Muster – Teil II: Abfall

Menschen eilten durch die Straßen des Viertels und vermutlich auch die ganze Stadt. Die Hände vergruben sie in den Taschen, hatten die Kragen ihrer Mäntel gegen das Wetter hochgestellt und hasteten durch graue Straßen. Die Chaussee nach Falkenberg herauf und herunter, vom Büro zum Mittagessen, vom Mittagessen zum Einkaufszentrum. Alle waren versunken in ihren Beschäftigungen und Nichtigkeiten, die sie durch die Häuserschluchten trieben.

Kaum jemand beachtete den einzelnen Mann, der sich mühsam einen Weg über die Straße bahnte. Es war, als würde er gegen einen Strom anlaufen, der ihm bis zu den Oberschenkeln reichte. Jeder Schritt schmerzte ihn und zerrte an seinen Knien, die weich zu werden drohten. Die Menschen gingen an ihm vorbei, ohne ihn zu beachten, ohne ihn auch nur anzurempeln. Niemand sah ihn nach einem flüchtigen Blick ein zweites Mal an:
Der säuerliche Geruch, der ihn umgab, stieß sie wohl ab. Er ging zu gekrümmt für ihren Geschmack, zu gebeugt und nicht aufrecht genug, und wankte bei jedem Schritt von einer Seite zur anderen. Er wirkte nicht menschlich genug in ihren Augen. Der Schlamm und Schmutz der Straße auf seinem ganzen Oberkörper, in seinem Bart, ließ die meisten schnell wieder auf ihre eigenen Angelegenheiten achten, den Blick stumpf nach vorn gerichtet, an ihm vorbei.
Niemand bemerkte, dass er sich die Hände auf den Bauch gepresst hatte und vornüber gebeugt lief. Niemand bemerkte das Blut, das ihm durch die Finger ran, oder wie bleich sein Gesicht trotz der Kälte war, die ihrer aller Gesichter rötete.

Markus wusste immerhin, wohin er wollte. Es war nicht die ziellose Eile aller anderen, die bloß ihren Mustern folgten und ihren ausgetretenen Gewohnheiten, die ihn voran trieb: Er wollte in den Untergrund zurück kriechen, aus dem er vor kurzem erst wieder hervor gekrochen war, sich in sein Loch zwängen und auf den Tod warten und nicht auf offener Straße ausbluten.
Der Weg war weit, aber er könnte es schaffen. Er musste nur die Chaussee herunter kommen. Am Einkaufszentrum vorbei, zu der stillgelegten Schulruine in den Hinterhöfen, zwei Querstraßen weiter. Im Keller gab es einen Eingang in die Bunkeranlage und Leute, die ihm etwas schuldeten. Die nicht alles von ihm wussten, aber genug, um eine Nachricht zu überbringen. Seine letzte Nachricht.
Er musste berichten, was vorgefallen war. Das war alles, was ihn noch antrieb. Das Verlangen, es noch mitzuteilen, wenigstens sein Versagen selbst zu melden. Denen, die davon wissen mussten. Die ihm diese Aufgabe gegeben hatten, bei der er versagte. Seine Gedanken waren darauf gerichtet. Auf den leer stehenden Keller und den letzten Schritt seiner Aufgabe:
Seine Neuigkeiten zurück in den Untergrund zu bringen.
Zurück zu seinem Boss.

Plötzlich traf er auf ein Hindernis:
Ein Mann in Anzug und dunklem Mantel, mit einer Aktentasche in einer Hand, stand vor ihm und versperrte ihm den Weg. Er sah ihn an. Als einziger in dem Strom aus Menschen, der mit Markus vom Bahnhof die Chaussee hinunter gewandert war, hatte er sich nicht nach einem oberflächlichen Blick abgewandt.
Er fragte irgendetwas. Was genau, das hörte Markus nicht. Jedenfalls nicht seine Worte, die waren ein konturenloser Brei aus Geräuschen, der Markus ins Gesicht flog und sich dort mit dem Trampeln der Anderen vermischte. Nur die Stimme selbst, die warm war und weich und besorgt. Die ihn nicht wie einen Aussätzigen behandelte. Die hörte er.
Für einen Augenblick war Markus irritiert. Der Ton der Stimme passte nicht zu dem, was die Menschen gewöhnlich zu ihm sagten. Es schienen keine Worte von Ekel zu sein oder Ablehnung. Auch sein Gesicht zeigte keine Spuren davon. Er betrachtete ihn, ohne Scheu, wie einen Gleichgestellten. Wie einen seinesgleichen.

Der Mann kam näher. Furchen gruben sich durch sein Gesicht, seine Stirn, zogen seine Mundwinkel nach unten. Er fasste Markus an den Schultern, versuchte ihn zu stützen. Seine Augen wurden groß: Er hatte das Blut bemerkt, das aus Markus tropfte. Und dass der Mann an seinem Kaschmirmantel verschmierte, als er Markus angefasst hatte.
„Großer Gott“, flüsterte der Mann und packte ihn fester. Die Hand, die sich auf Markus‘ legte, war kalt, das Gefühl im ersten Augenblick irritierend, fühlte sich nicht wie Haut an. Sie steckte in einem Handschuh, um sie vor der Kälte zu schützen. Nappaleder, schätzte Markus, vielleicht vom Lamm.

„Notruf!“, sagte der Mann im Anzug und wandte sich an einen der Umstehenden, die ihn zwar bemerkt aber nicht auf ihn reagiert hatten. „Rufen Sie den Notruf! Tun Sie schon, los!“
Die Aktentasche glitt ihn aus den Händen, mit einem Arm hakte er sich bei Markus unter, versuchte ihn mit seiner Schulter und seinem breiten Kreuz abzustützten. Das Blut auf seinem Mantel
Markus schüttelte sich. Er zitterte, wie von Frost, konnte sich aber nicht losreißen.
„Nein“, sagte Markus. „Nein, nein, keine Ärzte. Keine Ambulanz.“
Seine Stimme war schwach, mehr ein Murmeln. Er hatte nicht mehr viel Zeit, seine Kraft verließ ihn mit jedem weiteren Schritt mehr und mehr, sickerte aus seinen Verletzungen.
Mit einer Hand griff er nach dem Arm des Mannes. Schmerz zog seine Eingeweide zusammen, er keuchte, krallte sich in den Unterarm, den der hilfsbereite Fremde ihm unter den Armen hindurch um die Brust geschlungen hatte, und beugte sich unfreiwillig vornüber.
Der Mann nahm Markus Gewicht auf sich, lud ihn sich halb auf die Schultern. Mit der linken Hand gestikulierte er herum, zeigte auf Passanten, die stehen geblieben waren, aber nichts unternahmen. Einer von ihnen hatte endlich ein Telefon gezückt und schien Anstalten zu machen, den Notruf zu benachrichtigen, nachdem der Mann ihn angebrüllt und dazu aufgefordert hatte.
„Was reden Sie da, Mann?“, fragte der Mann mit einem Seitenblick. „Legen sie sich, Himmel, legen sie sich hin. Der Notarzt ist auf dem Weg, hören Sie? Halten Sie durch. Halten Sie nur noch ein bisschen durch.“
Der Mann trug ihn halb ein paar Meter über den Bürgersteig, in Richtung einer Bushaltestelle. Dort gab es Bänke. Er wollte Markus wohl hinlegen, ihn festhalten, damit er sich nicht bewegte und die Wunden weiter aufriss.

Markus konzentrierte sich auf ihn. Er hatte ihn noch nie gesehen. Es war keiner seiner Bekannten. Keiner von Rolands Jungs. Auf gar keinen Fall einer von seinen eigenen Handlangern oder Schützlingen oder Schuldnern. Die hätten keinen Arzt gerufen. Der Mann sah gut aus, erfolgreich. Er war gepflegt, im besten Alter mit vollem Haar und offenbar maßgeschneiderter Kleidung, die von Markus‘ Blut befleckt war.
Sein Nacken war dem Gesicht von Markus ganz nah. Er sah die feinen Haare darauf, wie sich die Muskelstränge unter der Anstrengung, ihn tragen zu müssen, anspannten.
Der Mann roch nach Aftershave. Ein scharfer Geruch biss ihm in die Augen und die Nase.
Der Geruch riss Markus aus seiner Schwere. Wie eine Ohrfeige weckte er ihn.

Er konnte sich nicht von der Ambulanz einfangen lassen wie von einem Hundefänger. Die Ärzte würden Fragen stellen. Unendlich viele Fragen, auf die er keine Antworten hatte. Sie würden ihn aufhalten wollen und ausfragen. Er sah sich auf den Tisch geschnallt in einem anatomischen Theater, in einem Operationssaal, wo man ihn aufschnitt. Wieder und wieder, um ihn auseinander zu nehmen und sich gewaltsam Antworten auf die Fragen zu holen, die die Ärzte früher oder später haben würden. Die jeder haben würde, sobald sie die Kugeln aus seiner Brust holten und zu denken anfingen. Sobald sie fragen würden, wie er noch leben konnte und wo er herkam.
Ärzte würden seine Aufgabe behindern.

Markus ließ sich fallen, trat mit den Beinen zur Seite aus. Er traf den Mann in den Kniekehlen, riss ihn mit seinem Gewicht und den Tritten zu Boden. Für einen Augenblick begrub er den hilfsbereiten Menschen unter sich, im Schmutz und grauen Schnee am Bürgersteig. Rasch waren dann schon Umstehende bei ihnen, die zuvor nur geglotzt hatten. Wie eine Sippe von Ratten umgaben sie ihn, sobald ihre natürliche Angst und Abscheu vor ihm einmal gebrochen worden war von einem einzelnen mutigen, der sich ihm genähert hatte. Aber mit Ratten konnte Markus umgehen.

Sie hoben Markus auf die Beine, runter von dem Mann, dem sie nur Sekunden später ebenfall hoch halfen. Sie hatten wohl den Eindruck, er seit gestolpert oder seine Beine hätten nachgegeben.
Markus versuchte es mit einem Brüllen, mit irgendeinem Schrei, der die ungewollte Hilfe zurück schrecken lassen würde. Viel mehr als ein heiseres Röcheln brachte er nicht hervor. Ein Rasseln ging ihm durch die Kehle und die Glieder, Blut und Schleim tropfte ihm dabei aus dem Maul, verteilte sich als Sprühregen. Es war mehr das Geräusch eines sterbenden Tieres, das noch einmal um sich schlägt, als das eines wilden Löwen. Aber es erfüllte seinen Zweck: Die Leute stoben zurück von ihm, hielten sich ihre Ärmel vor Mund und Nase, weil sie ihn für krank hielten.
Ganz falsch lagen sie nicht, dachte Markus, und drückte sie beiseite, so gut er es konnte. Er stolperte weiter, eine blutbefleckte Hand vor sich ausgestreckt, als ob er den Leuten damit drohen würde.

Ein verrückter Penner mehr oder weniger – das fiel in dieser Stadt nicht auf. Niemand würde sich nach ihm umschauen, dachte er.
Markus wankte weiter. Er ließ die Traube hinter sich und überquerte die Chaussee rascher, als er sich zugetraut hatte. In einem der dutzenden identischen Eingänge zu den Hinterhöfen verschwand er aus ihren Augen. In der Ferne hörte er die Sirenen der Ambulanz, ihr impotentes Kreischen schmerzte in seinen Ohren, wie es wieder und wieder von den Stahlbetonfassaden des Viertels gebrochen und zurück geworfen wurde.

Vorwärts, dachte er, nur vorwärts, weg von diesem Heulen der Hundefänger.
Irgendwie schaffte er es durch den Matsch der Hinterhöfe, durch die kahlen und kleinen Haine, die in den Höfen gepflanzt worden waren. Nur ein paar Krähen und Kinder vertrieben sich hier die Tage. Die Ruine einer Schule tauchte langsam dahinter auf: Seine Zuflucht. Vor dreißig Jahren still gelegt, aber nie abgerissen worden, kümmerte sich niemand um die paar Hausbesetzer, die hier ein und ausgingen.
Er quetschte sich durch das Loch im Zaun hinter der Schule, durch den Maschendraht in den Innenhof. Die Eingangstüren standen offen, trotz der dicken Bretter, mit der sie vernagelt worden war. Markus schleppte sich um das Hauptgebäude herum, zur Rückseite. Dort befand sich ein kleiner Durchgang in den Heizungskeller, eine alte Stahltür, die der einzige Eingang in den unteren Bereich war. Alle anderen waren von ihm vor Jahren verbarrikadiert worden, um ein wenig Sicherheit hier zu haben.

Er wankte durch die Tür. Der Keller war leer bis auf zwei seiner Freunde. Eigentlich mehr Speichellecker, die sich hier in seinem Schutz suhlten. Die bei ihm blieben, weil er Essen organisieren konnte, sein Unterschlupf auch im Winter warm und einigermaßen sicher war.
Markus lachte, als ihm der Gedanke durch den Kopf ging. Er hatte nicht einmal sich selbst schützen kann, geschweige denn andere. Er fühlte sich schlapp, ausgelaugt wie eine gepresste Orange. Selbst das dünne Lachen schoß Schmerzen durch seinen ganzen Körper, ließ ihn Blut spucken.

Erik fing ihn auf, bevor Markus auf dem Boden aufprallen konnte. Markus sagte irgendetwas. Er wusste nicht mehr, was er sagte, was genau aus seinem angeschlagenen Bewusstsein sprudelte. Der Blutverlust machte sich bemerkbar. Er verlor rapide die Gewalt über sein Bewusstsein und die Kraft, die ihn bisher hatte wanken lassen.
Er musste ihnen von seiner Aufgabe erzählen. Er musste sie weiter reichen und mit ihr das Geheimnis, das ihn geschützt hatte in den letzten Jahrzehnten und auch sie, die sich mit ihm zusammen hier eingenistet hatte. Die Aufgabe, die ihm das bisschen Einfluß gegeben hatte, mit dem er sich ein Leben aus der Armut und Einsamkeit geschnitten hatte.

Erik und Frank mussten gehen. Sie mussten erzählen, dass Markus angegriffen worden war. Dass die Vermissten von Roland Gefreiter nicht einfach verschwunden waren, sondern vermutlich getötet worden. Jemand war hinter ihnen her. Schlimmer: Hinter ihm selbst. Und er war dabei, sein Ziel zu erreichen.

Markus‘ Gerede wurde inkohärent.
Er bemerkte noch, dass Erik ihn in seine Schlafstätte trug, in die Ecke, wo ein Haufen alter Matratzen und Schlafsäcke übereinander lag. Dass Frank sich über ihn beugte und die Wunden besah. Worüber die beiden sich unterhielten, hörte er nicht mehr. Seine eigene Stimme überdröhnte ihre in seinen Ohren, obwohl sie sie vermutlich kaum hören würden. Er fürchtete, dass er kaum mehr flüsterte durch das Blut, das in seine Kehle sickerte.

Er versuchte, ihnen den Weg zu beschreiben. Den Weg durch die geheime Nische ganz hinten im Heizungskeller, vorbei an den Haufen von Altmetall und den Abfallbergen. Den Weg in den Untergrund, der dahinter lag, verborgen in alten Wartungstunneln der U-Bahn und Bunkeranlagen, in den Durchbrüchen, die er und seinesgleichen in all der Zeit geschaffen hatten, um unter dem Viertel hindurch in den Untergrund zu gelangen.
Sie mussten den Hinweisen dort folgen, den Ratten und den Rohren, bis sie jemanden fanden, dem sie es erzählen konnten. Jemand anderem, der Markus kannte.

Sie mussten seine Aufgabe fortführen und erzählen, was geschehen war. Sie mussten es erzählen, wenn er nicht umsonst sterben wollte.
Markus flehte sie an. Seine Hand tastete schwach nach Franks Mantel, klammerte sich in den dicken Stoff an seinem Mantelaufschlag.
Er war sich nicht sicher, dass sie ihn verstanden hatten, bevor er in die letzte geistige Umnachtung seines Totenschlafs gefallen war.

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