Muster – Teil IV: Überraschende Hilfe

Als Markus Roheisen am Morgen aus diesen unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in kalten Schweiß gebadet. Trotz der Minusgrade draußen und drinnen war ihm heiß geworden. Sein ganzer Körper hatte hohe Temperaturen erreicht, Brust und Bauch fühlten sich an, als wären sie Glutöfen, die heiße Luft durch seinen Körper jagten. Sein Fleisch brannte unter seinen Fingern, obwohl es nackt war. Das Hemd, das er getragen hatte, war zerrissen vom Kragen bis zum Saum.
Es war voll von getrocknetem Blut und nasskaltem Schweiß.
Aber er fror nicht.

Es dauerte seine Zeit, bis er die Kälte spürte. Selbst dann kühlte er nicht wirklich aus, sondern spürte nur, wie sich seine Temperatur auf ein normales Maß senkte, wie sein Körper zu brennen aufhörte. Es waren endlose Minuten, in denen er da lag und an die Decke starrte.
Sein Kopf war ganz klar, ganz scharf. In seinen Gedanken hing die Erinnerung, die Ahnung, an das was geschehen war. Und die Worte, die er gehört hatte.

War es ein Traum gewesen? Selbst für einen Fiebertraum war er verrückt gewesen und voller Dinge, die Markus nicht leicht akzeptieren konnte.
Aber war er nicht wirklich angeschossen worden und verblutet?
Zitternd tastete über seinen Bauch und seine Brust. Keine Löcher. Keine Schmerzen. Nichts. Wo zuvor Fleisch auseinander geklafft hatte, fand sich nur noch glatte, blasse Haut. Sie war nicht einmal verfärbt von Blutungen oder Quetschungen.
Er schluckte, ohne es bewusst zu wollen. Es ging ganz einfach, ganz natürlich. Nichts verstopfte ihm die Atemwege oder die Kehle. Nichts lebendiges rumorte in seinen Eingeweiden.
Keine Ratte sprang aus seinem Rachen und entblößte seine Genesung als einen weiteren Traum, eine Wahnvorstellung eines Sterbenden.

Markus war, so weit er wusste, vollständig gesund.

Plötzlich zuckte er, rollte zur Seite. Ein Schwall dünner, saurer Flüssigkeit, die einen üblen Geruch verströmt, entkam ihm. Er übergab sich für einige Minuten, als ob er mit den wenigen Magensäften, die er von sich gab, auch die Erinnerungen loswerden könnte.

Langsam stemmte er sich auf die Knie. Der Geruch seines Erbrochenen biss ihm in die Nase, äätzte die Schleimhäute. Markus wankte, als er sich erhob, aber entgegen seiner Befürchtungen fielen ihm nicht die Eingeweide aus dem aufgeschlitzten Bauch.

Er blickte durch den Heizungskeller, der leer und kalt war. Sein Blick war scharf, nur etwas verwaschen von den Tränen, die ihm der Geruch in die Nase trieb. Niemand war hier gewesen in den letzten Tagen, eine dünne Staubschicht hatte sich gebildet. Seine zwei Mitbewohner blieben verschwunden.
Wie lange genau hatte er geschlafen? Wie lange dauerte es, fünf Kugeln in der Brust und einen zerfetzten Magen zu heilen?
Langsam schüttelte er den Kopf, vertrieb diese Gedanken, und streckte sich. Seine Glieder und Muskeln genossen die Bewegung.
Egal, ob es ein Fiebertraum oder Magie oder sein Tod gewesen war. Er war bei Bewusstsein – und er hatte eine Aufgabe, oder? Seinen eigenen Mord zu rächen. Die meisten bekamen keine Gelegenheit dazu.

Er hatte eine Aufgabe und er musste sie angehen.


Markus‘ erster Halt, nachdem er seine Kleidung gewechselt und sich aus seiner Kellergruft gewagt hatte, war der Adler: Das Lokal, das sein Treffpunkt und Kontakt zu Roland war. Er musste irgendwo mit seiner Suche beginnen und da alles Unglück mit dem Treffen mit Roland seinen Lauf begonnen hatte, war der für ihn die naheliegendste Station.

Nur war der Laden vollständig verlassen und niemand auffindbar.
Im Inneren brannte kein Licht und soweit Markus durch die Scheiben ausmachen konnte, war alles sehr übereilt verlassen worden: Stühle standen noch im Lokal verteilt, auf der Theke meinte er gefüllte Gläser ausmachen zu können. An der Eingangstür klebte lediglich eine Benachrichtigung, dass das Lokal auf unbestimmte Zeit geschlossen und der Betreiber im Urlaub sei. Der Kücheneingang war verrammelt und fest verschlossen. Keine Menge an Rufen oder geheimen Klopfzeichen lockte eine Reaktion hervor. Fenster und Türen blieben geschlossen, niemand streckte seinen Kopf aus irgendeinem Versteck, um ihm eine geheime Nachricht zukommen zu lassen.

Nicht einmal eine Maus rührte sich im Inneren, soweit Markus es hören konnte, als er seine Ohren gegen die Schlüssellöcher presste.

Es war eine schwierige Situation. Roland hatte ihm die Liste mit den Namen der Verschwundenen gegeben und irgendwie wurde Markus das Gefühl nicht los, dass es sich dabei um den Stein des Anstoßes handelte. Dass, wer auch immer dahinter steckte ihn aus der Angelegenheit raus halten wollte. Man wollte Roland oder Markus isolieren.
Jedenfalls glaubte er nicht, dass der Überfall auf ihn bloß ein schief gegangener Raub war. Die Angreifer hatten erst geschossen und, als er nicht direkt zu Boden gegangen war, mit einem Messer nachgeholfen. Sie hatten nicht einmal Fragen gestellt, sondern gewusst, wonach sie suchten.
Und außerdem: Beinahe niemand wusste, dass er größere Mengen Geld mit sich führte an diesen Tagen, an denen er den Anteil von Roland abholte. So, wie er aussah, würde es auch niemand vermuten.
Für ihn deutete das auf einen Verräter hin. Jemand, der genau wusste oder wenigstens vermutete, was für eine Rolle Markus gespielt hatte, und ihn aus dem Weg schaffen wollte. Nun, wo er aus dem Weg war, würde derjenige sein Ziel weiter verfolgen – welches das war, darüber könnte Markus nur spekulieren.

Er brauchte etwas handfestes. Er musste Roland auftreiben oder einen Hinweis, was die Ziele dieses Störenfrieds waren oder wo sie sich aufhielten.
Aber er wusste nicht einmal, wo Roland wohnte. Selbst wenn hätte es ihm vermutlich nichts genutzt, denn er bezweifelte, dass Roland einfach herum sitzen und auf sein eigenes Mordkommando warten würde.
Zum ersten Mal seit Jahren verfluchte Markus den Umstand, dass er kein Telefon besaß.
Er wusste nichts. Gar nichts. Er wusste nicht einmal, ob Roland von seiner Ermordung erfahren hatte.

Nach einiger Zeit der Ratlosigkeit vor dem Adler blieb ihm nicht viel anderes übrig, als an den einen anderen Ort zu gehen, von dem er sich Hinweise erhoffen konnte:
Die Unterführung, in der er niedergeschossen worden war.

Sie war nicht weit vom Adler, auf halbem Weg zum Polizeipräsidium der Gegend. Dieses wäre seine letzte Anlaufstelle, bevor er mit seiner Weisheit am Ende wäre. Er kannte den ein oder anderen dort, der ihm einen Gefallen schuldete und vielleicht konnte er so immerhin Roland aufspüren.
Auf dem Weg dorthin käme er jedoch ohnehin an der Unterführung vorbei und es würde nicht schaden, sich umzusehen. Auch wenn er nicht sagen könnte, worauf genau er hoffte: Vielleicht hatte er ja Glück.

Dieses Mal bewegte Markus sich vorsichtiger durch die Stadt. Sein Überleben wäre noch nicht bekannt, es sei denn man hatte ihn bis in seinen Unterschlupf im Heizungskeller der alten Schule verfolgt – doch dann hätte man ihn leicht im Schlaf ermorden können. Da dies nicht geschehen war… rechnete er nicht mit Verfolgern.
Allerdings hatte er das bei seinem letzten Besuch im Adler auch nicht. Also nahm er Umwege, wartete in Hauseingängen und hinter Ecken, um sich die Leute anzuschauen, die in ähnliche Richtungen gingen.
Aber die Straßen waren leer und die wenigen Menschen, die am frühen Nachmittag auf der Straße waren, gingen ihres eigenen Weges. Er erkannte keines der Gesichter und sah auch keines davon öfter als einmal.

Es dauerte eine gute halbe Stunde, ehe er bei der Unterführung angekommen war. Eigentlich war das Wort bereits zu viel gesagt. Es war ein Schacht, der durch den Bahndamm ging, der das Viertel halbierte. Auf dem Damm verliefen ein knappes halbes Dutzend Gleise und mehrere Züge ratterten alle paar Minuten vorbei. Auf der anderen Seite lagen noch mehr Betonblöcke, in die man Wohnungen und Appartements geschnitten hatte, und in einem grässlichen Ostbau auch das Polizeirevier der Gegend.
Der Schacht verlief unter einem kleinen Bahnhof, dem letzten einer Bahnstrecke auf einem Nebengleis, der nur selten angefahren wurde – die anderen Gleise verbanden den Regionalverkehr mit dem großen Ostbahnhof, der ein paar Kilometer weiter innerstädtisch lag.
Aber dieser Schacht war in einem beachtlichen Umkreis der einzige Weg, um über die Gleise oder eher noch darunter hindurch zu kommen. Die nächste Brücke über die Gleise lag zwanzig Gehminuten entfernt. Der Wind heulte Markus ins Gesicht. Es war, das musste er den Angreifern lassen, ein guter Ort für einen Hinterhalt: Von Außerhalb der Unterführung kaum einsehbar und wegen der Züge so laut, dass ein Schuss schwerer zu hören war.

Viele Zeugen der Tat waren nicht mehr zu sehen. Sein Blut hatte sich mit dem Schneeschlamm vermischt, der von den Füßen der ganzen Fußgänger hinein getragen worden war, und von ihnen auch wieder hinaus geschleift worden. Hundert Leuten mochten sein Blut an den Füßen kleben, in winzigen oder nicht so winzigen Spuren.
Eine neue, nicht minder schuldige Schicht aus Faulschnee hatte sich an die Stelle gesetzt, wo ihn die Kugeln erwischt hatten und er zusammen gebrochen war. Von dem Ereignis war kaum noch etwas zu sehen.
Nur am Beton, an den Wänden der Unterführung, an denen er sich abgestützt hatte, hafteten noch Spuren seines Blutes.

Mit rauhen Fingern strich er darüber. Es war eine regelrechte Lache, die sich waagerecht an der Unterführung entlang zog, über die Fliesen, gut zehn oder fünfzehn Meter. Eine unregelmäßige Spur für seine Hand, wo er sich bei jedem zweiten Schritt an der Wand abgestützt hatte, eine für seine Seite, wo er mit dem Oberkörper dagegen gesunken war.
Für Meter, eine breite Spur, die mittlerweile den Farbton alten Leders angenommen hatte.
Dann öffnete sich der Durchgang in die Stadt hinaus und die Spur brach ab.

In seinem Magen bildete sich ein Knoten, Markus ballte die Hand. Seine Kleidung, die er an jenem Tag getragen hatte, hatte er verbrannt. In einer Ecke des Heizungskellers hatte er sie aufgehäuft, sein zerrissenes Hemd, die durchlöcherte und besudelte Jacke, zusammen mit dem durchtränkten Schlafsack, und mit etwas Vodka angezündet. Es hatte nicht sofort gebrannt – die Winterkälte hatte den Alkohol am Verdampfen gehindert und den Brennpunkt so erheblich erhöht. Irgendwann hatte es doch Feuer gefangen.
Der Geruch brannte Markus noch in der Nase und würde ihn für einige Tage nicht verlassen.
Es war so viel gewesen, hatte er gedacht, als er auf das Feuer wartete. So viel Blut allein in seiner Kleidung. So viel hier an den Wänden. Er hatte sich die Arme mit dem Alkohol waschen müssen, um die hart gebackenen Blutspuren an seinen Händen und Unterarmen los zu werden.

Von seinen Mördern gab es kein Zeichen. Natürlich nicht. Er konnte kein Kleidungsstück ausmachen, das sie verloren hatten. Keine wundersam in den letzten Tagen unentdecke Geldbörse lag dort und wartete auf seinen Finder.
Die Unterführung hatte keine Videokameras und selbst wenn, hätten sie ihm nicht geholfen. Sie hätten nur zu mehr Problemen geführt, wenn er versucht hätte, sich die Bilder anzusehen. Sie hätten zu Fragen geführt. Fragen nicht nur, wieso er überhaupt angeschossen und bestohlen worden war, wo einer wie er so viel Geld her hatte, dass sich ein Überfall auf ihn lohnte.
Sondern auch Fragen, warum er noch lebte, nachdem er sein Blut auf mehreren hundert Metern Asphalt von der Unterführung bis zu seinem Unterschlupf verteilt hatte.

Ein Geräusch riss ihn aus seinen Gedanken. Eine Stimme, die ganz fein war und klein und am Rand seines Bewusstseins nach Aufmerksamkeit schrie. Er konnte nicht genau ausmachen, was sie sagte, dazu war sie zu leise, vor allem zu hoch. Aber es klang, als spräche sie mit sich selbst und wäre allein.
Markus sackte gegen die Wand gegenüber der Stelle, an der die Spur seines Blutes begann und ging in die Hocke. Er würde abwarten und hier über seine Situation nachdenken. Niemand sah einen Bettler wie ihn zweimal an, wenn er an einem halbwegs trockenen Ort wie diesem herum lungerte. Er war einer von hunderten, vielleicht tausenden, in der ganzen Stadt und ein alltäglicher Anblick.

Aber niemand kam, um ihn zu ignorieren. Keine Schritte hallten durch den Gang unter den Gleisen. Niemand kam aus einem der Seitengänge, die zum Nebenbahnhof führten, niemand stolzierte an ihm vorbei, ohne ihn eines Blickes zu würdigen, und tat am Telefon ganz wichtig.

Und trotzdem kam die Stimme immer näher.

Er konnte jetzt besser verstehen, was sie sagte. Sie war so fein, dass sie nicht von den Wänden zurück geworfen wurde. Sie sprach von Hunger, von einem gähnenden Hunger in ihrem Magen, den Markus nur zu gut verstand. Von der Sorge um Nahrung, von der sie nicht wusste, woher sie sie auftreiben sollte.

Die Erkenntnis traf ihn wie ein Schlag ins Gesicht.

Eine Ratte. Wie eine von denen, die mit ihm den Heizungskeller teilten. Wie eine von denen, die ihn heute morgen aus seinem Fiebertraum… oder seinem Tod geweckt hatte.
Eine Ratte kroch durch die Unterführung, auf der Suche nach Essensresten und einem Unterschlupf.

Und Markus hörte sie, ihre… Gedanken oder eher Triebe. Er nahm sie wahr, so sicher, wie er seinen eigenen Hunger spüren würde. Er fühlte mehr, was in ihr vorging, als dass er es wirklich verstand. Sie schien nicht sonderlich komplex zu sein, es fand kein Austausch von Ideen statt, keine Kommunikation, die sich sprachlich hätte ausdrücken lassen. Aber solange er seinen Blick auf das Tier gerichtet hatte, hielt er ihren Geist gefangen und begriff ihn. Er spürte ihn, ganz am Rand seines Bewusstseins, wie einen Teil von sich. Und er identifizierte sich mit ihm, denn er hatte in sich den gleichen Hunger, die gleiche Gier, die gleiche Sorge und den gleichen Überlebenswillen, die das Tier antrieben, das da vor ihm hockte.

Die Ratten war unter seinem Blick erstarrt. Nur eine Armlänge entfernt von ihm stand sie und kauerte auf dem Boden. Er fühlte Angst in sich aufwallen, fühlte wie sein Herz ganz ohne Grund zu springen begann und ihm bis in die Kehle hüpfte, wie sich seine Brust hob. Es war nicht seine Angst, sagte er sich, sondern die des Tieres.

Markus starrte sie an. Er kämpfte die Angst nieder, rang mit ihr. Einen Augenblick war ihm, als würde er in ihr ertrinken, von ihr davon gespült werden – und er schlug um sich. Als hätte seine Hand die Gefühle des Tieres ausgelöscht, verstummte das Gefühl in ihr und damit auch in ihm. Ihre Angst war fort. Ausgerissen von seiner unachtsamen Bewegung.

Dann kam ihm eine weitere Idee. Eine wahnsinnige diesmal, was nicht viel hieß angesichts dessen, was er in den letzten Tagen erlebt hatte. Er schlug nun ganz bewusst aus, als ob er eine geistige Hand ausstreckte und dem Ungeziefer direkt in den Kopf fassen würde. Es war ungewohnt zunächst, fremd, als ob er mit seinen Bewegungen und Gefühlen über den Grund eines Flusses watete.
Aber kannte all die Triebe, die in ihr eingeprägt waren. Er kannte die Muster, denn er hatte sie selbst nur all zu lange gelebt. Geilheit, der Drang sich fortzupflanzen, zu fressen, zu schlafen. Aufstehen, fressen, schlafen. Wieder von vorn, in einem endlosen Zyklus, jeden Tag, jede Nacht. er kannte dieses Muster, Er hatte es selbst lange Zeit gelebt und es war ihm eingebrannt.
Er riss all diese Triebe heraus. Als ob er sich mit den Fingernägeln in ihrem Geist fest krallen und Stücke heraus reißen würde, entfernte er alles, was das Tier zu einem Tier machen würde, und tauchte in ihn ein.

Markus… die Ratte spürte einen Geruch in der Luft. Ganz schwach, nahe der Stelle, an der er ermordet worden war. Er kam ihm bekannt, ganz vage handelte es sich um den Geruch nach Lavendel, der von seinem Angreifer ausgegangen war. In dem kurzen Moment, da er sich mit kraftlosen Fingern an ihm festgehalten hatte, hatte er ihn gerochen. Er war ihm in die Nase gesickert, als er blutend und verwirrt am Boden gelegen hatte, im Schlamm, und einer der Angreifer sich über ihn gebeugt und ihn ausgeraubt hatte.

Jetzt prägte er ihn der Ratte ein und verdrängte jeden anderen Reflex aus ihrem kreatürlichen Geist. Da gab es nichts weiter mehr als diesen Geruch und den Drang, ihm zu folgen.
Sie würde die Quelle des Geruchs finden und nicht eher ruhen, bis sie ihn gefunden hatte.

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