Grotesk – Teil IV: Eingesperrt

Sein Spiegelbild starrte ihn aus der Finsternis heraus an. Wagner starrte zurück, regungslos. Er atmete, gepresst und angestrengt.

Was wollen Sie?“, fragte er.

Die verzerrte Stimme aus dem Telefon lachte, gluckste mehr. Es war ein bitteres, morastiges Geräusch. Als würd der Ton aus großer Tiefe sich langsam, unendlich langsam, einen Weg zur Oberfläche bahnen durch Matsch und Sumpf.

Wir wollen nur, dass du zu reden aufhörst.“

Sie wollen mich mundtot machen?“

Sowas in der Art.“

Wagner blickte an seinem Spiegelbild vorbei, die Straße herauf und herunter. Die Stimme kam ihm bekannt vor. Er überlegte, wer es gewesen sein könnte, wer von den Männern, die er vor einigen Nächten im Grotesque Guignol fotografiert und nur wenige Tage darauf an die Öffentlichkeit verraten hatte, eine solche Stimme besaß. Sie war ihm bekannt, so viel wusste er. Vertraut wie ein Teil seiner selbst, aus irgendeinem Grund, und doch so völlig anders. Fremd irgendwie, wie ein Bekannter, den man für lange Jahre nicht gesehen hat und der unkennbar geworden war.

Eigentlich“, fuhr die Stimme am Telefon fort, „Will ich dich zum Reden bringen. Aber mehr über ein paar Dinge, die du lieber nicht sprechen würdest. Ein paar andere…Lügen? Oder Halbwahrheiten, die du so verbreitet hast. Du weißt schon. An Stelle von denen, die du der Presse über uns erzählen willst.

Deine sind so viel spannender für die, findest du nicht auch?“

Wagner drückte den Anruf weg.

Seine Hand sank, zitternd, und mit ihm das ausgeschaltete Telefon. Er schloß die Augen, lehnte die Stirn gegen das kühle Fensterglas.

Sein Kopf schmerzte. Die Angelegenheit war soeben um einiges komplizierter geworden. Hatte er erwartet, dass die Leitung des Guignol seine Indiskretion einfach so hinnahm? Nein. Nein, natürlich nicht, das wäre idiotisch gewesen. Aber er hatte mit ein wenig mehr Zeit gerechnet. Und damit, dass man zuerst persönlich den Kontakt zu ihm suchen würde. Nicht, dass man direkt…tat was auch immer das gewesen war.

Er ging zu seinem Rechner hinüber, löste die Verbindung zum Internet und allen Funknetzwerken. Nur, um sicher zu gehen, kopierte er sämtliche seiner wichtigen Unterlagen auf seine tragbare Festplatte. Ein kleines Ding, das bequem in seine Hosentasche passte.

Wer wusste schon, worauf diese Leute aus waren? Es war besser, wenn er ein paar ihrer Gesichter auf einem Foto hatte. Nur, falls die Sache wirklich illegal werden sollte. Noch wusste er nicht, wie er reagieren sollte. Aber er war sicher, dass er etwas tun musste. Die Stimme hatte nicht gewirkt, als ob sie Dinge bei einer Warnung belassen würde.

Als er in dieser Nacht zu Bett ging, ging er mehrfach sicher, dass die Eingangstür abgeschlossen und sämtliche Fenster verriegelt waren.

Der nächste Tag verging in einem ereignislosen Brei aus Anrufen und Enttäuschungen.

Gegen Mittag hatte Wagner sich dazu durchgerungen, die Polizei einzuschalten. Man hatte ihn mehr oder minder bedroht und es wäre sicherlich das beste, diesen Schritt zuerst zu tun.

Das Gespräch verlief im Sand. Es klingelte eine Weile, dann meldete sich einer der Beamten der örtlichen Behörde. Wagner stellte sich und seinen Fall lang und breit vor, stieß aber auf taube Ohren. Der Mann hörte ihn nicht oder wollte ihn nicht hören. Statt sich seiner Sache anzunehmen, verwies er auf die „permanente Besetzung der Zentrale“ und dass man Anzeigen vor Ort aufgeben müsse.

Wagner war die Sache zunächst sehr seltsam vorgekommen. Der Mann hatte nicht den Eindruck gemacht, als hätte er ihn verstanden oder auch nur gehört. Gelangweilt und monoton hatte er eine einstudierte Litanei herunter geleiert, die überhaupt nicht auf Wagners Beschwerde einging.

Das Gefühl, nicht gehört zu werden, verstärkte sich im Lauf des Tages noch, als einige andere Anrufe bei ihm eingingen. Markus versuchte es zwei oder drei Mal, sehr überrascht, dass Wagner anscheinend doch dem Redakteur der WORT abgesagt hatte. Einige kleinere Zeitungen riefen an, um doch Interviews zu ergattern. Ebenso ein Galerist, mit dem er eine private Ausstellung geplant hatte.

Keiner von Ihnen schien ihn zu verstehen, wenn er abnahm und mit ihnen reden wollte. Sie alle wirkten, als ob sie auf ein Tonbandgerät sprechen würden.

Nach dem vierten Anruf dieser Art, sah Wagner es ein. Es war offensichtlich, dass seine Telefonleitung von dieser Stimme kontrolliert wurde.

Dennoch zögerte er, das Haus zu verlassen und selbst zur Polizei zu gehen. Vielleicht war es genau das, worauf diese Leute warteten? Auf seine kurze Abwesenheit, um einbrechen und seine Photographien stehlen zu können? Nicht, dass sie über Gebühr wertvoll wären. Aber er hatte immerhin noch einige eindeutigere Fotos von diesem Abend und wenn Sie verhindern wollten, dass er mehr als nur die schlechten verbreitete…

Da, wieder, hörte Wagner es und unterbrach seine Gedanken. Ein Klingeln. Ein impotentes, schrilles, nerviges Klingeln. Wie ein Kind, das in der verlassenen Wohnung schreit. Wie eine Alarmanlage, die in der Nacht anspringt, ohne von einem Dieb ausgelöst worden zu sein.

Das gleiche, exakt identische Geräusch, wie er es in den letzten Tagen so oft gehört hatte. Weil seine Nummer gefragt war, weil gefühlt tausend Leute ihn angerufen hatten wegen ihrer stupiden Fragen, wegen Gerüchten, Bitten um Interviews – und alle hatten Sie ihn ignoriert, wenn er doch einmal abgehoben hatte.

Er saß auf seiner Couch, eine Kaffeetasse umklammert, und starrte verärgert auf das Mobiltelefon auf seinem gläsernen Tischchen. Ihm gingen die Ideen aus, wie er reagieren sollte und so reagierte er überhaupt nicht. Er wartete, dass der Sturm an ihm vorbei zog.

Irgendwann, wenn sie niemanden erreichten, würden die Anrufe schon aufhören. Man würde ihn in Ruhe lassen, einfach aufgeben und sich interessanteren Dingen widmen.

Er musste nur lange genug nichts tun, redete er sich ein. Lange genug tot spielen. Solange sie von ihm nichts bekamen, wäre alles in Ordnung.

Es klickte, als die Mailbox wie gewohnt den Anruf für ihn engegen nahm. Die Stimme eines Journalisten ertönte, die Wagner schon einmal gehört hatte. Gestern oder wann auch immer.

¨Herr Wagner, tut mir Leid, Sie schon wieder zu stören. Andersen der Name, Andreas. Hören Sie, wir würden wirklich gerne Ihre Seite der Geschichte hören. Wir kennen solche Spielchen, lassen Sie uns das Geziere und Gezittere doch einfach überspringen, Herr Wagner. Lassen Sie mich Sie doch zu einem Kaffee einladen und wir können alles besprechen, keine Kameras oder Tonbandgeräte, Ehrenwort. Was hielten Sie von nächstem Dienstag, so gegen 16 Uhr, vielleicht im Stehely?“

Wagner starrte das Gerät weiterhin garstig an. Er hatte sich nicht bewegt, hielt seine Tasse fest, als wäre sie ein Rettungsring. Einfach ignorieren, dachte er. Einfach ignorieren, dann verlieren die irgendwann das Interesse, wenn die Geier nichts mehr bekommen.

Woher diese plötzliche Verachtung für die Presse kam, konnte er nicht sagen. Womöglich war es das Gefühl, das ihn bei jedem ihrer Anrufe seit gestern beschlich. Dieses Gefühl, dass all das ein schlechter Scherz war. Dass es nicht wirklich Journalisten waren, von denen er hörte. Sondern dass es diese Stimme war, die sich dafür ausgab. Um ihm Geheimnisse zu entlocken womöglich, auch wenn er diese von selbst teilen wollte – nur nicht mit ihm. Er konnte sich des Gedankens nicht erwehren, dass womöglich – nur womöglich – all das ein kompliziertes und unnötiges Spiel war. Eine Scharade, die um seinetwillen aufgeführt wurde.

Dann…ein weiteres Klicken, eine Art von Tuten, das ihn in seinen Gedanken doch noch erreichte. Als ob jemand den Anruf entgegen genommen und auf Lautsprecher umgestellt hätte. Der angebliche Journalist bemerkte es ebenfalls.

Hallo? Hallo, Herr Wagner, sind Sie da?“

Wagner starrte das Gerät auf seinem Glastischchen an. ‘Telefonat läuft’ stand dort in grünen Lettern auf dem Display, groß und eindeutig. Er hatte nicht abgenommen. Dann, Stück für Stück, überkam ihn eine Welle aus Furcht, deren Grund er nicht kannte. Sie bahnte sich ihren Weg von der Spitze seines Nackens aus, wo Wirbelsäule und Schädel zusammenwuchsen, und schwappte über seinen zusammengekauerten Körper. Seine Nackenhaare stellten sich auf.

Eine Stimme antwortete dem Journalisten, ohne dass Wagner den Mund geöffnet hätte. Die selbe Stimme, die er gestern Abend gehört hatte, die ihn verspottet hatte. Nur war sie weniger blechern. Weniger von Statik und Elektrik und Leitungen und der Übersetzung in elektrische Signale verzerrt. Sie war klarer, eindeutiger menschlich, auf eine seltsame Art und Weise.

Und es war seine eigene Stimme, die ihm und dem Journalisten aus dem Telefon entgegen schallte.

Herr Andersen, bitte verzeihen Sie, ich war indisponiert. Schwer beschäftigt, leider. Nein, also Dienstag geht nicht. Was halten Sie davon, wenn wir das rasch jetzt machen? Haben Sie Zettel und Stift?“

Wieder der Journalist. Er schien leicht verwirrt, überrascht von so viel plötzlicher Offenheit nach so langem Schweigen. Wie auch Wagner.

Ähm…Ja, ja natürlich. Warten Sie einen Augenblick. Also es geht uns in der Hauptsache um ehm, nun ja, um ihre…Wir haben natürlich das Bild gesehen, das Sie vom Guignol geschossen haben. Sehr interessant. Uns würde interessieren, wieso Sie sich entschlossen haben, das Schweigen zu brechen, gewissermaßen. Ihres sind die ersten Bilder, die wir aus dem Inneren erhalten haben seit bestimmt Mitte der siebziger Jahre…“

Hastig schob der Mann nach: „Und natürlich was Sie von Fotografie denken, warum Sie Künstler geworden sind. Womit Sie angefangen haben.“

Ich habe als Modefotograf begonnen“, sagte seine Stimme, ohne dass Wagner etwas dagegen tun konnte. „Leicht verdientes Geld…und diese Leute lassen alles mit sich machen. Wenn Sie ein Prominenter sind wie ich und eine Kamera haben…Können Sie alles mit denen tun. Sie anfassen, angrabschen, sie in kompromittierenden Posen fotografieren. Ich weiß nicht, ob Sie wissen, wie das ist? Es ist leicht, sie zu etwas…freizügigeren Fotografien und Portraits zu überreden. Alle machen das, wissen Sie das nicht? Und überhaupt, manche müssen sich ein wenig anstrengen, um in dieser Branche weit zu kommen. Models müssen gut aussehen. Wie soll man das sonst sehen?“

Wagner war entsetzt. Er langte nach vorn, bemühte sich um Schadensbegrenzung. Er versuchte, das Gespräch abzubrechen, drückte den großen, roten Abbrechen-Knopf.

Weder das Telefon noch die Stimme, die sich an seinerstatt mit dem Journalisten unterhielt, ließen sich beirren.

Unverständig starrte Wagner auf das Gerät in seiner Hand, dessen Bildschirm noch immer leuchtete und ein laufendes Gespräch anzeigte, das er weder angenommen hatte noch überhaupt führte, das sich aber hier und jetzt in seinen eigenen Ohren abspielte. Er schrie es an, brüllte in das Mikrofon, dass der Scherz ein Ende finden sollte, dass es nicht lustig war für ihn. Dass all das infame Lügen wären, die er nie gesagt, nie getan hätte.

Ein Lachen ertönte aus den Lautsprechern. Sein eigenes, falsches Lachen, das er so oft in das Mikrofon seines Telefons gelacht hatte, wenn er mit Bekannten sich verabredet hatte oder mit der Sammlung von Kriechern und Speichelleckern, denen er ihrer Kontakte wegen nachgegangen war.

Seine eigene Stimme verspottete nun ihn und den Journalisten, der eine Story des Jahres witterte.

¨Ein schlechter Witz“, sagte der Journalist mit Ekel in der Stimme. „Sie waren also Modefotograf, bevor Sie Künstler wurden. Und ehm, wie sind sie in das Guignol gekommen?“

Irgendwie muss man sein Geld ja verdienen, nicht? Fällt ja nicht vom Himmel, dieser Kunstscheiß verkauft sich ja nicht. Da muss man sich was einfallen lassen, um Aufmerksamkeit zu bekommen.“

Wie meinen Sie das?“
„Sie wissen genau, wie ich das meine“, sagte Wagners Stimme. Der Eindruck eines Grinsens erschien vor Wagners geistigem Auge. „Das bleibt unter uns, nicht? Aber Sie glauben nicht wirklich…Ich hab es Ihrem Kollegen schon erzählt. Sie glauben nicht wirklich an diesen Menschenopfer-Scheiß, oder? Wie bei den Bilderbergern? Nein, nein, nein. Es funktioniert aber, oder nicht? Hier sind wir und sie wollen ein Gespräch mit mir abdrucken, des Skandals wegen. Der Aufregung wegen. Das macht Ihnen hoffentlich nichts aus, dass es gefälscht ist? Euch stört das ja nicht, oder?“

Wagners eigene Stimme fuhr fort, Lügen über ihn zu erzählen. Er war wie gelähmt, festgefroren mit einem entsetzten Starren im Gesicht. Erst, als sie von weiteren Fälschungen berichten wollte, löste sich seine Starre. Seine Fingernägel bohrten sich in die Plastikverkleidung. Zorn überlief ihn, heiß und stechend.

Er war ein Lügner, ja. Ein Fälscher, ja. Aber er hatte nie etwas anderes gefälscht als sich selbst, hatte nie etwas anderes fälschlich präsentiert als seinen eigenen Charakter und sein Leben. Seine Werke waren echt, allesamt echt und das hier war eine Beleidigung, ein Affront seiner gesamten Integrität.

Er schleuderte das Telefon fort. Das Gerät prallte auf die Wand, das Gehäuse zerplatzte. Die Stimme des Journalisten zerknackte wie eine Nuss, als das Gerät auf die Wand prallte. Akku und Bildschirm flogen in unterschiedliche Richtungen davon, schlitterten über das Parkett in eine dunkle Ecke.

Vorsichtig näherte sich Wagner dem Gerät, fast ängstlich, als ob es beißen würde. Oder gleich erneut Lügen spucken würde, mit einem Hohngelächter seiner eigenen Stimme, ob es erneut von selbst zum Leben erwachen und ihn mit seiner eigenen Stimme verspotten würde.

Es schwieg und mit ihm die länger werdenden Schatten des Nachmittags.

Es knackte aus den Lautsprechern in der Küche. Er fuhr zusammen, stieß mit dem Rücken an die Wand. Unter seinen Füßen knackten die Reste seines Telefons.

¨Keine Sorge, das Telefon ist normal. Um deinen Kopf würde ich mir aber Sorgen machen.¨

Erneut seine eigene Stimme, die ihn verspottete. Diesmal löste Wagner sich schneller aus seinem Entsetzen. Seine Faust krachte gegen die Lautsprecher, riss die Geräte aus der Halterung, mit der sie unter den Schränken verschraubt waren, zerrte sie aus der Steckdose und schleuderte sie zu dem Telefon auf den Boden.

Das unsägliche Lachen erstarb zusammen mit der Elektrizität.

Wagner floh. Er floh, wie er nur einmal in seinem Leben geflohen war. Vor Jahren, als seine Ex ihn verstoßen hatte wegen seiner Erbärmlichkeit.

Er rannte ins Badezimmer, stolperte auf dem Weg fast über den gläsernen Couchtisch, der sich ihm nur in den Oberschenkel rammte. Die Tür krachte hinter ihm ins Schloss.

Mit dem Rücken dagegen sank er zusammen, die Hände gegen die Ohren gepresst. Seine Nerven, sagte er sich. Seine Nerven, ganz sicher, waren nur überreizt. Er schlief wenig und er ging wenig hinaus, hatte bestimmt seit Tagen mit niemanden mehr gesprochen, der ihn nicht anödete. Er hatte zu lange und zu ausgiebig die Welt durch den Sucher seiner Kamera beobachtet. Hatte zu lange den kleinen, perversen Beobachter gespielt ohne sich normal zu benehmen. Und jetzt, jetzt fühlte er eben wie das war. Wie das war, beobachtet zu werden, verfolgt von jemandem, der alles festhielt, selbst die schmutzigsten Gedanken und Gefühle.

Und diese Ersatzmenschen, diese halben Figuren, als die sich mancher in seinem Umfeld zu präsentieren versuchte, waren eben nur das: Ersatzmenschen. Kaum fassbare, nicht greifbare Dinger, die Worte absonderten, die sie für clever hielten. Denen er Worte entgegen warf, die er für schlau hielt. Nichts echtes, fleischliches, nichts mit dem man sich berühren konnte.

Seine Hände lösten sich von seinen Ohren, er öffnete die Augen.

Er befand sich im Bad. So viel wusste er. Das war genug, darauf konnte er bauen, das war eine einzige, zuverlässige Sache. Wo er sich befand, was er sah und roch und spürte. Er sah die weißen Fliesen vor sich, die grau waren, und er sah das blickende Licht der Waschmaschine. Er roch den muffigen Abfluss, der falsch eingebaut worden sein musste und in dem das Wasser stand und faulte. Er spürte die Badezimmertür in seinem Rücken, die Stücke seines Telefons unter seiner Ferse.

Sein Atem beruhigte sich, während er in der Dunkelheit saß.

Johann Wagner stemmte sich auf, seine Hände tasteten nach dem Lichtschalter.

Nur eine kurze Ablenkung, sagte er sich. Vielleicht eine kleine Reise, nur für ein paar Tage. Um die Nerven zu beruhigen. Den Kopf frei zu kriegen und weg zu kommen für einige Zeit. Bis alles vorbei ist. Bis diese endlosen Telefonate aufhören und Anrufe und das Generve…

Das Licht flackerte ins Leben, leuchtete das Badezimmer aus mit diesem gräßlich kalten Licht, das sich von den weißen Fliesen zurück warf, von den weißen Wänden, der ganzen Keramik und den Spiegeln an den Türen des Medizinschränkchens über dem Waschbecken. Dieses helle, klinische Licht, das alles ausleuchtete und nichts zurück ließ, keine dunklen Ecken. Das jede noch so kleine Unreinheit seines Gesichts ausleuchtete.

Keine Zweifel, dass er sich im Bad befand.

Kaltes Wasser presste sich in sein Gesicht, wieder und wieder. Für einen kurzen Augenblick verdrängte es alle Gedanken aus seinem Kopf. Alle bis auf den einen, den primitivsten: Zu viel Wasser, keine Luft. Ein Gefühl wie Ersticken, schreiende Lungen.

Seine Gedanken waren klarer, sein Puls kälter geworden, schärfer. Er war sich seines Körpers bewusst, als er nach Luft schnappte, sich seiner Lebendigkeit bewusst wurde. Seine Nerven waren es, die ihm einen Streich spielten. Ganz sicher.

Ein kurzer Urlaub, sagte er zu sich selbst und griff blind, noch mit Wasser in den Augen, nach dem Handtuch. Er würde eine alte Bekannte, eine flüchtige Liebschaft, anrufen. Notfalls auch zwei oder drei, bis eine sich bereit erklärte, spontan mit ihm zu verreisen. Bloß fort von hier, für ein paar Tage jedenfalls. Wohin war gleichgültig, mit wem war gleichgültig. Hauptsache nicht allein sein mit sich selbst.

Er tupfte sich das Gesicht ab, sah in den Spiegel.

Und erstarrte.

Nicht etwa, weil er etwas gesehen hätte, das ihn verwirrt oder aus der Bahn geworfen hätte. Tatsächlich gab es nichts im Spiegel, das ihn verstörte.

Das war präzise das Problem: Dort in den Spiegeln über dem Waschbecken, in denen er sich täglich rasierte und frisierte, war nichts sichtbar als das etwas zu grelle Licht der Glühbirne, das sich von den weißen Fliesen und der Keramik weiter warf. Er sah die Badewanne mit dem albernen Duschvorhang mit den beiden Handabdrücken darauf, sah die Waschmaschine daneben, auf der sich so viele seiner Tinkturen, Cremes und Sprays befanden, die er sich dann und wann leistete. Und er sah die Toilettenschüssel hinter sich. Und den Spiegel hinter sich, in dem sich die Leere zwischen dem Badezimmerschränkchen und dem rückwendigen Spiegel endlos wiederholte, wie in den Spiegelsälen oder einem Kaleidoskop.

Dort, wo er sich befinden sollte, wo sein Spiegelbild ihm mit roten Augen und nassen Haaren entgegen sehen sollte – war nichts. Eine große Leere, durch die hindurch er ungehindert auf das Badezimmer blickte.

¨Man, du bist noch kranker im Kopf, als ich gedacht hätte. Vielleicht solltest du einen Urlaub nehmen. Irgendwo weit weg. In Amerika oder so.¨

Eine Stimme war von hinter ihm gekommen, aus dem abgeschlossenen Badezimmer, in das er sich geflüchtet hatte. Seine Stimme, seine ganz eigene, die ihn am Telefon verhöhnt hatte. Von der er sicher war, dass es Einbildung war oder ein technischer Trick.

Er starrte in das leere Glas vor sich. Starrte durch sich hindurch. Tastete mit der Hand danach.

Wagner sah seine Hand – aber nur einmal. Seine echte, fleischliche Hand, direkt vor sich. Jenseits des Glases…war nur das Badezimmer. Leer und ohne ihn.

Sein Spiegelbild betrat das Badezimmer von der Seite her. Vom Spiegel auf der Rückseite. Es bereitete ihm Kopfschmerzen, sich klar zu machen, was geschah. Sein Spiegelbild stand in der Reflexion des Spiegels, in dem er stand. Nur ein einziges Mal, nicht noch einmal gedoppelt, stand es in seinem Rücken. Es sah anders aus, als er sich selbst immer gesehen hatte. Es grinste, das selbe jugendliche Grinsen, das er an sich so mochte. Es wirkte obszön, wie bei einem Knaben, dem man die schmutzigen Gedanken ansah.

Wagner drehte sich langsam um. Dort hinter ihm, mit dem Gesicht spöttisch verzogen, stand er selbst. Das heißt sein Spiegelbild, das sich ohne sein Zutun bewegte.

¨Was bist du?¨, fragte er das offensichtlichste.

Sein Spiegelbild lehnte sich vor, als ob es aus dem Spiegel selbst heraus brechen wollte. Das Gesicht im Glas wurde ernster, unbewegter. Es wirkte wie eine schlechte Puppe. Als müsste es erst noch lernen, sich selbst zu kontrollieren, frei von Wagner selbst zu bewegen.

¨Ich bin du. Ich bin das Abbild von dir, das du so gerne ausstellst. Die zurecht gemachten Bilder, mit denen du Anderen ein glückliches Leben vorlügst. Ich bin die Lügen, die du dir morgens im Spiegel zuflüsterst, die Lügen, die du auf Tonband festhälst. Ich bin dein Schatten, Johnny. Alles, was von dir übrig bleibt, wenn du aus dem Raum gegangen bist.“

Wie einen Schlag traf es Wagner, der gegen das Waschbecken sank, sich daran festhielt wie an einem Rettungsring. Er wollte nicht verstehen. Er konnte nicht verstehen,was

Nein“, flüsterte er. „Unmöglich, nein. Du…du bist meine Vorstellung, meine Einbildung, nichts weiter. Eine kranke Einbildung meiner Nerven.“

Ein Klingeln unterbrach Wagners hilfloses Gerede.

Das Telefon im Wohnzimmer, das Festnetz. Es klingelte. Die Augen seines Spiegelbildes begannen zu leuchten, huschten zur Seite, auf der sich die Tür zum Wohnzimmer befand.

¨Du wirst mich nie aufhalten, Johnny. Ich bin das bessere Du. Das wahre Du. Und bald werde ich der einzige von uns beiden sein.¨

Wagner starrte in den Spiegel, der wieder leer war. Der Spiegel, aus dem sein Spiegelbild verschwunden war, um erneut in seinem Namen Lügen zu verbreiten.

Es dauerte nur einen kurzen Moment der Fassungslosigkeit, dann hastete Wagner ihm hinterher

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