Infestatio – Teil II: Die Reize des Verbotenen

Ich gestand recht freimütig, dass ich Verbrechen begangen habe. Störung der Totenruhe, wie sie es nennen, Einbruch, Landfriedensbruch, Vandalismus. Nennen Sie es, wie Sie es wollen – deswegen bin ich nicht hier.
Ich habe Karl getötet. Ja, ich habe ihm den Schädel eingeschlagen vor vielleicht drei Stunden. Deshalb bin ich hier und rede mit Ihnen. Ich will es gar nicht leugnen, denn gleichgültig, was Sie davon halten: Es war die edelste Tat, die ich je begangen habe.
Fortsperren werden Sie mich ja doch dafür, warum also abstreiten? Aber hören Sie sich wenigstens an, was ich zu sagen habe. Warum ich…Warum ich ihn getötet habe.
Nicht weil ich ihn gehasst hätte, weil ich eifersüchtig gewesen wäre. Sondern im Gegenteil weil ich ihn geliebt habe wie einen Bruder. Wem auch immer ich den Schädel zertrümmert habe, wessen Blut auch immer an meinen Händen klebt – es war nicht mein bester Freund. Nicht wirklich.

Der Reihe nach, ja.
Ich habe ihn nicht dort getötet, obwohl…obwohl das wahrscheinlich der Abend war, an dem es passierte. Dass er nicht mehr er selbst war, meine ich. Ich denke genau das war der Moment, in dem er befallen wurde von…von was auch immer ihn so verändert hat. Haben Sie einmal von Parasiten gehört? So ähnlich muss es gewesen sein. Wenn sich etwas in den Köpfen festsetzt und einen verändert. Vielleicht ein echter Organismus, eine kleine Kreatur, die das Innere zersetzt. Vielleicht nur ein Gedanke, eine Besessenheit, die einen nicht los lässt, die alles andere beiseite schiebt. Wissen Sie, wie das ist, wenn man nicht wirklich ‘man selbst’ ist, ‘außer sich’ gerät?
Bei ihm genau wie bei mir war das der Fall.

Ich weiß nicht mehr, was wir dort weiter getan haben. Es ist ein einziger Dunst in meinem Kopf, was die restliche Nacht angeht. Ein Dunst, in den ich nie blicke, dessen Schemen ich nie interpretieren will. Sie haben den Film, wenn es sie wirklich interessiert, und das restliche Material, das ich in den folgenden Tagen wie im Fieber weg geschnitten habe. Sie werden alles in meinem Zimmer finden, in der kleinen Sicherheitsbox unter meinem Bett. Sie können sich selbst ein Bild von dieser Nacht machen und noch von einigen weiteren, wenn sie es wirklich wollen…
Vielleicht hatten wir irgendetwas gefunden in diesem Grab, vielleicht haben diese Dämpfe, die aus dem Sarg entwichen, irgendetwas mit uns angestellt. Ich habe überzeugende Argumente gehört, dass…
Bestimmte Speisen, wissen Sie, zersetzen den menschlichen Geist. Völlig unabhängig davon, ob sie verseucht sind oder nicht. Der Konsum bestimmten Fleisches etwa, gewisse widernatürliche Gewohnheiten könenn schon bei Kühen etwa Irrsinn hervorrufen. Zerlöchern Ihnen das Hirn. Vielleicht ist es bei Menschen ähnlich.

Wir hatten unser Videomaterial, mehr als wir je gehofft hatten oder gefürchtet. Das Schneiden blieb an mir hängen. Eigentlich alles blieb an mir hängen, Karl schien in der nächsten Zeit wenig Lust daran zu haben. Ich hatte mich daran gewöhnt, so war er immer nach einem größeren Projekt. Er war der Visionär, der Künstler, wissen Sie? Ich war der Techniker. Der Mann mit der Kamera und dem Tongerät.

Karl und ich hatten uns vor dem Studium bereits gekannt, müssen Sie wissen. Ein paar Jahre schon waren wir Freunde, und irgendwann einmal hatten wir entdeckt, dass wir gewisse Neigungen und Vorlieben teilten. Wir fühlten uns nicht nur zueinander hingezogen, wir waren ein Team, verstehen Sie? Wir arbeiteten zusammen besser als alleine. Nichts von diesem Vervollständigungsunsinn. Er vervollständigte mich nicht. Aber wir verbesserten uns gegenseitig. Er hatte eine grandiose Ideen. Für Filme, für Bilder – selbst für Gefühle, die wir auf Film brennen konnten. Und ich war gut mit den Details. Er war ein interessanter Mensch. Einer von denen, die immer auf dem Weg irgendwo hin sind. Auf dem Weg zu Größe oder interessanten Projekten. Einer, dem man gerne hinterher lief…
Also waren wir zusammen gezogen irgendwann, in eine bescheidenen Wohnung am Stadtrand, unweit der alten Bahnstation und eines Wäldchens. Eine WG, eigentlich, abgesehen von ein paar Kleinigkeiten.

Sex? Seien Sie nicht albern. Es kann sein, dass wir Sex hatten. Kann sein, dass nicht oder wenigstens ebenso oft mit anderen Frauen und Männern. Dieser primitive, tierische Akt verdient es nicht, abartig genannt zu werden. Wenn Sie gesehen hätten, was ich gesehen habe, wenn Sie wüssten, was in der Nacht…Sie wären vorsichtiger mit solch strengen Ausdrücken, wenn Sie etwas wirklich abartiges gesehen hätten in ihrem Leben.

Ja, wir waren so etwas wie Liebhaber in dieser Zeit, wenn es das ist, was Sie wissen wollten. Wir alle, nicht nur Karl und ich. Aber davon sprach ich nicht. Ein solches Verhältnis ist in der Tat nichts ungewöhnliches. Sobald man nur einmal einen kleinen Schritt aus diesem kleingeistigen Verlies heraus tut, das Sie, werter Herr, ‘Anstand’ schimpfen, verliert dieses Tabu vieles seiner Bedeutung.

Unsere Wohnung jedenfalls war klein, zwei Zimmerchen und eine größere Küche mit Couch und allerlei Sitzgelegenheiten. Sie befand sich in einem etwas ältere Haus, das aber nicht weiter bemerkenswert war. Einzig, dass viele Studenten darin wohnten, auch viele unserer Freunde und Kollegen aus der Akademie – soweit, wie man das eben sagen kann. Nur diejenigen nicht, die uns überhaupt mit Marie bekannt gemacht hatten, sie wohnten…weiß Gott wo, irgendwo in einer anderen der tausenden Studentenwohnungen der Stadt.
Aber es war ein lebhaftes Haus, in dem immer Bewegung war, immer Musik und Tanz und Gelächter aus irgendeinem der Fenster auf den Hof schallte.

Marie gefiel es dort nicht, wann immer sie bei uns war.
Ja, natürlich hielt sie Kontakt. Oder wir hielten Ihn, ich weiß nicht mehr. Natürlich war ich wohl entsetzt und angewidert von dem, was wir getan hatten. Aber ich hatte es genau so getan, nicht? Ich steckte mit drin. Und ich meinte es durchaus ernst, als ich von einem Fieber sprach. Von einer Besessenheit, die für einige Zeit in mir brannte.
Oh, wie süß sie war, wie liebevoll sie sich um uns beide kümmerte. Dieses verrottete Herz unserer kleinen Truppe, das uns zu immer niederen Tiefen des Abscheus antrieb, das dieses Fieber weiter durch unsere Adern pumpte und uns wie im Taumel…

Ja. Ja, vielleicht war es Eifersucht. Und wenn es so gewesen wäre? Womöglich war ich eifersüchtig, dass er mit dieser Hexe, die sich in unser Leben geschlichen hatte, so viel mehr umging als mit mir. Dass diese…diese…dass Sie ihm Dinge zuflüsterte und ihn zu Taten trieb, die ich verabscheute und die ich doch imitierte, nur um ihn nicht zu verlieren. Um ihm nicht fremd zu werden.

Ich muss aber auch ehrlich sein mit Ihnen. Ich weiß nicht, wie viel von diesen Worten durch letzten Stunden verursacht wurde. Wie viel von dieser Abneigung jetzt erst sich bildet und alles befleckt, was mit ihr zu tun hatte.
Ich habe diese Dinge ja doch getan, ohne Reue, ohne Zögern. Selbst jetzt noch überkommt mich ein schauriges Gefühl, wenn ich daran denke. Selbst jetzt noch regt sich etwas in mir, ganz tief, das sich an diesen Abscheulichkeiten ergötzt. Die selbe Art von Gier, die mich die Kamera bedienen ließ, während wir es taten. Die alle diese Nächte wie Erinnerungsstücken unter meinem Bett aufbewahrt hatte, auf Kassetten gebrannt und für die Ewigkeit haltbar gemacht.

Karl hatte eine morbide Ader. Er war…leicht zu faszinieren von allem, was düster war und unheilsschwanger. Marie hatte wohl leichtes Spiel damit, ihn tiefer in diese Abgründe zu ziehen, in denen sie sich suhlte. Auch bei mir muss es nicht so schwer gewesen sein, denn ich habe mich recht bereitwillig gefügt. Ich bin ihnen nachgesprungen.
Blicken sie mich nicht so verurteilend an. Ja, ich habe ein Grab geschändet – und? Sie haben ja keine Ahnung, was genau Sie da verurteilen. Nicht den leisesten Schimmer, wovon ich überhaupt spreche, wenn ich Ihnen von Marie erzähle und den Dingen, die ich sie sagen hörte. Sie machen sich keine Vorstellung von den Ideen, die sie in den Kopf meines besten Freundes einpflanzte, wozu Sie ihn trieb.
Reden Sie sich ein, ich wäre das Monster hier, wenn Sie dann besser schlafen. Aber maßen Sie sich nicht an, über mich zu urteilen, bevor Sie nicht alles gesehen haben. Wenn Ihre Kollegen mit der Durchsuchung meiner Wohnung fertig sind – ich nehme an, Sie haben das mittlerweile angeordnet? Immerhin sind es sicher schon einige Stunden, seit ich in Ihr Präsidium kam, nicht?
Wenn sie das Material gesehen haben, das Ihre Kollegen Ihnen bringen werden, dann können Sie mich ein Monster schimpfen. Ich habe Dinge gesehen in den letzten Monaten, Dinge getan, nur um meinem Freund noch zu gefallen und der Hexe, mit der er…

Beweise? Beweise wollen Sie, dass ich kein stammelnder Irrer bin?
Öffnen Sie die Gräber der Herren von Junzt, das Mausoleum Wormius’ oder das derer von Löwenstern und Sie werden Ihre Beweise dort finden. Die faulige Erde, die noch nass sein wird von Blut und Körpersäften, ist Ihr Beweis. Das Kerzenwachs auf den Särgen und die Dinge, die wir daraus entnommen haben. Der erstaunliche und unmöglich erhaltene Zustand der Kadaver ist Ihr Beweis, das Fleisch auf ihren Knochen und der weiche, anklagende Blick seit langem verstorbener Augen ist ihr verdammter Beweis!
Wollen Sie wissen, warum Sie einige der Grüfte leer finden werden? Interessiert es Sie wirklich, was wir mit ihren Leibern taten, was für unaussprechliche Dinge ich den hohlen Augen von Friedrich von J. angetan, welche Abscheulichkeiten wir in den dunklen, kühlen Grüften getrieben haben?
Ha! Und Sie suchen nach dem Schädel eines Filmkünstlers! Als ob dieser Mann…

Ja, ich habe unaussprechliche Dinge getan. Sperren Sie mich dafür ein, wenn Sie es wünschen, es ist mir gleich. Aber suchen Sie Marie, um Himmels Willen. Sie war…Sie hatte…
Nein, ich streite nicht ab, dass ich diese Dinge selbst getan habe, vielleicht aus freiem Willen, vielleicht in einem Rausch der Lust und der Geilheit, angestachelt von einer Rivalität oder der Eifersucht oder auch einem Anfall von Wahnsinn. Vielleicht von allen diesen Dingen. Schließen Sie mich dafür weg, wenn Sie wollen, denn ich streite nichts davon ab.

Verzeihen Sie.
Erneut bin ich voran geeilt, habe Sie verschreckt, wie ich sehe. Bitte: Wenden Sie sich nicht ab. Ich bin nicht hierher gekommen, um zu prahlen oder zu verstören. Vielmehr ist dies mein Geständnis, nicht? Ja, mein Mordgeständnis, wenn sie das wollen. Karl Längenfeld ist tot, ich habe ihn getötet. Er liegt in meiner…unserer Wohnung mit eingeschlagenem Schädel. Aber ich wünsche, zu erklären. Ich wünsche, Ihnen zu sagen, dass – gleich, was mit mir geschieht – das nicht alles war. Dass ich ihn nicht aus einer Laune heraus erschlagen, sondern Wochen darüber darüber nachgedacht habe.
Ich möchte…ich möchte, dass Sie verstehen, warum ich es getan habe. Warum es nötig war. Und wenn es Mord gewesen ist? Was dann? Kann nicht ein Tyrannenmord auch eine Heldentat sein? Seien sie kein Narr.

Marie veränderte etwas. Nicht nur zwischen uns. Es war etwas, das nicht allein durch eine Eifersucht zu erklären gewesen wäre. Sie veränderte uns, irgendwie. Ich beteiligte mich damals ohne Scham an ihren Abenteuern. Um Karl nicht zu verlieren, natürlich, auch das. Aber auch, weil es mir gefiel. So ehrlich muss ich sein zu mir. Es befriedigte ein groteskes Verlangen in mir das Ihnen vielleicht kaum bekannt sein dürfte.
Sie wissen kaum, was ich meine. Dieses Bedürfniss nach einer Atmosphäre des bedrückenden, des verzerrten und entstellten. Irgendetwas, das einem zum fühlen brachte in dieser geistlosen Welt.
Vielleicht waren es auch nur die schnellen Reize des Verbotenen, die uns dazu antrieben, aus unserem Alltagstrott auszubrechen. Vielleicht war Marie nur ein schnellerer Ausweg daraus gewesen.

Ich glaube nicht an die Ruhe der Toten, das sagte ich bereits. Heute glaube ich noch weniger daran. Was mich schockiert hatte, damals, in jener ersten Nacht, war – glaube ich – die Intimität des Augenblicks. Wie leicht und wie schnell wir uns an einem Mann vergingen, der uns tatsächlich etwas bedeutete. All die anderen Namen – Wormius, Junzt und Löwenstern – die sagten mir nichts, bedeuteten mir noch weniger. Damals nicht jedenfalls. Damals waren es schlicht Grabmäler für mich, an denen ich meine Lust am Morbiden befriedigte.
Karl war eifriger dabei, sich hinein zu stürzen, als ich. Ohnehin begann er rasch eine Beziehung mit Marie und ich folgte nur seinetwegen nach…
Ich habe ihn nicht deswegen getötet, nehmen Sie das bitte zu Protokoll. Ich lege wert darauf, dass sie meine Tat nicht als eine emotionale Wut missverstehen.

Sie war oft bei uns. Marie meine ich. So oft eigentlich, dass es mir schwer fällt, mir unsere Wohnung ohne sie zu vorzustellen. Noch der Geruch unserer Wohnung ist von ihr durchsetzt, von diesem süßlichen Geruch nach Erde und Moos. In meiner Erinnerung ist er untrennbar damit verbunden. Es fällt mir sogar schwer, mich an die ersten Jahre unseres gemeinsamen Lebens zu erinnern und Marie nicht dort hinein zu lügen.
Ich denke nicht, dass sie wirklich eine eigene Bleibe hatte, eine eigene Wohnung oder ein Haus.. Es gab natürlich Nächte, in denen sie nicht bei uns schlief, in denen Sie ausging und für einige Tage fort blieb. Ich glaube aber nicht, dass sie in diesen Zeiten in ihre eigene Wohnung zurückkehrte. Sie wird zu diesen Zeiten andere Männer getroffen haben, vielleicht auch Frauen. Weiß Gott, ich habe sie nie gefragt. Vielleicht hatte ich Angst davor, von ihr einen Namen zu erfahren, der mich heute noch
Ich bin nicht dumm, nur wissentlich ignorant gegenüber manchen Dingen. Wohin Marie verschwand, mit wem sie sich traf – das war und ist eine dieser Dinge, über die ich nicht nachdenken möchte. Ich will nicht wissen, wohin sie ging, mit wem sie sprach. Ob sie von anderen diese Dinge gelernt hatte, zu denen sie uns anhielt…
An allen anderen Tagen lebte sie bei uns und ich für meinen Teil tat mein bestes so zu tun, als wäre es jeder Tag.

Ich zittere beim Gedanken, dass wahr sein könnte, was Karl mir später von ihr erzählt hat. Ich fürchte mich davor, was sie womöglich während dieser Zeit getan hat.
Nichts, hoffe ich, oder vielleicht bloße Rumhurerei.
Allein dass Karl mit ihr ging irgendwann, dass sie mich beide zurück ließen, um…um was auch immer zu tun. Um Dinge zu tun, die sie selbst mit mir nicht teilen wollten – allein das lässt mich an der Falschheit von Karls Worten zweifeln.
Allein deswegen habe ich ihn umgebracht.

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