Ratten – Teil I: Gebissen

Die kleine Sophie in der Wohnung nebenan schrie wie gequält. Das dritte oder vierte Mal diese Nacht, scheinbar ohne Grund. Sie plärrte einfach, sog Luft in ihre kleinen Lungen und stieß sie so lange wieder aus, bis ihr die Kraft ausging. Zwecklos riss sie das Maul auf und verlangte etwas, was sie selbst nicht genau kannte.

Sie schrie einfach.

Etwas wie bei einer Diebstahlsicherung im Auto. Ein impotenter, mechanischer Lärm, der auf und wieder abschwoll, ohne etwas zu erreichen. Der nicht einmal auf eine konkrete Ursache hinwies, nur auf ein ganz allgemeines Symptom. Ein Unwohlsein vielleicht, das sich unmerklich tief eingegraben hatte, das nur als ‘dieses Gefühl’ beschrieben werden konnte.

So in etwa ging es Julius Nagel, dessen Bett auf der anderen Seite der Wand von Klein-Sophies Kinderzimmer lag. Er lag wach ohne noch den Grund zu wissen. Sophies Geschrei war nicht der Auslöser gewesen, obwohl es ihn ganz sicher am Einschlafen hinderte.

Ein Gefühl von Anspannung hatte ihn vor einiger Zeit schon überfallen – vielleicht ganz ähnlich wie auch die kleine Sophie – und aus dem Schlaf gerissen. Seitdem lag er wach und starrte an die Decke.

An sich war das nicht weiter ungewöhnlich.
Er schlief schlecht in jener Zeit und war es gewohnt, sich einige Stunden herum zu wälzen. Ein recht bedauerlicher Zustand, der sich heute aber noch weniger als damals beheben ließ. Nicht so sehr, weil etwa Alpträume oder Stress ihn damals schon geplagt hätten. Julius konnte sich nicht einmal daran erinnern, je geträumt zu haben vor diesen Tagen. Auch sein übriges Leben verlief ruhig, fast belanglos.

Eine kleine Erbschaft und was man ihm an Waisenrente zusteckte reichte aus, um recht sorglos in einer kleinen Wohnung am Stadtrand zu leben. Es war kein Palast, sicher nicht. Dreckig und klein, so wie das ganze Haus, ein Relikt älterer Zeiten, und versteckt im dritten Hinterhof einer wuchernden Mietskaserne.

Aber er war jung, er war frei und seine Ansprüche nicht hoch. Was er wollte, konnte er sich durchaus leisten, wenn er einmal eines seiner Stücke verkaufte. Tatsächlich wollte er kaum mehr als so zu leben: Diese Freiheit genießen und jugendliche Gespenster von Kunst und Unabhängigkeit jagen.

Der Grund für seine … Nervosität, lag also nicht in irgendeinem schwächlichen oder angespannten Zustand, in dem seine Nerven sich befunden hätten. Auch, wenn er nur allzu gerne daran geglaubt hätte.

Julius rollte auf die Seite, langte nach dem Wecker. In der Dunkelheit glommen die blauen Ziffern ominös und leicht verschwommen. Näher und immer näher hielt er sie sich vor das Gesicht, bis seine kurzsichtigen Augen die Uhrzeit entziffern konnten. 4:30. Mit einem Seufzen ließ er den Wecker fallen. Jetzt konnte er genau so gut auch aufstehen.

Der Boden knurrte unter seinen nackten Schritten, die ihn in die Küche trugen. Parkett, altes Holz auf noch älteren Balken, das zwar hübsch war, aber an jeder Stelle einen anderen Ton von sich gab. Einige der Dielen bogen sich durch, waren an den Rändern aber so sehr abgeschliffen, dass sich eigentlich nur eine unebene Stelle gebildet hatte.
Keiner der letzten hundert Mieter hatte das Holz irgendwie gepflegt, das über die Jahre dunkel geworden war und glatt von hunderten Füßen.

In der Küche, rund um den Gasherd, hatte man den Boden irgendwann ersetzt. Das Holz war dort um einiges Heller, außerdem aus schlichten, geraden Bohlen gefertigt, die wie ein Dorn ins Auge stachen, während der Rest der Wohnung mit ineinander greifenden Fischgrätenmustern ausgelegt war.

Julius warf die Kaffeemaschine an. Während der Kaffee durch die Maschine kochte, fuhr er den Herd auf. Einen Moment später strömte der Geruch von Speck, Eiern und Toast durch die kleine Küche. Seine müden Augen öffneten sich ein Stück weit, als könne er den Geruch sehen.

Unter dem Fenster, das zur Straße hinaus ging, begann langsam der erste Lärm der Frühschichten. Autos wurden beladen. Die letzten Säufer aus der Kneipe unten im Haus geworfen, die zur Sperrstunde auch die Stammgäste heim schickte.
Wer einmal in einem alten Gebäude gewohnt hat – nicht in diesen Ungeheuern aus Glas und Beton, wie sie in den letzten Jahren immer öfter aus dem Boden sprießen, sondern in einem ehrwürdigen Haus. Eines, das mit Holz und Stein errichtet wurde, das lebt und atmet und einen eigenen Charakter besitzt.

Wer einmal darin gewohnt hat, der weiß: Man ist nie wirklich allein.

Selbst in seiner einsamen Garconniere ist man als einziger Bewohner doch immer umgeben von einer Vielzahl Geräusche und anderen Kreaturen. Die knarrenden Dielen, die sich über Jahre streckenden und biegenden Wände, sodass sie am Ende krumm und schief die Decke näher an den Boden ziehen, der durch Ritzen im Mauerwerk heulende Wind, die dünnen Wände und darin die bisweilen singenden Rohre.

All das ist geneigt, die Einbildung eines Spuks oder von Gesellschaft zu erzeugen.

Julius lebte noch dazu in der Großstadt, direkt unter dem Dach einer alten Mietskaserne. Das Leben dort war gewöhnlich eng, laut und dreckig. Gleichwohl Mauern die fast fünfzig Wohnungen seines Wohnflügels voneinander trennten, hatten sie doch wie unausweichlich alle Anteil am Leben aller Anderen.

Es ließ sich nicht vermeiden, den Ehestreit der Nachbarn den Gang entlang zu belauschen, wenn die Wände aus kaum mehr als alten Rohren, Staub und Tapete bestanden und die verzogenen Türen dicke Spalten zwischen den . Genauso wenig, wie ihrer hitzigen Versöhnung auszuweichen war.

Es ließ sich nicht vermeiden, jeden einzelnen Besucher des Fräuleins eine Tür weiter ebenso intim wie sie kennenzulernen. Nicht bei dem quietschenden Metallgestell von Bett, das überaus nahe an der Wand stand.

Nun, diese Geräusche waren normal. Man gewöhnte sich gewissermaßen rasch daran, lernte das Treiben sogar schätzen. Für Julius war es sogar ein großer Anreiz gewesen, um ehrlich zu sein. Damals fand er die Nähe zu all diesen Leuten seiner Kunst sehr zuträglich, da er selbst nicht viele Bekanntschaften besaß. Er hatte keine große Freude an sozialem Umgang und war immer schon ein Einzelgänger gewesen. Ein einsamer Wolf, wie er gerne dachte, ohne sich der Ironie der Sache bewusst zu sein.

Allein zu leben, aber am Rand eines lebendigen Treibens von Menschen, die er beobachten und an denen er aus der Ferne Anteil nehmen konnte, genügte ihm völlig.
In jener Nacht war es anders gewesen. Es war nicht der Lärm der kleinen Sophie, die gerade ihre Zähne bekam und oft in den Nächten weinte und schrie; nicht der rhythmische Lärm des Fräuleins nebenan, der ihn wach hielt.
Tatsächlich hatte er sich bereits einige Stunden unruhig herum gewälzt, hatte auch rat- und schlaflos Ablenkung in seinen Büchern gesucht, ehe das Kind überhaupt das Mäulchen öffnete, um Herz erweichend zu schreien.

Irgendetwas anderes war dort, das ihm den Schlaf raubte. Ein Rascheln oder Rauschen in der Nacht, schien es mir. Wann immer er einzuschlafen gedachte, kurz bevor ihm die Lider zu fielen oder schon zugefallen waren, nur Momente, bevor sein Verstand in die weit entfernten Gegenden des Traumlandes flüchtete – immer in jenem dämmrigen Zwischenzustand schlichen ihm diese Geräusche in die Ohren.

Sie ließen ihn auch jetzt noch nicht los. ‘Dieses Gefühl’ hielt sich hartnäckig, noch im orangenen Dunst der Kochnische und über dem Duft des Kaffees fühlte er diese Unruhe.

Als bewege sich etwas in der Dunkelheit, dort am Rande seines Gesichtsfeldes, jenseits des kleinen Leuchtkreises, den die Straßenlaternen in sein Zimmerchen warfen.

Ein kleines, fast unschuldiges Geräusch, das einzuordnen ihm nicht recht gelang; das ihn aber fesselte.

Je länger er wach lag, je öfter es ihn aus dem Dämmerzustand riss, desto mehr dachte er darüber nach.

Er wünsche, er hätte es ignoriert.

Julius aß und achtete auf die Geräusche. Ihretwegen war er hierher gezogen, auch wenn sie ihn manchmal wach hielten. Sie verwandelten die dreckige Bude in ein Zuhause, einen eigenen Ort mit Charakter und Leben. Trotz seiner Einsamkeit als seltsamer, etwas verquerer Künstler ließen sie ihn Anteil haben an den Bewegungen der Gesellschaft um ihn her.
Er selbst war behütet aufgewachsen, in einem Einfamilienhaus vor der Stadt. Eine furchtbar miefige Angelegenheit, der er bei der ersten Gelegenheit hierhin entflohen war. Perfekt war die Flucht auch nicht gelaufen, natürlich. Aber sie hatte ihn in seine eigene Wohnung geführt, seine eigenen vier Wände, in denen er der Herr war. Es sah genau so unordentlich und dreckig aus, wie er es wollte.

Er mochte die alte, ausgebleichte Fassade aus der Vorkriegszeit, die enge Wendeltreppe im Treppenhaus, die hohen Türen von denen die Farbe abblätterte. Er mochte sogar die Sprachverwirrung und die dünnen Wände – wie nervig es auch war, ständig das polnische oder nigerianische Geplapper mit anzuhören, das er nicht verstand.

Was er aber verstand, das bereicherte ihn.

So fühlte er sich nicht allein. So fühlte er sich als Teil einer Gemeinschaft, in der es kaum Anonymität gab. Er roch, was Frau Nachbarin abends kochte; hörte, wenn ihr Mann fremd ging – Sie tat es aber auch. Julius hörte wenn das Fräulein einen anstrengenden Tag auf der Arbeit hatte und den Stress und die Sorge mit Wein und Rockmusik vertrieb.

Ihn zumindest befriedigte das, auf eine Art und Weise, die wenig sexuelles hatte. Vielmehr befriedigte es seinen Drang nach Sozialleben, das er nicht selbst führen, sondern nur beobachten wollte.

Zudem war der Preis unschlagbar. Er brauchte kaum zu arbeiten, um sich sein Leben hier zu leisten, und konnte all seine Zeit für seine Leidenschaft aufwenden.
Julius beendete sein Frühstück, spülte den Kaffee hinunter, ehe er kalt werden konnte, und begann mechanisch, das Geschirr fort zu räumen und zu spülen. Seine Gedanken waren nicht bei der Sache, aber das waren sie beim Haushalt nie.
Er benutzte diese Momente gern, um sich seine heutigen Aufgaben in Erinnerung zu rufen. Da er keinem geregelten Tagesablauf folgen musste, da er – wenn ihn kein Geschrei weckte – vollständig Herr über seine eigene Zeit war, verwandte er einen guten Teil seines Tages darauf, herauszufinden, wonach ihm heute der Sinn stand.
Ein Bild wollte er heute beenden, das ihn die Nacht über angestarrt hatte, und sich des vorwurfsvollen Gesichtes entledigen, das von der Leinwand blickte. Er hatte bereits eine Szene im Kopf, das Gefühl, das er hinein legen wollte und…

Ein Quieken unterbrach ihn.

Eine Ratte starrte ihn von der Spüle aus an. Sie war groß noch dazu, widerlich groß. Die Gerüche mussten sie angelockt haben, das frische Futter, das Fett.

Das Tier ekelte ihn zwar an, es musste Keime und Krankheiten mit sich herum tragen. Aber auch nicht mehr, als der im Innenhof herum liegende Müll oder der Gestank des ganzen Hauses. Kein Grund, sich zu fürchten. Er wollte es nicht töten, aber er wollte es loswerden. Dass es sich nicht vertreiben ließ mit einigem Scheuchen und Gedrohe, irritierte ihn mehr als das Tier selbst.

Julius griff nach der noch mit Resten von Ei und Speck bedeckten Pfanne. Zimperlich war er noch nie gewesen, es gab keinen Grund das jetzt zu ändern.

Er schwang die Pfanne, hieb nach der Ratte. Die huschte zur Seite, sprang behände auf seine Hand, seinen Arm, war rasch in seinem Hemd, seinem Nacken, irgendwo. Er kreischte auf, taumelte nach hinten, versuchte die Ratte zu packen, von sich zu schleudern.

Erneut schrie er auf. Ein scharfer Schmerz an seinem Nacken, wie ein Stechen oder ein Biss vielleicht von winzigen Zähnen oder die Einbildung, das widerwärtige Ding auf seiner Haut zu wissen, die Pfoten zu spüren und den Schwanz unter seinem Hemd.

Julius prallte gegen den Esstisch, fiel auf den Boden.

Das Nagetier ließ von ihm ab. War mit wenigen Sätze in Richtung der Tür gehastet.

Für einen Augenblick schien es, als starrte das Tier ihn an, verspottete ihn. Es saß dort, außerhalb seiner unmittelbaren Reichweite.

Julius wurde zornig. Er fasste zur Seite, tastete nach dem Griff der Pfanne, die er in seiner Panik hatte fallen lassen, ohne den Blick vom Tier zu nehmen.

Rasch hieb er danach, das Tier blieb an Ort und Stelle, zehn Zentimeter von der Pfanne entfernt. Es stellte sich auf die Hinterpfoten, wie um ihn zu verhöhnen, und putzte sich das blutige Maul.

Er hechtete nach vorne, hieb ein weiteres Mal nach dem Tier, war sicher es dieses Mal zu treffen…aber es hastete davon. Leise, leise, auf seinen flinken Pfoten sprang es durch das Vorzimmer. Julius kam notdürftig auf alle Viere, strauchelte ihm hinterher.

Er kam im Bad zum stehen, gebeugt über den Spülkasten, die eiserne Pfanne noch in der Hand.

Eben noch war es hier gewesen. Eben noch hatte er es vor der Nase gehabt, hatte das widerliche Ding fliehen sehen. Jetzt war es weg. Fort, als wäre es nie dagewesen, und es gab keinen Beweis, dass es das Tier je gegeben hätte.

Keinen außer dem Stechen in Julius’ Nacken und dem Blut an seinen Fingern, als er danach fasste.

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