Muster V – Spuren im Beton

Es war Übelkeit erregend, der Ratte zu folgen. Sobald Markus den Augenkontakt abgebrocen hatte, sobald er ihr nicht mehr durch die Augen in den Geist starrte, verlor er seine direkte Kontrolle über sie. Sie verfiel auf das, was von ihr übrig war. Das wenige, was Markus zurück gelassen hatte, nachdem er durch ihren Geist gewühlt und alles heraus gerissen hatte, was ihn nicht interessierte.
Es war beunruhigend, ihr dabei zuzusehen. Sie bewegte sich automatisch, wie eine Maschine aus Fleisch und Knorpel, die sich durch die Straßen und Gassen des Viertels schob. Sie wurde nur von diesem Geruch angetrieben, den Markus ihr eingeprägt hatte, alles andere hatte jede Bedeutung für sie verloren.
Sie verhielt sich unnatürlich. Das war es. Einfach unnatürlich. Entgegen aller Instinkte und Vorsicht rannte sie über befahrene Straßen und offene Flächen, nahe an Hunden und ihren Besitzern vorbei, die solche Tiere normalerweise als Fressfeinde mieden. Mehr als einmal stürzte sich das Ungeziefer unwissentlich beinahe in den Tod, lief vor Wagenräder oder ähnliches.

Auch für Markus war es verstörend.
Es war wieder wie im Durchgang, bevor er seine Aufmerksamkeit auf das Tier gewandt hatte: Am Rand seines Bewusstseins hörte er es, fühlte er es, wie ein Wispern. Nur dass er jetzt wusste, was es war, und keine Kontrolle darüber ausüben konnte. Ein kleiner Ball aus Angst und Gier nach dem Geruch, der ihr eingeprägt worden war.
Offenbar musste er sich konzentrieren und ihr in die Augen sehen, um die grobe, brutale Kontrolle über sie zu haben, die er ausgeübt hatte. Ohne diese Konzentration war nur dieses Gefühl am Rand seines Bewusstseins, das widerwärtig intim war und nahe und dennoch fremd. Das er nur verstand, weil er die primitiven Triebe in seinem Inneren irgendwann einmal gespürt hatte und sie das Animalische in ihm ansprachen.

Aber das meiste blieb ihm unverständlich. Zwei oder dreimal verlor er das Tier sogar aus den Augen, war zu langsam, weil er an einer Ampel stehen geblieben und nicht in den fahrenden Verkehr hinein gerannt war. Das Ungeziefer kannte solche Scheu nicht mehr und hatte ihn zurück gelassen. Trotzdem hatte er es wieder gefunden.
Dieses Flüstern in seinem Kopf hatte ihm den Weg gewiesen. Ganz flüchtig war er sich der Richtung bewusst, in der es sich befand, jedenfalls für die paar Meter, die das kleine Tier sich entfernt hatte.

Am Ende war der Trieb, den er ihr eingeprägt hatte, die Gier nach diesem Geruch, erfolgreich.
Das Ungeziefer führte ihn zu einem Appartementkomplex, jenseits der Bahngleise, jenseits der großen Allee, die aus der Stadt hinaus nach Norden führte.
Es war ein hässliches, geducktes Gebäude, das sich zwischen zwei Hochhäusern presste. Wie alles andere in der Gegend war es aus Betonplatten geschichtet worden und wirkte, als wäre es direkt aus dem Asphalt der Straße gewachsen: Die Fenster waren wie Schlitze in der Fassade, eine Armeslänge oder mehr hinter dem Beton verborgen liefen sie von oben nach unten hindurch, wie von einem gigantischen Messer in einen Klotz aus Stahl und Stein geschnitten. Im Herbst musste es kleine Bäche dahinunter regnen, aber jetzt war alles nur kalt und grau und überzogen mit einer dünnen Schicht aus Frost.

Die Eingangstür war ein einziger Spiegel, mit zwei Flügeln. Sie sah wie Bronze aus, die man glatt gehämmert und in einen Türrahmen gehängt hatte. Verschwommen sah Markus sein Gesicht darin, sah seine Augen unter dem buschigen Bart hervor schielen und hinter sich die Allee und die hohen Plattenbauten und Wohntürme des Viertels.

Das Ungeziefer, das Markus hierher geführt hatte, sprang dagegen. Mehrfach nahm es Anlauf, rammte seinen kleinen Körper gegen die Verspiegelung. Wieder und wieder, in dem kläglichen Versuch, hindurch zu gelangen und dem Geruch zu folgen.
Markus beobachtete das Verhalten besorgt, dann wandte er sich wieder der Tür zu. Er war, für einen Augenblick wenigstens, ratlos. Was sollte er tun? Hinein marschieren, so wie er war? Unbewaffnet, ahnungslos, nach zwei Fremden suchen, die bereit zu Gewalt waren? Durch die Vordertür herein spazieren?
Er kannte das Gebäude, jedenfalls flüchtig. Es war angefüllt mit kleinen, schäbigen Wohnungen, die für Tage oder Wochen vermietet wurden. Die Miete wurde im Voraus kassiert und auf den Tag berechnet. Für ein paar Jahren hatte er diesen Service selbst in Anspruch genommen, bis ihm auch die Sorge um das wenige Geld hier zu viel wurde.

Er wusste, dass es Kameras darin gab, dass er auffallen würde, wenn er so einfach hinein ging und dann wüsste er immer noch nicht, wonach er eigentlich suchen sollte… Nein, er wusste, wo seine Angreifer zumindest gewesen waren. Er würde sich zurück ziehen, für den Augenblick, und einen Plan fassen, ungesehen und unentdeckt hinein zu kommen durch die Hintertür oder einen Keller oder dergleichen. Viele der Keller hier waren miteinander verbunden, hatten auf die ein oder andere Art Verbindungen zum Untergrund und er könnte, mit etwas Vorbereitung sicherlich ungesehen…

Die Tür öffnete sich. Markus machte einen Satz zurück, verwirrt, bis er begriff, dass die Tür sich nicht wegen ihm oder der Ratte geöffnet hatte.
Sondern wegen der Frau, die ihren Kopf hinaus streckte und ihn neugierig ansah.
Sie war alt, oder älter jedenfalls, mit einer prominenten grauen Strähne an der Schläfe, aber ihr Blick war ganz klar, scharf und hart wie ein Rasiermesser.
„Wollen Sie etwas?“, fragte sie. Sie klang unfreundlich, barsch. „Seit fünf Minuten stehen sie hier und glotzen und kommen nicht rein. Ich kann sie von meinem Schreibtisch aus sehen, das irritiert mich.“

Markus stank, das wusste er. Nach Alkohol an den Händen und Schweiß an der Kleidung, vermutlich nach Resten von Tier und Tod. Er fuhr sich mit der Hand durch den Bart, kratzte sich das Kinn.
„Ich suche…“, sagte er, und unterbrach sich selbst. Seine Stimme knurrte mehr, als dass sie menschliche Sprache formulierte. Er räusperte sich.
„Ich suche Freunde von mir“, sagte er und versuchte es mit einem Lächeln, das seine Zähne nicht zeigte. „Sie müssten hier wohnen.“

Die Augenbrauen der Frau zogen sich zusammen.
„Name?“, fragte sie.
„Gefreiter“, log Markus. „Roland Gefreiter.“
„Nie gehört den Namen“, sagte sie. „Sind sie sicher?“

„Ich… Roland ist ein alter Freund von mir. Ich habe gehört, dass er in der Stadt sei“, sagte Markus und redete einfach drauf los. Er war sich flüchtig bewusst, dass die Ratte an der Frau vorbei gerannt war und sich ihren Weg durch das Gebäude bahnte. Sie war drinnen und sie folgte weiterhin dem Geruch. Vielmehr wusste er nicht.
Er musste die Frau irgendwie davon abhalten, ihm die Polizei auf den Hals zu hetzen.
„Ich… uhm. Er schuldet mir Geld“, sagte er. „Geld, das ich gut gebrauchen kann, wissen Sie? Ich… Ich hatte gehofft, ihn vielleicht rasch zu sehen. Wissen Sie? Zehn, zwanzig Euro können mir über die Woche helfen und es ist kalt und… Die letzten Male ist er immer hier abgestiegen, ich hatte gehofft, dass er vielleicht dieses Mal wieder. Es ist nicht viel, das er mir schuldet, wirklich.“

Markus konnte sehen, wie ihr Gesichtsausdruck weicher wurde. Mitleid schlich sich in ihr Lächeln und sie bekam diesen Zug um den Augen, der von einem weichen Herz sprach.
„Das tut mir Leid zu hören. Wir haben oft wechselnde Mieter, da ist mir der Namen vielleicht entfallen…“
Markus sah an ihr vorbei in die Lobby. Viel hatte sich nicht getan – die selben abgesessenen Stühle wie vor Jahren, die selben hässlichen Tapeten.
„Wollen Sie reinkomm‘? Ich kenne den Namen zwar nicht, aber vielleicht finde ich ihn ja in der Datenbank. Dann wissen Sie wenigstens, ob er hier war oder nicht.“
„Das ist sehr freundlich von Ihnen“, sagte Markus.

Sie ließ ihn ein. Die Lobby war erdrückend. An der Seite gab es eine Art von Rezeption, hinter dem die Frau Platz nahm. Der Schreibtisch war unordentlich. Das übliche Computersystem stand dort, ein Dinosaurier, selbst für Markus, und jede freie Fläche war mit Teetassen und Büchern belegt. Flyer und einige Papiere, die wie aneinander geheftete Verträge wirkten, lagen herum. Einige der Buchtitel kannte Markus noch aus seinen eigenen Studienzeiten, andere waren ihm unbekannt. Die meisten waren damals schon antiquiert gewesen. Lokalgeschichte, erinnerte er sich, aus und über das letzte und vorletzte Jahrhundert, hauptsächlich über Ausgrabungsarbeiten und Stadtarchäologie.

„Ich heiße übrigens Marie“, sagte die Frau und lächelte. „Marie Rauschenberg.“

„Markus“, sagte Markus und beließ es bei seinem Vornamen. „Sie sind sehr freundlich, Marie. Die meisten Anderen hätten mich draußen stehen lassen oder davon gejagt.“

Marie schnaubte, während sie auf die uralte, noch mechanische, Tastatur einhackte.
„Den meisten geht ja auch alles Gefühl für ihre Mitmenschen verloren. Durfte mir neulich in der Bahn ansehen, wie so ein alter Sack über eine junge Frau mit Kind hergezogen ist. Hat sie vor allen beschimpft als Hure und was nicht alles.“
„Teenagerschwangerschaft?“, fragte er.
„Türkin.“
„Ah.“

Sie schwiegen einen Augenblick.
Marie durchsuchte weiter die Datenbank. Markus konzentrierte sich auf das Ziehen in seinem Geist. Er spürte die Ratte noch, ganz schwach, irgendwo über sich. Die Entfernung konnte er schwer abschätzen, aber seit ein paar Minuten bewegte sie sich nicht mehr vom Fleck. Aber sie lebte noch.

„Gefreiter, sagen Sie?“, riss Marie ihn aus seinen Gedanken.
„Ja. Roland Gefreiter, mit e-i. Großer Typ, bisschen speckig.“
„Hm. Ich finde ihn leider gar nicht im System“, sagte sie. „Also so gar nicht. Kein einziger Treffer für die letzten zwei oder drei Jahre. Viel länger dürfen wir die Daten leider nicht aufheben, sorry.“

„Sie haben mir schon sehr geholfen, wirklich.“ Markus‘ Blick ging zu den Büchern auf ihrem Tisch.
„Studieren sie Geschichte?“, fragte er.

„Fast richtig, aber trotzdem daneben. Nein, ich studiere Psychologie… aber ich hab mich für ein extra Curriculum für Archäologie eingeschrieben. Musste mal etwas anderes machen als Leuten im Kopf zu spuken. Ich hab ja noch nicht genug schlaflose Nächte.“ Sie lachte und winkte dann ab. „Ob sie es glauben oder nicht, ich habe eigentlich nur ein amateuerhaftes Interesse an solchen Dingen. Ist mehr ein Hobby von mir. Urbanes Erkunden und solche Sachen.“

Eine glatte Lüge, dachte Markus, sagte es aber nicht. Wer war er schon, um über Lügner zu urteilen? Stattdessen wechselte er das Thema.

„Marie, hören Sie… Ich bin ihnen wirklich dankbar und ich weiß, dass ist ein wenig viel verlangt… Denken Sie, ich könnte kurz Ihre Toilette benutzen? Ich würde mir gerne das Gesicht waschen und einmal mit Seife… Ich mache keinen Dreck, ich verspreche es.“

Einen Augenblick lang zögerte sie. Er sah es in ihren Augen, in der Art, wie sie kurz zur Eingangstür blickte, dann zum schlecht einsehbaren Treppenhaus, vorn im toten Winkel von der Rezeption aus gesehen.
„Klar… Sollte kein Problem sein, können Sie“, sagte Marie. „Sind nur nach links, unten im Treppenhaus. Nehmen Sie sich alle Zeit, die sie brauchen. Und keine Sorge wegen Dreck und so – ist nicht so, als könnten sie viel schmutzig machen.“

Die Anspannung fiel von ihm ab, er zwang sich zu einem Lächeln.
„Danke, Marie“, sagte er. „Sie sind ein Engel.“

„Geben Sie auf sich Acht, Markus“, sagte sie. Sie lächelte wieder. Es war betörend und beinahe wäre er gewillt gewesen, seine Aufgabe für einen Augenblick zu vergessen.
Aber dann war der Zauber vorbei, sie versenkte sich wieder in ihre Bücher – und vertraute ihm, nach dem Toilettenbesuch wieder zu gehen.

Markus ignorierte die Toilette und machte sich geraden Wegs die Treppen hinauf. Die Ratte war vor einer der Türen im dritten Stock zum Stehen gekommen. Die letzte Zeit seines Gesprächs mit Marie hatte sie sich scheinbar unaufhörlich gegen die Fußleiste der Tür geworfen, wie sie es schon am Eingang getan hatte. Unaufhörlich, wieder und wieder, hatte sie sich mit aller Kraft dagegen gerammt, als ob sie sich durch die schäbige, aber trotzdem für ihre Größe viel zu stabile, Zimmertür hätte drücken können.
Blutspuren waren am Holz zu sehen und das Tier taumelte bereits. Ihre Bewegungen waren schlaff, kraftlos. Trotzdem tat sie es weiter.

Markus ignorierte sie. Es gab nicht viel, was er tun konnte. Er traute sich nicht zu, diese seltsamen… Privilegien oder Kräfte oder Magie, was auch immer es war, noch einmal anzuwenden. Nicht hier, nicht so kurz vor seinem Ziel.

Es war nicht die erste Wohnungstür, die er geknackt hatte. Die Schlösser waren alt und kaum gewartet worden. Der Bau war aus der Spätphase der Ostrepublik, wie die meisten Gebäude im Viertel. Und die Schlösser waren seit dieser Zeit nicht ausgetauscht worden. Der Verwalter hatte an der Sicherheit genau wie an allem anderen gespart. Was bedeutete, dass es ein altes Modell war und von zwei oder drei davon kannte Markus die Schwachstellen. Er hatte beim Militär ein wenig davon gelernt, ein paar Kleinigkeiten, wie man in bestimmte Arten von Türen kam, ohne gesehen zu werden…
Für dieses hier brauchte es nicht viel mehr als einen Draht, eine Büroklammer oder dergleichen, wie er sie unten an der Rezeption mitgenommen hatte, und ein wenig Fingerspitzengefühl.

Das Schloss klickte ohne großen Widerstand auf. An Markus Füßen vorbei schleifte sich die Ratte, bis zur vermeintlichen Quelle des Geruchs. Ihre Gier danach schien sie als einziges noch anzutreiben.

Das Zimmer… war menschenleer.

Es war genau so herunter gekommen, wie der Rest des Hauses. Es gab keinen Flur, die Tür öffnete direkt in das angebliche Appartement – ein größeres Zimmer, dreißig Meter im Quadrat, das Markus konnte mit gerade zwei Blicken überblicken konnte:
In der hinteren Mitte unter dem Fenster stand eine Couch, die man ausziehen konnte und auf der sich Bettzeug befand. Sie schien für die Ratte den stärksten Geruch zu verströmen, jedenfalls eilte das von Markus auf ihn angesetzte Ungeziefer dorthin und verkroch sich unter dem Möbel. Es quetschte sich in irgendeine Ritze, um dem Geruch so nah wie nur möglich zu sein… und brach dort zusammen. Ganz schwach war sich Markus ihrer noch bewusst, es gab da am Rand seines Bewusstseins noch ihre anderen, tierischen Emotionen. Aber sie rührte sich nicht mehr.

Links eine Küche – eine Kochnische mehr, mit einer elektrischen Herdplatte neben der Spüle und einem Regal mit einer handvoll an Gedecken. Der Tisch stand in der Mitte des Zimmers, mit ein paar Klappstühlen aus Holz umstellt und voll mit Zeug. Alte Fastfood Behälter.
Ihr gegenüber stand eine Kommode, auf die ein Fernseher gepasst hätte, wenn es denn einen gegeben hätte. Hinter der Kommode, in der rechten Ecke, befand sich die Tür zum Badezimmer.
Der ganze Raum war mit einem dünnen, grauen Teppich ausgelegt, der den Beton darunter kaum verbarg.

Ein Reinfall. Keine großen Offenbarungen. Hier würde er nicht viel stehlen können, wie er gehofft hatte. Die Angreifer hätten vermutlich keine Papierspur hinterlassen – Kreditkarten waren selten und sie hatten ihm genug Geld abgenommen, um alles auf Monate hinaus in Bar zu zahlen.

Markus ließ die Tür hinter sich ins Schloss fallen und machte sich an die Arbeit. Er war gründlich immerhin und vielleicht fand er entgegen aller Hoffnungen ja doch etwas.

Im Appartement fand sich nicht viel. Zwei Reisetaschen, in der Ecke hinter dem Bett, die Kleidung enthielten. Winterkleidung, ausschließlich, und zu allem Überfluß unisex. Sie roch bereits, schien also nicht gewaschen worden zu sein. In der Kommode fand sich bloß Bettwäsche, im Regal nichts außer Geschirr. Der Küchentisch verriet nicht viel. Rechnungen von Imbissbuden, nicht einmal von Lieferdiensten. Ein hauchdünner Vertrag über die Wohnung, der für einen Monat im Voraus bezahlt worden war, lag unter diversen Werbeheften von Imbissbuden in der Umgebung. Er war in bar bezahlt und unter falschem Namen – Manfred Mustermann – abgeschlossen, vor etwa drei Wochen. Es gab keinerlei Kreditkarten oder auch nur EC-Karten Abrechnungen. Keine Drogen außer Alkohol, nicht einmal Gras, wegen der er ein paar Händler der Gegend hätte befragen können.

Eine Enttäuschung, alles in allem, die Markus für einen Augenblick zweifeln ließ. Er hatte nichts. Gar nichts. Keine Namen, keine Hinweise Auftraggeber, nicht mal irgendetwas, das er stehlen und zu Geld, zu einem Mittagessen oder einer Waffe machen konnte.

Ihm sank das Herz.
Vielleicht… vielleicht könnte er ihnen auflauern oder sie zumindest beobachten. Vielleicht könnte er sich draußen in eine Ecke hocken und einfach warten, bis sie vorbei kamen. Zwei Kerle oder vielleicht zwei Frauen oder ein Kerl und eine Frau, einzeln oder miteinander…
Schwachsinn, sagte er sich.
So nah wie gerade in diesem Augenblick würde er ihnen nie wieder kommen. In ein paar Tagen wären sie fort, würden das Appartement verlassen, wenn sie das nicht schon längst hatten, und dorthin zurück gehen, wo sie hergekommen waren.

Nein, Markus musste…

Ein Schaben, von Metall auf Metall. Markus wirbelte herum, sein Blick ging panisch durch das Zimmer. Er war nicht vorbereitet. Keine Waffe, kein nichts. Wie auf dem Präsentierteller stand er mitten im Raum, bereit ein zweites Mal aus nächster Nähe erschossen zu werden.

Die Tür zum Badezimmer!
Er war hindurch, gerade als die Tür aufschwang und zwei Gestalten hineinkamen. Es mussten zwei sein, er hörte sie miteinander reden.
Seine Mörder. Möglicherweise. Falls der Geruch richtig war.

Markus gegen die Kacheln. Er hatte sich hinter den Duschvorhang gerettet, in die Kabine, und wagte kaum zu atmen.
Er hörte die zwei sich unterhalten, ohne ihre Worte verstehen zu können. Eine Stimme klang tiefer als die andere, sie trug besser durch die nur angelehnte Badezimmertür. Sie wurde auch lauter. Ein Streit scheinbar, über irgendetwas, das er nicht ausmachen konnte. Geld? Nein. Die Wohnung vielleicht? Hatten sie keine Zeit mehr oder noch zu viel Zeit? Er hörte jemanden etwas über die Polizei sagen. Eine Frau, sicher eine Frau. Ihre Stimme war hoch, sie schnitt durch die Wohnung wie eine Peitsche, als sie den oder die Andere anfuhr.
Hatten sie sein Eindringen bemerkt? Standen sie vielleicht nur vor der Tür, um ihn einzusperren?

Seine Gedanken rasten.
Das Bad verfügte über keine Fenster, keine weiteren Ausgänge. Es war ein enges, kleines Ding mit einer Duschkammer, einer Toilette, die beinahe in der Dusche stand, und einem kleinen Waschbecken. Der Abzug war ein etwa zwanzig mal zwanzig Zentimeter großes Loch in der Wand, oben über der Dusche, der direkt in einen Abzugsschacht führte, der wohl durch das ganze Haus führen würde.
Markus war hier drin gefangen.

Etwas wurde abgelegt, irgendwo nahe an der Tür des Badezimmers. Auf der Kommode vielleicht, ein schweres Geräusch. Ihre Stimme meldete sich wieder. Sie wollte weg. Das war es. Verschwinden, so schnell es ging.
Oh Bitte, dachte Markus. Bitte geht.
Sie sagte irgendetwas, das er wieder nicht verstand. Eine männliche Stimme antwortete ihr, direkt hinter der Badezimmertür. Markus erstarrte. Sein Blick wanderte nach oben. Der Vorhang war nur mit Plastikringen an einer Stange befestigt, die die Kabine in einer Art Halbkreis umschloss. Mit einem Sprung könnte er sie abreißen, falls der Mann das Badezimmer betrat.

„Nur noch ein paar Tage“, sagte die tiefe Stimme.
Sie wieder. Leiser, so dass Markus sie nicht verstand.
„Weil er uns das dreifache versprochen hat. Willst du das aufgeben? Wegen eines schlechten Gefühls?“
Die Frau sprach, der Mann antwortete leise. Markus verstand nicht mehr, was sie sagten, obwohl er sich so weit nach vorn an den Vorhang lehnte, wie er wagte. Beide sprachen sie jetzt leiser, zärtlicher. Er war sich nicht sicher, aber er glaubte, dass sie sich versöhnten.

Gespannt hielt er den Atem an, bereit, jeden Augenblick hervor zu springen und… und zu tun, was getan werden musste: Sich zu rächen.
Aber niemand betrat das Bad, niemand zog den Vorhang beiseite, um ihn zu entblößen.

Nach ein paar endlosen Minuten, die wie Stunden an ihm vorbei krochen, hörte er ein Stöhnen. Dann noch eines und ein Kichern. Er atmete aus, sackte mit dem Hinterkopf wieder gegen die Kacheln. Ein Paar. Ein Paar, das Sex hatte. Offenbar waren sie nicht kurz davor, durch die Tür zu stürmen.

Er sackte nach unten, ging in die Knie. Er hätte lachen können, wenn er sich dadurch nicht doch noch verraten hätte.
Markus überlegte. Er hätte einige Minuten, dann würde der Mann sich erschöpft von seiner Partnerin rollen und sie würde das Badezimmer aufsuchen. Bestenfalls waren die zwei tatsächlich verliebt und würden es ein zweites Mal tun oder sich einander in die Arme schmiegen, aber selbst das brächte ihm nicht mehr als ein paar Minuten Aufschub.

Nein, er musste aktiv werden, die Oberhand gewinnen, irgendwie.

Vorsichtig schob er den Vorhang beiseite, Zentimeter um Zentimeter, damit die Ringe nicht über das Plastik schaben und ihn verraten konnten. Er schob sich an ihm vorbei, bis zur Tür. Sie war noch einen Spalt geöffneten, durch den er nur die Küche in der schräg gegenüberliegenden Ecke sehen konnte… und Teile der Kommode.

Er hatte gehört, wie etwas darauf abgelegt worden war. Es war die Pistole gewesen. Die Pistole, mit der er erschossen worden war. Das heißt, eigentlich war es der Mantel gewesen, vermutlich des Mannes. In der Innentasche steckte eine Pistole, ihr Lauf schaute aus den Falten hervor, lächelte ihn an.s

Er zögerte einen Augenblick und versuchte, sich durch das Schlüsselloch der Badezimmertür ein besseres Bild von der Situation zu machen.

Der Mann und die Frau waren miteinander beschäftigt. Er konnte nur Gliedmaßen sehen, die sich übereinander schoben, einander umklammerten. Keine Gesichter, keine Details, nur Leiber übereinander und er hörte ihr Keuchen und seine Stummheit.
Kurz sah er dem Paar dabei zu, ein Auge an das Schlüsselloch gepresst. Es war ein geübtes Spiel, das sie trieben, voller Leidenschaft, die genau wusste, wo sie Fleisch greifen, Haut beißen und Haare packen musste, und sich dennoch hinreißen ließ und neues zu versuchen schien.
Ihre überraschten Seufzer legten davon Zeugnis ab.

Markus riss sich davon los.

Dann trat ein Geist in schwarz aus dem Badezimmer. Er griff sich die Pistole, den Blick starr auf das Geschehen im Bett fixiert. Er brachte die Waffe vor sich, wie er es vor vielen Jahren gelernt hatte, richtete ihre Mündung auf die Körper im Bett.
Am unteren Rand seines Blickfelds sah er die Pistole, der Rest war ausgefüllt von diesem lustvoll stöhnendem Fleisch vor sich. Es war ein altes Modell, wie er es lange nicht mehr in der Hand gehabt hatte, eine Makarow. Zuletzt hatte er bei der NVA eine besessen, vor zwanzig Jahren oder so. Sie schmiegte sich an seine Handinnenfläche, als hätte der Kunststoff bloß auf seinen Griff gewartet.

Das Paar hatte ihn noch nicht bemerkt, war zu beschäftigt miteinander und hatte die Oberkörper zum Fenster gedreht – sie mit den Oberarmen auf dem Fensterbrett, er hinter ihr.

Es klickte, laut und ohrenbetäubend.

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