Muster – Teil III: An der Schwelle

Die Träume eines Sterbenden sind eine seltsame Angelegenheit. Zeit, Raum und aller gesunder Verstand schienen in ihnen keine Rolle zu spielen.
Markus hatte immer geglaubt, dass es wie in den Erzählungen sein würde. Dass sein Leben an seinem inneren Auge vorüber ziehen und er an die glücklicheren Zeiten seiner Kindheit denken würde, an sein Studium und seinen Militärdienst vielleicht, während dem er so viele schöne Erinnerungen gesammelt hatte. Er hatte immer geglaubt, dass sein Leben in einer Flucht vor sich selbst enden würde. Eine Flucht vor dem, was er getan hatte, was ihm geschehen war und sein Leben hier bis zu diesem Punkt gebracht hatte, da er sich auf einem Schlafsack in einem seit Jahren verlassenen Heizungskeller ausblutete.

Nichts davon war der Fall.
Stattdessen sank er in eine bleierne Schwere, eine Art von Dunkelheit und Bewusstlosigkeit die – für einen Augenblick wenigstens – allumfassend war. Die sein Bewusstsein nicht in einzelne Momente glücklicheren Zeiten hinein katapultierte, sondern es zerstäubte und im ganzen Heizungskeller verteilte. Es war, als ob sein Geist sich zerreißen würde. Als zerfaserte er langsam, während das fahle Licht der Sonne vor seinem Anblick floh.
Irgendwann am Nachmittag war Markus hierher zurück gekrochen in sein Versteck und hätte jetzt nicht mehr sagen können, wie lange er bereits im Sterben lag.
Minuten vielleicht oder Tage, es schien ihm gleichermaßen möglich.

Ein Quieken, ganz leise am Rand seiner Wahrnehmung, ließ das, was von ihm übrig war, erzittern. Es zuckte zurück in Markus‘ Körper, der sich zerschmettert anfühlte und wie mit schwerem Eisen gefüllt. Er konnte sich nicht bewegen, selbst wenn er keinen unsäglichen Druck in seinen Eingeweiden und auf seiner Brust gefühlt hätte.
Ein Gefühl, das nicht ausschließlich von den Verletzungen herrührte, die ihn töteten.
Die Keller waren alle verseucht. Man gewöhnte sich daran, gewisse Bereiche zu meiden, manche Türen versiegelt zu lassen. Ab und an machte er sich die Mühe und sparte Reste seiner kargen Mahlzeiten auf, um sie in dunklen Ecken zu verfüttern. Die dünne, etwas abergläubische, Hoffnung leitete ihn, dass regelmäßige Opfer sie gnädig stimmen würden. Und für gewöhnlich ließ das Ungeziefer sie auch in Ruhe und gab sich mit diesen unausgesprochenen Grenzen zufrieden.
Nun aber fühlte er sich hilflos. Schutzlos, selbst in seinen sterbenden Fieberträumen
Instinktiv begriff er: Frank und Erik waren fort. Sie waren seit Stunden nicht bei ihm gewesen. Seit er das erste Mal das Bewusstsein verloren hatte, hatte er sie nicht mehr gesehen. Markus war allein, sterbend oder vielleicht auch schon tot und nun in der Hölle gelandet oder in irgendeiner Art von Zwischenwelt, die nicht länger dem Leben gehörte.
Und seine einzige Gesellschaft waren die Ratten, mit denen er sich die Keller geteilt hatte.

Sie näherten sich seinem Bett. Er fühlte es, auch ohne die Augen zu öffnen. Noch nie hatten sie sich bis in den Hauptraum vor gewagt, wo Frank und Erik und er und manchmal auch Andere schliefen. Für gewöhnlich blieben sie in den tieferen Kellern und Schächten, dort, wo der Eingang in den Untergrund versteckt lag.
Aber die Geräusche, die sie machten, drangen selbst durch die Ohnmacht bis zu Markus vor.
Zu sagen, dass er erwachte, wäre zu viel gesagt. Er verblieb in dem Zustand, in den ihn eine handvoll Pistolenkugeln und Messerstiche geschickt hatten. Aber die Schwere, die auf seinem Geist gelastet und die seine Gedanken zerstreut hatte, fiel für einen Augenblick von ihm ab.
Markus öffnete die Augen und sog röchelnd die kühle, muffige Luft ein. Er fand sich im Keller wieder. Dort, wo er die letzten Jahre seines Lebens verbracht hatte, wo sein Zuhause war. Er war in den letzten Augenblicken seines Lebens nicht davor geflohen, sondern suhlte sich darin.

Der Keller war kalt und in Halbdunkel getaucht. In einer Ecke, die er nicht sehen konnte, brannte eine Lampe und tauchte die grauen Betonwände in ein schummriges Zwielicht, das nicht bis zu seiner Schlafnische reichte. Draußen in der Stadt musste Nacht sein. Die andauernde Nacht, die ihn nach seinem Leben erwartete, dachte er.
Er war zu schwach, sich aufzurichten oder den Kopf zu drehen.
Aber er hörte Dinge. Er hörte die Bewegungen im Keller, den Tumult, der unter dem Ungeziefer ausgebrochen war.
Markus schloss die Augen. Er wusste, was sich da näherte, was die Ratten aus den Gängen unter dem Keller nach oben und in den Hauptraum trieb.
Und er betete, dass es der letzte Alptraum eines Sterbenden war, der ihn heimsuchte, und nicht die Wirklichkeit.

Eine Gestalt näherte sich ihm, sie kam aus den Eingeweiden der Keller und Gänge und Tunnel, die tiefer im Heizungskeller lagen. Aus dem Untergrund. Ihre Schritte selbst hörte er nicht, dazu war sie zu leise, zu leichtfüßig trotz der massigen Gestalt. Aber er hörte das verzückte Quieken der Ratten, die ihr voraus gingen und die ihr Kommen ankündigten.
Markus musste sie nicht mit seinen eigenen Augen sehen, um sie beschreiben zu können. Ihr Anblick hatte sich in sein Gedächtnis gegraben, wie eine Brandnarbe in altes Fleisch.
Sie würde nicht wie Frank oder Erik aussehen. Sie würde nicht einmal das wenige an Kleidung tragen, dass Seinesgleichen besaßen. Ein Umhang würde das meiste von ihr verbergen, alles bis auf die nackten Füße und Hände. Sie würde gebeugt gehen, als verstecke sie einen massiven Buckel, und ihn dennoch um mehr als einen Kopf überragen. Ihr Gesicht wäre in Schatten und Schmutz verborgen, aber Markus würde es dennoch erahnen. Einmal, erinnerte er sich, einmal vor Jahrzehnten hatte er unter die Kapuze geblickt. Als er noch dumm war und unerfahren und ein kleiner, neugieriger Junge, hatte er als Belohnung für eine Aufgabe verlangt, unter die Kapuze blicken zu dürfen.
Seitdem verließ ihn dieser Anblick nie wieder.

„Markus.“
Er spürte das Wort mehr, als er es hörte. Es vibrierte in der feuchten Luft im Keller, ließ sie schwingen und drücken. Selbst ihn versetzte es in Unruhe. Dieses eine Wort, sein Name, gesprochen von dieser Stimme, zwang ihn endgültig aus der Bewusstlosigkeit.
„Markus, noch bist du nicht tot“, sagte die Gestalt.
Keine Frage. Eine Feststellung. Eine nüchterne Feststellung, die Markus glauben konnte. Schließlich hoffte er, einen Alptraum zu haben, nichts weiter als einen Alptraum – und Tote träumten nicht.
„Deine Freunde sind sehr ergeben, Markus. Sie haben es weiter hinab geschafft als die meisten anderen. Sie haben mir gesagt, dass du sie geschickt hast.”

Eine kurze Pause. Markus kniff die Augen zusammen Sie brannten. Er kämpfte mit den Tränen, als er daran dachte. Schwächlich schüttelte er den Kopf, rollte ihn von einer Seite zur anderen. Erik und Frank würden nicht zurück kommen.

„Sie haben mir deine Botschaft überbracht. Dass du beabsichtigst, meine Dienste zu verlassen“, sagte die Gestalt. Ihre Stimme war unangenehm. Sie zischte, undeutlich, als wären die spitzen Zähne beständig der überlangen Zunge im Wege, als viele es ihr mit jedem Jahr schwerer, sich an menschliche Sprache zu erinnern.
„Ging es dir so schlecht bei mir?“

Markus’ Stimme versagte ihm. Er versuchte zu sprechen, schnappte aber nur nach Luft. Wie einer, der auf trockenem Land ertrinkt. Schmerz stach ihm in der Brust, in der Lunge. Jeder Atemzug trieb ihm die Kugeln tiefer in den Leib.
Er konnte eine Hand auf seiner Brust spüren, oder was davon übrig war. Von der Hand und seiner Brust.
„Du dummer Junge”, sagte die Gestalt und strich ihm beinahe zärtlich über die blutdurchtränkte Kleidung auf seinem Oberkörper.
Er schloss die Augen, zitternd. Wenn er auch sterben sollte, falls er die Augen schloss, dieses Gesicht wollte er nie wieder sehen. Die freie Hand der Gestalt strich ihm über die Wange, trocknete seine Tränen. Liebevoll, obwohl sie über seine Haut kratzte.
Die plötzliche Abwesenheit von Schmerz ließ Markus gierig die Luft einziehen. Er tastete nach den Lumpen der Gestalt, wollte sich daran festhalten.

„Nein, Herr, nein!”, stieß er hervor, sobald er den Atem dafür hatte. “Nur deshalb habe ich die beiden geschickt: Weil ich selbst nicht zu euch gehen konnte, um zu berichten. Weil ich sterbe, Herr, und versagt habe.”

“Hast du das denn? Versagt?”
Er spürte, wie die… die Hand der Gestalt auf seiner Brust herum tastete. Wie sie mit den Nägeln ihrer Finger Stoff durchtrennte und Leder, als sei es Papier, und die Fetzen beiseite wischte, um auf sein zerschundenes Fleisch zu sehen. Sie war kalt auf seiner Brust und seinem Bauch, kälter als die Winterluft im Keller. Sie schien sich nicht daran zu stören und redete weiter.
“Dein Dienst soll abgegolten sein? Bist du denn tot? Oder hast du deine Aufgabe erfüllt?“

Die Ratten kamen näher. Markus konnte sie sehen, wenn er die Augen einen Spalt breit öffnete. Sie umgaben nicht nur ihn und das Bett. Auch die Gestalt, die sich über ihn gebeugt hatte. Sie liefen auf ihm herum, auf seinen Schultern und Armen. Die Tiere hatten alle Scheu vor ihm abgelegt und selbst vor der Kreatur, die ihn so ängstigte und die ihn in seinen Sterbeträumen heimsuchte.
Markus bebte, wagte aber nicht, sich zu rühren, um das Ungeziefer zu verscheuchen.
Es war abscheulich aufgequollen und viel größer als normale Ratten. Zwei oder dreimal so groß, wie gewöhnlich. So groß, dass ihr Fell und ihre Haut sich spannten und nicht ganz ihr nacktes Fleisch bedeckten, das ganz rötlich war. Wie aufgedunsen. Es presste sich gegen die dünne Haut, das lichte Fell und schien jeden Augenblick daraus hervor brechen zu wollen. Als wären sie eine einzige Masse aus Muskeln und Sehnen und Zähne.

„Sieh mich an, Markus“, befahl die Lumpengestalt über ihm.
Ihre Stimme war ruhig, ganz gefestigt. Das war vielleicht das schlimmste daran, an ihrer ganzen Gegenwart und Erscheinung: Wie menschlich sie war. Wie warm und mitfühlend, wenn sie es wollte, sie einen umgeben konnte – trotz ihres Anblicks.

Markus öffnete die Augen. Die Kapuze und die Schatten verbargen den großen Teil des Gesichts, aber die Gestalt hatte sich über ihn gebeugt. Sie war nur vielleicht eine halbe Armlänge von seinem eigenen Gesicht entfernt. Ihre Augen stachen aus der buschigen und ungewaschenen Menge an Haaren hervor. Sie waren rötlich, beinahe glühten sie vor irgendeiner Art von dunklem Feuer, das dahinter lauerte. Das über der spitzen, kalten Nase und dem Fell in ihrem Gesicht loderte. Ihre Zähne blitzten perlweiß und spitz, als sie sprach, besonders die Vorderzähne:
„Hast du all die Geschenke vergessen, die ich dir gegeben habe? Wir haben einen Pakt geschlossen damals, als du noch beinahe ein Knabe warst. Du hast dein Fleisch geöffnet und mein Blut wie ein übervoller Kelch empfangen. Deine Dienste hast du mir dafür versprochen. Du hast geschworen, Markus. Und seit wann ist es der Knecht, der seinen Dienst für abgegolten erklärt?“

Eine haarige Pfote legte sich auf seine Wange. Markus spürte, wie sich die Ratten weiter näherten. Schon hatten sie seine Lagerstatt erklommen, huschten über die Schlafsäcke und Matratzen und Laken. Er spürte, wie sie sich über ihn ausbreiteten. Wie sie über seine Brust und Schultern krochen, aber die Löcher in seinem Fleisch umgingen. Er begann zu zittern. Er wusste nicht, ob er sich losgerissen hätte, selbst wenn er die Kraft dazu besessen hätte. Ob er sich hätte abwenden können von dieser hypnotischen Stimme, die ihm die Worte eines Versprechens in Erinnerung rief, das er vor neunzehn Jahren gegeben hatte.

Es war ein Versprechen, das er damals für eine Verrücktheit gehalten hatte – für eine Marotte dieses Mannes, der ihm Sicherheit geschenkt hatte und ein Auskommen in seinem aus den Fugen geratenen Leben.
Erst sehr viel später hatte er begriffen, dass er es weder mit einem Mann noch mit einem Verrückten zu tun hatte. Jedenfalls nicht im üblichen Sinne des Wortes, bei dem die Vorstellungen und Gedanken des Verrückten nicht mit der Welt übereinstimmten. Vielmehr war die Welt verrückt geworden, die sich die Illusion machte, solche wie ihn gäbe es nicht. In ihr gab es keinen Platz für eine solche Kreatur und sie zu leugnen war die eigentliche Verrücktheit.

„Ich sterbe, Herr“, flüsterte Markus. Seine Stimme war leise, so unendlich leise, dass sie kaum mehr als ein Wispern war, das er hervorbrachte. Tränen rannen ihm über die Wangen. Sie waren heiß, aber wie Balsam für seine von Schmutz und eisigem Wind geschundenes Fleisch.
„Ich habe meine Aufgabe erfüllt“, sagte er, „ich habe die Botschaft von Roland Gefreiter überbracht, Herr. Ich bezahle meine Treue mit meinem Leben.“

Ein Fingernagel oder eine Klaue fuhr ihm über den Wangenknochen, wischte die Tränen beiseite.
„Oh nein. Nein, Markus, nein. Deine Wunden sind tief und sie beeindrucken mich: Deine Gedärme sind zerteilt, von einem breiten Messer. Dir stecken sechs Kugeln in der Brust. Deine Rippen sind geborsten, Stücke deines eigenen Körpers fressen sich durch dein Fleisch, schneiden weitere Arterien auf. Ja, du blutest wie eine Sau beim Schlachter. Aber noch lebst du und deine Schlachter haben schlecht gearbeitet. Jeder andere wäre vor Stunden verblutet. Du aber… du lebst noch.”

Plötzlich packte die Gestalt zu. Eine Hand umklammerte Markus’ Kiefer, zwängte seine Lippen und Zähne auseinander. Sie war kalt und feucht auf seinem ausgemergelten Fleisch und ihr Griff hart wie Eisen. Nägel und Finger schnitten ihm in die Wange, drückten ihm den Mund auf.
„Ich verbiete dir zu sterben, Markus. Dein Tod ist ein Verrat an mir. Dein Mord ist ein Verrat an mir. Ich setze dich in Amt und Würden als mein Sendbote zu den Sterblichen in diesem Viertel, ich übertrage dir alle Privilegien meines Blutes. Gehe hin und exekutiere sie.”

Wie auf einen stummen Befehl strömten die felligen Kreaturen aus den Lumpen seines Herrn. Ein halbes Dutzend oder mehr. Sie zwängten sich durch die geöffneten Kiefer von Markus, stürzten sich in seine Kehle. Er schrie auf, versuchte es, aber seine Schreie erstickten im ranzigen Fell des Ungeziefers. Er spürte, wie seine Brust sich hob, wie sein Bauch sich zum Bersten füllte. Kräfte, die er nicht gekannt hatte, ließen ihn beben und sich aufbäumen. Aber der Griff der Lumpengestalt hielt ihn auf die Matratzen genagelt. Erbarmungslos hielt er ihn fest, während sich die Ratten in seinen Magensäften ersäuften.
Und über ihm, ihm tief in die vor Schreck geweiteten Augen sehend, dieser glühende Blick der Kreatur. Diese menschlichen Augäpfel mit ihrer leuchtenden Iris. Wie Kohlen in der Glut.
Ihre Stimme verfolgte ihn in die Bewusstlosigkeit, die sich ihn mit aller Macht zurück holte. Diese menschliche, aber zischende Stimme, die alles andere in seinen Gedanken auslöschte, bis auf diesen einen Satz:
“Geh und räche deine Ermordung.”

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