Muster – Teil X: Ein Tausch mit dem Teufel

Markus zögerte vor der Tür. Absurd. Einfach absurd, dachte er, und sah, dass er Dreck auf dem Türknauf verteilte. Er klopfte sich Schnee und Matsch von den Knien und den Händen. Als ob er anständig aussehen wollte für den Mann, der seinen Mord in Auftrag gegeben hatte.
Als ob das möglich wäre.
Niemand kam, um ihn herein zu zerren oder fort zu jagen, obwohl er einige Minuten dort stand und sich die Situation durch den Kopf gehen ließ.
Es war, wie der Unbekannte gesagt hatte, seine Entscheidung. Er konnte hinein gehen und reden, vielleicht einige Stückchen Informationen aus dem Unbekannten Auftragsgeber heraus quetschen. Oder er konnte gehen, seinem Mord den Rücken kehren…

Teufel, wenn er nicht neugierig war, was hier gespielt wurde. Er öffnete die Tür und trat ein
Das Haus war klein. Ein winziger, weiß gekalkter Flur führte an einer Gemeinschaftsküche und einem größeren Aufenthaltraum der Küche gegenüber vorbei. Für Kiezversammlungen wahrscheinlich. Und am Ende, am Ende wartete das brennende Licht aus der Bibliothek, wo Markus bereits erwartet wurde.
Von dem Mann, der sich kaum vom Fleck gerührt zu haben schien. Der stand dort, die Hände vor dem Bauch gefaltet mit seiner schwarzen Jeans und dem dunkelblauen Hemd und geduldig und höflich gewartet hatte.

Der Unbekannte deutete eine Verbeugung an.
„Es ist gut, dass Sie zu mir gekommen sind“, sagte der Unbekannte. Er deutete mit einer Hand auf einen der Stühle. „Bitte. Setzen Sie sich. Kann ich Ihnen etwas anbieten? Kaffee?“
Eine absurde Situation, fand Markus. Eine absurde Höflichkeit, die ihn in Anspannung versetzte. Er schüttelte den Kopf, ohne den Mann aus den Augen zu lassen.
„Ich stehe gern“, sagte Markus.

„Wie Sie wünschen“, sagte der Unbekannte.
Seine Stimme war kühl geblieben, aber höflich. Zu höflich. Dieselbe Höflichkeit, mit der er mit der Frau gesprochen hatte, die bewusstlos neben ihrem sterbenden Freund lag.
Der Unbekannte setze sich, in den selben Sessel, in dem er wohl auf die Ankunft der Mörder gewartet hatte. Beiläufig nahm er sein Buch wieder zur Hand, suchte die Seite heraus, auf der er vom Auftauchen der Mörder unterbrochen worden war, und markierte seinen Fortschritt mit einem Knick.
„Sie müssen die Unordnung verzeihen. Es lag keineswegs in meiner Absicht, sie zum Zeugen dieseer Sache zu machen.“ Der Unbekannte blickte zu dem Paar auf der Couch. Er, der Mann mit der eitrigen Wunde am Nacken, lag auf der Couch ausgebreitet. Sie, seine Freundin und Komplizin, war daneben zusammen gesunken und lag mit dem Oberkörper auf den Beinen des Mannes. Noch atmete sie und Markus konnte im Gesicht des Unbekannten nicht deuten, ob er Mitleid verspürte oder nicht.

„Was wird aus denen?“, fragte Markus.
„Ihn, Klaus Grabhügel, denke ich, haben Sie ziemlich zugerichtet. Für den dürfte es zu spät sein, er hätte vor Tagen zum Arzt gebracht werden müssen. Sie haben einen ordentlichen Biss, Herr…?“
Der Unbekannte machte eine drehende Handbewegung, so als viele ihm der Name seines Gegenübers nicht ein. Markus musterte ihn. Sie standen sich vielleicht drei Meter gegenüber. Das heißt Markus stand vor der Zimmertür, so wie er das Zimmer betreten und keinen Schritt weiter in de den Raum hinein getan hatte. In seiner Lederjacke und seinen abgenutzten Kleidern, die ihm ein Stück zu lang waren, fühlte er sich unangemessen gekleidet. Schäbig irgendwie.

„Sie kennen nicht einmal meinen Namen?“, fragte er. Kalte Wut staute sich in ihm auf, er ballte die Fäuste. Wenn er eine Waffe gehabt hätte oder einen stumpfen Gegenstand zur Hand…
„Sie lassen mich erschießen, beinahe ausweiden, sie bestehlen mich und sie kennen nicht einmal meinen Namen?“

„Ja, ich fürchte so ist es. Sie müssen das entschuldigen. Es gibt trotz aller Vorbereitung immer wieder Details, die mir entkommen. Aber Sie haben Recht. Eine Vorstellung ist wohl angbracht. Mein Name ist Francesco Roth. Sie können mich Franky nennen, wenn Sie wünschen.“

Roth lehnte sich in seinem Sessel etwas zurück. Vieles an seiner Haltung war eine Lüge, die täuschend leichtgängig und entspannt war, um die Anspannung darunter zu verbergen. Er war bereit, aufzuspringen und jedem Angriff zu begegnen, so schien es. Seine Hände lagen auf den Armlehnen, bereit sich davon abzustoßen, seine Beine waren angewinkelt und bereit, aus dem Sessel zu springen, sollte Markus eine unvermittelte Bewegung machen.

Und Markus hätte gut Lust dazu. Er fühlte eine Wut in sich, die er nicht beschreiben konnte, die er nicht einmal in Gedanken fassen konnte. Es war wie ein Tier in ihm, das an seinen Ketten zerrte. Das selbe Tier, das diesen Grabhügel zerfleischt hatte. Das sich jetzt auf diesen Roth stürzen und ihm die Kehle heraus reißen wollte.

„Sie haben mich schnell gefunden. Ich bin beeindruckt“, sagte Roth.
„Ich hatte Glück.“
Markus war vorsichtig, weigerte sich noch, dem Fremden in die Augen zu sehen. Er wusste nicht, wozu Roth in der Lage war, ob die Geschichte, die ihm die Frau in ihrem Appartement erzählt hatte hatte, ebenso eine Lüge gewesen war wie alles andere. Aber es war vielleicht besser, kein Risiko einzugehen. Nur für den Fall, dass nicht allein Markus über Kräfte verfügte, die über seine Vorstellungskraft gingen.
„Glück und eine gewisse Zähigkeit“, sagte Markus. „Man kann viel erreichen, wenn man zu warten bereit ist.“

Ein Lachen entkam Roth, der es nur mühsam wieder herunter schluckte.
„Ja… ein guter Ratschlag, den ich das nächste Mal befolgen werden. All die Vorbereitung, all die Mühe… und dann stehen Sie wieder auf nach ein paar Kugeln in die Brust. Wie viele waren es? 5? 6? Alles, weil ich übersehen habe, wer sie sind…“
„Sie glauben, dass es ein nächstes Mal geben wird?“ Markus schnaubte. Ihm war ein Auftrag gegeben worden und selbst ohne diesen Befehl in seinem Kopf, ohne die Worte der Kreatur, der er wissentlich oder unwissentlich gedient hatte, war er auf Blut aus.

Roth zog eine Augenbraue nach oben. Alle Spuren des Lachens verschwanden aus seiner Stimme und er bohrte seinen Blick in Markus.
„Lassen Sie mich eines klarstellen, mein Herr“, sagte Roth. „Es ist überaus unglücklich, dass sie überlebt haben oder besser gesagt: Dass meine Werkzeuge Sie nicht getötet haben. Ohne Zweifel sind Sie hier, um Rache zu üben. Ihr gutes Recht und nur natürlich, bei allen Gesetzen und Traditionen, die etwas bedeuten. Vielleicht sind Sie auch nur zu diesem Zweck gerettet worden.“

Markus runzelt die Stirn. Er blickte kurz nach draußen, aus dem Fenster, wo er die Ratten vermutete, die er beherrschen und kontrollieren konnte. Und er wunderte sich, was er noch anstellen könnte, wenn er es wirklich wollte.
Er hatte Kugeln überlebt, wie Andere eine Kneipenschlägerei. Das war keine Kleinigkeit. Ein paar Schläge, vermutlich selbst ein Messer oder zwei, würde er überleben können.
„Die Geschwindigkeit Ihres Fortschritts… mit welcher Schnelligkeit Sie sich von Ihren Wunden erholt haben, ist beeindruckend“, sagte Roth. Seine Worte unterbrachen Markus‘ Gedanken, der seine Aufmerksamkeit wieder auf ihn richtete.
„Keine Frage. Üblicherweise dauert es eine Weile, bis sich derartige Kräfte manifestieren. Sie müssen eine Menge Blut getrunken haben und dem Tod sehr nahe gewesen sein. Das verfluchte Blut ihres Herrn muss tief in Ihre Knochen eingesickert sein. Aber diese Taschenspielertricks, mit denen Sie die Kinder dort drüben verängstigt haben? Ich habe keine Angst davor. Überschätzen Sie sich nicht. Ein Messer in der Brust wird ihr Herz zum Stillstand bringen, so sicher wie Feuer oder eine gut gezielte Kugel.“

Markus konnte es fühlen.
Den Druck in seinem Schädel, den Widerstand am Rand seines Geistes. Dieses Gefühl, das dort, jenseits seines unmittelbaren Zugriffs, eine Kreatur lauerte. Ungebändigt in ihren Instinkten und Gelüsten, wie ein wildes Tier. Vielleicht der Teufel, mit dem er einen Pakt geschlossen und auf den es dieser Roth abgesehen hatte. Vielleicht etwas noch älteres, bösartiges, das die Kreatur und ihn gleichermaßen infiziert hatte.
Es war ihm gleichgültig, was Roth gesagt hatte. Was der Mörder gesagt hatte. Er griff danach, tauchte darin ein. Und fühlte, wie die Kreatur ih zu sich zog und umschlang wie einen alten Freund. Wie sie begann, nach allen Richtungen zu greifen. Sie griff nach den anderen Kreaturen und Geistern, die Markus hierher geführt hatten. Nach den Ratten und dem Ungeziefer, das noch in der Umgebung lauerte, nach den warmen Leibern, die er berührt hatte und mit denen er auf eine unnatürliche Art derart verbunden war, dass er sie beherrschen konnte.

Roth spürte es, spürte irgendetwas davon, obwohl Markus nicht ein Wort auf seinen Monolog geantwortet, sondern nur auf dem Fleck gestanden und ihn angestarrt hatte. Roth spürte etwas. Er hatte allen Anschein von Entspannung verloren, klammerte sich in die Armlehnen, die Augen aufgerissen und in die stumme Nacht lauschend.
Markus konnte sich nicht vorstellen, was genau Roth spürte oder wahrnahm – für ihn war es ein Heulen, wie der Schrei einer großen Ratte, der nicht in seinen Ohren sondern nur in seinem Geist zu hören war und der nach anderem Abschaum rief.
Es war nicht er, nicht Markus, der diese Dinge tat. Aber er hatte es entfesselt und das Heulen dieses Sturms drohte, ihn davon zu jagen und seinen Verstand verlieren zu lassen. In ihm brodelten die Instinke, die er in dem Ungeziefer wieder erkannt hatte. Die er verstanden hatte auf einer primitiven Ebene und die alles waren, woran er denken konnte. Die Muster seiner Seele: Hunger und Wut.

Er konnte es fühlen. Das Ding in ihm konnte fühlen, wie seinem Ruf Folge geleistet wurde. Wie das Ungeziefer ihn zu überwältigen drohte.

„Hören Sie auf!“, sagte Roth.
Markus nahm seine Stimme kaum war. Sie war leise gegen das Heulen in seinem Schädel, wie das Summen eines Kindes im schlimmsten Sturm. Aber sie war panisch, schrill und hoch. Nur drang es nicht durch das Heulen hindurch, das Markus erfasst hatte.

„Aufhören!“
Das Wort trieb alle Luft aus seinen Lungen. Wie ein Schlag in die Magengrube, mit eine glühenden Schürhaken. Sein Geist leerte sich, alles bis auf dieses Wort verschwand daraus. Er dachte nichts mehr. Er fühlte nichts mehr. Nur dieses Wort. Dieses eine Wort dröhnte in seinem Schädel.

Markus stand, wo er zuvor gestanden hatte: Kurz vor der Tür, nur wenige Schritte in die Bibliothek hinein. Aber Roth hatte sich bewegt, ohne dass er es gemerkt hatte. Zu sehr war er von dem Heulen in seinen Ohren fasziniert gewesen. Roth stand vor ihm, das Gesicht eine Fratze der Anstrengung. Schweiß stand ihm im Gesicht, das gerötet war und aufgedunsen.
„Aufhören“, flüsterte er und das Wort hallte in Markus leerem Geist wider.

Zwei Dutzend oder mehr Ratten hatten ihren Weg ins Innere des Zimmers gefunden. Markus – oder die Kreatur in ihm, mit der er verbunden war – hatte sie gerufen und mehr wären gefolgt, wenn es länger angedauert hätte. Er nahm sie nur aus dem Augenwinkeln wahr, seine Augen richteten sich ganz auf die von Roth.
Roth hielt ihn mit seinem Blick fixiert, so wie Markus es mit den Ratten getan hatte.

Er fühlte sich machtlos, ausgelaugt und erschöpft. Als hätte eine schwere Krankheit ihm alle Kraft ausgesaugt.
Als Roth den Mund öffnete, fehlte seiner Stimme die Gewalt, die sie vor kurzem noch über Markus besessen hatte. Sie war so kalt und höflich wie zuvor.
„Die Beiden haben mir erzählt, dass Sie… Kräfte hätten. Und… Instinkte, die sie einem Tier ähnlicher machen als einem Menschen. Beeindruckend.“
Markus nahm nur noch diese Augen war, in die er blickte. Diese tiefen, blauen Augen, die ihm direkt in die Seele zu blicken schienen. Dorthin, wo sich die Kreatur verkrochen hatte, die Roth mit seinem… seinem Befehl weg gesperrt hatte.

„Ich werde Sie jetzt loslassen“, sagte Roth. „Ich möchte, dass Sie sich hin setzen. Ignorieren Sie die Ratten. Nur ich bin wichtig. Setzen Sie sich und nennen Sie mir Ihren Namen.“
Die Worte sickerten langsam in Markus‘ Verstand ein, füllten die Leere in ihm nur mühsam aus. Aber er schaffte es zu nicken, ohne den Blickkontakt abzubrechen.
„Sehr gut.“

Roth nahm seine Arme von Markus Schultern, dennoch schien weiterhin ein Gewicht auf ihm zu lasten, wie von einer Hand, die ihn ganz gepackt hielt und ihm etwas quetschte, das unterhalb von Fleisch und Knochen lag. Roth tat einen Schritt zurück, ohne den Blick von Markus zu nehmen, bis er außerhalb von Markus unmittelbarer Reichweite war.

Dann blinzelte er und mit einem Mal fühlte sich Markus wie eine Puppe, der die Schnüre durchgeschnitten wurden. Er taumelte nach hinten, prallte gegen die Wand und sank daran herunter.
Sein Herz raste, der Schweiß begann ihm auszubrechen. Seine Hand fuhr zu seinem Hals. Sein Puls raste, hämmerte ihm in der Kehle und der Schläfe. Eine Herzattacke? Starb er?

Nur verschwommen sah er Roth, der mehr als eine Armlänge entfernt stand. Er trat herum, von einem Bein auf‘s andere, versuchte offenbar sich gegen das Ungeziefer zu wehren, das herein geströmt war.
„Markus Roheisen“, sagte er. Sein Blick verschwamm, unfähig, scharf etwas zu sehen,
Aber er hörte Roth, dessen Stimme wieder gewöhnlich klang. Menschlich.
„Markus“
Sein Name, der durch den Nebel und die Leere zu ihm drang.
„Reden Sie mit mir, Markus. Sie wollen Blut für die Ungerechtigkeit, die sie erlitten haben, so soll es sein. Blut wäscht Schuld und Tod gleichermaßen ab und ich bin bereit, es Ihnen zu beschaffen, bevor die Sache hässlich wird.“

Die Erkenntnis traf ihn wie ein Schlag, wie eine Ohrfeige, die ihn aus seiner Verwirrung riss. Er sah Franky Roth klar vor sich, wie er die Ratten, die sich auf ihn gestürzt hatten, von sich riss und unter den Absätzen seiner Schuhe zertrat. Er sah, wie wenig Macht er tatsächlich besaß, ohne diesen Blick.
„Sie haben Angst“, sagte Markus. „Sie haben Angst vor… vor… ihm. Deswegen wollen Sie jetzt einen Handel mit mir. Weil Sie wissen, dass Sie gegen ihn nicht bestehen. Gegen das, was er in mich gepflanzt hat, was auch immer das war.“

„Jeder Mann mit Verstand fürchtet den König der Ratten und Würmer“, knurrte Roth.
„Was glauben Sie, weswegen ich Sie töten lassen sollte?“

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