Muster – Teil VII: Sterbliche Reste

Der Geschmack von Blut und Fleisch klebte in seinem Mund und ließ ihn würgen. Er war wie Öl, das sich über alle seine Nerven gelegt hatte und das keine Menge an Wasser oder Wodka fort spülen könnte. Er erstickte beinahe an dem Gestank, der sich über seine Kehle gelegt hatte. Nicht einmal der Schweiß und das Erbrochene, die er von sich gab, konnten den Gestank von Blut durchdringen.

Irgendwie hatte Markus bis in den Heizungskeller zurück gefunden. Er hatte sich in seine Zuflucht verkrochen, wie ein ängstlicher Junge, der beim Wichsen erwischt worden war und sich unter seinen Laken versteckte. Schon auf der Flucht dorthin hatte er versucht, die Spuren seiner Schande vom Gesicht zu waschen, hatte mit den Ärmeln daran herum gewischt, um sie zu verbergen.
Es war den Menschen auf der Straße so wenig wie sein eigenes aufgefallen.
Nur den Geschmack. Den Geschmack von menschlichem Blut konnte er nicht loswerden, nicht abwaschen. Egal wie oft er sich das Maul mit Wodka auswusch oder sich übergab – er wusste, was er getan hatte. Jetzt hockte er in einer Ecke, über einen Pisseimer gebeugt, und würgte, als ob er so auch sein Mitwissen an der Tat von sich geben könnte.

Der Geschmack selbst störte ihn nicht einmal. Das war vielleicht das schlimmste. Er gefiel ihm. Oder besser gesagt: Er gefiel diesem Teil von ihm, der ihn überhaupt erst dazu gebracht hatte, um sich zu beißen. Derjenige Teil, der in der Hitze des Gefechts keine andere Möglichkeit gesehen hatte, als als seine Zähne um den Hals eines anderen Menschen zu schließen und große Brocken heraus zu reißen. Der versucht hatte, so viel wie möglich von dem dunkelroten Saft zu schlucken, so viel Schaden wie möglich anzurichten.
Diesen Teil erregte der Geschmack.
Markus wandte er sich von dem Eimer ab. Er blieb auf den Knien, drehte aber den Oberkörper und schnappte nach Luft. Der Geruch drang nicht wirklich zu ihm durch, penetrierte nicht diese ölige Schicht aus Blut und Eisen, die ihm den Rachen und die Nase verklebte. Aber der Anblick verstörte ihn. Es war eine dünne Flüssigkeit, die er von sich gab. Mehr Galle als alles andere, aber durchsetzt von kleineren Brocken Fleisches und roten Schlieren.
Er wischte sich über die Augen, wollte die Tränenflüssigkeit daraus vertreiben, und bemerkte das Blut an seinem Hemdsärmel. Sein Magen verkrampfte sich erneut, aber er hielt sich zurück.

Er schälte sich aus der Blut besudelten Kleidung und erstarrte.
Dort, zwischen den Schulterblättern, hatte der Pullover ein Loch, knappe 9mm im Durchmesser. Er hatte einen Schlag abbekommen, das hatte er noch gespürt. Aber er hatte gedacht, die Frau hätten etwas nach ihm geworfen. Nicht, dass sie auf ihn geschossen hätten.
Aber in seinem Rücken, dort wo die Kugel eingeschlagen sein musste, war keine Wunde. Seine Hand kam sauber zurück, als er nach der Stelle tastete, und es schmerzte nur ein wenig: Ein blauer Fleck, vielleicht faustgroß, der ihn nicht weiter behinderte.
Ihm wurde heiß. Als ob sich in seinem Magen ein Hochofen befinden würde, der Rauch und Feuer durch seine Brust und Kehle trieb. Seine Ohren rauschten vom Blut, das in ihm zu rasen begann.
Er war noch einmal erschossen worden. Nur diesmal hatten die Kugeln nicht einmal eine Wunde hinterlassen.
“Unnatürlich”, dachte er. “Ich sollte tot sein.”

Etwas abseits von der Pissecke mit dem Eimer stand ein Bottich, eine große Tonne, die sie mit Regenwasser füllten. Oder mit Tauwasser im Winter. Das Wasser war eiskalt, selbst hier drinnen hatte sich eine dünne Eisschicht gebildet, durch die er mit seinen Knöcheln schlug. Er wusch seine zitternden Hände, die Arme und das Gesicht, tauchte schließlich mit dem Kopf und Oberkörper ganz hinein und hielt die Luft an.
Endlose Sekunden vergingen. Seine Lunge begann zu schreien. Ein Zerren in seiner Brust, ein Schreien in seinem Hinterkopf. Von diesem kleinen Teil von ihm, der ihm fremd war und trotzdem nur allzu vertraut. Der ihm Angst machte, weil er zu ihm gehörte… und auch zu allen anderen. Dem Teil, mit dem er… mit dem er tat, was auch immer er diesen halben Tag getan hatte. In die Geister von Ratten eintauchen, nach Menschenfleisch hungern.
Und er blieb mit dem Kopf unter Wasser, bis das Schreien aufhörte. Bis da nichts weiter war.
Für einen Augenblick vergaß er alles um sich herum. Den Keller, seine eigene Verwirrung und selbst den Geschmack. Da war nur noch der Drang, Atem holen zu können, und das Brennen in seinen Augen.

Sein Kopf war klarer, als er ihn aus dem eiskalten Wasser zog und nach Luft schnappte. Das einzige Geräusch in seinem Kopf war sein eigener Atem, gepresst und schnappend.
Seine Genügsamkeit kehrte zurück, er verdrängte diese Gier, die er gespürt hatte und immer für völlig fremd gehalten hatte, die ihn aber den ganzen Tag im Griff gehalten hatte. Sein Herz hörte zu rasen auf und seine eigenen Gedanken formten sich wieder. Klar, präzise, effizient.

Hatte er auf die Uhr gesehen? Es war schwer zu sagen, wie lange es her war, dass er in das Appartement eingebrochen und wann er daraus geflohen war. Die Sonne näherte sich ihrem Untergang, so viel konnte er sagen. Sie begann bereits, hinter die Betonhügel am Horizont zu sinken und den Smog und die Giftgase in der Luft in Brand zu stecken. Ein paar Stunden war er bereits von den Toten wieder auferstanden.

Es war möglich, dass seine letzte und einzige Spur zur Aufklärung seines Mordes bereits wieder davon gelaufen war. Das würde er an der Stelle der beiden Mörder tun: Vor diesem Irren, der Pistolenschüsse weg steckte wie schlecht gezielte Tennisbälle und Brocken aus anderen Menschen heraus biss, weglaufen. Irgendwohin mit dem bisschen Geld, das sie noch übrig hatten.
Ohne den Auftraggeber noch einmal zu suchen.

Der Gedanke verstörte ihn. Fast so sehr, wie sein eigener Zustand ihn verstörte. Er hatte versucht, ihn zu verdrängen, sich seiner Aufgabe zu widmen und nur seiner Aufgabe.
Jetzt musste er ihm ins Auge sehen. Nicht nur, weil er zwischen seinen Schultern einen blauen Flecken gefunden hatte, wo ein Einschussloch hätte sein müssen: Dort draußen gab es jemanden, der ihn loswerden wollte. Und nicht nur das, er ließ zwei Menschen seine Drecksarbeit machen, die von ihm nicht viel wussten und nicht einmal bezahlt wurden.
Die Sache stank und er je länger er darüber nachdachte, desto unwohler wurde ihm.

Markus sank auf eine der Bettstätten, die Frank und Erik hinterlassen hatten. Verwaist und leer. Die beiden waren nicht zurück gekommen, seit er ausgegangen war. Wahrscheinlich würden sie es nie. Er für seinen Teil wagte sich nur zu besonderen Zeiten hinunter in diese Hölle, in die Tunnel, die von den tieferen Ebenen des Heizungskellers und der Bunker hinweg führten, bis tief, tief unter die Erde, und die für Kilometer reichen mussten. Die beiden hatten seinen letzten Wunsch erfüllt und waren ohne Vorbereitung hinab gestiegen in diese Unterwelt.
Sie würden nicht wieder nach oben steigen. Nicht, wenn er seine Träume… oder seinen Besuch richtig verstanden hatte.
Offensichtlich aber kamen Dinge daraus hervor. Dinge, die ihn in seinen Alpträumen heimsuchten und denen er… denen er seine Seele verkauft hatte, falls er so etwas besaß. Zumindest aber sein Leben. So viel war offenbar: Falls er tatsächlich noch lebte, falls er nicht in der Hölle gelandet war, dann nur wegen seines Herrn, der direkt aus seinen Alpträumen aufgestiegen war und ihn…
Ja, was eigentlich? Verflucht hatte? Gesegnet?

Trotz der Kälte im Raum war Markus heiß. Sein Oberkörper war nackt, aber er schwitzte heftig.
Irgendwo dort draußen war einer… vielleicht einer wie er, der es auf ihn abgesehen hatte. Der Menschen dazu brachte, ihn töten zu wollen, gegen ihren Willen. Der vielleicht… vielleicht ungleich mächtiger war als er oder sogar der, in dessen Namen er dieses Quäntchen Macht besaß, das ihn zum zweiten Mal vor dem Tod gerettet hatte.

Markus hatte seine Kräfte nur undeutlich eingesetzt, plump. Beinahe wie ein Kind, das seine Hände und Arme zum ersten Mal bewusst zu bewegen lernt, hatte er mit seinem Geist ausgegriffen und diese Ratte verändert. Er hatte sie gezwungen, für ihn diesem Geruch zu folgen, den er selbst kaum wahrgenommen hatte, und alle Instinkte zu vergessen. Und sie hatte es getan. Bis sie sich in der Verfolgung dieses Geruchs selbst an den Türen zur Wohnung seiner Mörder zerschmettert hatte.

Er hatte… Kontrolle über Tiere. Bis zu einem gewissen Grad. Jedenfalls über diese eine Ratte hatte er sie gehabt, jedenfalls für einen Augenblick.
So viel musste Markus einsehen, egal wie unwahrscheinlich oder wahnsinnig das war. Er konnte die Muster in ihrem Geist erkennen, Muster die er von sich selbst kannte. Den Drang zu fressen, zu ficken, zu unterwerfen. Tierische Muster, die ihm und allen anderen tief eingeprägt waren.
Triebe, die überhand genommen hatten, als er von seinen Mördern erneut in die Ecke getrieben worden war. Vielleicht als eine Art psychischer Rückschlag aus dem Geist des Ungeziefers, mit dem er noch immer verbunden gewesen war. Vielleicht aus… aus eigenem Antrieb heraus. Vielleicht war es dieser Teil von ihm, der ihm überhaupt nur erlaubte, Macht über diese Untiere auszuüben.

Er ballte die Hand zur Faust. Er hasste hermetische Überlegungen dieser Art. Dummes Zeug, das sich aller Vernunft widersetzte, und das er nicht begreifen konnte, ohne es auszuprobieren, zu erfahren. Unsinn, den er nicht verstehen und beobachten konnte aus seiner Position eines unbeteiligten Beobachters, nicht so wie Menschen und Sozialgefüge, die er immer nur beobachtet und studiert hatte.

War es Magie, die er durchführte? Oder hatte er den Verstand verloren, war all das Teil seines Fiebertraums? In seinen Träumen folgte die Welt anderen Gesetzen, Gesetzen der Ähnlichkeit und der Analogie, nicht der Logik. Es mochte eine schlichte Halluzination gewesen sein. Aber das Tier selbst hatte es gegeben. Und es hatte ihn dorthin geführt, wo die beiden gewesen waren. Der blaue Fleck zwischen seinen Schultern, der Geschmack von Blut in seinem Mund – vom Blut seines Mörders – war der Beweis dafür.

„Ich brauche mehr Informationen“, sagte er zu sich.
Beobachtung war der Schlüssel. Er musste mehr über die beiden erfahren, die ihn angeschossen hatten. Wo sie herkamen wenigstens oder wo sie hin gingen, falls sie denn noch in ihrem Appartement waren. Falls sie nicht schon gegangen waren.
Er wäre das. Er wäre abgehauen, hätte sich verkrochen und seine Wunden geleckt, so wie er es jetzt tat.
Aber sie… sie waren nicht normal. Sie waren beeinflusst worden von… von wer auch immer Markus aus dem Weg räumen wollte. Sie hatten diesen Befehl in ihren Köpfen, diesen Befehl Markus zu töten, und er schien eine beinahe hypnotische Kraft über sie auszuüben.
Vielleicht hatte er noch eine Chance, den Strippenzieher ausfindig zu machen. Vielleicht waren sie noch nicht geflohen, sondern warteten auf eine Nachricht von ihm.
Und vielleicht, nur vielleicht, konnte Markus diese Nachricht abfangen, so wie er abgefangen worden war. Oder wenigstens bemerken, wenn sie überbracht wurde, und die beiden dann verfolgen.

Unmöglich konnte er selbst in das Appartementgebäude zurück kehren. Das Mädchen am Eingang würde ihn nicht noch einmal herein lassen, nicht nach der Art und Weise, auf die er geflohen war, mit vor Blut triefendem Maul.
Aber er musste beobachten, das konnte er am besten. Am Rand des Blickfelds von allen anderen, von normalen Menschen lauern. Mit seinem Einbruch hatte er sich zu weit vorgewagt, hatte sich selbst gezeigt. Das war sein Fehler gewesen. Er war verwundbar gewesen, weil er sich gezeigt hatte.

Dieses Mal würde er es anders machen. Dieses Mal würde jemand anderes sich zeigen und er würde lauern, bereit hervor zu springen, sobald der Moment gekommen war, und sich selbst rächen.

Sein Blick streifte umher. In einem der Durchgänge, dort wo der Keller tiefer hinunter führte, wurde er fündig: Eine Ratte, aufgedunsen, räudig, die unter seinem Blick regungslos erstarrte.
Markus grinste und ging an die Arbeit.

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