Ratten – Teil II: Gefürchtet

Julius lag in seinem Bett. Um ihn her war – trotz der späten Stunde – alles hell erleuchtet. Jede Birne in seinem Zimmer glühte: Die Schreibtischlampe, die Deckenleuchte, die kleine Lampe am Lesesessel, selbst der kleine Fernseher brummte vor sich hin. In ihrem matten, warmen Licht lag er nun in seinem Bett, die Decke bis zum Kinn gezogen und in die Ecke gekauert, die am weitesten von den Wänden entfernt war.
Er wusste, dass gesunder Schlaf so kaum möglich wäre, dass die Helligkeit ihn nur noch mehr Stress aussetzen würde. Er glaubte allerdings nicht, dass die Lage viel schlimmer, er viel erbärmlicher werden könnte, wenn er im Tageslicht schliefe.
Seit Tagen – genau genommen seit dem Vorfall vor einigen Tagen – fürchtete er sich vor seinen eigenen Gedanken, ängstigte sich vor seinem Schlaf. Denn dann kamen die Träume.
Seine eigene Angst davor ließ ihn starr werden. Sein Herz raste, ohne ersichtlichen Grund, und er warf sich herum.
Es war kindisch, durchaus kindisch, den Alpträumen und Nachtmahren entgehen zu wollen, indem er sich dem Schlaf verweigerte. Zu diesem Zeitpunkt aber hatte er bereits drei oder vier Nächte durchgewacht.

Stets war es das gleiche Spiel:
Todmüde schleifte er sich gegen den frühen Abend ins Bett, unerklärlich müde und lethargisch schon seit dem Mittag. Bei laufendem Fernseher, der die gefühlt tausendste Wiederholung einer bekannten Serie zeigte, nur um sich nicht einsam zu fühlen, schlief er ein, ohne es wirklich merken. Weder dass er eingeschlafen war, noch dass er geschlafen hatte, machte sich irgendwie bemerkbar. Nicht einmal, dass er aufgewacht war. Vielmehr war es, als säße er noch immer dort und sähe dem ununterbrochenen Rauschen zu in einer endlosen Reihenfolge monotoner Augenblicke.
Nach einigen Minuten bemerkte er dann, dass die Schatten der Abendsonne ein Stück weiter sein Zimmer entlang gekrochen waren.
Das wiederholte sich und wiederholte sich, oft für zwei oder drei Stunden, bis die Sonne endgültig untergegangen. Bis das Haus für einige Minuten still geworden war.
Dann erst sackte er in einen tiefen, bleiernen Schlaf. Rasch sank er, schlaff und müde, in die Dunkelheit. Hierbei war ihm, als schrecke er wieder und wieder auf. Anders als zuvor war ihm dann sehr deutlich, dass er aus dem Schlaf gerissen wurde. Der kalte Schweiß auf seiner Haut, die Schwere in seinen Armen und Beinen – all das sagte ihm, dass er aus irgendeinem schlechten, schwachen Schlaf erwacht war.

Was ihn zuvor am Einschlafen gehindert hatte, verfolgte ihn nun bis in seine Träume. All jene Geräusche, die ihn zuvor aus dem leichten Schlaf gerissen hatten – das verhasste Knacken der Rohre, die scheinbar geflüsterten Ängste der Nachbarn, das verfluchte Rascheln in den Wänden und die ausgelassenen Freuden des Fräuleins nebenan.
Das verfolgte ihn. In seinen erschöpften, unruhigen Träumen quälte es ihn weiter. Er bildete sich ein, dass das Rascheln in den Rohren von den Ratten käme. Die Ratten, großer Gott, die Ratten in den Wänden!
Die alten Kupferrohre, die dick wie seine Faust durch die Wände und Decken strebten, die jeden Quadratmeter durchzogen auf die ein oder andere Weise, die bebten und knackten. Wo sein wacher Verstand – wie müde und erschöpft er auch war – Erklärungen für diese Geräusche fand, sich in Erinnerung rief, dass das Haus alt, die Wände dünn und hohl und ausgezeichnete Schallkörper waren, dass sie wohl auch undicht und das Haus selbst auf eine gewisse Weise lebendig waren und jedes noch so kleine Geräusch verstärkte – seine Träume spannen daraus eine von tausend Phantastereien.
Eine tollkühner als die Andere. Das Tröpfeln der Leitungen wurde ihm zum Tapsen kleiner, winziger Pfoten auf den Rohren, vorsichtig, vorsichtig, schoben sie sich durch die Wände und kleine, knotige Schwänze schlugen gegen die Rohre und brachten sie zum Singen und Brummen, dass das ganze Haus davon erbebte.

Am fünften Tag seines schlaflosen Leidens hatte er genug. Die Vermietung hatte gelobt, etwas gegen die Ratten zu unternehmen, die sich dreister und immer dreister am helllichten Tag durch das Haus wagten. Angelockt von den Abfällen der Nachbarn, dem süßen Geruch verderbenden Fleisches, das in den Müllsäcken auf dem Flur lagerte.
Er beschloss, eine Katze zu kaufen.

Sie war pechschwarz von Kopf bis Fuß, bis auf einen kleinen, weißen Flecken auf der Stirn. Als er im Heim nach einem geeigneten Tier gesucht hatte, war sie ihm sofort als die richtige ins Auge gesprungen.
Sie…das hieß er, wie man Julius glaubhaft versicherte, besaß einen tiefsinnigen, intelligenten Blick, der für Tiere ein Tabu hätte sein sollen. Während alle anderen Tiere sich ganz so benommen hatten, wie er es von Katzen erwartete, hatte er stumm auf einem erhöhten Platz gesessen und ihn beobachtet.
Die Augen allein…diese grünen, wundervoll tiefen Augen hatten ihn davon überzeugt: Dieses Tier und kein anderes.

Nigel, wie er den sieben Jahre alten Kater taufte, erwies sich schnell als ein seltsamer Kater. Er schien sich äußerst unwohl in der Wohnung zu fühlen, was an sich noch kein großes Wunder war. Julius hatte gelesen, dass Katzen territoriale Tiere waren und solche Ortswechsel kaum vertrugen. Das Heim hatte ihn daher auch mit einigen Lockmitteln ausgestattet, die er dem Tier bei besonders lobenswertem Verhalten geben und ihn rasch an seine neue Umgebung gewöhnen sollte.
Auch wenn sie nicht sofort anschlugen.

Aus dem Käfig, in dem Julius ihn durch die Stadt transportiert hatte, wagte er sich überhaupt erst hinaus, als Julius aus dem Zimmer ging und drohte, den Kater alleine zurück zu lassen. Dann erst huschte Nigel, wie von einer Panik gestochen, hinaus und heftete sich seinem neuen Freund und Besitzer an die Fersen.

Ganz allgemein schien er Julius in demselben Maße anzuhängen, in dem er die Wohnung verabscheute. Seltsam wie es war, wich er ihm kaum von der Seite. Er blieb den gesamten Nachmittag eng an Julius geschmiegt, saß auf seinem Schoß, während er schrieb, und ließ sich nicht erweichen, ihn für einen Einkauf zu verlassen.

Nur einmal schreckte er Julius auf und ließ ihn sich wundern, ob er über der Arbeit eingeschlafen war, ob die Ruhe und Gelassenheit der letzten Stunden mit der Katze auf seinem Schoß nur ein Traum gewesen waren.
Wie ein schwarzer Blitz war Nigel aufgesprungen und in die Ecke des Zimmers gejagt. Er machte einen Buckel, hieb in das Nichts. Er sprang gegen die Wände, schlug seine Klauen in die Tapete und scharrte wie ein Hund an der Fußleiste, raste wie irre über das Regal und jagte etwas, das nur er sah.
Die Ratten, möglicherweise, deren Löcher irgendwo dort sein mussten. Die durch irgendwelche geheimen Winkel in seine Wohnung eindrangen und deren Geruch und Geräusche die Katze nun irre machten.

Aber er fing nichts und kam ohne Beute zurück zu Julius zurück, der ihm mit gerunzelter Stirn und schweren Augen zugesehen hatte.

In jener Nacht, als er Nigel aus dem Heim geholt hatte, schlief Julius so ruhig und friedlich, wie noch nie.
Mit der Katze zu seinen Füßen, die dort thronte und in die Dunkelheit starrte – fast als hielte sie Wache über ihn und seinen nervösen Geist – fielen alle Sorgen von ihm ab. Es war ihm erlaubt, in einen tiefen und heilsamen Schlaf zu sinken, die Wachsamkeit fahren zu lassen und sich ganz dem süßen Vergessen anheim zu geben, nachdem er sich seit Tagen sehnte.

Einmal war ihm zwar, als wache er auf. Einmal meinte er, Nigel fauchen und aufspringen zu fühlen. Halb nur und Schlaf trunken, noch kaum bei Bewusstsein, spürte er wie das Gewicht auf seinen Beinen verschwand. Wie der Kater sich aufrichtete, die Ohren gespitzt auf irgendetwas in der Dunkelheit.
Ein Schaben vielleicht, ein kleines, erbärmliches Kratzen auf dem Parkett. Nicht wirklich ein Lärm, mehr eine Andeutung, eine düstere Ahnung oder Befürchtung, dass die Alpträume der letzten Tage sich in die Wirklichkeit gestohlen hatten.
Dann ein Poltern und Fauchen – das letzte Geräusch, für diese Nacht – das Julius endgültig aus dem Schlaf riss.

Mit klopfendem Herzen starrte er in die Finsternis. Aber selbst im dünnen Streulicht der Straßenlaternen vor seinem Fenster erkannte er weniger als Nigel jenseits der Dunkelheit sehen musste.
Das Geräusch wiederholte sich nicht. Der Kater kehrte zwar nicht auf das Bett zurück, aber Julius sank dennoch beruhigt auf sein Kissen zurück.
„Eine Ratte¨, dachte er und lächelte in sich hinein. ¨Die Geräusche werden ihn geweckt haben und nun jagt er sie, so wie ich es wollte.¨
In dieser Nacht kamen keine Träume mehr.

Sechs. Sechs tote Ratten lagen vor Julius, aufgebahrt und säuberlich nebeneinander aufgereiht, wie Fische auf dem Markt. Dahinter Nigel, stolz den Hals gereckt wie eine alte Gottheit. Seine grünen Augen lagen funkelnd auf Julius und beobachteten, wie er die Präsentation der Beute aufnahm.

Einen Augenblick ratlos starrte er die toten Nager an. Dann, langsam und bedächtig, schwang er sich aus dem Bett, bemüht nicht auf die Kadaver davor zu treten, und ging zu seinem Schreibtisch herüber. Er holte eine kleine, blecherne Dose heraus und – unter vielem Lob – reichte er dem tapferen Kater zwei jener Belohnungen, die ihm das Heim mitgegeben hatte.
Das hier war durchaus ein Verhalten, das er bei Nigel stärken wollte.

Dann erst wandte er sich – unter den wachsamen Augen des Katers – den toten Nagetieren zu.
Die Tiere waren fett über Gebühr, wohl gemästet von dem ganzen Elend und Schmutz der Gegend.
Abscheuliche Kreaturen mit ihrem lückenreichen Fell, unter dem das rohe Fleisch glänzte, denen das Blut noch aus dem Maul lief und von denen ein erbärmlicher Gestank ausging. Nach Nässe und Muff und Moder. Nigel hatte sie wohl im Genick gepackt und geschüttelt, bis alles in ihnen geplatzt war.

So oder so ähnlich spielte es sich an jedem folgenden Morgen ab.
Julius, der die Nacht bis auf eine kleine Unterbrechung gegen Mitternacht ruhig durchgeschlafen hatte, erwachte und fand Nigel vor seinem Bett.Stolz präsentierte der Kater den nächtlichen Fang, für den Julius ihn erst belohnte und dann mit Kneifzange und Müllschaufel entfernte.

Es war ein stolzer Fang, jedes Mal. Selbst wenn es mit den Tagen weniger Tiere wurden, die Nigel erlegte. Bis schließlich die erste Nacht kam, in der Nigel vergeblich durch die Wohnung huschte. Nichts fing er in dieser Nacht. Nach einigen Minuten fühlte Julius das warme Gewicht der Katze wieder auf seinen Beinen und schlief umso beruhigter ein, sicher in der Gewissheit, dass Nigel seine Pflicht erfüllte.
Am nächsten Morgen belohnte er den Kater trotzdem.

Je mehr Ratten der Kater erlegte, desto selbstsicherer wurde er. Zwar blieb er noch immer in Julius’, schien ihn keinen Augenblick lang aus den Augen zu lassen. Aber er wurde ruhiger dabei, zischte und fauchte nicht länger die Luft an sondern beobachtete stumm und lauerte. Julius fand, dass er sich doch ganz ausgezeichnet an die neue Umgebung gewöhnte. Und dass Nigel die Wohnung umso mehr zu der seinen machte, je mehr er sie von Ungeziefer säuberte.

Auch Julius selbst gewöhnte sich langsam an die Katze und beglückwünschte sich insgeheim zu diesem Einfall. Seit Nigel die Wohnung sauber hielt von dem Getier und über seinen Schlaf wachte, schlief Julius nicht nur wieder, auch die Alpträume und mit ihnen der Stress verschwanden.
Er bekam sogar ein wenig Farbe zurück. Die Augenringe zogen sich zurück, die Wangen verloren ein Stück weit ihre Bleiche und in seine stumpfen Augen kehrte ein wenig die Lebenslust zurück.
Fast fühlte er sich wieder wie ein Mensch. Fast.

Denn unbestreitbar war auch, dass er sich der Katze immer mehr annäherte und glaubte, ohne sie kaum leben zu können.
Er war zuvor schon nicht viel ausgegangen. Julius war immer schon überaus zufrieden damit gewesen, stumm zu beobachten und seiner Kunst im stillen Kämmerlein nachzugehen. Auch deswegen hatte er diese Wohnung gewählt – um sich in der Umgebung zu suhlen, im Dreck und Lärm dieser Mietskaserne, von den Erfahrungen und Gefühlen der Menschen um ihn herum zu zehren, ohne seinen Komfort zu verlassen.

Seit einigen Tagen aber bemerkte er, wie diese Angewohnheit stärker und umfassender wurde. Dass er für Tage kein Wort mit einem Menschen wechselte, höchstens mit Nigel oder sich selbst sprach, während er über Manuskripten brütete. Dass er selbst den Einkauf nur höchst unwillig machte und Ausreden erfand, bloß um so wenig wie möglich das Haus verlassen zu müssen. Dass er sich sein Essen fast nur noch fertig liefern ließ.
Selbst der Weg zu den Mülltonnen, den er doch alle paar Tage gehen musste, war weit.
Denn dazu müsste er Nigel alleine lassen. Und dieser Gedanke ängstigte ihn über alle Maße.
Er wusste nicht einmal sicher, was genau er daran so fürchtete. Die Menschen draußen waren ihm nicht feindlich gesonnen, wenn auch gleichgültig, und die Sonne war warm und hell.

Vielleicht war es wegen dieser Ahnung, die ihn fast noch mehr ängstigte in manchen Nächten als die Alpträume, die Julius veranlasst hatte, Nigel zu sich zu holen.
Ein dräuendes Gefühl, das über seinem Kopf schwebte wie die bleierne Müdigkeit, die er in den letzten Tagen mühsam von sich geworfen hatte. Das ihn in jedem Moment überkam, wenn er sich von seinen Manuskripten oder dem Kater abwandte. Wenn er Zeit hatte, sich mit sich selbst zu beschäftigen und was in ihm vorging. Dann kam sie.
Diese Ahnung, dass die Katze alles war, was ihn von seinen Alpträumen fern hielt.

Nach Tagen aber, die er von nichts anderem als Lieferservice gelebt hatte, musste er doch einmal hinaus. Alles, was er zum Leben brauchte war aufgebraucht – das Katzenfutter ging zur Neige, Haushaltsmittel waren aufgebraucht und selbst die letzten Konserven waren geplündert. Nichts war mehr in seiner Wohnung, das sich zum Leben geeignet hätte.

Also quälte Julius sich gegen Mittag mit knurrendem Magen hinaus. Er kaufte große Mengen, genug für zwei Wochen oder mehr. Nicht in der Absicht, sich weiterhin in seiner Wohnung zu verschanzen. Natürlich nicht. Vielmehr wollte er seine Vorräte auffüllen und all das ersetzen, was er in den letzten acht Tagen vollständig verbraucht hatte. Selbstverständlich fand er diesen Gedanken absurd, als er in der klaren Mittagssonne über die gefüllten Straßen ging, den schweren Rucksack auf dem Rücken.
Die Wahrheit aber war: Er fürchtete sich ohne den Kater.

Als Julius schließlich nach Hause kam, stellte er sich diesem Gedanken.

Über dem gesamten Haus hing ein Geruch, wie…ein nur schwer zu beschreibender Geruch. Es war nicht direkt der Gestank, der im Hausflur lagernden Müllsäcke. Der schwamm erst über ihn, als er die Tür öffnete und den Flur betrat.
Es war auch nicht der leicht faulig-modrige Geruch, den er vor Nigel mit dem Flur in Verbindung gebracht hatte. Der Geruch, der wohl auch die Ratten angelockt hatte und auf wundersame Weise mit dem Eintreffen des Katers verschwunden war.
Was genau es war, verstand Julius erst wirklich, als er den Flur entlang schlich und die alten, gewohnten Gerüche ihn wieder in die Erinnerungen der vorletzten Woche zogen. Als er sie das erste Mal seit einigen Tagen wieder roch, da er sich weder aus der Festung traute, die er sich geschaffen hatte.

Da erst fiel ihm auf, was fehlte. Denn das war es: Nicht die Anwesenheit eines neuen Geruchs, den er nicht einzuordnen vermochte, sondern die Abwesenheit eines kaum bemerkten Duftes verstörte ihn. Der Geruch, der seinem Bett hätte anhaften müssen und dem Schreibtisch. Der ihn in den letzten Tagen stets und ständig begleitete hatte und immer umgeben hatte. Der Geruch, der nur in seiner Wohnung war und nicht dort draußen in der Welt, vor der Julius sich so versteckt hatte, fehlte.
Nigels Geruch fehlte.

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