die sich tief unter dem Asphalt der Stadt befand.
Flach sog er die faule Luft durch den Mund, um sie nicht riechen zu müssen, schloss einen Moment die Lider und beobachtete seinen Atem beim Zittern.

Schließlich öffnete er seine Augen wieder und ging in die Richtung, in die er eben schon gegangen war. Weiter in die Tiefe.

Er weigerte sich noch, sich einzugestehen, dass er es dem Kater schuldete. Noch hielt er es für seine bloße Pflicht, das ihm anvertraute Lebewesen zumindest nach bestem Wissen und Gewissen zu suchen. Als ob er sich wirklich noch die Hoffnung machen würde, der Kater hätte sich bloß bei einem Spaziergang verlaufen, wäre bei einer Erkundung des Hauses verloren gegangen.

Tatsächlich spielte Schuld aber eine ganz beträchtliche Rolle. Klein, wie der Kater auch war: Er hatte Julius diese letzte Woche zumindest vor dem bewahrt, was der noch immer für Neurose und Nervosität hielt. Das lebende, gesellige Tier hatte seinen Auftrag gut erfüllt und Ruhe zu Julius gebracht.
Ihn jetzt aufgeben würde heißen, ihn zu verraten. Und gewissermaßen auch, sich wieder seinen Alpträumen hinzugeben. Es hieße, die Schlaflosigkeit wieder in sein Leben zu lassen.

Dort und damals hatte es gegolten, sich der Angst zu stellen. Der Angst vor den Ratten und den Geräuschen im Haus, die natürlich unsinnig war…
Ha! Das war, dachte Julius während er weiter stapfte, vielleicht überhaupt der Plan des Katers gewesen. Um ihn endgültig mit seiner Furcht zu konfrontieren und davon zu heilen, hatte er sich hier unten versteckt. Er musste wohl die offene Tür genutzt haben, auf die er die letzten Tage so gelauert hatte.

Wie dumm von ihm, je an dem Tier gezweifelt zu haben! Der Kater war ein gewitztes Vieh, aber für diesen Streich würde Julius ihm das Fell über die Ohren ziehen.
Das jedenfalls beschloss er grimmig, während er sich tiefer in den Keller wagte.
Ganz auf Art und Weise, auf die ein Kind wohl beschließen mochte, dass es in Wahrheit gar nicht im Wald verloren, sondern alles nur ein böser Scherz war. Dass in jedem Moment die verschollenen Freunde aus dem Dickicht springen sie alle befreit lachen würden.
Bis fast zum Schluss hielt Julius an diesem Beschluss fest.

Bis der Keller und die Bunker plötzlich endeten. Bis da eine freie Fläche war, die sich vor ihm öffnete, wo die Decke weit über ihm lag und die hinteren Wände gar nicht mehr zu erkennen waren.

Julius atmete kurz und oberflächlich. Die Luft hier unten stank – nach Staub und Tier und… Er schämte sich, das zu denken, diese überholten, furchtbaren Worte zu denken – nach Angst.
Konnte man Angst denn riechen? Von Hunden sagte man das vielleicht und anderen Tieren, aber von einem wie ihn? Konnte sie eine solche Konzentration erreichen, dass sie wie Miasma oder eine Art von Pilzgeflecht sich unter der Erde festsetzen konnte?

War es nicht eher seine Einbildung, dass er wusste oder zu wissen meinte, zu was diese Kellerräume während des Krieges genutzt worden waren? Dass er wusste, wie viel älter als er selbst sie waren und was für eine Zeit das gewesen war, in der diese Anlage angelegt worden war? Es musste doch viel mehr an seiner Einbildungskraft liegen, dass er Angst zu schmecken glaubte. Seine Einbildung, die ihn in die Nischen und Ecken zusammen gekauerte Familien sehen ließ.

Was es auch war, es drängte sich wie feuchtes, schleimiges Gas in seine Nase, seine Kehle, bis in seine Brust, die sich krampfhaft zusammenzog und ihn keuchen ließ.
Als würde es von ihm Besitz ergreifen.

Er konnte auch den Kater noch fauchen hören. Irgendwo in der Dunkelheit. Nigels Schreie, panische, schrille Geräusche der Angst, hallten durch den Saal.

Der Raum war groß, die Luft darin dick und schwer. Seit Jahren konnte sie keine lebende Seele mehr geatmet haben.Vielfach und grausam vergrößert warf der Stahl und der Beton das Kreischen des Katers zurück zu Julius, dröhnte in seinen Ohren wie die unter dem Lärm vibrierenden Rohre.
Die Rohre…

Hunderte Röhren lief hier zusammen über seinem Kopf, ein Gewirr aus Rohren, Leitungen, Kabeln für Abwasser, Strom, Gas, die hier wie Adern in einem morbiden Herz zusammen liefen. Sie mussten in fast jedes Haus, jede Wohnung des Viertels führen.
Julius hatte sich gefragt, wie die Tiere in seine Wohnung gelangt waren, obwohl er keine Löcher in den Wänden gefunden hatte, keine Schlupfwinkel aus denen sie hätten kriechen können.
Jetzt hatte er seine Antwort: Rohre.

Julius blickte atemlos auf und sah, dass sie tatsächlich vibrierten, aber nicht von dem Lärm, sondern von winzigen Füßen und knotigen Schwänzen, die sich daran rieben, die über den Rost schabten und die Luft zum Rauschen brachten.
Er sah, wie die Tiere sich näherten. Fett und vollgefressen waren sie von den Abfällen. Nie in seinem Leben hatte er so großes Ungeziefer gesehen. So aufgedunsen und rot, wie von…wie von…
Seine Hand glitt unwillkürlich zu der kaum verheilten Wunde in seinem Nacken, er weigerte sich, den Gedanken zu beenden.
Die Ratten huschten über ihn hinweg. Die Rohre entlang, dorthin, wo die Schreie der Katze langsam schwächer wurden.

Seine Augen hatten sich nur schlecht an die tiefe Finsternis gewöhnt. Sein Herz raste. Furcht kroch in ihm nach oben, lähmte ihn in seiner Ecke, in die er rücklings gestolpert war, ohne es zu bemerken. In der er katatonisch hockte, so weit als möglich weg von der Flut aus Ungeziefer, das sich über ihm in den Saal ergoss.
Seine Hand packte die Lampe fester, seine Beine verkrampften sich. Trotzdem zwang er sich vorwärts, zwang sich Schritt für Schritt weiter in den Saal unter dem Fundament des Hauses hinein.

Ratten. Hunderte, die sich versammelten. Stumm, fast bewegungslos, sobald sie einmal ihren Platz gefunden hatten. Ein See aus Fell und Ekel erstreckte sich vor ihm in der Finsternis, die nur von der ein oder anderen blinkenden Leuchte den Korridor hinunter für Momente erhellt wurde.

Etwas Unheiliges geschah hier, etwas Unmenschliches. Ein Geräusch erhob sich, das durch den dröhnenden Lärm schnitt. Selbst das Geschrei des Katers irgendwo jenseits der schummrigen, rötlichen Lichtblitze von Warnlampen endete abrupt.
Da war nur dieses Geräusch. Dieses dunkle, düstere Glucksen, das aus den Tiefen zu kommen schien. Ein Geräusch, das wie das Gefühl war, das sich in seine Kehle drängte: Schleimig, feucht, wie von Schimmel auf lange faulig gewordenem Wasser.
Das Geräusch schwappte über die Unmenge an Ungeziefer vor Julius und auch über ihn. Es traf ihn wie eine Welle, die ihn zu ersticken drohte.

Worte. Es waren Worte, die dort aus der Mitte der Tiere aufstiegen wie aus einem Sumpf.

Julius verstand sie nicht, wusste nicht einmal, ob er es eine Sprache nennen sollte, der das Ungeziefer dort lauschte.
Aber er begriff sie.
Das Zischen berührte einen Teil von ihm. Jenen Teil, der von den Ratten geträumt hatte, der mit dem Kater gesprochen hatte wie mit einem besten Freund – voller Mitgefühl und Vertrautheit. Als wäre Verstand hinter den grünen Augen von Nigel gewesen, der dort nicht hingehört hatte. Ein Verstand, der Dinge begriffen hatte, die hier vor sich gingen, die Julius selbst noch immer ein Rätsel waren. Es berührte jenen Teil von ihm, der nicht menschlich sondern älter war, primitiver.

Dann erhob sich etwas aus dem Sumpf. Etwas anderes als nur Worte.
Es hätte ein Mensch sein können, wenn er nicht so vornüber gebeugt gehen würde, dass sein Kopf fast auf Hüfthöhe sein müsste. Wenn sein Buckel nicht so groß wäre und wenn ihm mehr als nur einige Fetzen am gräulichen Leib haften würden.

Julius sah erstarrt zu, wie sich das unförmige Etwas aus dem Meer von Leibern erhob.
Wie…die Kreatur in klauenförmigen Händen etwas hielt, das wie Nigel aussah. Wie sie es schüttelte, bis ein Knacken grausam die Luft durchschnitt, und wie sie es fort schleuderte.
Während dieses Zischen anhielt.

Sie sprach zu diesem Teil in ihm, der von diesem Ort hier angezogen worden war. Der in den Dreck gezogen war, um dort er selbst zu sein und wie eine Maus dem Leben echter Menschen beiwohnen zu können, an ihren Gefühlen teilhaben zu können, an ihrer Liebe, ihrem Streit.
Es sprach zu dem erbärmlichen Ungeziefer in ihm, das sich in dieses Loch begeben hatte, um die Nase in fremde Angelegenheiten zu stecken.

Alle Augen richteten sich auf ihn. Auf die Ecke, in der er hockte und den Atem anhielt.

Das schlimmste waren die Augen dieser Kreatur. Nicht die Reißzähne oder die Klauen, nicht einmal die vage menschliche Gestalt, sondern die Augen. Denn sie waren ganz anders als das restliche Gesicht, ganz anders als dieses fellige, verzerrte Spottbild, das ihn unter den Lumpen anstarrte.
Sie waren menschlich.

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