Muster – Teil VIII: Ganz am Rand

Markus wartete, darin war er geübt. Wie ein Raubtier, das im Zwielicht des Feuerscheins lauerte. Nur dass er sich früher weniger wie ein Raubtier gefühlt hatte und mehr wie ein schweigender Beobachter oder ein Beutetier, das alle Sinne nach Gefahr ausgestreckt hatte.
Damit war es vorbei. Endgültig.
Er verspürte einen Hunger in sich, den er so noch nie gekannt hatte und der ihn nicht mehr verließ. Egal, wie viel er gegessen hatte und er hatte sich in den letzten Stunden voll gestopft, hatte das Loch in seinem Magen füllen wollen mit allem fettigen Fleisch, das er auf den Straßen und in den Fast-Food Buden hatte finden könenn.
Es war nutzlos. Irgendwo in ihm gab es diesen Hunger, den er nicht stillen konnte und der ihn gefährlich an ein Raubtier erinnerte.

Aber die alten Instinkte waren ihm noch nützlich. Mit ihrer Hilfe lungerte er am Rand der Aufmerksamkeit herum, so wie er sich jahrelang am Rand der Gesellschaft bewegt hatte – ein Fleck, den niemand wirklich wahrnahm, den niemand ansah, wenn er in einer dunklen Ecke hockte, beide Hände aufgehalten und einen mitleidigen Blick aufgesetzt.
Nur dass er diesmal einen Köder ausgelegt hatte.
Das Wort „Köder“ traf es dabei eigentlich nicht richtig. Es war mehr eine Schlinge oder ein Fallstrick, in dem seine Beute sich verheddern würde.

Eine Frau löste einige dieser Fallstricke aus und machte ihn so auf ihre Anwesenheit aufmerksam. Markus sah sie, wie sie am Ende der Gasse entlang kam, nervös umherblickte. Er bildete sich ein, ihre Angst riechen zu können, wie einen schweren Duft in seiner Nase. Sie trug eine große Tüte vor der Brust, mit beiden Händen umklammert, und machte kleine, schnelle Schritte, bei denen sie mit den Oberschenkeln gegen die Tüte schlug und was sich darin befand.

Dann war sie vorüber. Ihr Appartement lag in einer anderen Gasse, ein Stückchen weiter. Dort, wo Markus es nicht direkt sehen konnte. Er hatte sich verborgen im Eingang eines anderen Gebäudes, in einer Nische sich zusammen gekauert… und wartete und beobachtete.

Für einige Zeit geschah gar nichts. Das war nicht weiter verwunderlich. Zwar konnte Markus nicht sehen, was in dem Appartement einen Block weiter auf der anderen Seite der Straße geschah, in dem die Frau wohnte. Aber er konnte es sich detailliert vorstellen.
Sie konnte nicht zu den Behörden gehen. Die Polizei aufsuchen oder auch nur ein Krankenhaus war undenkbar. Bei ihrer letzten Begegnung hatte Markus ihrem Mann eine Kugel in die Brust gejagt, solche Wunden warfen Fragen auf. Fragen, die niemand gerne beantwortet und die früher oder später die Inquisition auf den Plan rufen. Nicht die beste Idee, wenn man gerade jemanden ermordet hat – noch weniger, wenn der Ermordete angeblich die Schusswunde verursacht hat.

Das Loch in seinem Nacken allerdings, dort wo… Markus einen Brocken heraus gebissen hatte? Das musste versorgt werden. Andernfalls würde es sich entzünden und rasch faulen. Der Mund eines Menschen war schon zu besten Zeiten schmutzig, angefüllt mit Keimen, Bakterien und Schmutz. Der von Markus, der seit Jahren keinen Zahnarzt mehr gesehen hatte, würde sicher zu einer Entzündung führen.

Was würden sie also tun, die Mörder, die sich vor ihrem Urteil fürchteten?
Markus wüsste, was er tun würde – einen Kurpfuscher in irgendeinem Hinterhof finden, ihn großzügig bezahlen und sich von einem Profi schwarz behandeln lassen. Er würde sich die Kugel aus der Brust schneiden, die Bisswunde im Nacken brennen lassen und so schnell seine Beine tragen konnten das Weite suchen.
Er allerdings kannte sich hier aus und die beiden schienen ihm ein Spezialfall zu sein.
Die große Tüte mit dem riesig-roten Apotheker-„A“ darauf, die die Frau an sich geklammert hatte, als sie an seiner Gasse vorbei gegangen war, gab ihm einen weiteren Hinweis. Sie würden in ihrem schmutzigen Appartement sitzen und versuchen, die Wunde selbst zu versorgen. Vielleicht hatte sie es die letzten paar Stunden bereits versucht, hatten versucht die Blutung mit Tüchern oder Stoffen zu stoppen und feststellen müssen, dass das sicherlich beinahe faustgroße Loch in seinem Nacken zu groß war, um von selbst zu heilen. Also war sie gegangen, einige Zeit später, als Markus sich bereits wieder unter Kontrolle gehabt und seinen Beobachtungsposten bezogen hatte, und hatte Verbandszeug besorgt.

Markus konnte es sich vorstellen, selbst wenn er es nicht sah. Wie sie auf dem Bett saß, um sich zerstreut die Drogerieartikel, die sie von ihrem letzten Geld gekauft hatte, ohne eine Ahnung davon zu haben. Mullbinden, Scheren, Pinzetten, Nadel und Faden, um sie her ausgebreitet auf den schmutzigen Laken, wie sie mit
Kurz überlegte er, ob sie wohl daran denken würde, die Nadel zu sterilisieren über einer Kerzenflamme. Dann zuckte er unwillkürlich mit den Schultern und schob den Gedanken beiseite. Falls sich die Wunde des Mannes entzündete, konnte ihm das gleichgültig sein. In ein paar Tagen würde er nicht weiter benötigt werden.

Die einzige Verwendung, die Markus für die beiden hatte, war es, dass sie ihn zu ihrem Auftraggeber führen könnten. Der Mann mit den nächtlichen Augen, wie sie es beschrieben hatten. Der Mann, den sie nicht kannten und der sie zu einem Mord angestiftet hatte.
Und sie würden ihn entweder innerhalb der nächsten Tage aufsuchen… oder sie wären nutzlos für ihn. So viel wusste Markus: Sie waren überfällig und wurden nervös. Sein Besuch bei Ihnen würde ihren Geisteszustand kaum verbesser haben. Früher oder später würden Sie diesen geheimnisvollen Drahtzieher aufsuchen müssen, zum Teufel damit, was sie selbst behaupteten. Als ob irgendjemand für einen Wildfremden einen Mord begehen würde.

Markus hatte Zeit. Er konnte sie beobachten, zumindest für einige Tage. Und er hatte sich seine… seine Kräfte oder was auch immer es war zunutze gemacht.
Die ganze Stadt war voll von Ungeziefer und Ratten. Man sah sie nicht immer gleich, nicht auf den großen Straßen voller Menschen, aber sie waren da. Sie nisteten in Kellern und in Hinterhöfen, bewegten sich durch den Untergrund, durch die Rohre und Röhren. Selbst in den modernen Gebäuden fanden sie im Stahlbeton noch ihre Lücken und Nistplätze. Auf jeden Menschen in dieser Stadt kamen ein Dutzend oder Hundert von ihnen.
Markus konnte nicht alle von ihnen kontrollieren. Aber er hatte einige davon zu sich gelockt, hatte diejenigen, die er beherrschen konnte dazu genutzt, neue heran zu holen, denen er seinen Willen aufzwingen konnte.
Und sein Wille war recht einfach: sie sollten das Appartement umstellen oder jedenfalls die Eingänge dazu. Den Vordereingang, durch den er selbst gekommen war, und den Hintereingang, den es irgendwo im Keller gab. An beiden Punkten hatten sich ein halbes Dutzend von ihnen angesammelt – und mit jedem Tag, den Markus in der Nähe verbrachte, wurden es mehr, die er zu sich bringen ließ und zu seinen Werkzeugen machte. Es war ein langwieriger, komplizierter Prozess, der noch sehr krude war. Er musste jede Ratte einzeln finden, in ihren Geist eintauchen und ihn mit seinem überschreiben, was einige Zeit in Anspruch nahm. Aber die hatte er. Er hatte nichts zu tun, während er dort wartete, und nahm diese Aufgabe an.
Sein Plan war einfach: Er würde in der Nähe bleiben, außer Sichtweite und mehr Augen und Ohren besorgen, so lange wie er eben warten musste. Die Tiere würden die Eingänge im Blick behalten und da er ihnen einen Eindruck eingeprägt hatte, auf wen sie Acht geben sollten, würden sie Alarm schlagen, sobald sie einen von dem Paar sehen würden.
Er erhielt so keine genauen Informationen… aber er wusste, wann das Paar seine Wohnung verließ. Und das musste reichen.

Es dauerte eine Weile, bis sich etwas tat.
Drei Tage, um genau zu sein.
Drei Tage, die Markus auf der Straße schlief, in seine Ecke gedrängt und mit einem geöffneten Auge. Selbst der Schlaf war in dieser Zeit mehr ein Trugschluss und eine hübsche Einbildung, als alles andere. Ein Teil seines Bewusstseins blieb wach, auch wenn er die Augen schloss. Selbst wenn er in seichte Träume abrutschte, blieb ein Teil von ihm wach und… redete mit ihm.
Der selbe Teil, der ihm Angst machte.

Schließlich, in der dritten Nacht seiner Beobachtungen, riss ihn etwas aus dem Schlaf. Eine erregte Aufmerksamkeit in diesem Teil von ihm, der nur zur Mittagszeit, wenn die Sonne im Zenit stand, für einige Stunden ruhe gab. Das Ungeziefer hatte Alarm geschlagen. Er spürte es, als ob er telepathisch mit einem Teil von ihnen verbunden war. Nicht mit allen, nur mit einigen wenigen von ihnen. Und deren Aufregung spürte er. Sie ließ ihm selbst das Herz höher schlagen, ließen seinen Puls rasen und seinen Geist rauschen.

Das Paar war auf dem Weg. Jeden Moment würde es am anderen Ende seiner Gasse vorbei kommen und sich seinen Weg irgendwo hin suchen.

Sie hatten ihre Wohnung nicht verlassen, seit er dort eingebrochen war, vielleicht aus Angst vor einem neuerlichen Besuch. Vielleicht, weil sie es für schlauer hielten, sich nicht von der Stelle zu rühren und erreichbar zu bleiben. Markus vermutete, dass sie sich ihr Essen hatten liefern lassen, aber das war schwer zu sagen, denn in dem Appartementkomplex gingen die Lieferdienste zu jeder erdenklichen Tages und Nachtzeit ein und aus.

Warum sie ausgerechnet jetzt mit diesem Verhalten brachen, wurde ihm erst klar, als er den Mann laufen sah. Sein Oberkörper war beinahe nackt, sie hatten ihm nur eine Jacke über die Schultern gelegt. Es schien, als hätte er die Funktion in seinem rechten Arm beinahe vollständig verloren, so dass er ihn nicht einmal durch Kleidung zwängen konnte, ohne Schmerzen zu haben. Er ging gebeugt, musste von ihr gestützt werden, und war sehr blass im Gesicht, beinahe grünlich.
Eine Entzündung. Markus verzog das Gesicht. Offenbar hatte sie die Nadel nicht sterilisiert.
Sie sah sich oft um. Auf ihrem Rücken trug sie einen Rucksack, denselben, in dem sie ihr Geld und ihre wenigen Habseligkeiten aufbewahrt hatten. Es schien nicht, als beabsichtigten sie, wieder zurück zu kehren.

Markus setzte sich auf ihre Fersen. Einige Dutzend Meter hinter ihnen, in die Eingänge und Seitengassen der Stadt gepresst, folgte er ihrem Weg. Und hoffte, dass sie ihn zu ihrem Auftraggeber führten.
Oder er wenigsten Rache nehmen könnte in einem schwachen Augenblick.

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