Muster – Teil XI: Der Abstieg

Muster XI – Aftermath

Markus war gut darin, sich in den Windungen der Stadt zurecht zu finden, in den Lücken und Gängen zwischen den Häusern. Ein Einzelner war klein genug, unauffällig genug, sich in jede Gasse zu quetschen und einfach… unterzugehen. Der Trick war, auf die Menschen zu achten. Sie schrieben Muster in die Stadt, mit ihren Wegen, ihren Gängen und Begegnungen. Muster, an denen jeder, der ein Auge dafür hatte, die Seele einer Stadt erkennen konnte – oder wenigstens ihrer Menschen.
Und abseits davon, abseits dieser Muster gab es eine Leere, ein ganzes Labyrinth, in dem Markus verschwinden konnte. Ein Irrgarten aus Glas, Stahl und Asphalt, der Licht und Menschen gleichermaßen schluckte.

Genau das war mit ihm geschehen. Markus hatte sich am Rand der Gesellschaft bewegt, noch mehr als sonst, und war in ein sprichwörtliches Loch gefallen. Seit er Franky getroffen hatte war es ihm so gegangen und er sagte sich selbst, dass es aus der Notwendigkeit heraus geschehen war. Dass es so viel zu tun gab, dass er so viel herum eilen musste, von einem Platz zum Anderen, dass er keine Zeit gefunden hatte.

Sein Schlafstätte, seinen Heizungskeller, hatte Markus seit Tagen nicht aufgesucht.
Weil keine Zeit war, sagte er sich immer wieder. Er hatte Roland finden müssen, der untergetaucht war. Bei ihm war er für einige Tage untergekommen, dann bei einigen seiner Handlanger. Dinge waren zu regeln gewesen, Leute zu finden. Roland musste den Adler wieder öffnen und das Geschäft zurück in den Alltag führen. Markus hatte bis zum nächsten Vollmond Zeit, um wieder zum Laufen zu bringen, was mit seiner Ermordung endgültig aus den Fugen geraten war.

Er hatte Roland ausfindig gemacht, irgendwie hatte er ihn aufgespürt, nachdem der Gangboss untergetaucht war. Als Markus angeschossen worden war, hatte Roland die Zeichen am Horizont erkannt und war geflohen. Einer seiner Jungs – der Anwalt der Truppe, der feine Herr im Anzug, den Markus auf seinem taumelnden Weg in seine Zuflucht beiseite geschleudert hatte– hatte Roland von dem offenbaren Angriff in Kenntnis gesetzt, ehe er sich selbst abgesetzt hatte.

Markus hatte Tage darauf verschwendet, ihn davon zu überzeugen, dass er in der Tat noch lebte. Dann war er selbst wieder verschwunden, war untergetaucht. Er konnte spüren, wie der Hunger in ihm größer wurde. Wie er selbst alte Bekannte mit einem Blick von der Seite ansah, gegen den er sich nicht wehren konnte. Ein Blick, der sie nicht als Menschen sah, sondern als Fleisch.
Ein Blick, von dem Franky behauptet hatte, dass er ihn zu beherrschen lernen könnte. Das war seine Ausrede gewesen, um sich abzusetzen: Dass es zu gefährlich war für andere.

In Wahrheit… In Wahrheit fürchtete er sich. Vor seinem Heim, seiner Zuflucht. Jeder Mann, der Verstand besaß, hätte in seiner Situation Furcht verspürt. Und ein kleiner Teil von ihm besaß noch genug Verstand dazu.

Er fürchtete sich vor dem Abstieg. Einer von vielen Gründen, warum er seinen Heizungskeller mied war diese Furcht. Keine Angst, nicht dieses diffuse Gefühl ohne Richtung oder Antrieb, bei dem Markus nur wusste, dass er Angst hatte.
Was er spürte, war Furcht:
Eine greifbare Ablehnung dieses Heizungskellers, der seine Zuflucht gewesen war. Dorthin hatte er sich geflüchtet, nachdem er angeschossen worden war… und nachdem er in tierischer Gier einen Brocken Fleisch aus Klaus Grabhügel heraus gebissen hatte, an dem er letzten Endes verreckt war.
Er fürchtete sich, den Heizungskeller erneut zu betreten, weil er sich dort den Konsequenzen seiner Taten stellen musste. Und für diese hatte er keine Muster mehr parat, keine Erklärungen, kein Verständnis..

Er war richtungslos. Sein Bild von sich selbst und der Welt und seinem Platz darin war zerschmettert worden von gerade einmal einer Handvoll Worten und sechs Kugeln, die er überlebt hatte, obwohl er hätte sterben sollen.

Trotzdem war er gesund. Jedenfalls körperlich. Nicht nur dass die Schusswunden verschwunden waren und verschwunden blieben – seine körperliche Verfassung war unvergleichlich. Er schlief weniger, als er je für möglich gehalten hätte. Drei bis vier unruhige Stunden voller Alpträume, voller Stimmen und Geflüster überall um ihn her, aber er erwachte stets mit Bärenkräften und einer Energie, die unendlich schien. Energie, die er vergeudete, indem er durch die Straßen des Viertels, seines Viertels, wanderte. Immer mit einem Blick hinter sich geworfen, irgendeinen Verrat erwartend, der nie kam. Er schlief mit einem offenen Auge, mit einer Hälfte seines Geistes auf das Ungeziefer konzentriert, das ihm die eine Gesellschaft in seinen Tagen war.

Die einzige Sicherheit, die es noch gab, war diese: Dass er gestorben war und dennoch lebte. Dass er in eine Welt geworfen war, in der er nicht einmal sich selbst mehr verstand und dass er den nächsten Schritt allein tun musste.
Dass er ihn vielleicht schon getan hatte, ohne sich dessen bewusst zu sein, traf ihn wie ein Schlag etwa eine Woche nachdem er Franky gefunden hatte.
Es war die Schlagzeile der WORT, die ihm von einem Zeitungsstand aus ansprang und die zu kaufen er sich genötigt fand. In den letzten Tagen hatte er Geld beiseite geschafft, größten Teils die Reste des Geldes, die ihm von seinen Mördern gestohlen worden waren. Er brauchte noch immer nicht viel davon, aber er hatte eingesehen, dass manche Gewohnheiten, so ideal er sie fand, nicht praktikabel waren. Armut war eine davon.

Das Schmierblatt berichtete auf seine übliche, reißerische Art von einem grauenerregenden Fund:
Zwei Körper waren gefunden worden, vor knapp zwei Tagen. Irgendwo am Bahndamm, auf halbem Weg die Böschung von den Gleisen hinab zum Dickicht der Schnellstraße aus der Stadt. Man hatte sie nicht gleich identifizieren können. Zu zernagt waren die Hände gewesen, zu verfault die Gesichter. Ein Gerichtsmediziner hatte Stunden damit zugebracht, ihre Zähne aus dem fauligen Fleisch zu schälen und sie mit einem Gebissabdruck zu identifizieren.
Die abgedruckten Fotos zeigten – gnädigerweise – nicht die Leichen selbst, sondern frühere Aufnahmen aus dem Polizeiarchiv:
Klaus Grabhügel und Elisabeth Gärtner, ein den Behörden wohlbekanntes Pärchen, das scherzhaft Bonny und Clyde genannt wurde. Sie hatten eine Reihe kleinerer Verbrechen auf dem Gewissen. Bewaffneter Raub, hauptsächlich an einigen Tankstellen etwas außerhalb, oft mitten in der Nacht. Diebstahl, versuchter Betrug. Jeden Winter stellten sie irgendetwas an, um für vier bis sechs Monate im Gefängnis zu landen und von der Straße zu kommen.
In diesem Winter hatten sie ein vermeintlich besseres Angebot bekommen.

Die Todesursachen der beiden, da waren sich alle Beobachter einig, waren natürlich. Man hatte keinerlei Schußwunden oder andere Verletzungen gefunden, keine Würgemale, oder Gifte.
Grabhügel war zwar an der Bisswunde in seiner Schulter gestorben, diese schien aber tierischen Ursprungs zu sein. Die Beißspuren waren mit seriöser Wissenschaft nicht mehr zu retten – die staatlichen Behörden lehnten forensische Zahnmedizin als fehlerbehaftete Scharlatanerie ab – schienen aber von einer Vielzahl an Nagetieren zu stammen. Gärtner war dagegen an Herzversagen gestorben. Ihr Herz zeigte Spuren eines Arrests oder Herzinfarkts, ausgelöst von unbekannter Quelle, vermutlich hoher und anhaltender Stress in Kombination mit einem plötzlichen und heftigen Panikanfall.
Todesursache: Angst, lautete die Diagnose des Schmierfinks der WORT.

Die Polizei gab daher bekannt, dass sie von einem Unfall ausging. Grabhügel müsste in einem Unterschlupf, irgendeiner Nische oder windgeschützten Unterführung unterhalb des Bahndamms gebissen worden sein. Gärtner hätte versucht, ihn zum nächsten Bahnhof zu schleifen, sich bei einem heftigen Schneeregen letzte Woche allerdings verirrt. Man ging davon aus, dass sie in der Dunkelheit beinahe von einem Zug erfasst worden war, worauf sie „vermutlich an weiblicher Hysterie, ausgelöst durch Sorge um ihren Partner“, wie die Zeitung es formulierte, gestorben sei.

Für einige Tage darauf erregte der Fall einiges Aufsehen, wobei keinerlei Aufmerksamkeit auf die Opfer oder auch nur die Umstände ihres Todes fiel.
Gemeinnützige Organisationen forderten mehr Mittel für die Unterbringung von Obdachlosen. Die Spenden für die Ärmsten der Gesellschaft schossen für einige Tage in die Höhe, ehe sie wieder leicht unter das alte Niveau herab sanken.
Die Polizei stritt Versagen ihrer Kräfte ab, man sei nicht für die Versorgung der Zivilbevölkerung, sondern für die Bekämpfung von Kriminellen zuständig – Kriminellen wie jenem Paar, das wegen zwei Dutzend verschiedener Straftaten und Delikten immer wieder eingesessen hatte.
In der lokalen Politik wurde beschlossen, arme Menschen wie Gärtner und Grabhügel künftig von der Straße zu holen, was sich in einer Reihe von Anweisungen an die Polizei ausdrückte, härter durchzugreifen und Obdachlose weiter aus dem Blick der Öffentlichkeit zu verdrängen.
Die Kirchengemeinde Alt-Hohenschönhausen öffnete ihr Vereinshaus – ein kleines Fachwerkhäuschen zwischen den Plattenbauten, die den ehemaligen Dorfkern überwuchert hatten – daraufhin für all jene armen Seelen, die „um ihres Menschenrechts von Brot und Wasser willen auf Verbrechen zurück greifen“ müssten und setzte sich für eine bessere medizinische Versorgung ein.

Niemand hinterfragte, wer den Fond finanzierte, aus dem diese philantropische Tätigkeit gestiftet worden war. Niemand war überrascht, dass sich Roland Gefreiter – der im Viertel als Wirt und Geschäftsmann bekannt war – bereit fand, gemeinnützige Arbeit zu unterstüzen. Noch weniger Bürger hörten von einem gewissen Herrn Roth, der mit großzügigen Spenden die Maßnahmen der Kirchengemeinde unterstützte.

Markus las die Zeitung mit einem Gefühl in der Brust, als lastete der Druck einer Betonplatte auf ihm. Diese Menschen waren tot. Wegen ihm. Einen davon hatte er getötet, mit einem Biss. Nicht er vielleicht, nicht bewusst, nicht, weil er es gewollt hatte – aber er hatte Klaus Grabhügel getötet. Und er fühlte nicht viel dabei. Nicht mehr als den Ekel vor diesem Trieb, der ihn dazu gebracht hatte. Als trüge er ein Tier in seiner Brust und das Tier hätte alles das getan. Als wäre er unschuldig, eine ganz andere Person. Er, der Mensch, war nicht verantwortlich.
Und selbst sie… sie war tot wegen ihm. Elisabeth Gärtner. Sie hatte er nicht verletzt, aber Franky hatte es getan. Er hatte sie ihm auch auf den Hals gehetzt, zugegeben… aber letzten Endes waren sie wegen ihm gestorben, um an ihn heran zu kommen.
Und er hatte einen Pakt mit ihrem Mörder geschlossen. Mit dem selben Mann, der ihn hatte töten wollen.
Der Gedanke füllte ihn mit Widerwillen. Vielleicht floh er auch vor ihm.

Aber das war Teil des Geschäfts gewesen, das er mit Franky geschlossen hatte. Rache an den Mördern – nicht unbedingt für Markus, sondern weil es gefordert worden war – und er würde Markus diesen Drang zu beherrschen zeigen. Dieses Tier, das sich in seiner Brust befand und das ihn zu diesen Taten trieb.

Und im Gegenzug… im Gegenzug würde Markus in den Untergrund steigen und seine Aufgabe für beendet erklären. Einen von ihm geschlossenen Frieden verteidigen und erklären, dass die Aggressionen gegen Roland und seine Bande aufhören würden. Dass alles blieb, wie es war, und Roth sich raushalten würde.

Dann wiederum… Kein Mann mit Verstand würde Franky trauen. Nur ein Narr würde glauben, das jemand, der einen im ersten Moment umbringen wollte, ein Freund sein könnte. Oder auch nur ein Verbündeter in dieses Labyrinth am Rand aller gesellschaftlichen Muster, in das Markus unwissentlich eingetreten war.
Es war mehr als möglich, dass Markus über den Tisch gezogen worden war. Dass Franky ihn reingelegt hatte und sein Entgegenkommen nicht genug wäre.
Es war möglich, dass Markus in den Augen jener Kreatur versagt hatte, die ihn mit dieser Aufgabe betraut hatte.
Und dann?

Dann wäre sein Abstieg in den Untergrund, um seine Aufgabe zu beenden, ein Abstieg in sein staubiges Grab.

Bis zum nächsten Vollmond hatte es geheißen. Und mit jeder Nacht, die der Ablauf dieser Frist näher rückte, wurde Markus klarer, dass er vor dieser Nacht davon zu laufen versuchte. Dass er versuchte, sich so weit zu verkriechen, dass er die Kreatur, der er die Treue geschworen hatte, nicht mehr finden könnte.

In der Nacht vor dem Vollmond, als nur eine kaum wahrnehmbare Scheibe am Mond fehlte, suchte ihn ein Traum auf. Jedenfalls hoffte er, dass es ein Traum gewesen war. Auch wenn eine kleine Stimme, ein kleiner, hässlicher Teil in ihm die Wahrheit kannte, so wie sie auch wusste, dass er sich vor sich selbst fürchtete.
Er hatte im Schlaf eine Stimme gehört. Es war nicht wie das letzte Mal gewesen, als er im Sterben gelegen hatte und von der Kreatur geträumt hatte, mit der er einen Pakt eingegangen war. Die sein Leben gerettet… und wegen der er überhaupt erst angeschossen worden war.
Dieses Mal war es nur ihre Stimme gewesen, die ihn – wie ein Flüstern in weiter Ferne, wie das Geräusch von Wind in Tunneln – gerufen hatte.

Markus wusste, dass die Kreatur – der König der Ratten und Würmer, wie Franky sie genannt hatte – nicht zu ihm kommen würde. Sie würde ihr Reich unter der Stadt nicht verlassen, um seinen Bericht zu hören.

Er würde zu ihr hinab steigen müssen, in ihren Hofstaat der Ungeziefer, und sich prüfen lassen. Sich richten lassen für die Aufgabe, die er erfüllt hatte. Ob er sie denn erfüllt hatte.
Und Markus war mit den Stimmen von tausend und einer Ratte in seinen Träumen hinunter befohlen worden.

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