Muster – Teil VI: Der Geruch von Sünde

Markus war ein Geist, wie er in diesem Appartment erschien, in das seine Mörder sich eingemietet hatten. Er war blass, bleich beinahe, mit schweren Ringen unter den Augen, und hager. Wann er das letzte Mal gegessen hatte, konnte er nicht sagen. Er erinnerte sich nicht daran.
In einem schlecht sitzenden Rollkragenpullover, in einer zu weiten Jeans, die jemand anderem gehört hatte, wirkte er wie ein Gespenst: Bleich und hager. Ausgemergelt vom Hunger.
Und mit einer Waffe in der Hand, die ihm vor wenigen Tagen erst eine Reihe Kugeln in die Brust gejagt hatte.

Als sich der Hebel spannte klickte sie laut.
Markus richtete sie auf seine Mörder. Er hatte keine Zweifel mehr daran, dass sie es gewesen waren. Der Mann und die Frau, die sich wie Tiere auf dem Bett des Appartements wälzten. Dass sie ihn vermummt überfallen hatten.
Ob es ihre Stimmen gewesen waren, die er damals nur einen Augenblick lang gehört hatte, oder die Spur eines Geruchs oder… Er wusste, dass sie es gewesen waren.

Der Mann und die Frau erstarrten in ihrer Umarmung.
„Keine eiligen Bewegungen“, sagte Markus. „Ganz langsam runter von ihr und umdrehen. Hände bleiben hübsch über der Bettdecke.“
Sie folgten seinen Anweisungen. Markus fühlte sich unwohl dabei, ihnen zuzusehen. Ihre nackten Körper ansehen zu müssen.

Markus warf den Mantel ohne hinzusehen zu dem Paar hinüber.
Sie waren… leer. Wie weiße Blätter Papier oder Statuen, denen der Künstler noch kein Gesicht gegeben hatte. Es war beinahe ein Schock. In seiner Wahrnehmung fehlte ihnen etwas, eine Art von Präsenz.
Markus blinzelte, versuchte sich auf ihre Gesichter zu konzentrieren. Als er sich mit Marie unten an der Rezeption unterhalten hatte, war es ihm nicht aufgefallen. Er hatte sich noch auf die Ratte konzentriert, auf das Ungeziefer, das am Rand seines Bewusstseins lauerte, als diese unheilvolle, unnatürliche Kraft, die ihn erfüllte.
Aber diese beiden hier… sie waren Menschen, soviel war gewiss. Aber von ihnen spürte er gar nichts. Sie waren wie Tiere für ihn, deren Gesten und Gesichter er mühsam interpretieren musste. Weniger als Tiere sogar, da er nicht in ihre Gedanken sehen konnte.

„Zieht euch an“, sagte er.
Er hoffte, dass seine Stimme rauh klang, hart. Tatsächlich war sie wohl nur heiser. Von Marie abgesehen hatte er seit Tagen mit keiner Menschenseele gesprochen.
„Wird‘s bald!“, sagte er und wandte kurz den Blick ab, um die Bilder aus seinem Kopf zu vertreiben.

Der Gedanke irritierte ihn. Wieso irritierte er ihn? Wieso war er da? Er dachte an das Fleisch des Mannes, wie es unter den Berührungen der Blondine gebebt hatte. Er dachte daran, wie er zuletzt vor Lust gebebt hatte und musste sich eingestehen, dass es die Berührung dieser grässlichen Pfote gewesen war, in seinem Todestraum vor einigen Tagen.
Und er fühlte diesen Hunger in sich. Den er heute erst schon einmal gefühlt hatte, dieses tierische, animalische Brennen ganz tief in sich drinnen. Diesen Hunger nach Berührung. Dieser Hunger, der nicht zwischen lebendigem und totem Fleisch unterschied, der verschlingen wollte und verzehren und sich einverleiben, was roh war und lebte und zuckte.

Es musste ihr Geruch sein. Der Geruch von Sünde, der ihnen anhaftete. Er hatte ihn, als er im Geist des Ungeziefer gesteckt hatte, genau wahrgenommen. Dieser Geruch von den beiden, seiner und ihrer, der sich miteinander vermischt hatte. Schwer war er, so eine Mischung aus Lavendel, Wollust und Gier. Er erfüllte den ganzen Raum. Die beiden Körper vor Markus schwitzten ihn regelrecht aus.
„Die Waffe ist nich geladen“, sagte der Mann und riss Markus aus seinen Gedanken.
Seine Augen huschten von der Mündung der Pistole zu Markus‘ Gesicht. Der Mann, der Mörder, lächelte. Seine Freundin schien weniger selbstsicher zu sein. Sie hatte den Mantel an sich gepresst, verbarg ihre Blöße damit.

„Warum nimmst du sie mir dann nicht ab?“, fragte Markus.
Der Mann reagierte nicht, sondern blieb sitzen, die Hände über seinen Genitalien. Die Frau legte sich langsam den Mantel über die Schultern, ganz langsam. Sie war hübsch, wie Markus feststellte. Nicht gerade schön, aber doch hübsch. Klein, strohblond mit einer spitzen Nase und einem schmalen Kinn. Mit spitzen Brüsten, soweit er gesehen hatte und einem schlanken Körper.

Er bemerkte, wie sich ihm der Magen zusammen zog. Wie Gedanken durch seinen Kopf schossen, die er sich nie eingestanden hätte. Die er im Wachen niemals gedacht oder gar geäußert hätte. Gedanken, die sich darum drehte, mit ihr das zu tun, was der Mann eben noch mit ihr getan hatte.

Markus schüttelte den Kopf. Was war los mit ihm? Das war nicht er. Das war etwas anderes. Das Ungeziefer oder Reste von ihm, die sich eingeschlichen hatte, die an seinem unschuldigen Geist klebten. Er war nicht so. Niemals wäre er so.
Es musste ihr Geruch sein, der die Luft schwängerte, und ihm diese Gedanken aufzwang.. Der Geruch nach Sex und Lust.

Er sah die Bewegung nur aus den Augenwinkeln, drückte ohne nachzudenken ab. Eine Kugel flog, traf Fleisch, durchschlug Knochen, fraß sich irgendwo in die Wand. Im nächsten Augenblick ertönte ein Schrei, gefolgt von dem Geräusch, das Körper machen, wenn sie auf den Boden knallen.

Markus presste die Absätze seiner Turnschuhe in die Schulter des Mannes, der blutend vor ihm am Boden lag. Die Kugel hatte ihn an der Schulter erwischt, war sauber durchgeschlagen, und hatte ihn mitten im Sprung zu Boden stürzen lassen.
„Tut weh, hm? Brennt ziemlich, so eine Kugel in der Brust.“
Er drückte nach unten, hart, und der Mann schrie auf. Markus richtete die Waffe auf die Blondine.
„Sitzen bleiben“, sagte er.
Sie hatte sich halb aufgerichtet im Bett, ihre Knie und Schienbeine bohrten sich in die Matratze, sie schien zum Sprung bereit. Der Mantel hatte sich wieder geöffnet und entblößte sie. Markus‘ Blick war voller Gift und Galle.
„Zieh dich an!“, sagte er und deutete mit der Mündung der Pistole auf ihre Kleidung.

Ganz, ganz langsam, sank sie wieder zurück auf ihren Hintern. Ihre wässrigen Augen huschten vom Mann zu Markus‘ Füßen zu der Wäsche, die im Bett verteilt war. Mit vorsichtigen Bewegungen begann sie, sie einzusammeln.

Markus wandte seine Aufmerksamkeit wieder dem Mann zu. Der Statur nach zu schließen, hatte er auf ihn geschossen und mit dem Messer in den Magen den Job beenden wollen.
„Thought I was dead, didn‘t ya? Should‘ve checked twice. Fucked me up good, boy, I give you that.“
Ein weiterer Tritt mit der Ferse ließ den Mann erneut aufschreien.
Der Geruch von Kordit(?) und Blut begann, den Schweiß und Sex im Raum zu verdrängen.

Der Mann keuchte. Eine Hand umklammerte seine eigene Schulter, versuchte Markus‘ Absatz davon zu lösen, ohne ihn direkt anzufassen und eine weitere Kugel zu provozieren.
„Wie?“, heulte er, sein Gesicht eine Fratze von Schmerzen und Verwirrung. „Ich hab dich getötet.“

„Offenbar ja nicht“, sagte Markus.
Er überlegte, musterte den Mann.
Er hatte nicht viel Zeit damit verbracht, sich auf diesen Moment vorzubereiten. Er hatte sich nie gefragt, was er seine Mörder fragen würde. Was er sagen würde. Was er tun würde, wenn er sie vor sich hatte.
‚Rache‘ war so ein abstraktes Konzept für ihn. So unverständlich. Wäre es Rache, wenn er sie erschießen würde, hier und jetzt?
Er wusste es nicht. Weder wusste er, wie er sich fühlen würde, wenn er sie erschoss, noch wusste er, wie er sich jetzt, in diesem Moment fühlte. Er konnte seinen Gefühlen nicht vertrauen, sie würden ihn verraten. Er war sich nicht einmal sicher, ob es seine Gefühle waren.

„Wo ist mein Geld?“, fragte er und sah wieder zu der Frau hinüber.
Sie hatte sich angezogen. Es war notdürftige Unterwäsche, ein Top, ein Höschen, aber es verdeckte ihre Nacktheit. Sie saß am anderen Ende des Bettes, beäugte abwechselnd die Waffe und ihren Freund.
„Weg“, sagte sie und leckte sich über die Lippen. „Haben‘s ausgegeben. Für die Wohnung hier und essen. Bisschen Drogen, paar Mal weggehen. Viel ist nicht mehr übrig.“

„Ihr wurdet angeheuert und der Auftraggeber wollte nichts von der Beute sehen?“
Markus zog eine Augenbraue nach oben. Das konnte unmöglich gut sein.
„Wer hat euch auf mich angesetzt?“, fragte er.

„Niemand“, sagte der Mann zu seinen Füßen. „Haben dich beobachtet. Haben dich für einen Kurier gehalten. Immer zu selben Zeit am selben Ort, immer mit Gefreiter. Dachten, wir haben Glück.“

Markus trat nach, rammte ihm seinen Schuh in die Seite.
„Netter Versuch, aber ich weiß, dass ihr hier auf jemanden wartet. Sonst wärt ihr schon lange durchgebrannt. Ich würde mir keine Sorgen um ihn machen. Ich bin der mit der Knarre, den ich umgebracht habt, nicht vergessen.“
Er sah wieder zu der Frau, richtete die Pistole von ihr weg und auf den Mann am Boden.
„Raus mit der Sprache oder er fängt sich noch eine. Oder zwei. Mal sehen, wie lang er braucht, um nach fünf Kugeln wieder aufzustehen, hm?“

„Nicht!“
Die Frau rutschte nach vorn, näher zu Markus. Sie war auf den Knien, den Mantel noch über ihre wenige Kleidung geworfen.
„Wir kennen den Namen nicht, haben ihn nie gesehen“, sagte sie.

„Du willst mir erzählen ihr schießt jemanden über den Haufen auf Befehl eines wildfremden Mannes, den ihr nie getroffen habt?“ Markus schnaubte. „Blödsinn.“
„Ist die Wahrheit!“, sagte die Frau. Sie biss sich auf die Unterlippe. „Wir haben ihn getroffen… nur nicht gesehen. Nichts außer seinen Augen. Vor zwei oder drei Monaten war das. Wir saßen auf einer Parkbank, Klaus und ich, und haben getrunken, drüben in Lichtenberg. Bis sich so ein Kerl dazu setzt. Er war vermummt, was ich komisch fand. Hatte einen Schal und eine Mütze und einen hochgestellten Kragen um, obwohl‘s noch warm war. Hat uns gefragt, ob wir Geld verdienen wollten. Wäre leicht, hat er gesagt, müssten nur den Typen finden, der im Adler den Drogenkurier macht. Könnten alles behalten, was er bei sich hat.“

Markus starrte sie an. Was sie erzählte machte keinen Sinn für ihn, in keiner Welt war das vernünftig, was sie getan hatte.
„Deswegen?“, fragte er. „Deswegen habt ihr versucht mich umzubringen? Weil ein Fremder euch gesagt hat, ich hätte Geld?!“

Die Frau verzog das Gesicht. Sie schien persönlich beleidigt zu sein.
„Seine Augen“, sagte sie. „Seine Augen sind die Nacht. Du hättest ihm auch geglaubt, wenn du diese Augen gesehen hättest. Sie waren so tief. So ehrlich. Ich hab ihm alles geglaubt.“
Sie schüttelte den Kopf. „Du hast seine Augen nicht gesehen, wie sie dir in die Seele blicken und… und dich zwingen.“

Markus Hand ballte sich um den Plastikgriff der Pistole, bis seine Knöchel weiß hervor traten. Ohne es zu wollen war er näher an das Bett heran gekommen, näher an die Frau. Er wollte sie schlagen. Er wollte sie verletzen für ihre Worte.
Gab es keinen Grund für seine Ermordung? Hatte sie keine bessere Begründung dafür, ihn beinahe zu töten? Das war es die Worte eines Fremden, der sie nicht einmal bezahlt hatte?
Markus spürte, wie sich seine Beine anspannten, wie er zum Sprung ansetzte, um diese… diese Hure zu bestrafen und…

Ein Schlag in seine Kniekehlen ließ ihn taumeln. Er wirbelte herum, trat nach dem Mann aus, der sich an seine Beine geklammert hatte, zielte auf ihn. Dann traf ihn etwas in der Seite. Die Frau hatte sich auf ihn geworfen, mit ihrem ganzen Gewicht auf ihn gestürzt. Zu zweit brachten sie ihn zu Fall. Händen waren da auf ihm, überall. Fäuste auf seinem Gesicht, seinem Magen. Und zwei Hände auf seinem Hals. Sie pressten zu, wie Schraubzwingen. Der Mann war kräftiger, als er aussah, trotz der Kugel in seiner Schulter, würgte er die Luft und das Leben aus Markus. Seine Fratze war von Hass verzerrt. Von der Absicht, seine Arbeit dieses Mal zu Ende zu bringen.

Markus schlug zu, traf den Mann an der Wunde in seiner Schulter. Schreie verzerrten seine Wahrnehmung, aber der Mann ließ nicht los. Seine Ohren dröhnten, seine ganze Welt bebte. Diese Triebe, die er nicht ganz verstand, kamen wieder. Sie überfluteten ihn, wie ein in die Ecke getriebenes Tier. Er fühlte diesen Hunger, diese Panik, tief in seinem Magen und diesen Drang, zu beißen und zu reißen und um sich zu schlagen.

Für einen Augenblick, für einen kurzen Moment, verlor er sich in diesem Gefühl. In diesen Trieben, die er gespürt hatte. Die ihn hierher geführt hatten in Gestalt des Ungeziefers, dem er seinen Willen aufgezwungen hatte. Dessen Geist er beherrscht hatte mit seinem eigenen und einem Blick.
Es war überwältigend. Wie ein Rausch, wie die paar Mal, als er mit bestimmten Substanzen experimentiert und sein Bewusstsein einfach hingegeben hatte. Sich einfach hatte treiben lassen. Er fühlte eine Kraft in sich, die aus ihm heraus explodierte in nie gekanntem Ausmaß. Sie riss ihn mit sich, ohne dass er Gegenwehr hätte leisten können.

Auf allen Vieren kam er zu sich. Er kniete über dem Mann.
Die Frau stand ihm gegenüber. Die Pistole in ihren Händen zitterte. Markus musste sie im Gerangel verloren und sie sie aufgehoben haben. Ihre Augen waren vor Panik geweitet. Markus verstand erst nach einigen Sekunden, wieso. Er kniete über dem Mann, der vor Schmerzen schrie und um sich schlug. Er war kreidebleich, noch immer nackt, zwischen den Händen auf seinem Hals floss Blut hervor. Dick und rot und süßlich. Ein Brocken Fleisch fehlte ihm, faustgroß, direkt dort, wo Nacken in Hals überging.

Markus wurde schlecht. Er würgte, Brocken von Fleisch und Muskeln fielen ihm aus dem Mund.
Er stolperte in die Höhe, stützte sich auf den Händen ab, während er rannte.

Ein Knall zerriss die Luft, ein Schlag traf ihn am Rücken, dann war Markus im Treppenhaus und auf der Flucht.

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