Grotesk – Teil VII: Eingebildet

Seine eigenen Gedanken waren der einzige Rückzugsort, der Wagner geblieben war. Seine Stimme und selbst seine eigenen Augen hatten ihn verraten. Davon war er überzeugt. Sie verrieten ihn mit jedem Satz, den er sprach und der über irgendein Mikrophon aufgenommen wurde, über irgendeinen Bildschirm transportiert wurde.
Aber solange er nicht sprach, solange er sich vollständig von der Welt zurück zog, solange er nur dachte, war er dort noch einigermaßen Herr seiner Sinne. Dort in seinem Kopf, wo zwar alles durcheinander taumelte und ihn verwirrte, war er doch allein. Dort wusste er, wer er war und was er dachte.

Nur mit der Zeit, mit den Stunden und Nächten, schlich sich auch dort der Zweifel ein und Stücke der Außenwelt, vor der er fliehen wollte.
In Gedanken spielte er durch, was mit Sicherheit bald geschehen würde. Was geschehen müsste. Wieder und wieder spielte er sich diese Szene vor.

Wie der Mann auf dem hohen Richterstuhl ihn anblicken würde. Ohne Mitleid in seinem Blick, ohne Mitgefühl. Da wäre nur der kalte, nüchterne Blick eines Beurteilers, eines Außenstehenden, der nach Fakten abwiegen würde. Jedenfalls nach dem, was ein gesunder Verstand unzweifelhaft für die Fakten halten müsste. Selbst, wenn es Lügen wären.

Was würde es ihm nützen? Was sollte er sagen? „Euer Ehren, ich habe diesen Namen gehört, ja, und die Dame gesehen. Doch nie mit ihr ein Wort gewechselt. Ja, das dort auf jenem Tonband ist meine Stimme, aber nein, ich habe diese Dinge nie gesagt. Nein, ich habe niemals mit ihr…ich habe nie…“

Man würde ihn für verrückt halten. Im besten Fall für einen Schizophrenen. Im schlimmsten Fall…
Im schlimmsten Fall würde der Richter hart bleiben, unnachgiebig. Sachlich würde er die Beweise aufzählen, die Wagner – offenbar von selbst – verteilt hatte. Die Telefonate mit den Redakteuren, die zweifelhafte Aussage bei der Polizei, die…Anrufe, die er offenbar bei der Demoiselle getätigt hatte.

Wagner sah es deutlich vor sich. Die zeugen in dem kleinen Vernehmungssaal, angefüllt mit Justizbeamten, Polizisten und Geiern von der Presse. Ihre Blicke wären betont desinteressiert. Niemand würde ihn anblicken, obwohl sich dahinter nur schlecht verborgene Neugier und Häme befinden würde. Er wusste es ja, wusste vorher schon, dass sie ihn veurteilten. Zu gut war für diese Aasfresser die Geschichte vom seltsamen, durchgedrehten Fotografen, der Aufnahmen von seinen eigenen Mordtaten als Kunst ausgab. Der nicht nur exzentrisch war, sondern völlig übergeschnappt. Der seine Kunden belästigte und unanständige Fotos von ihnen schoss.

Wenn er zu erklären versuchen würde, was er glaubte…Wenn er aussagen würde, dass sein eigener Schatten, seine Stimme, sein digitales Abbild, ein Bewusstsein erlangt und sich gegen ihn gewendet hatte – wer würde ihm glauben? Niemand.
Er selbst glaubte nicht, dass sein Schatten die Absicht hatte, ihn umzubringen.

Aber er glaubte an seine eigene Unschuld. Er hatte diese Dinge nicht getan. Von der Öffentlichkeit konnte er kein Verständnis erwarten, keine Gerechtigkeit. So viel wurde ihm klar, je länger er über diese absurde Szene nachdachte.

Was er stattdessen zu erwarten hatte…Das wusste er auch nicht.

Sein Tag war leer, angefüllt mit dem großen Nichts, das vor ihm schwebte.

Wagner besaß nur mehr das wenige, was er bei seiner Flucht vor seiner Wohnung, bei seinem Besuch bei seinem Agenten bei sich getragen hatte: Sein Geldbeutel, eine Packung Kaugummi und ein Feuerzeug.
Den Kaugummi hatte er vor einiger Zeit bereits aufgebraucht. Der letzte davon verklebte seit Stunden seinen Mund und erinnerte mittlerweile mehr an einen Brocken Zement. Sein Bargeld immerhin hatte ausgereicht, um das billigste Zimmer in einem ranzigen Hostel für einige Tage zu mieten.
Nicht gerade der Urlaub, den er sich gewünscht hatte.

Es war klein. Zwei mal vier Meter vielleicht. Das Bett ging über die gesamte Breite der hinteren Wand, unter einem „Fenster“ entlang. Eigentlich war es mehr ein Lichtschlitz, der auf die graue Häuserwand des Hinterhofes hinausging.
Links neben der Tür befand sich ein Waschbecken mit einem schmalen Spiegel. Er war in die Fliesen geschraubt worden und ließ sich also nicht entfernen. Wagner vermied es, einen Blick hinein zu werfen.

Viel anderes konnte er aber auch nicht anblicken. Das Zimmer war karg und es befand sich nicht viel darin, mit dem er sich ablenken konnte. Mit einem Blick hatte er sein ganzes Reich abgemessen.
Nur einen kleinen Fernseher gab es über dem Bett, der seine Aufmerksamkeit immerhin für einige Stunden gefesselt hatte.
Dann waren die Nachrichten eingetroffen. Die immer gleichen.
Überlegungen, Spekulationen über das Photo eines vermeintlichen Ritualmordes, das sich als Scherz heraus gestellt hatte. Weitere Beweise seines ekelhaften Charakters. Der Mann von der WORT, der genüsslich beschrieb, wie Wagner ihn angeblich angegangen war. Ein Fräulein, das die Demoiselle Ombrage zu sein vorgab, an die Wagner sich aber nicht erinnern konnte.
Sie sah anders aus, als die Dame, sie klang anders, benahm sich anders. Sie hatte nichts von diesem ehrfürchtigen Hauch um sich, den er in der Kirche gespürt hatte. Und auch sie bewarf ihn mit Schmutz.

Ihm wurde schnell schlecht von diesen Dingen, an die er sich nicht erinnern konnte und die er nicht getan hatte. Es waren widerliche, verabscheuungswürdige Worte, die ihm dort im Fernseher in den Mund gelegt wurden. Worte, die er bei Bewusstsein nie in den Mund genommen hätte. Auch wenn es seine Stimme war, die sie verbreitete.

Er hatte das Gerät rasch abgeschaltet und sich in seine kleine Gedankenwelt zurück gezogen. Dort in diesem kleinen Zimmer, wo es nur ihn gab und den Spiegel, den Wagner hin und wieder mit einer Mischung aus Furcht und Ekel aus den Augenwinkeln beobachtete.
Als wartete er auf etwas.

Worauf, das wusste er selber nicht. Er wollte nicht denken. Das war alles, was Wagner wusste, als er auf seinem Stahlbett saß, die Knie an die Brust gezogen, und einen leeren Blick auf das Linoleum seines Zimmers gerichtet.
Dass er nicht denken wollte und ganz gewiss nicht an die letzten…Tage? Wochen?

Die Erinnerungen daran – oder eher noch: Seine fehlenden Erinnerungen an die Einzelheiten – waren ein Schatten in seinem Gedächtnis. Er fühlte sie, aus den Augenwinkeln oder am Rand seines bewusstseins, wie er die Abwesenheit von Licht in einer dunklen Zimmerecke fühlen würde.
Dort in seinen Erinnerungen lauerte etwas. Vielleicht wusste er auch, was es war, und wollte ihm nur nicht in die Augen blicken.

Er fühlte noch ein Nachbeben dieses Rausches, dieses Gefül seiner verblutenden Zeit, als alles über ihm eingestürzt war.
Und er fürchtete sich davor. Er fürchtete sich vor den Dingen, die er vielleicht getan hatte, ohne sich daran zu erinnern. Er fürchtete sich davor, dass er sie nicht getan hatte, dass irgendein anderer als er selbst es getan hatte. Und er fürchtete sich vor der dritten Möglichkeit, über die er nicht nachdenken wollte.

Es mochte sein, dass er den Verstand verloren hatte. Dass mit seiner Erinnerung an die letzte Zeit auch seine Vernunft verschwunden war. Er erinnerte sich nicht an die Sätze, die er sich aus dem Fernseher sagen hörte, aufgenommen von irgendeinem Tonbandgerät. Er erinnerte sich aber auch nicht an die Zertrümmerung seiner Wohnung, deren Narben er offenbar an den Händen trug.

Sagen zu wollen, womit er sich tatsächlich beschäftigte, während er endlos dort saß, die Arme um die Beine geschlungen, die Fersen in der dünnen Matratze vergraben, wäre müßig.
Seine Gedanken drehten sich um gar nichts, während er in das Nichts starrte. Es war eine dröge, trostlose Art, seine Zeit zu verschwenden. Aber besser, als sich in das Loch seiner Erinnerung zu werfen.

Die Sonne wanderte langsam über das Linoleum des Fußbodens. Sie fiel aus dem Loch über seinem ett als ein schmaler Streifen Licht herein, der langsam, aber unaufhaltsam, von der einen Seite des Zimmers zur anderen kroch.
Es hatte am Bettpfosten begonnen, so wie in den letzen Tagen auch. Vorne rechts, vielleicht eine Armlänge von Wagner entfernt. Minute um Minute schlich es, in einem immer flacheren Winkel, quer durchs Zimmer. Erst durch die große Leere in der Mitte des Raumes. Dann auf das Waschbecken in der Ecke zu. Und auf den Spiegel.
Die Reise des Lichtstreifens dauerte einige Stunden an. Zeit, die Wagner in einer gedankenlosen Lethargie verbrachte und aus der er nur zwei Mal gestört wurde. Als sein Körper ihn daran erinnerte, dass er – trotz allem – noch immer lebte und dass damit bestimmte Bedürfnisse einher gingen.

Nach diesen Unterbrechungen, die ihm neue Eindrücke aufzwangen und dazu nötigten, sich mit seiner Umgebung und sich selbst auseinanderzusetzen, aber rasch wieder in seine Stille zurück.

Hätte er seine Kamera gehabt oder wenigstens irgendeine Kamera, dann hätte er die Zeit festhalten können, die er dort in seiner Zelle verbrachte. Er hätte sie greifbar machen können mit seinen Bildern. Hätte ihr eine Gestalt geben können als Bilderserie von Augenblicken, anstatt sie formlos vorbei fließen zu lassen.
So aber blieb ihm nur, den wandernden Lichtstrahl zu beobachten.

Bis die Sonne am späten Nachmittag hinter dem Horizont verschwand oder jedenfalls hinter der Häuserwand, auf die sein Zimmer blickte. Als nur noch diffuses Zwielicht in seine Zelle drang, zog Wagner sich in die letzte Ecke seines Bettes zurück.
Er beobachtete, wie auch die letzten Reste von Tageslicht langsam verschwanden, obwohl draußen noch eine Dämmerung herrschen musste. Wie die Schatten an den Wänden und in seinem Kopf länger wurden.
Wie die Angst einsetzte, die Nervosität.

Er fürchtete sich vor dem Schlaf. Aus Gründen, die er selbst nicht ganz fassen konnte, ängstigte er sich.
Zwar redete er sich ein, dass er die Kontrolle über sich behalten musste, dass er beobachten musste, was mit ihm geschah, um ganz sicher zu gehen. Aber da lag ein tieferer, wahrerer Grund. Er verweigerte sich, weil er keine Gewalt über seine Träume hatte. Nicht so, wie über sein eigenes Denken. Das konnte er beherrschen, ausschalten, wie so wie er in den letzten Tagen und Stunden an nichts gedacht hatte.
Seine Träume dagegen würden ihm zeigen, was immer sie wollten. Womöglich genau das, wovor er sich noch mehr als vor dem Schlaf fürchtete. Das, was er nicht wissen wollte, was er begraben hatte in dem Loch seiner Erinnerung.

Mehrmals sanken seine Lider für einen kurzen Augenblick aufeinander. Dann wieder fuhr er hoch und fand, dass die Dunkelheit einen weiteren Fußbreit Raum seiner Zelle erobert hatte. Stück für Stück schlich sich das Licht aus seinem Zimmer, bis nur noch das undeutliche Rauschen des kleinen Fernsehers Licht spendete.

Wagner schreckte wegen irgendeines undeutlichen Geräusches auf.
Sein Herz war ganz ruhig und regelmäßig.Wie nach einem langen, gemächlichen Spaziergang im Park. Unerwartet, wachte er doch in letzter Zeit eher unruhig aus chaotischen Träumen auf.

Ein Klopfen an der Tür. Unmöglich, hier, zu dieser Stunde in einem anonymen Zimmer. Eine Einbildung, sicherlich, vielleicht ein böser Traum.
Er drehte sich zur Seite, suchte nach dem letzten gedankenlosen Moment, in dem er eingeschlafen sein musste. Er wollte dort anknüpfen, wo er zuletzt gewesen war: In einer geistlosen Ruhe.
Er blinzelte und starrte in das Stück der Nacht in seiner Zelle.
Und schrie auf.

Eine Gestalt stand dort, in der Dunkelheit jenseits seines Bettes. Ein graues Schemen vor dem schwarzen Abgrund seiner Zelle. Eine Kreatur ohne deutliches Gesicht, mit verschwommmenen Konturen, die ihre Klauenhände nach ihm ausgestreckt hatte.

Das Licht zitterte an. Der Raum war leer, bis auf das Rauschen des Fernsehers. Es war nichts gewesen. Nichts als ein Schatten.
Sein Schatten, der gesichtslos grinsend neben ihm gelauert hatte, gerade so, wie Wagner ihn vor einigen Tagen zuletzt zu sehen geglaubt hatte. Mit locker zurück geworfenene Haaren und aufgerissenen Händen, aus denen das Blut troff.
So, wie Wagner selbst ausgesehen hatte. Die gleiche unwirkliche Gestalt, die er im Spiegel zu sehen geglaubt hatte, bevor er ihn zertrümmert hatte.
Ein Schrei musste ihm entfahren sein, tief und roh, wie aus dem Innersten seiner Träume. Seit Tagen war ihm kein Wort entkommen. Jetzt fühlte seine Kehle sich rauh an, wund.

Sein Herz raste. Er blinzelte in das Licht, das seine Nachttischlampe ungleichmäßig über das Zimmer verteilte. Am Rand, an der Wand direkt über seinem Bett und hinter der Lampe, war das Licht am stärksten. Es füllte die linke Seite seines Zimmers aus, ohne aber die gegenüberliegende Wand oder das Fußende zu erreichen.
Immer noch war dort nichts. Ein Alptraum höchstens, seine eigene, nervöse Schreckhaftigkeit, die ihn erst nach einigen Sekunden eingeholt hatte.
Er atmete jetzt schwerer, als presse ihm etwas die Brust. Seine Hand fuhr zu seinem Hals, zerrte am Kragen seines Hemdes, zwecklos. Für Minuten starrte er in das Halblicht seiner kleinen Lampe, eine Hand an seiner Kehle, um sich Luft zu verschaffen. Die Augen hatte er aufgerissen. Als ob er einschlafen würde, sobald sie ihm zufielen, als ob er gegen seinen Willen erneut in unruhigen Schlaf sinken würde, wenn er seine Augen nicht so weit wie möglich geöffnet hielt.

Ein Klopfen rüttelte Wagner aus seiner Ohnmacht, sanft wie die Hände einer Geliebten auf seiner Schulter. Ein Leisers Pochen, wie von zarten Knöcheln.
Sein Blick ging zur Tür. Hatte ihn wirklich jemand geweckt? Oder hatte er bloß in seinen Träumen geschrien, um sich geschlagen und andere Gäste im Hostel belästigt?

Träge schüttelte er den Schlaf und die Lähmung ab. Er stand auf und stolperte durch den Lichtkegel seiner Lampe zur Zimmertür. Eine kleine Weile fummelte er am Türschloss herum. Es war eines dieser elektronischen Dinger, das mit einer Magnetkarte geöffnet wurde. Nur war die Karte von Jahren der ständigen Benutzung abgerieben und wurde vom Schloss nicht an jeder Stelle gleichermaßen gut erkannt.
Als sie schließlich mit einem Piepen und Klicken öffnete, streckte Wagner den Kopf in einen schummrig erleuchteten Flur. Am fernen Ende flackerte ein Licht über dem Notausgang, in einem freundlichen, hellen Grün, das ihn in den Augen schmerzte. Auf der anderen Seite befand sich ein größeres Fenster, das auf den Parkplatz hinaus blickte.
Dazwischen nichts und niemand.

Kein aus dem Schlaf gerissener Nachbar. Kein Hostelbetreiber, der von geplatzten Kartenabrechnung berichtete.
Kein Einsatzkommando der Polizei.
Niemand.

Dann erneut ein Klopfen. Klar und hell, wie von zarten Knöcheln auf Glas.
Die Nackenharre stellten sich Wagner auf. Im Flur war niemand. Das Geräusch kam auch gar nicht von hinter der Tür., sondern aus seinem eigenen Zimmer. Vom Spiegel, der seitlich neben der Tür hing, über dem Waschbecken.
Langsam, unendlich langsam drehte er seinen Kopf.
Und zuckte nach hinten.

Es war nicht sein Spiegelbild, das ihm entgegen blickte. Nicht einmal die abscheuliche Karikatur von Spiegelbild, die er in seinem Alptraum zu sehen gemeint hatte.

„Ein Alptraum“, flüsterte Wagner dem Spiegelbild einer Frau entgegen, die er nur ein einziges Mal gesehen hatte. „Das ist ein Alptraum, nicht mehr.“
Das Spiegelbild lächelte. Vollmundig zog es Lippen auseinander zu eben jenem Lächeln, dass Wagner in jener Nacht in der Kirche hatte erschauern lassen.
Eine Stimme, die nicht die seine war, kam aus dem Spiegel.
„Nicht doch, nicht doch, mein Lieber. Aus einem Alptraum wacht man irgendwann einmal auf.“

Wagners Blick huschte zur noch halb geöffneten Tür. Noch könnte er fliehen, könnte versuchen, vor seinem Wahnsinn davon zu laufen. Könnte ein weiteres Mal versuchen, sich einen Tag oder drei Aufschub zu erlaufen.
Wenn nur seine Beine gehorcht hätten oder seine Hände, die sich nach der Türklinke ausstreckten, aber eine Handbreit davon entfernt verharrten. Wie gelähmt. Gleichgültig, wie sehr Wanger es wollte: Sein Körper gehorchte ihm nicht mehr.

Die Stimme aus dem Spiegel war rauchig und düster und unbeschwert von allem, was man Anstand nennen mochte oder Zurückhaltung. In seiner Panik wäre sie fast beruhigend gewesen, wenn nicht ihre reine Existenz, hier, in diesem Spiegel, der Grund dafür gewesen wäre.
„Mit weglaufen ist es vorbei, mein Lieber. Wir haben nichts gegen eine gute Hetzjagd, aber…Irgendwann einmal muss man sich seinen Ängsten stellen. Über seinen eigenen Schatten springen.“
Der Blick aus ihren blauen Spiegelaugen, ging an Wagner vorbei. Zur Wand hinter ihm.
Wagner folgte ihm in seiner Lähmung aus den Augenwinkeln, da er den Kopf nicht länger wenden konnte.

An der Wand hinter ihm klebte sein Schatten. Genau dort, wo er hätte sein sollen. Hinter ihm, von ihm selbst durch die kleine Lampe über seinem Bett an die Wand geworfen.
Nur blieb er nicht an der Wand kleben und folgte auch nicht den Bewegungen Wagners. Sondern er bewegte sich, wie von selbst, griff nach der Kleidung seines Besitzers, hielt seine Arme und Beine umklammert und an Ort und Stelle.
Ihr Verhältnis von Herr und Knecht war umgekehrt. Der Schatten bewegte sich und Wagners Körper folgte ihm einen Augenblick später.
Im Spiegel fehlte sein Schatten, sein Abbild, noch immer.

„Was bist du?!“, presste Wagner zwischen den Kiefern hervor.
Die körperlose Stimme Isabelles d‘Ombrages lachte.
„Ein Alptraum“, warf sie ihm seine eigenen Worte zurück. „Oder etwas schlimmeres.
Willst du das wirklich, wirklich wissen? Ich könnte es dir sagen, Johann. Ich könnte es dir in deine Träume flüstern, bis in alle Ewigkeit darin spuken mit dieser einen, kleinen Wahrheit…Oder jedenfalls, bis du dir endlich das Leben nimmst, um ihr zu entkommen.“.

Sie ließ die Worte für einen kurzen Augenblick im Raum schweben. Nachdenklich fuhr einer ihrer Finger zu ihrem Kinn, sie blickte kokett in die Luft.
„Ich sehe die Schlagzeilen schon vor mir: ‚Exzentrischer Fotograf verblutet in Hotelbett gefunden. Ein Geständnis, Fragezeichen?‘ Passend, findest du nicht? Du könntest es tun. Ganz leicht einfach alles beenden. Wozu sich wehren, hm? Es ist doch schon vorbei…“

Mit geweiteten Augen sah Wagner dabei zu, wie seine Hand sich gegen seinen Willen austreckte. Wie sie nach der Türklinke griff und langsam, unendlich mühsam, die Finger darum schloss. Als wäre jede einzelne Artikulation ungewohnt und müsste neu erlernt werden.
Die Tür schloss sich, wurde wieder verriegelt.
Wagner drehte sich gegen seinen Willen herum, sank mit dem Rücken gegen die Wand, an der sein Schatten lauerte und ihn gefesselt hielt.

In dem Spiegel war sein Spiegelbild erschienen.
Sein Schatten, der dämonisch grinste bis über beide Ohren und ihn umklammert hielt. Dessen Hände auf seiner Brust, an seinem Hals lagen, ihm die Luft abschnürten. Die ihm das selbe Gefühl von Enge und Atemnot leiden ließen, wie in seinen Alpträumen die Nächte zuvor.

„Wie gut, dass wir etwas besseres mit dir vorhaben, Wagner“, sagte die Stimme Isabelles. „Etwas, bei dem du uns sogar noch nützlich sein kannst, du kleiner Perversling.“
Sie zwinkerte ihm zu.
Wagner sah, wie sein Schatten das grinsende Maul aufriss, spürte, wie auch er den Mund öffnete. Stück für Stück, unweigerlich, gegen seinen Willen, gegen das Knirschen seiner Kiefer.
Fetzen von Schatten krochen seinen Hals empor, sein Kinn, bis zu seinen Mundwinkeln, seinen Lippen…

Ein Satz beschäftigte Wagner, hallte wieder und wieder in seinem Kopf nach. Der Satz, der als letztes aus dem Spiegel geflossen war, bevor die Dunkelheit ihn ganz beansprucht hatte.
„Du wolltest jemand sein, der du nicht bist, Johann. Jetzt mache ich dich dazu.“

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