Infestatio – Teil I: Kopf verloren

Auszug aus dem Protokoll zur Vernahme von Friedrich Andersen

Sie müssen mir glauben, hören Sie? Sehen sie das Blut an meinen Händen, auf meiner Kleidung? Ich bin es, den sie suchen und ich liefere mich Ihnen aus für meine gerechte Strafe. Nein, nicht wegen dieses verdammten Schädels. Ich habe es Ihnen schon einmal gesagt: Mir ist gleichgültig, was damit geschehen ist. Ich habe mich Ihnen nicht gestellt, um über Banalitäten wie Grabraub zu plaudern. Ich habe ihn nicht, habe ihn nie besessen, und ich lege keinen Wert darauf, von seinem Verbleib zu erfahren.

Ja, wir haben uns wie Diebe auf den Friedhof geschlichen etwa zu dieser Zeit. Ja, Himmel, wir haben auch das verdammte Grab aufgebrochen, von dem die Zeitungen in diesen Wochen so besessen waren. Bestrafen Sie mich meinetwegen dafür, sperren sie mich fort.

Nichts von dem, was sie mir antun könnten, kommt dem gleich, was ich gesehen habe. Damals in dieser kalten Gruft und später.

Haben Sie das Video gesehen, das wir gemacht haben? Unser kleines Kunstprojekt, jedenfalls war es das einmal? Hat es auf sie den Eindruck gemacht, wir wären Grabräuber? Ich hoffe nicht. Wir verehrten diesen Mann und waren dort, um uns ein Bild zu machen. Um wortwörtlich seinen Geist einzufangen auf ein wenig Videomaterial.

Aber das ist nicht, was wirklich von Interesse ist. Ich habe mich nicht wegen Mordes gestellt, um Ihnen von gestohlenen Relikten zu erzählen. Ich sage es Ihnen ein letztes Mal, was ich Ihren Kollegen schon gesagt habe: Ich habe diesen Schädel nicht. Fragen Sie Marie, wenn sie Ihn finden wollen. Weiß Gott, wie sie mit Nachnamen heißt. Ich kannte sie als Marie. Möglich, dass auch das eine Lüge war.

Der Reihe nach…wie Sie wollen.

Wir sind auf dem Friedhof eingestiegen, ich sagte es bereits. Am 6. Juli, da haben wir sie auch kennengelernt. Sie wissen, dass wir Film studieren, Karl und ich? Studiert haben, meine ich. An der Filmakademie Babelsberg, das ist korrekt.

Allein deswegen sind wir eingebrochen: Um einen Film zu drehen. Nein, nicht was sie denken.

Dieser Film war gewissermaßen der Auslöser dieser ganzen Sache, wenn auch am Ende recht bedeutungslos. Ein gewagtes Stück Dokumentation für die werten Herren Professoren, die Spielerei von Kindern für Marie.

Sie wissen, wer der Herr war, nach dessen Schädel sie suchen. Selbst einer wie sie wird ihn kennen. Einer der bedeutendsten Filmemacher seiner Zeit, ein Genius der düsteren Stimmung; der Autor des ‘Nosferatu’. Wir wollten schlicht und unschuldig sein Andenken ehren und etwas Authentizität in unser kleines Filmchen bringen. Ein wenig echte Atmosphäre einfangen mit dem Nebel zwischen den Tannen und seinem Grab.

Wir hatten dieses Projekt schon vor einiger Zeit begonnen, Karl und ich, und wollten es mit einigen Originalaufnahmen seines Grabes beenden.

Natürlich musste die Stimmung richtig sein. Es musste Abend sein, mit einer gewissen melancholischen Atmosphäre. Ein gewisser Duft musste die Bilder durchziehen. Uns blieb nichts anderes übrig, als außerhalb der offiziellen Zeiten vorbei zu kommen, wenn alles geschlossen war und wir unsere Ruhe hatten. Der legale Weg – sie kennen ihn mit all seinen Anfragen und Bescheinigungen und Erlaubnissen – gestaltete sich zu teuer, zu langwierig und vor allem mit zu vielen Auflagen verbunden.

Marie kam ins Spiel als eine Art…private Führung, die diese Auflagen umgehen konnte.

Wir kannten sie damals flüchtig über den Freund eines Freundes eines Bekannten – man hatte sich irgendwann einmal gesehen. Ein gemeinsamer Freund hatte von unserem Filmprojekt gewusst und uns ans Herz gelegt, einmal mit Marie darüber zu reden. Sie hätte ein makaberes Gespür, kenne sich in der Gegend aus und außerdem – so flüsterte man – treibe sie sich öfters mit verschiedenen Gruppen dort herum.

Der Friedhof ist, wie sie wissen, gigantisch und nur in wenigen Gegenden kartographiert. Der Wald alleine ist einer der größten Parks der Gegend und wächst seit einigen hundert Jahren ohne nennenswerte Aufsicht vor sich hin. In den fünfzigern gab es einige Versuche, der verwilderten Anlage Herr zu werden, die aber rasch aufgegeben worden sind. Mittlerweile bin ich geneigt, es beabsichtigte Vernachlässigung zu nennen, dass er dermaßen vor sich hin wuchert und Gräber verloren gehen…aber ich will nicht vorgreifen.

Wir wollten uns nicht verlaufen, also baten wir Marie, uns zur Hand zu gehen, den Weg zu zeigen und sicher zu gehen, dass wir keine Spuren hinterließen. Teile der Anlage hatten wir schon tagsüber ausgekundschaftet und uns ebenso rasch verlaufen. Sie umfasst mehrere hundert Hektar Fläche, ungepflegte Wege, überwucherte Pfade und mehrere kleinere Wälder. Versuchen Sie einmal nachts ihren Weg dort zu finden und Sie werden rasch feststellen, dass Sie sich bald verlaufen haben.

Ein, zwei Mal haben wir uns vorher mit Marie getroffen, nur um den gröbsten Ablauf zu besprechen. Ein flüchtiger Abend, der sich rasch im Zigarettenrauch auflöste.

Sie machte den Eindruck einer pragmatischen Frau auf mich. Keines dieser Püppchen, die gerne abgehoben spielen oder sich an Träumereien aufhalten. Ihre Kleidung war handfest – schwere Stiefel, dicke Hose, ein schwarzes TankTop – und ihr Outfit auf Arbeit ausgelegt. Ihre braunen, matten Haare waren zu einem losen Zopf geflochten, der ihr zwischen die Schulterblätter hing.

Sie willigte ohne größere Verhandlungen ein, uns bis zum Grab zu bringen und deutete sogar an, dass sie uns hinein bringen könnte. Dass es ihr nicht schwer fallen würde, einen Schlüssel zu besorgen, um nicht nur das Denkmal, sondern die Gruft selbst für uns zu öffnen.

Als Bezahlung verlangte sie neben einer Kopie unseres Films nur eine bescheidene Sache:

Dass wir ihr vom Leben der Person berichteten, die wir aufsuchen wollten. Die Erfahrungen seines Lebens, sagte sie, würden ihr genügen als Lohn. Sie wollte nichts weiter, als verstehen, wer dieser Mensch gewesen war und was ihn so bedeutsam machte für uns.

Eine Kleinigkeit, verglichen mit dem Aufwand und der Gefahr, fanden wir und willigten ein.

Hätte ich gewusst, warum sie diese Dinge forderte; hätte ich gewusst, wie viel Hinterlist und Bosheit in dieser unschuldigen Bitte steckte – ich wäre wohl zurück geschreckt. Selbst ohne dieses Wissen war ich wohl zurückhaltend gewesen, ängstlich.

Aber ich traue meinen Sinnen nicht mehr so recht, vertraue dem nicht, was ich sehe oder glaube gesehen zu haben. Möglich, dass ich bloß neugierig war und eingeschüchtert von ihr. Möglich, dass ich damals bereits…bereits erschlagen war von einer gewissen Zuneigung, als ob der Blitz in mich gefahren wäre.

Oh, Marie war süß. Sie war das süße, verdorbene Herz unserer kleinen Truppe. Ich würde lügen, würde ich etwas anderes behaupten oder leugnen, mich zu ihr hingezogen gefühlt zu haben. Denn das tat ich durchaus. Aber ich weiß nicht recht, wie ich dieses Gefühl beschreiben soll, das mich beim Anblick dieser blassen, hübschen Frau beschlich.

Natürlich war es Zuneigung, aber angereichert mit einer Art von Vorahnung – vielleicht auch nur ein späteres Erlebnis, das sich jetzt mit dieser früheren Erinnerung vermengt und sie besudelt. Etwa so, wie man vielleicht mit Schmerzen an die eine alte Liebe denkt.

Wie hätte ich auch etwas anderes fühlen können an diesem Abend? Sie verlangte nichts weiter von mir, als dass ich über meine liebsten Themen sprach; forderte von mir nur, dass ich ihr alles über einen Mann erzählte, den ich verehrte und wie er mich geformt hatte.

Und ich legte ihr bereitwillig mein Seelenleben offen.

Aber sie forderte. Sie bat nicht, sie feilschte nicht – es hätte keinen Moment gegeben während dieses Abends und auch die nächsten Wochen nicht, an dem ich mich ihr hätte widersetzen können. Sie entriss mir auch die peinlichsten Geständnisse noch, als wären wir seit langer Zeit innige Freunde gewesen.

Ich erinnere mich nicht mehr, wie der Abend ausging. Ich denke wohl, wir gingen einfach auseinander am frühen Morgen, irgendwann zwischen drei und sieben Uhr. Karl und ich trotteten wohl nach Hause. Vielleicht redeten wir miteinander, vielleicht redete auch nur Karl auf mich ein. Er war, wenn ich ehrlich bin, der echte Filmemacher unter uns. Es war seine Idee gewesen, diesen Film zu drehen. Jedenfalls ihn so zu drehen, wie wir ihn letzten Endes gedreht haben. Ich sage das nicht, um die Schuld von mir abzuwälzen, sondern ihm ihn zu ehren.

Ich erinnere mich an diesen frühen Morgen als den letzten unserer Jugend und womöglich auch unserer Freundschaft. Der letzte Sonnenaufgang, der uns unschuldig vorfand. Maries Fragen, ihr Interesse an uns, hatte ihn ebenso heiß laufen lassen, wie mich. Er erzählte von den Filmen, die er gesehen hatte, die ihn bewegt hatten, von den Vorhaben, die wir gemeinsam angingen und planten, ohne wirklich daran zu arbeiten. Von den, wie er es nannte, Schattenspielgedanken, die er in seinem Kopf hatte und mit mir auf Film bringen würde.

Sicher bin ich mir nicht mehr, so wie ich vieler Dinge nicht mehr sicher bin. Ich weiß nur, dass unser beider Gedanken nicht mehr nur auf unser Projekt unmittelbar vor uns gerichtet waren, dass sich etwas hinzu geschlichen hatte.

Als der Abend gekommen war, da wir unser Videomaterial sammeln wollten, trafen wir uns wie verabredet erst spät. Der Friedhof hatte bereits seit einer Stunde seine Tore geschlossen, aber die Abenddämmerung setzte gerade erst ein und tauchte die Bäume in das dünne Rot einer verblutenden Sonne. Genau der Moment auf den wir gehofft hatten.

Bis zu unserem ersten Ziel war es zwar nicht sehr weit, aber die einsetzende Dunkelheit und – ich gestehe – eine gewisse Lust daran, die Gegend zu genießen, ließen den Weg länger werden. Wir hatten auch keine Eile, sondern unterhielten uns freimütig über uns, über unsere Pläne, über die Schönheit der Gegend – über alles, nur nicht über unser Vorhaben. Als läge eine Art von Tabu darüber, das wir nicht brechen wollten. Als verbiete die Idylle selbst es gewissermaßen.

Lachen sie nur! Haben Sie nie ein Gespür für Heiligkeit gehabt, eine dünne, flüchtige Ahnung, sich in der Gegenwart von etwas größerem zu befinden? So war es in diesen Augenblicken für uns, als wir durch die knorrigen Laubbäume spazierten, mit unseren Taschen an der Seite und die Gedanken nur auf das vor uns liegende gerichtet.

Wir fühlten uns beobachtet – das heißt: Ich fühlte es. Ich kann nur annehmen, dass es Karl ebenso ging. Was Marie dachte in diesen Minuten will ich nicht einmal mutmaßen.

Als wir ankamen, war die Sonne bereits zu einem guten Teil verschwunden. Nur ein dünnes, rotes Band am Horizont deutete noch die Existenz einer Welt jenseits der kleinen Lichtung an. Eine Welt, die nicht aus rauschendem Geäst bestand.

Das Grabmal war erstaunlich schlicht.Zwar hatten wir Bilder davon gesehen…Aber trotzdem hatten wir ein Mausoleum erwartet, so ein romantisches Ding, wissen Sie? Groß, mit vielen Säulen und Fresken und all den grässlichen Motiven seiner Filme ausgestattet hatte ich es mir vor gestellt. Ein Sammelsurium des Misratenen, Unseligen und Erbärmlichen, mehr das Zerrbild einer Grabstätte.

Stattdessen fanden wir drei einfache Betonplatten vor, von denen zwei seinen Brüdern mit anderen Namen gewidmet waren. Der einzige Schmuck war eine Büste auf der mittleren Platte, die etwa doppelt so hoch wie die anderen war. Die Namen und Daten waren in eisernen Lettern angebracht, aber sonst wies nichts hier auf sein Lebenswerk hin. Der Mann und seine letzte Ruhestätte hatten kaum etwas miteinander gemein.

“Der Eingang ist auf der Rückseite”, sagte Marie.

Sie hatte unsere – meine – Enttäuschung wohl bemerkt. So ein Lächeln lag auf ihren Lippen. Ich mag vieles vergessen haben, noch mehr mit voller Absicht aus meiner Erinnerung verdrängt haben, aber dieses Lächeln werde ich nie vergessen.

So kalt. So kalt und hinterhältig und gleichzeitig so verheißungsvoll, als sie uns mit dem Versprechen lockte, bald mehr zu sehen.

Ich glaubte ihre Augen auf mir liegen zu spüren, als ich die schmale Treppe hinunter stieg, die auf der Rückseite auf uns wartete.

Marie brachte einen Schlüssel hervor. Ein schmales, eisernes Ding, das in die Sicherheitstür passte, die uns unten erwartete. Karl blickte sie neugierig an, sagte aber nichts. Ich sah ihm an, was er wissen wollte, und fragte an seiner statt.

Eine vernünftige Antwort erhielt ich nicht. Sie treibe sich hier eben öfter herum, erklärte sie, und habe für genau solche speziellen Begebenheiten den ein oder anderen Trick vorbereitet.

Innen wie außen schon war das Grab schlicht, langweilig. Eine einfache, gemauerte Grabkammer, an deren Wänden die Spinnweben und der Staub sich dick übereinander lagerten. Darin drei identisch wirkende Zinksärge. Groß, schwer und klotzig. Es war keine Eleganz in dem gebogenen Blech, keine Schönheit in den glattpolierten Oberflächen. Ein metallischer, langweiliger Kasten bewahrte einen der größten Geister des letzten Jahrhunderts auf.

Ich war enttäuscht, recht verständlich, wie ich meine. Es mag sein, dass ihnen das Morbide und Groteske abgeht – um die Wahrheit zu sagen: Bisweilen fühle selbst ich mich davon abgestoßen, von diesem unbedingten Drang, irgendeine abcheuliche Reaktion hervorrufen zu wollen mit den billigsten Effekten.

Selbst, wenn sie mich für einen Verbrecher halten – was ihr Recht ist, denke ich, auch wenn sie nach meinem Geständnis verstehen werden, dass ich keineswegs ein Verbrechen begangen habe, als ich meinem Freund den Schädel einschlug.

Aber in diesem Moment, da ich in die Gruft hinunter stieg, um meinem Idol die letzte Ehre zu erweisen, verspürte ich nur Enttäusschung. Ein Gefühl, das Ihnen gut bekannt sein müsste. Tage hatte ich diesem Moment entgegen gefiebert, vielleicht Wochen. Seit die Idee zu diesem kleinen Projekt mit Karl ausgebrütet worden war, seit wir uns langsam darauf vorbereitet hatten, diese Tat zu begehen, hatten wir uns diesen Augenblick vorgestellt.

Und da war er nun: Schmucklos, unaufregend. Schlimmer noch – langweilig.

Mich traf es vielleicht schwerer als Karl. Ich fühlte gar nichts in diesem Moment, nicht…nicht soweit ich mich klar erinnern kann. Es ist möglich, dass…

Sehen sie: Gefühle sind keine eindeutige Sache. Sie vermischen sich mit der Umgebung, mit den ihnen vorangehenden und nachfolgenden Stimmungen und Bildern. Niemand fühlt zu irgendeinem Zeitpunkt nur eine einzige Sache – vielmehr überlagern sie sich, insbesondere in der Erinnerung verwischen sie wie feuchte Farbe.

Genau das war überhaupt erst der Grund, warum wir diese Aufnahmen machen wollten, warum es dort sein musste, in dieser Gruft und nirgendwo anders: Wir wollten diese Gefühle des Grabes übernehmen.

Es ist möglich, dass sich in meiner Erinnerung die nachfolgenden Tage darüber legten. Dass ich in Wahrheit nichts spürte in diesem Augenblick, dass ich nur abgelenkt war von Marie, die noch an der Tür lauerte und uns mit schmutzigem Blick beobachtete, jede unsere Reaktionen abschätzte.

Ich bilde mir gerne ein, dass ich aufmerksam war. Dass ich doch etwas von dem kommenden ahnte, dass es nur verdeckt war von meiner Enttäuschung, von der Langweiligkeit mit der dieser Meister der Vergangenheit überantwortet worden war.

Karl schien dagegen nichts von dieser Ahnung mitzubekommen. Er war auch nicht begeistert von der Banalität der Gruft, schien sich aber mit der Anwesenheit der Särge darüber hinweg zu trösten.

Mit raschen Schritten ging er nach vorne, ließ seine Tasche von der Schulter gleiten. Seine Hände legten sich fast ehrfürchtig auf den Sarg in der Mitte. Er konnte kaum wissen, welches der richtige war – es gab keine Plaketten, keine Gravuren oder ähnliches auf dem Deckel – und dennoch schien er fest davon überzeugt, derjenige in der Mitte wäre derjenige, in dem unser Vorbild lag.

In meiner Erinnerung stelle ich mir die Szene anders vor, als sie wirklich gewesen ist.

Da stehe ich neben mir, am Rand der Gruft, und sehe mich die Taschenlampe aus meiner Tasche hervor holen, damit es nicht so verflucht dunkel ist da unten.

Da sehe ich Karl das Blech streicheln, mit so einem schiefen Lächeln auf den Lippen, und sehe Marie sich uns langsam nähern.

In meiner Erinnerung stehe ich weiter weg von den beiden, bin distanzierter, als ich es wirklich war, und beobachte sie aus einigen Metern Abstand. Da höre ich nicht, wie sie eine Hand auf Karls legt und diese Worte flüstert, die mir noch heute Schauer über den Rücken jagen, obwohl sie harmlos verblassen neben den Dingen, die wir später noch getan haben.

Die ich später getan habe, nur um meine Freundschaft am Leben zu erhalten.

In meiner Erinnerung wende ich mich ab von ihnen und auch von mir, die wir uns an diesem Grab vergehen für ein paar Bilder, nur für den Nervenkitzel, von Angesicht zu Angesicht…

Ich habe ihn damals nicht getötet. Ganz sicher nicht in dieser Nacht. Ich war schockiert, ja. Ich war angewidert davon, mit welchem Eifer er und Marie den Sarg öffneten, wie schnell sie mit Hammer und Meißel das Blech aufrissen und die Dämpfe entweichen ließen, die sich dort in fast achtzig Jahren angesammelt hatten.

Aber ich tat damals nichts. Vielleicht hätte ich es tun sollen und damals und dort beenden.

In meiner Erinnerung bilde ich mir gerne ein, dass ich mich distanziert hätte, dass ich mit Abscheu und Einsprüchen nur zugesehen hätte, wie sie das Grab dieses großartigen Mannes schändeten, nur um einen Blick in seine verfaulten Augen zu werfen.

Die Bilder und Videos, die sie in meinem Zimmer finden werden, entlarven diese Erinnerung als Wunsch. Selbst der Film, den wir wenige Tage später fertigt stellten und zum Entsetzen der werten Herren Kleingeister, diesen angeblichen Professoren der Künste, einreichten, straft diesen Wunsch Lügen. Nur wenige der Bilder darin stammen aus dieser Nacht, sind in diesen Augenblicken entstanden. Meine Hand führte die Kamera, seine die Brechstange.

Und dennoch sind sie der eindeutige Beweis, dass ich mich daran beteiligt…

Meinetwegen verklagen sie mich deswegen und nicht wegen des Mordes. Ich habe ein Grab geschändet – hah! Sie sind ein Kleingeist, wenn das ihre größte Sorge ist. Störung der Totenruhe…Wenn sie denn wenigstens ruhen würden! Aber nein, nein. Das tun sie selten, nicht einmal in meiner Erinnerung.

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