Muster – Teil I: Eine einfache Aufgabe

Städte sind keine ganz einfachen Angelegenheiten, besonders nicht je größer und älter sie sind. Für Fremde sind sie ein Labyrinth von Straßen, Alleen, Gassen, Wegen, Pfaden, Brücken, Unterführungen und allerlei mehr Windungen, die sich über weite Strecken umeinander schlingen. Aber selbst für ihre Bewohner sind sie kompliziert, vielschichtig, und alles andere als geradlinig. Sie existieren in mehr als einer Ebene, die sich oftmals übereinander lagern – nicht nur räumlich, sondern auch zeitlich. Gerade in einer Stadt wie dieser, die sich seit mehr als tausend Jahren ausgedehnt und im Lauf der Zeit sogar verschiedene kleinere Städte gefressen hatte, führte ein einzelner Spaziergang durch die Jahrhunderte: Die großen Seen der Plattenbausiedlungen wurden von romanischen Kirchen, Inseln einFer simpleren Zeit, unterbrochen und neben den Glastürmen der Banken fanden sich preußische Schlösser und kaiserliche Palais.

Markus war ziemlich gut darin geworden, sich in diesen Windungen zurecht zu finden. Er hatte ein Auge dafür und lange genug in diesem seinem Teil der Stadt verbracht, um ihn sehr genau zu kennen. Der Trick war, auf die Menschen zu achten. Sie bewegten sich in Mustern durch die Straßen, gingen die immer gleichen Wege zur Arbeit, nach Hause, in die Kneipe. Sie wussten es vielleicht nicht, aber sie folgten nicht unbedingt der Architektur, also den Straßen und Wegen selbst, sondern die Straßen folgten den Menschen. Sie wurden dort angelegt, wo sie benötigt wurden.

Die Stadt, in der Markus nun seit seiner Geburt lebte und von der er so viel gesehen hatte, war darin mehr wie ein Rudel wilder Tiere, das einer Art kollektivem Zwang folgte. Wie eine Herde Hirsche vielleicht, die seit Jahrhunderten das immer gleiche Wasserloch auf ihren Wanderungen aufsuchten. Die Stadt an der Spree wurde zusammengehalten von diesen ausgetretenen Pfaden, die das einzelne Tier selten verstand.

Der Mensch war eines dieser Tiere, die das Rudel bildeten. Egal, was die Poeten und Philosophen behaupteten: Der Mensch war ein Tier, davon war Markus überzeugt. Vor gerade vier Nächten erst hatte er einen Mann dabei beobachtet, wie er einem anderen den Schädel eingeschlagen hatte. Der hatte nichts weiter getan, als in der Januarkälte einen Schal zu besitzen. Ein Vergehen, für das er mit dem Leben bezahlt hatte. Wie ein Raubtier war der eine Mann über den anderen hergefallen und hatte sich genommen, was ihm gefallen hatte.

Markus hatte den Mörder zwar bestraft, aber nicht aus Mitleid mit dem Erschlagenen oder aus Ekel vor der animalischen Gier seines Mörders. Sondern weil es seine Pflicht war. Nur weil der Mensch ein Tier war, konnten sie dennoch Regeln und Gesetze kennen.

In einer Stadt von dieser Größe waren sie nur schwerer zu finden. Genau wie die Muster, denen die Stadt selbst folgte. Aber mit den Jahren war es leichter geworden. Die Zeit, die Markus hier verbracht hatte, hier in diesen Straßen, auf der Spur dieser Menschen und allen anderen, die hindurch kamen, hatte ihm dabei geholfen.

Er schüttelte den Kopf, vertrieb diese Gedanken daraus. Sie nützten ihm für den Augenblick nicht viel.
„Konzentration, Markus, Konzentration“, sagte er sich und löste sich von seiner Position. Er hatte eine Menge Menschen beobachtete, die an ihm vorbei über die Kreuzung gegangen war. Sie waren in Eile gewesen, aus der Kälte heraus und in den Bus oder das Einkaufszentrum zu kommen.

Für einen Augenblick war er stehen geblieben, hatte sich von der Menge getrennt und sie nur beobachtet. Er tat das ab und zu. Einfach nur beobachten. Die meisten Leute nahmen sich keine Zeit mehr dafür, aber er – er hatte sehr oft sehr viel Zeit.

Nur nicht heute, nicht an diesem Morgen. Heute hatte er eine Aufgabe, die wichtiger als seine Beobachtungen war. Dieselbe Aufgabe, die er jeden Monat getan hatte, für mehrere hundert Monate in Folge. Das war sein ganz eigenes Muster, sein eigener, einzigartiger Weg durch diese verwirrende Stadt. Markus hatte das lange erkannt und störte sich nicht daran. Im Gegenteil gefiel es ihm. Er war mit dieser Aufgabe betraut worden und sie war ihm wichtig, denn sie war alles, was er wirklich besaß auf der Welt. Alles andere – sein Geld, seine Kleidung, seine Nahrung – konnte man ihm wegnehmen. Nur seine Aufgabe nicht.

Den ersten Teil seiner Aufgabe – den Anfang seines Musters, der sich jeden Monat wiederholte – hatte er bereits hinter sich gebracht. Er hatte sich in den Untergrund der Stadt begeben, um Befehle abzuholen. Es kostete selbst ihn immer ein wenig Zeit, die komplizierten Abkürzungen, die geheimen Wege, Klopfzeichen, Passwörter und alle diese Hürden zu überwinden, aber Monat um Monat nahm er sie, um denjenigen zu finden, der ihm diese Aufgabe übergeben hatte.
Von ihm erhielt er, verborgen vor den Augen der Normalsterblichen seine Befehle und weitere, die für andere gedacht waren.
Diese Anweisungen zu überbringen, war der zweite Teil seiner Aufgabe.

Den ersten anderen Empfänger dieser Befehle würde er in einer Kneipe finden, unweit der Kreuzung, die er vor kurzem beobachtet hatte. Diese Kreuzung lag im Herzen einer Plattenbausiedlung im Osten der Stadt, seiner Plattenbausiedlung, soweit es ihn betraf, denn er lebte dort und kannte jeden Winkel in ihr.
Man nannte es Ostseeviertel. Der einzige Grund, den Markus dafür finden konnte war, dass es im Osten lag und ein See aus Stahl und Beton inmitten der Landschaft war.

In einer Reihe von Hochhäusern, befanden sich Geschäfte aller Art – Gebrauchtwaren, Kleidung, ein Frisör, ein Bäcker. Die Kneipe, die Markus suchte, war ein hässliches Ding namens „Die Adlerquelle“, die im Erdgeschoss eines dieser Wohntürme lag. Es war einer dieser Orte, zu denen die Menschen immer wieder zurück kehrten, ohne die Gründe dafür zu kennen.
Markus kannte einige Leute, die behaupteten, die Kneipe hätte schon lange vor den Hochhäusern dort gestanden, die erst in den siebziger Jahren errichtet worden waren. Sogar bevor es in der Gegend echte Dörfer gegeben hatte, sollte es dort eine Kneipe mit einem ähnlichen Namen gegeben haben.

Es war leicht zu glauben, wenn man die Inneneinrichtung sah. Die Wände waren mit dunklem Eichenholz getäfelt, an den Wänden hingen Jagdtrophäen unbestimmten Alters und unklarerer Herkunft. Hier und dort glaubte man ein Hirschgeweih oder einen Wildschweinschädel zu erkennen, aber genau so gut hätte es sich auch um Bärengebisse oder Bullenschädel handeln können – alles Tiere, die es seit langer Zeit hier nicht mehr gab.

Um diese Uhrzeit war der Laden leer bis auf ein paar der üblichen Alkoholiker, die wohl hier lebten, und ein übermüdet aussehendes Paar in einer Seitennische, neben dem ein ganzer Berg an Winterkleidung lag. Markus machte keine Anstalten, sich mit ihnen bekannt zu machen. Er setzte sich an einen der massiven Ecktische, von wo aus er den Eingang und die Tür zur Küche im Auge behalten konnte, mit dem Rücken zur Wand.

Die Bedienung ließ sich Zeit, ihn zu begrüßen. Als sie es schließlich tat, hatte sie keine Karte dabei und zog ein mies gelauntes Gesicht. Es war ein junger Mann in halbwegs ordentlicher, aber irgendwie zerbeulter Kleidung. Ein schmächter, blasser Kerl mit schwarzen Strubbelhaaren, dessen Augen Markus undurchsichtig musterten.
„Kann ich helfen?“, fragte er.
Markus nickte, sagte:
„Ich bin hier, um Roland zu treffen.“
„Wen?“, fragte der Kellner.
Markus‘ Augen verengten sich zu kleinen Schlitzen. Er sah den jungen Mann über die Nasenspitze hinweg an, nahm Maß von ihm.
„Roland Gefreiter. Dein Boss, nehm‘ ich an.“
„Ohhh“, sagte der Mann und nickte. „Roland, ja. Der ist nicht da. Kann ich was ausrichten?“

Markus ließ den Blick durch das Lokal schweifen. Die zwei Kerle am Tresen starrten herüber, nicht sehr unauffällig für Muskelmänner. Hatte Roland neue Jungs eingestellt?, fragte er sich für einen Augenblick. Dann schüttelte er den Kopf und wandte sich wieder dem Kellner zu.
„Welcher Tag ist heute?“, fragte er.
Der Kellner verzog das Gesicht. Sein Blick glitt an Markus herunter, urteilte über seine Kleidung, seinen unrasierten, etwas schmutzigen Zustand. Markus hörte, wie der Mann die Luft einsog, wie er an ihm roch und die Nase ein wenig rümpfte.
„Montag, zehnter Erster“, sagte der Kellner.
Markus nickte. Er verschränkte die Arme, als würde diese Tatsache für sich selbst sprechen und hätte soeben bewiesen, dass er im Recht war.
„Eben“, sagte er.

„Und?“, fragte der Kellner, der das offenbar anders sah.
„Jeden zweiten Montag im Monat hat Roland Gefreiter ein Gespräch mit mir. Wenn also heute der zweite Montag im Januar ist, dann hat er heute ein Gespräch mit mir und wird da sein. Falls er das nicht ist, dann bring mir eben erst mein Frühstück und ich warte solang auf ihn.“

Dem jungen Mann verschlug es für einen Augenblick die Sprache. Er schwankte beinahe einen Schritt zurück, fing sich aber wieder. Scharf sog er die Luft durch die Nase ein, streckte den Rücken durch, versuchte, sich größer zu machen, aufzuplustern wie eine bedrohte Katze.
„Hören Sie mal“, sagte er und gewann langsam an Lautstärke, die jetzt auch die zwei Muskelmänner an der Theke dazu veranlasste, halb von ihren Hockern zu rutschen.
„Ich weiß ja nicht, für wen Sie sich halten, ja, aber wir sind keine Suppenküche und der Chef ist beschäftigt. Wenn Sie warten wollen, dann tun Sie das woanders. Hier kaufen Sie etwas oder verschwinden. Ich weiß nicht, wo Sie diese Idee her…“

Es war genau dieser Moment, in dem Roland zur Tür herein kam. Er war ganz rot im Gesicht, vor Kälte und vor Hektik, atmete schwer. Sein Mantel wehte hinter ihm und er verteilte Schnee im ganzen Raum, als er sich hastig den Schal vom Kopf riss. Offenbar hatte er noch die letzten Sätze der Tirade des Kellners gehört, denn er bedeutete den beiden Kerlen am Tresen, sitzen zu bleiben.
„Markus!“, sagte er und eilte ihm mit ausgestreckter Hand entgegen. „Gott, ich bin nicht zu spät, oder? Ich bin sicher zu spät. Entschuldige, dass du warten musstest, es war nicht zu lang, nein? Entschuldige den Jungen, es wird nicht wieder vorkommen, ich verspreche es. Er ist neu, etwas übereifrig. Wir hatten ein paar Probleme, ich erzähl es dir gleich. Du nimmst das gleiche wie immer, oder?“

Markus machte eine Handbewegung, die den Kellner aus seinen Gedanken und aus dem Gespräch wischte.
„Setz dich“, sagte er.
Er beobachtete, wie Roland den jungen Mann mit knappen Worten anwies, sämtliche Küchenreste vom Wochenende zu besorgen und eine Kanne Kaffee aufzusetzen. Er war kühl dabei, beinahe feindselig, und seine Stimme schnitt scharf in den verwirrten jungen Mann. Aber Roland maßregelte ihn nicht in diesem Augenblick. Das würde später geschehen, hinter verschlossenen Türen, Markus vertraute darauf.

Roland seufzte, als der Mann endlich gegangen war, und setzte sich Markus gegenüber.
„Ich bin untröstlich, wirklich. Ich musste neue Jungs besorgen, wir hatten außergewöhnlich viele Ausfälle dieses Jahr und… Es ist nicht leicht, gutes Personal zu finden.“
„Sieh zu, dass es nicht wieder vorkommt“, sagte Markus. Damit war die Sache vorerst vom Tisch.

Roland nickte. Er sah sich kurz um, sein Blick ging in Richtung des Paares am andern Ende des Raumes. Sie hatten herüber gesehen und die Szene neugierig beobachtet, sich nun aber wieder ihrem kalten Frühstück gewidmet.
Schließlich lehnte Roland sich vor, näher zu Markus heran. Der Geruch nach Schweiß und Zigarettenrauch schien ihn nicht zu stören, wenn er ihn denn noch wahrnahm. Oder er war nur nicht dumm genug, seine Abneigung offen zu zeigen.
„Was gibt es neues?“, fragte er.
„Nicht viel“, sagte Markus. „Wir sollen die Pfoten vom Industriepark lassen, so wie immer. Uns da nicht blicken lassen und keinen Streit anfangen mit niemandem. Auch nicht da rumhängen, also sag das deinen Leuten. Vor ein paar Wochen gab es einen Zwischenfall, dein Name ist gefallen. Eine Frau Schwarzbrunn ist da aufgegriffen worden. Hat früher am Präsidium hier gearbeitet, kannte wohl ein paar deiner Jungs mit Namen…“

„Ist das erste Mal, dass ich davon höre“, sagte Roland. Er legte die Stirn in Falten und lehnte sich zurück. „Ich werd‘ die Ohren offen halten, aber… In meiner Truppe fehlen genug. Da wäre mir aufgefallen, wenn noch eine verschwunden wäre und der Name sagt mir nichts.“
„Was soll das heißen, dir fehlen die Leute?“
„Genau das“, sagte Roland. „Mir fehlen Leute, verschwinden einfach. Den einen Tag sind die hier oder draußen, erledigen ihre Arbeit, den nächsten… Fehlen sie, tauchen nicht mehr auf. Und ich hab bei unseren Freunden auf den Behörden nachgefragt: Sie sind nicht verhaftet worden. Einfach verschwunden, vom Erdboden verschluckt.“

Der Kellner, der Markus erst solche Schwierigkeiten gemacht hatte, kam mit seinem Frühstück und dem Kaffee. Das Frühstück war, wie Roland verlangt hatte, eine Mischung aus verschiedenen Fleischresten vom Wochenende – Wurst, Schinken, Kassler Fleisch, Braten – auf einer Art von dicker Kartoffelsuppe mit Bohnen und zwei Spiegeleiern. Ein größerer Topf, der einen penetranten Geruch nach Fett und altem Fleisch verströmte. Markus machte sich gierig darüber her und über den Kaffee, den er in großen Mengen in sich hinein schüttete. Er vertrieb die Kälte in seinem Körper. Und nach allem, was er von Roland hörte, würde das hier für ein paar Tage die einzige warme Mahlzeit sein.

Roland deutete mit dem Daumen in Richtung des Kellners, als er zu dem Paar hinüber ging, um die Rechnung zu kassieren.
„Einer der Gründe, warum ich neue Leute angeheuert habe. Zu viel Schwund“, sagte er.

Markus sah ihn zwischen zwei Bissen an.
„Und warum erfahre ich erst jetzt davon?“
„Weil ich dachte, ich könnte das alleine regeln, ja? Kann ich nur leider nicht. Tut mir leid, aber kann ich nicht. Keiner meiner Jungs weiß was, hat was gesehen oder gehört. Ist gruselig, Markus. Richtig gruselig. Knapp die Hälfte ist weg, einfach weg. Diesen Monat sind es schon wieder zwei weniger. Aber spurlos. Wir haben keine Leichen irgendwo gefunden, niemand ist im Krankenhaus oder vermisst oder sonst wo.“
„Vielleicht Konkurrenz?“, schlug Markus vor.
„Nein“, sagte Roland und schüttelte den Kopf. „Ich denke das hätten wir gemerkt und von unseren Informanten in den Behörden habe ich nichts gehört. Ich meine, möglich ist es schon. Aber für gewöhnlich sind die… wie soll ich sagen? Offensichtlicher? Eindeutiger? Das hier ist zu subtil, zu feinfühlig. Als ob einer uns in den Schatten beobachtet und wenn wir nicht aufpassen… schnappt er sich einen. Und wir haben keine neuen Ansprüche von irgendjemandem gehört. Niemand wollte mit uns verhandeln über Reviere oder Anteile oder irgendetwas.“

Roland griff in die Innentasche seines Mantels. Er holte einen Umschlag hervor, einen dieser beigen großformatigen Briefumschläge, und schob ihn zu Markus hinüber.
„Eine Liste mit Namen und Anschriften von allen, die verschwunden sind und wo sie zuletzt waren. Jedenfalls soweit wir wissen. Schau sie dir nachher mal an, vielleicht fällt dir etwas auf.
Und dein Anteil für diesen Monat. Es ist etwas weniger als letztes Mal, aber… Ich musste neue Leute anstellen, Schweigegeld und so weiter. Das kostet. Dachte mir also, ich sage es dir lieber und hol dich dazu.“

Markus aß schweigend weiter. Der Umschlag wanderte in seine Tasche. Die Namen würde er sich in den nächsten Tagen selbst ansehen. Und erst dann würde er den dritten Teil seiner Aufgabe übernehmen: Das Geld und die Meldung von Roland zurück in den Untergrund der Stadt bringen.
Er nickte.
„Ich kümmere mich drum“, sagte er.

Roland fiel sichtlich ein Stein vom Herzen. Er stieß die Luft aus, die er bislang angehalten hatte, und ließ die Schultern sinken.
„Danke“, sagte er. „Ich schulde dir was.“
Markus schüttelte den Kopf und pochte auf den Briefumschlag in seiner
„Ist meine Aufgabe. Kann sein, dass ich die nächsten Tage noch ein paar Fragen hab und mir die Wohnungen von ein paar der Vermissten anschauen will.“
„Natürlich, alles was du brauchst“, sagte Roland. „Wenn es sonst noch irgendetwas gibt, was ich für dich tun kann…?“
„Nein, das wäre alles.“

Markus lehnte sich zurück von seinem Essen, das er in großer Eile herunter geschlungen hatte. Er tupfte sich die Mundwinkel mit einer Serviette ab und dachte kurz über das Angebot nach. Ihm fiel nichts ein, was er von Roland benötigte. Bei der Kleidung könnte er sich bei den Verschwundenen bedienen und sich eine Woche oder zwei vor der Winterkälte in einer verfügbaren Wohnung einzunisten wäre ihm Bezahlung genug.

Er verabschiedete sich von Roland und versprach noch einmal, sich um das Problem zu kümmern, noch bevor es den Untergrund erreichte und sie beide belasten würde. Dann ging er, ohne zu zahlen. Das war alles, was er von Roland und seinen Jungs erwartete: Eine warme Mahlzeit und Ehrlichkeit. Er hatte die uneingeschränkte Gastfreundschaft von Roland und im Ausgleich dafür nahm er diese nicht öfter als notwendig wahr: einmal im Monat. Das Geld in seiner Tasche dagegen gehörte weder ihm noch Roland, sondern demjenigen, der Markus auch seine Aufgabe und Roland seine Autorität übertragen hatte.

Der Januar biss sich in seine Wangen, als Markus wieder auf die Straße trat. Es war Mittag geworden über seinem Frühstück und der Wind hatte eingesetzt. Die Straßen waren leerer geworden, jetzt wo der Berufsverkehr vorüber war, und Markus setzte sich etwas widerwillig in Bewegung.
Für einen Augenblick dachte er daran, dass er Roland nach seinem Schal hätte fragen sollen. Dann wischte er den Gedanken beiseite und konzentrierte sich auf seine Aufgabe.

Er kannte jemanden bei den Behörden, der ihm etwas schuldete. Es wäre ein leichtes, Rolands Versicherung, dass keiner der Verschwundenen in Haft saß, zu überprüfen. Zwar vertraute er dem Mann, die Wahrheit zu sagen – warum sollte er lügen? Es war in seinem Interesse, das Problem so schnell als möglich zu lösen, bevor er ersetzt wurde – aber Kontrolle war in diesem Fall besser. Vielleicht hatte er etwas übersehen oder vergessen.

Es war nicht weit, er könnte den Fußmarsch gebrauchen, um sich nach dem sehr üppigen Essen wieder in Gang zu bringen. Ein Automobil benötigte er nicht, um durch die Stadt zu kommen. Seit seiner Geburt lebte er hier in diesem Viertel, kannte alle der neuen Abkürzungen und Gassen, durch die er sich nun bewegte, um dem Wind davon zu laufen. Er kannte sogar einige der alten und vergessenen Unterschlüpfe, die der Großteil der Stadt und ihrer Bauplaner und Verwalter schon lange wieder vergessen hatten.
Beinahe zweihunderttausend Menschen lebten in der Gegend, mehr als in vielen großen Städten des Landes, und er war auf der Suche nach zwölf davon.
Seine Füße fanden fast von selbst den Weg durch das Viertel, durch die Wege zwischen den Häuserblöcken und Hochhäusern, die Unterführungen unter Bahngleisen und Brücken, während er in seinen Gedanken versank. Dort erstellte er eine Liste mit denjenigen Mustern, die er kannte und die zu diesem Verhalten passen könnten.
Was brachte eine Reihe an Leuten dazu, spurlos zu verschwinden? Nicht einmal eine Leiche zu hinterlassen? Und wer konnte ihm dabei helfen, diese ausfindig zu machen?
Er hatte im Lauf der Zeit eine große Menge an Bekanntschaften angesammelt und irgendwer würde ihm weiterhelfen können. Die Polizei wäre ein Anfang. Dort könnte er…

Ein Knall, wie ein Donnerschlag, trat ihm in den Rücken. Er stolperte vorwärts, beinahe über seine eigenen Füße, fiel aber nicht. Ein weiterer Knall, in die Schulter diesmal, der Markus herum wirbelte.
Zwei Gestalten standen vor ihm. Vermummt mit Schals und Mützen und dicken Mänteln. Eine hielt eine Waffe, eine Pistole, aus der ein dritter Knall ertönte, ein vierter und fünfter. Sie trafen seine Brust, es fühlte sich an, als wäre er von einem Pferd getreten worden. Aber er blieb auf den Beinen, weigerte sich zu fallen. Er war zäh. Das bisschen Blut machte nichts. Die fünf Löcher in seinem Brustkorb…
Markus grunzte, biss die Zähne aufeinander. Seine Sinne schwanden ihm. Ihm wurde heiß trotz der Kälte um ihn. Trotz des Windes, der in seinen Ohren heulte. Seine Hand glitt in seine Jacke, er fummelte an den Knöpfen herum, versuchte sie zu öffnen. Er hatte eine Waffe, er konnte sich wehren, konnte…

„Scheiße nochmal“, murmelte eine der Gestalten. Eine gedämpfte Stimme, er konnte sie nicht zuordnen. Ein Messer blitzte, dann war der Mann heran. Sein Messer schnitt durch den Nebel in Markus‘ Kopf. Er spürte den ersten Schlag in seine Magengrube noch, den zweiten nicht mehr.

Ein neuerlicher Knall, diesmal von Markus‘ Schädel auf die Betonplatten. Hände drehten ihn herum, betasteten seinen Oberkörper, öffneten die Jacke.
„Ist er endlich…?“
„Wenn nicht jetzt, dann nie“, sagte eine Stimme nahe an seinem Ohr.
Er fühlte ein Rascheln an seiner Brust, fühlte, wie zwei Hände den Umschlag an sich nahmen. Durch das Rauschen in seinen Ohren konnte er Schritte hören, die in dem Hohlweg aus Beton und Stahl widerhallten.
Markus schloss die Augen, konzentrierte sich auf seine Wunden. Als ob seine Gedanken sein Blut daran hindern konnten, aus seinem Körper zu fließen.
Der letzte Teil seiner Aufgabe würde schneller als erwartet beginnen.

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