Infestatio – Teil III: Singen in der Gruft

Sie schauen mich an, als glaubten Sie mir nicht. Als bezweifelten Sie die Dinge, die ich Ihnen hier unterbreite. Nein, eher noch sehen Sie aus, als wären Sie sogar im Zweifel darüber, dass ich wirklich getan habe, was ich behaupte.
Sagen Sie: Halten Sie mich für verrückt? Ich würde es Ihnen nicht verdenken. Ich wünschte es mir sogar, dass Sie Recht hätten. Wenn ich ehrlich bin, fürchte ich mich mehr davor, tatsächlich gesund zu sein.
Was ist es, das Sie zweifeln lässt? Meine Andeutungen, meine Hinweise auf die Dinge, die ich behaupte mit Marie und Karl zusammen…? Sie wollen weiterhin Beweise. Sie wollen wissen, was genau diese Dinge waren, die ich Ihnen nur angedeutet habe?
Ich sagte Ihnen, dass ich mich später von denden Bei zurück gezogen habe oder sie sich von mir. Dass ich mit diesen Dingen, die sie später begangen haben…Den Grabraub habe ich begangen, die Störung der Totenruhe, ja. Ich leugne es heute so wenig, wie ich es zuletzt tat. Als ich es gestand.

Von diesen…Jugendsünden spreche ich aber nicht. Es waren andere Taten, die mich – nun, nicht gerade zur Vernunft gebracht haben. Aber doch dazu, mich abzuwenden. Die allem spotten, was Sie ‚Anstand‘ nennen. Ja, mehr als alles andere, was ich Ihnen erzählt habe. Selbst unsere Beziehung, die wir drei zueinander pflegten, wird Ihnen schal vorkommen im Vergleich damit. Wie eine Kinderei.

Einmal habe ich einen Einblick erhalten. Keinen umfassenden, keinen guten. Aber ich habe eine Andeutung dessen gesehen, was unter Maries süßer Fassade verborgen lag. Sogar noch unter ihrem verrotteten Kern aus Bosheit. Für einen Augenblick habe ich die Krankheit gesehen, die sie von innen auffrisst und antreibt, Sünden zu begehen, die Sie sich kaum vorstellen können.
Und ich bin davor zurück gewichen.
Das war mein Fehler. Meine eine Schwäche in ihren Augen…und ich denke auch in Karls.

Warum ich mich nicht wie Karl tiefer in den Abgrund geworfen habe, in den Marie uns lockte? Das weiß Gott allein oder der Teufel. Ich weiß nur, dass ich es bereue. Lange habe ich darüber nachdenken können in den letzten Stunden und Tagen. Es gibt nicht viel für mich hier zu tun, wissen Sie? In meiner Zelle gibt es nur mich und meine Erinnerungen und diese Stimmen, die mich nie verlassen werden…
Erneut greife ich vor, verzeihen Sie.
Ich bin in meinen Überlegungen in jedem Fall zu der Überzeugung gelangt, dass diese eine Nacht der Moment gewesen sein muss, in dem Karl sich von mir abwendete. Oder Marie vielmehr.

Sie war der Grund, weshalb Karl mit ihr kam. Er war der Grund, weshalb ich mit ihr ging.

Ich fühlte mich zu ihr hingezogen, natürlich. Fragen Sie nicht nach Gründen, nicht in dieser Sache. Darum geht es nicht. Ich fühlte etwas in ihr. Was es war, weiß ich nicht. Ich kann es nicht erkennen durch die Fratze, die sich in meiner Erinnerung über ihr Gesicht gelegt hat. Möglich, dass es etwas von mir selber war, das ich ihn ihr sah. Möglich, dass es bloß Karls Zuneigung zu ihr war, die mich dazu antrieb, irgendetwas in ihr zu suchen und zu finden, das dort nicht war.
Ich zögere, mir einzugestehen, dass ich sie um ihrer selbst willen liebe. Denn ich habe gesehen, was sie selbst war, tief in ihrem Inneren. Was unter all der Fäulnis liegt, die sie zu sehen glauben.

Ich sah es deutlich in der selben Nacht, in der ich mich von ihr abwendete. Ich habe in ihr Herz gesehen und die Gründe gesehen, warum Sie uns mit sich lockte…Und mich schaudert davor.
Sie haben mich gefragt, was genau wir taten. Auf welche Art und Weise wir uns an dem vergingen, was Sie in Ihrem Irrglauben Totenruhe nennen.

Toten ruhen nie, müssen Sie wissen. Ich jedenfalls glaube nicht mehr daran. Nicht seit ich gesehen habe, was ich noch heute in meinen Alpträumen sehe. Seit ich hörte, was mir in meinen einsamsten Stunden zugeflüstert wird.

Einige der Gräber, die wir öffneten, waren alt. Jedenfalls behaupteten das die Grabsteine. Die Erde darunter, die Leichen selbst, spotteten dem angeblichen Alter der Steine.
Friedrich Wilhelm von Junzt…kennen Sie ihn? Nicht persönlich, meine ich, aber…? Nein? Das wundert mich. Sein Tod ist das wohl konstruierteste Rätsel der letzten zweihundert Jahre. Der Philosoph wurde aufgefunden in seiner Wohnung, vollständig abgeriegelt. Die Fenster waren intakt und von Innen verschlossen, die Türen mit dicken Ketten gesichert… Nur um seinen aufgeblähten und blau angelaufenen Hals lag ein Ring aus Fingerabdrücken. Aus Malen, wie von kalten Klauen in warmes Fleisch gebrannt. Das ist jetzt bald hundertsiebzig Jahre her, denke ich.

Ich nehme an, Sie wissen ebenso wenig, dass von Junzt zum Zeitpunkt seines Todes an einem Manuskript arbeitete, dessen Namen verloren gegangen ist? Ein Werk das von seinem Nachlassverwalter und Freund verbrannt worden ist, ehe er sich selbst die Halsschlagader mit einem Rasiermesser öffnete? Können Sie sich auch nur vorstellen, wie grauenhaft dieses Manuskript gewesen sein muss, dass sich ein französischer Décadent selbst entleibt?
Nein, natürlich können Sie es nicht…Bedeutet es Ihnen etwas, dass ich Teile dieses Manuskripts bei Karl gefunden habe? Dass sich Diktate, Kurzfassungen davon in seinem Besitz befanden – diktiert von Stimmen ohne Körper? Stimmen, die sich noch heute in meine Alpträume schleichen, sobald Sie diese Zelle hier verlassen haben und es still geworden ist für einen Augenblick?

Von Junzts Grab war das älteste, an dem wir uns vergingen. Marie und Karl müssen wieder zu ihm zurück gekehrt sein, nachdem ich mit Ihnen dort war. Wenn ich ehrlich bin, so verstehe ich die Gründe dafür selbst nicht ganz. Alle anderen unserer Ausflüge führten uns zu Gräbern, von denen nicht ein einziges älter als achtzig Jahre war. Alle waren wie dasjenige des Filmemachers, an dem wir uns zuerst vergingen: Alt, aber nicht zu alt. Sicherlich habe ich Vermutungen und blinde Ahnungen, warum gerade diese…Aber sie würden mir nicht glauben. Ich glaube Sie ja selbst kaum.

Denn natürlich bedeutet es Ihnen nichts. Sie könnten nicht verstehen, was das heißt. Selbst wenn ich Ihnen erklären würde, dass wohl irgendjemand versucht, gewisse Ereignisse seit Ausbruch des Krieges nachzuvollziehen. Dass irgendjemand, mit dem Marie im Kontakt steht oder vielleicht auch sie selbst, sich in einer Welt und einer Zeit befindet, die nicht mehr die ihre ist. Marie sucht gezielt, davon bin ich überzeug, Gräber der jüngeren Vergangenheit aus, um Ereignisse zusammenzufügen, die sie selbst noch nicht erlebt hat. Die jemand anderes nicht mehr erlebt hat.

Sie aber verstehen das nicht. Sie fragen nur immer und immer wieder nach Beweisen. Ich habe dieses Manuskript nicht, Marie hat es vermutlich.
Selbst wenn Sie es in den Fingern halten würden, Herr Kommissar, könnten Sie es nicht verifizieren, nehme ich an. Das Papier ist neu, die Tinte noch frisch. Nichts an diesen Seiten würde darauf hindeuten, dass es nicht von uns verfasst worden ist, dass wir nur das Medium waren, durch das die Worte ihren Weg auf das Papier fanden.

Beweise, hah! Schauen Sie in das Videomaterial, wie ich es Ihnen gesagt habe. Die Kassette unter meinem Bett. Eine kleine Stahlkassette, kaum größer als eine Umhänget asche. Darin werden Sie eine Reihe an Filmrollen finden, die alles festgehalten haben. Filme, Bilder, ich denke eine kleine Menge an Videokassetten ebenfalls. Schauen Sie sich unsere Wohnung an, meine und Karls und was ich ihm angetan habe. Ist das nicht genug, um mich einzusperren? Fortzusperren von ihr?

Ich sagte Ihnen bereits, warum ich es getan habe. Warum es nötig war. Der Mann, den ich erschlug, war nicht mehr der Mann, mit dem ich Jahre meines Lebens verbracht hatte. Er war verändert. Nicht so, nicht auf dieselbe Weise, wie ich von Marie verändert worden war. Es waren nicht bloß unsere Verbrechen, die ihn veränderten. Da war mehr dahinter. Etwas, das ich nicht verstand. Das ich nicht verstehen will, sehen Sie das?

Die Nacht, in der es mir zum ersten Mal bewusst wurde, ist erst wenige Monate her. Es war die letzte Nacht, in der ich Marie und Karl folgte in ihren Unterfangen. Nein, ich gestehe: Die letzte Nacht, in der ich mich willentlich und wissentlich daran beteiligte. In allen folgenden erfand ich Ausreden, fern zu bleiben. Oder sie erfanden Ausreden, die mich vor den Grüften und Friedhofen stehen ließen, um acht zu geben und Ausschau zu halten oder irgendwo anderen, angeblich wichtigen Besorgungen nachzugehen.

In dieser Nacht aber folgte ich ihnen noch. Ich wusste nicht, dass es das letzte Mal sein sollte. Ich hatte den Eindruck, dass es ein gewöhnlicher Abend werden sollte. Gewöhnlich jedenfalls, soweit es uns betraf, die wir diesen Dingen bereits seit einigen Monaten nachgingen. Die wir daran gewöhnt waren, mit Kamera und Spaten bewaffnet durch die Grüfte der Stadt zu schleichen und unsere Gier nach Neuem und nach Aufregung an kalten Leibern zu stillen…

Dieses Mal war es Marie gewesen, die die Idee dazu hatte. Ich weiß es sehr genau oder glaube jedenfalls sehr genau, es zu wissen. Sie hatte uns dorthin geführt, etwas abseits unserer üblichen Wege, auf den Sozialistenfriedhof. Ein Name, der Ihnen ein Begriff sein wird? Es ist einer der bekannteren und größeren Friedhöfe im Osten der Stadt und bereits seit gut hundert Jahren die Ruhestätte einer großen Menge an Kommunisten, Sozialisten und dergleichen mehr. Daher auch der Name.
Es befinden sich dort aber auch die Gruft einer recht angesehenen Familie. Derer von Schlüsselburg. Ein stattliches Mausoleum, abseits der Hauptwege, wo wir recht ungestört in unserer Arbeit waren.
Lachen Sie nicht! Wagen Sie es nicht, unsere Arbeit zu verspotten, nur weil es nicht Ihren jämmerlichen Vorstellungen von Bürgerlichkeit entspricht!
Ich sage Arbeit und ich meine auch Arbeit. Es war harte, körperliche Anstrengung damit verbunden, die Grabplatten aus der Wand zu brechen, Särge heraus zu ziehen und aufzustemmen, bis wir den richtigen Leichnam gefunden hatten.

Das Grab, das uns besonders interessierte, war das eines ehemaligen Rektors der Akademie. Ein gewisser Ludwig, der in den siebziger Jahren in hohem Alter verstorben war. Er war für eine ganze Weile eine treibende Kraft der Universität gewesen. Hatte große Teile der medizinischen Fakultäten umgestellt und reformiert. Es gab ein Sanatorium, nur einen Steinwurf von seiner Gruft entfernt, an dem er maßgeblich mitgearbeitet hatte.

Karl und ich…wir wollten nicht einfach eine weitere Gruft abfilmen. Wir hatten dies schon einige Male getan und es begann seinen Reiz zu verlieren. Marie hatten einige Male von einer kleinen Geschichte erzählt, die Karl und mich gefesselt hatte. Mich noch mehr als ihn, denke ich. Es gab eine ganze Zeit lang an den Akademien die Tradition des sogenannten anatomischen Theaters. Eine…nun ja, eine Art Theatersaal, in dem eine Operation ausgeführt worde – vor dem studierenden Publikum.

Der Gedanke faszinierte uns. Es wurden nicht nur Operationen an lebendigen Körpern vorgenommen, müssen Sie wissen. Auch die Öffnung von Leichen und ihre Schau vor aller Augen war alltäglich in diesen Dingen.
Karl war besessen von der Idee, etwas ähnliches aufzuführen. Sich selbst filmisch zu inszenieren als den Zeugen einer solchen Vorführung. Die Grenzen einzureißen zwischen der Medizin und der Totenkunde, indem wir mit anatomischer Präzision die Geheimnisse eines fauligen Leibes entfalteten. Indem wir den Operationssaal in die Gruft verlegten.

Ich habe mich seitdem wieder und wieder gefragt, weshalb Marie das alles tat. Weshalb sie uns scheinbar so bereitwillig die Führung überließ und nur dann und wann Vorschläge machte, welche Orte wir aufsuchen, welche Toten wir stören sollten. Aber niemals zwang sie uns zu etwas. Niemals setzte sie uns den Finger auf die Brust und forderte von uns dieses oder jenes Verbrechen zu begehen. Wir taten es selbst nur allzu bereitwillig, ohne wirklich zu wissen, wie sie davon profitierte…
Ich glaube, eine Antwort darauf gefunden zu haben in jener Nacht: Weil Sie selbst es so gelernt hatte.

Sie müssen sich die Szene vorstellen oder – wenn Sie die Nerven dafür haben – sehen Sie sich das Video an, das ich von dieser Nacht anfertigte. Es befindet sich bei den anderen in der Kassette unter meinem Bett.
Die Gruft war stattlich, ihr Inneres aber sehr begrenzt. Es war ein steinernes Mausoleum, Anfang des letzten Jahrhundert über dem ältesten Grab des Friedhofs errichtet. Dem des ersten Schlüsselburg, eines „Chymikers“ und Apothekers, der sich in der Gegend niedergelassen hatte, als es noch ein Dorf einen halben Tagesritt vor den Mauern der Stadt gewesen war.

Ein Sarkophag bildete das Kernstück unserer Inszenierung. Darauf ausgebreitet hatten wir ein Altartuch und den geöffneten Sarg seines Nachfahren, des ehemaligen akademischen Rektors Wilhelm von Schlüsselburg. Es war Maries Vorschlag gewesen, den sehr verehrten Herren Medizinalrat selbst zum Studienobjekt zu machen.
Kerzen an einigen der Vorsprünge und dafür vorgesehenen Kerzenhaltern erhellten das Ganze. Gerade genug, um die Gesichter meiner Gefährten ausmachen zu können im orangenen Schein.

Der Rektor war ein korpulenter Mann gewesen, den der Tod noch mehr aufgebläht und schließlich gesprengt hatte. Er war in den Jahrzehnten im Grab in seine Einzelteile zerfallen – war nur noch Haut, Knochen und eine ledrige Substanz dazwischen.
Der Gestank, der seinem Grab entwich, als wir es öffneten, war erbärmlich. Er war ganz feucht und schwer und hing mir noch für Tage darauf im Rachen fest, gemischt mit meinem eigenen Ekel.

Marie hatte sich als erstes wieder gesammelt. Unter der Robe verborgen, die ihr als Verkleidung diente, trat sie wieder an den Leichnam heran. Sie hielt ein Skalpell in der Hand, das sie in den Kerzenschein reckte.
„Der Leib“, sagte sie in einer Stimme, die ich noch nie von ihr gehört hatte, „hält viele Geheimnisse in sich verborgen. In seinem Mark und Bein stecken die Erlebnisse des Lebens fest geschrieben. Selbst die Erfahrungen des Todes stecken darin und man muss sie nur hervorzubringen wissen.“

Wir hatten kein Skript für unsere Filmchen. Wir improvisierten und verließen uns auf unsere eigene Intuition dabei, das nachzuempfinden, was wir darstellen und aufführen wollten. Jedenfalls taten Karl und ich das. Und Marie spielte ihre Rolle als die weise Herrin unserer morbiden Ausflüge meisterlich. Ich vermute, weil sie diese Rolle selbst tausendfach gespielt gesehen hatte in jenen Nächten, die sie nicht bei uns war.
Karl stand ihr gegenüber auf der anderen Seite des Sarges, das Gesicht unter einem Schleier aus schwarzem Stoff halb verborgen, fahl im Kerzenschein.

Marie fuhr fort. Sie winkte mir mit ihrer freien Hand und ich trat hinter sie. Zwischen dem, was ich sah, und meinen eigenen Augen lag meine Kamera. Nur kurz tastete sich mein Blick über Maries feine Gesichtszüge, über das schimmernde Skalpell in ihrer Hand, das sich schließlich in die eingefallene Brust des Leichnams senkte.
„Der Leib ruht niemals wirklich. Selbst im Tode bewegt er sich noch, verschlingt und verdaut sich selbst. Jene Art von Ruhe, von der man spricht, ist nicht einmal ein wahrer Schlaf. Es ist ein Schlummer, aus dem der Leib geweckt werden kann. Seine Geheimnisse liegen offen dort, vor uns. Wir müssen nur hinein greifen und ihn dazu…befragen. Und bereitwillig verrät er uns alle Antworten.“

Und wie sie es angekündigt hatte begann sie, ihn zu befragen.
Nicht auf jene Art, wie die Anatomen und Mediziner es tun. Sie befragte nicht seinen eingefallenen Leib, indem sie zerfallenes Fleisch und verrottete Muskeln abtrennte, untersuchte, mit anderem Material und angesammelter Erfahrung verglich. Indem sie die Abnutzung seiner Knochen untersuchte und so Erkenntnisse über die Ursachen seines Todes erhielt oder über die Traumata, die sein Körper zu Lebenzeiten erlitten hatte.

Sie riss den faulenden Leib auseinander, vergrub ihre bloßen Hände in seinen Eingeweiden, zerrte Sehnen, Knochen, Häute auseinander. Knochen barsten unter ihren Händen.
Sie zerstörte seinen Körper.
Sie befragte seinen…seinen Geist, indem sie ihn verschlang.
Ich kann Ihnen nicht beschreiben, was genau sie tat. Es ist auf Video, wenn Sie die Nerven dafür haben. Aber was Marie mit diesem Leichnam tat…was ihre Zähne ihm antaten, ihre Finger und ihr Schlund, war unaussprechlich. Es war die Befragung eines Folterers. Eine Tortur, die von endlosem Schmatzen und Knacken und Schlürfen und Reißen begleitet wurde.

Ich erinnere mich nicht an ihre genauen Worte, nicht an die exakten Fragen, die sie diesem Leichnam stellte. Ich weiß nur, dass sie sie stellte. Fragen, die für mich keine Bedeutung hatten, die ich nicht verstand. Es waren Fragen, die der Körper allein ihr unmöglich hätte beantworten können. Die kein ausgebildeter Mediziner je hätte beantworten können mit nur einem Leichnam und einem Namen.
Fragen, die sie unablässig stellte. Über die Natur seiner Familie, über seine Nachkommen, ob er wohl Kinder gehabt hätte? Fragen darüber, was an einem Septemberabend in den dreißiger Jahren geschehen sei, was er mit dem anatomischen Institut angestellt habe und wer dort noch befallen sei von seinem Irrsinn..

Es waren Fragen, die sie nicht an uns richtete, die überhaupt nicht für uns oder für die Kamera bestimmt waren. Sie stellte sie nicht uns. Sie schien sogar für einen Augenblick zu vergessen, dass wir dort waren als Menschen, als lebende Wesen und nicht bloß als die eifrigen Zuhörer und Chronisten ihrer Taten. Ihre ganze Aufmerksamkeit, ihr Blick, ihre ganze Gier, richtete sich allein auf den Leichnam vor ihr.
Selbst ihre Stimme hatte sich zu einem Flüstern gesenkt – zu einem Flüstern das mir und Karl nur allzu vertraut war. Wir selbst hatten sie eifersüchtig gehört, wann immer sie den anderen nachts in eine Umarmung schloss.

Karl hörte es vielleicht nicht, dachte ich damals. Ich hatte die Hoffnung, dass er bei ihr blieb, weil er nur in diesem Akt des Wahnsinns versunken war – und nicht in ihrem Wahnsinn selbst. Ich malte mir aus, dass er nur den Exzess sah, in den sie sich hinein steigerte. Dass er nur ein letztes Tabu sah, das sie brach, und nicht die Gründe dahinter.
Gründe, die irrsinnig waren. Wahnsinnig. Was sie aufführte, was wir selbst in den letzten Monaten getan hatten, mag pervers gewesen sein. Aber es folgte doch gewissen natürlichen Gesetzen. Was Marie dort tat in jener Nacht, war widernatürlich. Nicht was genau sie tat, sondern wieso sie es tat, verstehen Sie das? Ihre Absichten dahinter. Ihre Idee, Antworten von den Toten zu erhalten…

Heute weiß ich, dass Karl sie dabei gehört hatte. Dass er nicht angewidert und schockiert davon war, sondern im Gegenteil neugierig. Dass für ihn wenigstens die Inszenierung Wirklichkeit geworden und er als ein eifriger Schüler an ihren Lippen hing.
Begierig sog er alles auf, was sie tat. Jede Bewegung ihrer feinen Finger auf der Haut des Leichnams. Jede Windung ihrer Zunge, als sie…sich an seinen Überresten verging.

Was später noch zwischen ihnen geschah, weiß ich nicht mehr. Ich erinnere mich nicht mehr daran oder ich will es nicht mehr. Mein Geist ist vielleicht gerade noch gesund genug, um diese Momente, die darauf folgten, in irgendeinem Kerker meines Unterbewusstseins zu versperren. Mich selbst davor zu schützen, was ich gesehen und vielleicht getan habe in dieser letzten Nacht.

Ich kam erst in einiger Entfernung von der Gruft wieder zu Besinnung. Auf den Knien in einem Gebüsch, die Hände in die feuchte Erde gegraben und einen nichtsnutzigen Schwall aus Magensäften absondernd. Marie und Karl waren nicht bei mir, sie waren zurück geblieben. Nur ich war in blinder Panik hinaus gestürmt, die Kamera noch am Handgelenk, und hatte mich übergeben.
Befragen Sie das Material, wenn Sie es wollen. Wenn Sie stärkere Nerven als ich haben. Ich habe es seit diesem Tag nicht mehr angerührt. Meine Angst war zu groß. Ich wollte nicht…ich wollte nicht herausfinden, ob die Welt oder ich den Verstand verloren haben. Verstehen Sie? Ich wollte nicht die Bilder sehen und einen Beweis haben. Sie wollen es aber, also sehen Sie es sich alleine an.

Ich kann Ihnen nur sagen, was ich zu glauben hörte. Was mich noch heute verfolgt in meinen stillen Momenten. Was mir auch damals noch in meinen Gedanken dröhnte, als ich meinen kargen Mageninhalt in die Büsche spie. Was mich in blinder Panik aus dem Grab hinaus in die Nacht jagte.

Es waren ihre Stimmen.
Die von Marie, wie sie diese Fragen stellte, die keinen Sinn hatten.
Die von Karl, wie er ihr Treiben kommentierte, wie er alles in sich aufnahm, wie ein eifrig Lernender.
Und die…Die dritte Stimme, die keinem von uns gehörte. Nicht mir, der ich mich mitschuldig machte daran, indem ich es auf der Kamera festhielt, und auch nicht den anderen.
Ich höre sie noch immer in meinen stillen Stunden. Diese Stimmen jenseits der Stille, jenseits dessen, was ich mit meinen eigenen Augen sehen kann.

Sie wollen wissen, warum ich mich von Marie abwendete? Warum ich zurück schreckte ?
Lassen Sie mich Ihnen eine Frage stellen: Haben Sie je die Toten singen gehört?
Ich habe es in jener Nacht. Ich habe einen Mann antworten gehört auf Maries Fragen, der seit vier Jahrzehnten in seiner Gruft verfaulte. Ich habe eine Stimme gehört, die nicht die meine war und nicht die Karls, die Dinge erzählte, die wir beide unmöglich wissen konnten.
Wenn Sie es gehört hätten…Sie hätten das gleiche getan. Sie hätten sich abgewendet von sich selbst und ihrem Verstand.

Leave a Reply

Your email address will not be published.