Infestatio – Teil IV: Unter Blumen

Auszug aus dem Entlassungsprotokoll von Friedrich Andersen

Nein.

Nein, ich bleibe hier. Genau hier im Revier oder in meiner Zelle oder wo auch immer. Sie können mich nicht gehen lassen, hören Sie? Sie können mich hier nicht einfach fortjagen wie einen gemeinen Tagedieb und wieder dort hinaus schicken.

Ich habe einen Mord gestanden. Karl Längenfeld – ich habe ihm den Schädel eingeschlagen, vor ein paar Tagen erst. Sein Blut klebt an meinen Händen, als ich durch die Tür herein kam.

Es ist mir egal, dass Sie keine Leiche gefunden haben. Ich habe ein Kapitalverbrechen begangen und es Ihnen gestanden. Sie müssen Blut gefunden haben, Mengen davon. Reicht das nicht für eine Anklage?

Ich gehe dort nicht wieder hinaus. Nein, niemals. Was ist mit Grabschändung, zählt das nicht? Einbruch, Landfriedensbruch? Suchen Sie sich etwas aus, weswegen Sie mich in den Kerker werfen. Ich kann Ihnen auch an die Gurgel springen, wenn Sie das wünschen, aber eine zivilisierte Lösung wäre mir tatsächlich…

Gut. Tun Sie das. Schreiben Sie dem Nervenarzt. Einweisung klingt vernünftig, meinetwegen. Ich bin nicht verrückt, ich sage es ihnen. Ich streite ab, verrückt zu sein. Er lag doch dort vor mir. Wenn ich die Augen schließe, sehe ich doch noch seine leeren Blick vor mir. Fühle noch sein Blut an meinen Fingern.

Sie…Sie haben also keine Leiche dort gefunden in meiner Wohnung. Kein Karl mit zertrümmertem Schädel, neben ihm noch der Stein, mit dem ich es getan habe.

Oh, ein Pflasterstein. Was weiß ich, wo wir den her hatten. Erster Mai womöglich oder ein Fundstück aus irgendeiner Gruft. Ein Andenken vielleicht an meine Jugend als Unruhestifter oder ein Geschenk. Ist das wichtig?

Aber er muss dort gewesen sein. Es war eine erbärmliche Sauerei, überall Blut. Sie haben meine Kleidung gesehen, mit der ich hier herein gekommen bin. Mein Blut war es nicht, das mir die Hose ruiniert hat, das mein Hemd vom Saum bis zu den Ärmel bedeckt hat. Das wissen Sie oder ahnen es wenigstens.

Ich sagte Ihnen bereits, warum ich ihn getötet habe. Sie zweifeln…Ha! Dieses Mal kann ich es Ihnen nicht einmal verdenken. Aber es ist nicht meine Schuld, dass Sie so lange gezögert haben, meine Worte zu überprüfen. Weiß Gott, was in der Zwischenzeit geschehen ist! Woher soll ich es wissen, ich war hier, eingesperrt für die letzten Tage, während Sie sie vergeudet haben mit Befragungen.

Nichts von dem hier scheint Ihnen viel Sinn zu ergeben, oder? Mir geht es ähnlich. Wie kann…wie kann eine Leiche verschwinden aus einer Wohnung, zu der nur ich Zugang hatte? Er wird nicht einfach aufgestanden und gegangen sein. Hoffe ich.

Ich denke es ist möglich, dass Marie einen dritten Schlüssel zu unserer Wohnung besaß, natürlich. Ebenso ist es möglich, dass sie den Leichnam beseitigt hat. Dass Sie sich…vergangen möchte ich nicht sagen. Aber es ist möglich, dass Sie gewisse Dinge mit ihm getan hat. Ich…ich erzählte Ihnen, was ich gesehen habe, nicht? Was ich gehört habe? Welche Mächte sie besaß? Es ist denkbar, dass sie ihhn hat verschwinden lassen in einer Wolke aus Asche und Staub Dass Marie jede Spur von ihr und Karl beseitigt hat und nichts zurück lässt als einen stammelnden Irren in einer Zelle am anderen Ende der Stadt.

Sie oder jemand anderes…

Nein, ich kann Ihnen nicht von den Geheimnissen erzählen, die Karl mir offenbart hat. Weil Sie nicht wahr sein können. Nicht wahr sein dürfen. Weil Sie mit mir sterben müssen, wie Sie schon vor langer Zeit hätten sterben sollen.

Vielleicht…vielleicht waren sie das sogar. Tot meine ich. Aber dann hätten wir diese Geheimnisse niemals ausgraben dürfen. Niemand anderes hätte sie anrühren dürfen…Diese Dinge, zu denen Marie in der Lage war, waren unnatürlich. Abscheulich, selbst für uns.

Also habe ich sie wieder verschüttet. Allein deswegen habe ich Karl getötet. Etwas übereilt, vielleicht, aber es war notwendig.

Karlchen kam von einem seiner Ausflüge mit Marie zurück, damals. Einer von denen, auf die sie mich nicht mehr mitnahmen. Heute weiß ich, warum sie mich immer weiter ausschloss, aber damals nicht. Damals fühlte ich noch frisch den Stachel der Eifersucht. Fühlte Schmerzen, die man nur fühlt, wenn geliebte Menschen einen ausschließen. Selbst wenn es zum eigenen Wohl ist. Selbst wenn man sich schon damit abgefunden hat und sogar darauf gehofft hat.

Gott, sind es wirklich nur drei Tage gewesen, die sie mich eingesperrt hielten? Es fühlt sich so viel länger an. Zeit wird dickflüssig, irgendwie zäh, wenn man nichts zu tun hat, als auf die Wände oder die eigenen, blutbefleckten Hände zu starren.

Er kam allein. Ich weiß nicht, wo Marie war. Fort geblieben. Vielleicht käme sie später noch, vielleicht nicht. So war sie eben und ich dachte so wenig wie möglich darüber nach. Wenn sie käme wäre das in Ordnung, wenn nicht würde es mir nicht das Herz brechen.

Karl schien dankbar zu sein, mich einen Augenblick für sich zu haben. Mein Zimmer stand ihm ohnehin immer offen, selbst wenn ich arbeitete. Ich hörte ihn herein kommen, sich auf das Sofa unter dem Fenster werfen, lautstark. Aber ich ignorierte ihn. Ich schnitt irgendeinen dummen Film zusammen und wollte es fertig bekommen.

Es dauerte eine Weile. Eine ganze Weile, die ich mit meinen Kopfhörern auf den Ohren so tat, als ignorierte ich ihn und er so tat, als störte es ihn nicht. Vielleicht war es sogar so, für einen kurzen Moment. Vielleicht war die Lüge, die wir uns vormachten – die Lüge, dass da nichts war – für einen Augenblick keine Lüge. Vielleicht war es so wie früher, als wir einfach nur stumm unsere Gegenwart genossen.

Ich würde mir gerne vorstellen, dass unsere letzten gemeinsamen Stunden unsere besten waren.

Er hatte diesen Ausdruck im Gesicht, als ich mich ihm zuwandte. Den gleichen wie an jenem Abend in der Gruft des Filmemachers. Eine Nacht, die mir eine halbe Ewigkeit her zu sein schien. Haben Sie schon einmal gesehen, wie jemand ‘nicht bei sich’ ist? Diesen faszinierten, verzerrten Ausdruck, der in die Ferne geht und nicht an diesem Ort weilt. Er war schon da, körperlich war er mit mir in diesem Zimmer. Aber irgendwie auch nicht. Als blicke er durch mich hindurch, wenn er mich ansah, und irgendwie hinter alle Welt.

Meine Couch steht unter dem Fenster. Stand, besser gesagt, es ist nicht mehr wirklich meine Couch. An ihm vorbei sah ich die Mittagssonne sich schwach durch das Geäst schieben, dort wo der Wald zu Ende war und unsere Straße begann.

Es zog fürchterlich durch die Doppelfenster, was es im Herbst noch recht angenehm machte. Ein altes Haus, wie gesagt, aber nie so wirklich renoviert. Vielleicht gab es deswegen so viele junge Leute dort, die sich nicht an etwas Zugluft stören oder dem Heulen des Windes in den Ritzen.

Meine Pflanzen hingen über ihm und an den Seitenwänden über der Couch. Eine helle Szene, denke ich, und ein schönes Bild. Er, umrahmt von der Natur, wie er mir von diesen Abscheulichkeiten berichtet, die ihm aus dem Maul tropfen wie Gift aus einer Schlange.

Ich greife wieder vor, verzeihen Sie.

Er käme von einem Ausflug zurück, erzählte er mir. Ich wusste das natürlich. Ich hatte ihn am Nachmittag zuvor gehen gehört, zusammen mit Marie. Ich hatte bemerkt, dass seine Tasche fehlte, die mit den verschiedenen Werkzeugen. Sie…haben sie nicht gefunden, nehme ich an? Eine schwarze Tasche, nicht weiter auffällig. Ein paar Notizbücher darin, vielleicht eine Taschenlampe, ein alte Kamera. Nicht? Dann wird Marie sie mitgenommen haben. Es…es ist nicht weiter wichtig.

Nennen Sie es ein Andenken. Oder einen Hinweis, dass ich die Wahrheit gesagt habe. Ist es noch von Bedeutung, wenn Sie mich ohnehin nicht verurteilen oder anzeigen wollen? Wenn Sie mir nicht einmal glauben, was ich selbst gestanden habe?

In dem Büchlein steht nichts weiter von Bedeutung. Anmerkungen, Fragen. Fetzen von Antworten. Nicht von uns, aber von denen. Antworten, die wir bei den Toten gefunden haben auf Fragen, die wir nie gestellt hatten. Die paar Erinnerungen stehen darin, die ich noch an die unselige Nacht im Mausoleum derer von Schlüsselburg hatte. Den Rest hat Karl weitergeführt. Er hat es mir gezeigt, vor drei Tagen. Ich muss es wohl vergessen haben oder nicht daran gedacht, dass Sie an mir zweifeln würden…Vielleicht würde es auch nur Ihren Eindruck bestätigen, ich habe den Verstand verloren und Stimmen gehört, wo es keine gab.

Ja, wir haben Aufzeichnungen gemacht, natürlich. Darum ging es von Anfang an – Stimmungen festhalten, Erfahrungen haltbar machen. Wir wollten nichts anderes als aufzeichnen. Was ist mit der Kassette unter meinem Bett? Eine schwarze Metallbox voller Filmmaterial, ich erzählte davon?

Wir waren Suchende, sagte ich das nicht? Auf der Suche nach Antworten, die wir vielleicht selbst nicht verstanden haben. Obwohl ich langsam denke, dass Marie sie wohl verstanden haben wird. Sie wusste, nach welcher Art von Antworten wir suchen. Sie war es jedenfalls die einzige, die die Fragen kannte, die wir in die Gruft riefen. Und die waren alles, was zählte.

Nein, sie müssen die Kassette finden, hören Sie? Darin findet sich alles, was wir getan haben. Beweise über Beweise. Alle Bilder, die selbst den hart gesottenen Künstlern dieses Babylons zu abstoßend waren, um sie veröffentlicht zu sehen. Marie darf sie nicht in die Finger bekommen! Sie darf nicht damit durchkommen, dass sie uns benutzt hat.

Karl und mich…

Er hatte diesen Ausdruck im Gesicht, wissen sie? Wie von…wie von…Ich weiß nicht, was für einen Ausdruck. Fiebrig, ein wenig. Ich weiß nicht, warum er mir diese Dinge erzählt. Warum er vor mir ausbreitete, was er mit Marie getan hatte in der letzten Zeit und weiterhin tun würde.

Nein, ich kann seine Worte nicht wiederholen. Gleich, was Sie fordern. Seine Offenbarungen werden mit mir sterben. Sollten mit mir sterben, dachte ich damals. Wenn Sie aber Marie nicht finden, werden sie keine Ruhe finden. Wird er keine Ruhe finden. Ich bitte Sie, sie dürfen das nicht zulassen!

Weshalb ist es so wichtig, was er gesagt hat? Tatsächlich verstehe ich es nicht, warum es Ihnen so wichtig ist.

Dieser eine Mittag, diese paar Stunden, in denen er mir von den…den Dingen berichtete, die sie vor mir geheim gehalten hatten, und die er mir nun ebenfalls aufbürden wollte…Dieser eine Beichte war ein Anlass, nichts weiter. Ich muss schon vorher den Gedanken gehabt haben oder wenigstens den Drang, ihn von diesen Dingen, die ihn von mir fort trieben, los zu lösen. Ich muss über die Wochen und Monate, die sie mich beiseite geschoben haben, ausgehöhlt worden sein wie faulendes Obst.

Aber ich halte Sie an, sich erneut in Erinnerung zu rufen: Es war keine Eifersucht im Spiel oder Neid. In dieser Tat wenigstens nicht, wenn schon in jeder anderen. Wenn es ein Gegenteil von Eifersucht gibt, von einer Verachtung einer Beziehung, dann war sie die Ursache dieser Tat.

In dieser knappen Stunde, die wir uns gestritten hatten. In der er mich anflehte, seinen Worten Glauben zu schenken und mit ihm zu kommen und mich selbst von der Macht und der Herrlichkeit zu überzeugen, die er gesehen hatte, da rührte sich etwas in mir.

Ich kann Ihnen nicht sagen, was es war. Ich kann Ihnen die Verführungen nicht wiederholen, kann Ihnen seine Worte nicht mitteilen, die Andeutungen, mit denen er von einem Herren Maries sprach und was er ihm beigebracht hatte in der letzten Nacht und noch beibringen könnte…
Ich will Ihnen nicht einmal andeuten, was er mir versprach. Wie sehr es mir möglich schien, dass wir dieses Einverständnis zurück erlangen könnten, das wir zuvor gehabt hatten. Bevor…bevor wir so neugierig geworden waren. Bevor wir begonnen hatten, Fragen zu stellen, die wir selbst nicht kannten. Antworten von Marie zu erhalten, die wir nicht hören wollten.

Ich weiß nur, dass…dass alles einstürzte. Fast alles. Nicht er, nein. Er war immer so gewesen: Neugierig, wagemutig, dreist. Ich denke nicht einmal, dass es ihm viel ausgemacht hat, was er mir erzählte. Nicht so viel wie mir, der ich mir seit drei Tagen nun schon Lügen einfallen lasse, wie viel anders als er ich reagiert haben musste – damals in der Gruft, als wir alles begannen und ich nicht versuchte, ihn aufzuhalten, obwohl ich es hätte wissen müssen.

Die Wahrheit muss sein: Ich tat all diese Dinge bereitwillig, an die er nun appellierte. Und ich hatte keine Erleuchtung, als er mir diese Worte sagte. Keine Abscheu überkam mich, dass ich selbst monatelang mit ihm und mit Marie meiner Gier nachgegeben hatte, gesucht und gegraben und mich selbst in den Schmutz gestürzt hatte.

Aber alles andere stürzte ein.

Ich stürzte ein und er blieb stehen.

Ich glaube nicht, dass ich geweint habe. Das kam später, als er reglos vor mir lag und ich über ihm kniete. Aber ich erinnere mich an eine kalte Wut, kalt wie Regen im Januar, die mich überkam. Ich erinnere mich an den Stoß, mit dem ich ihn zum Fenster schubste, dass er wieder über die Couch stolperte. Die Pflastersteine, Andenken an mein Jugendzeit mit ihm und den anderen, die wir vom ersten Mai aufbewahrt hatten.

Ich wollte nicht, dass er mir diese Dinge sagte. Sie gehörten in ein Grab. In irgendeines, sollten dort vergessen werden oder jedenfalls nicht ausgesprochen. Ich wollte sie nicht hören. Er hätte sie nicht sagen sollen. Aber ich wollte sie nicht hören, wollte nichts davon wissen. Ich wollte nicht…ich wollte nicht, dass diese Dinge zwischen uns standen. Dass ich…

Ich hätte nur auf zwei Arten reagieren können: zustimmen oder ablehnen, sehen Sie das? Ich wäre mit ihm gegangen in diese Tiefe oder aber ich hätte ihm den Rücken gekehrt und wäre geflohen. Vor ihm, vor Marie, von der Kreatur, für die sie und er die Gräber öffneten, der sie berichteten und beichteten, was sie umtrieb und was vor sich ging in der Welt. Die der Grund war dafür, dass wir nur Gräber der letzten achtzig oder neunzig Jahre geöffnet hatten, der Zeit in der sie selbst in irgendeinem namenlosen Acker verscharrt gewesen sein musste, bevor sie sich erhob und Fragen stellte. Fragen durch uns, durch Marie…

Ich wollte das nicht, verstehen Sie? Ich wollte diese Stille bewahren, die zwischen uns war. Früher und in den wenigen Wochen, als wir kaum miteinander sprachen. Als jeder von uns zufrieden war, so zu tun, als wäre alles normal, als wäre da nichts anders. Ich wollte diese Entscheidung nicht treffen.

Nicht nur wollte ich meine eigene Antwort nicht kennen, ich wollte die Frage nie gehört haben, die er mir stellte. Wollte nichts wissen von den Dingen, die er andeutete, von dem Herren, von der Medusa von Florenz oder den Geheimnissen, die er und Marie und selbst ich aus den Gräbern gehoben hatten.

Ich wollte nicht darüber nachdenken, ob ich diese Dinge tun könnte, tun würde. Diese Dinge gehören in Gräber, das sagte ich bereits. Man muss sie vergessen.

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