Grotesk – Teil III: Besetzt

 

Das Klingeln seines Telefons riss Wagner aus seinen Gedanken. Er fuhr sich über die müden Augen, blinzelte. Es war Nacht geworden, spät in der Nacht. In seiner Wohnung war es finster, bis auf das leuchtende Rechteck seines Computermonitors und das bebende Licht seines Mobiltelefons.

Er hatte gar nicht bemerkt, dass er wieder Stunden vor seinen Bildern gesessen und sie manipuliert, sie retouchiert, aufgebessert und neu zusammen gesetzt hatte. Es war zum verrückt werden, wie viele Bilder er doch gemacht hatte, trotz seiner Hemmungen in dieser einen Nacht. Eine Menge davon war wertlos oder nur schwer zu retten. Viele von denen, die er von dem Fräulein Isabelle geschossen hatte, waren verschwommen, unscharf oder unfokussiert. Sie zu retten war ein langer, anstrengender Kampf.

Wagner blinzelte sich die Müdigkeit aus den Augen.

Markus‘ Name und Nummer erschienen auf dem Display seines Handys, in großen, grünen Buchstaben. Seit er ihn beim Mittagessen hatte sitzen lassen, hatte er nicht mehr mit ihm gesprochen. Hatte seine Anrufe ignoriert und hatte nicht das Bedürfnis verspürt, in der Agentur aufzutauchen.

Das war nicht nur gegen Markus gerichtet gewesen. Wagner hatte keinen einzigen Anruf entgegen genommen in den letzten Tagen und war auch nicht viel hinaus gegangen. Einen wirklichen Grund dafür gab es nicht. Er fürchtete sich nicht vor Markus oder vor seiner Schelte. Es gab nur auch keinen wirklichen Grund, die Wohnung zu verlassen. Außer als Selbstzweck, die Wohnung zu verlassen nur um die Wohnung zu verlassen.

Da Wagner es hasste, Dinge nur um ihrer Selbst willen zu tun, war er eben zuhause geblieben. Ohnehin hatte er hier alles, was er brauchte. Hier konnte er sich ungestört in seinen Fotografien verlieren, sie herrichten. Es war ein langer, aufwendiger Prozess, die Details richtig hinzubekommen. Das Bild selbst mit der Kamera vor Ort richtig und passend abzulichten war von zwar von einiger Bedeutung. Aber für ihn war es Rohmaterial, nicht mehr. Eine natürliche Beleuchtung war hübsch genug. Sie reichte aus, ein Kirchenschiff in eine Gruft zu verwandeln, ein gewisses Gefühl zu transportieren. Aber für echte Kunst, die die Grenze übertreten sollte zwischen Wirklichkeit und Traum? Dafür bedurfte es einiger kleiner Veränderungen hier und da.

Mit heutigen Mitteln war es ohnehin keine große Kunst, trotz seiner Isolation präsent zu sein auf die ein oder andere Weise. Er hielt mühelos das Image eines Lebemannes aufrecht, der auf den unterschiedlichsten Veranstaltungen zugegen war, Fotografien von den entrücktesten Orten anfertigte und teilte. Alles bequem von seinem Schreibtisch aus.

Er erlaubte es sich daher, sich zurück zu ziehen. Gleichgültig, ob es gesellschaftlich gern gesehen war. Niemand erfuhr ja davon, dass er sich vier Tagen in seiner Wohnung verkrochen und niemanden gesprochen hatte. Und wenn niemand etwas erfuhr, so war es auch nicht geschehen, soweit es ihn betraf.

Das erneute Klingeln des Telefons brachte ihn zurück in seine dunkle Wohnung.

Er verspürte keinen Drang, abzuheben, und ließ es ohnmächtig nach Aufmerksamkeit schreien. Er stand auf, schaltete das Licht an und machte sich einen Kaffee.

Die Mailbox übernahm Markus‘ Anruf und schaltete von selbst auf laut.

Seltsam, dachte Wagner für einen Augenblick. Er wusste gar nicht, dass die Mailbox das konnte. Aber er störte sich nicht weiter daran. So konnte er Markus‘ Offensive hören, ohne sich die Mühe machen zu müssen, sie später abzuhören. Dafür wäre er nicht in Stimmung gewesen.

„… unverantwortlich!“, plärrte es etwas blechern aus dem Wohnzimmer. „Geh an das gottverdammte Telefon, Johann, ich weiß dass du da bist. Charlie sagt sie kann deine Postings sehen und du bist nicht bei einem Matinee in der Staatsoper, du Lump.“

Wagner lächelte in seine Kaffeemaschine. Die Bilder waren älter, zwei oder drei Wochen. Aber unbestimmt genug, um eine beliebige Veranstaltung der High Society zu sein.

„Der Direktor rennt mir hier die Tür ein“, schimpfte Markus weiter. „Und ich werde nicht für deinen Mist gerade stehen, hörst du? Hör auf mich zu ignorieren, Gott verdammt, geh ans Telefon.“

Der Kaffee begann zu kochen, Wagner wanderte zurück ins Wohnzimmer, um Markus besser zu hören.

Mittlerweile musste das unfertige Bildchen, das er der Zeitung vor einigen Tagen zugespielt hatte, gedruckt worden sein. Er hatte es hier und dort in seinem eigenen kleinen Kreis an Bekannten wieder gesehen. Es erfreute sich einiger Beliebtheit – nicht nur, weil er ein begnadeter Fotograf mit einem Händchen für Stimmungen und Atmosphäre hatte. Er hatte damit ein Tabu gebrochen, mehrere sogar.

Jedenfalls wurde es in den Salons heiß diskutiert. Wie echt es war, wie real die Szenerie mit dem Sterbenden auf dem Altar, mit den Männern und Frauen in feiner Abendkleidung, die sich wie Geier um ihn herum versammelten. Wie ketzerisch die ganze Veranstaltung ausgerichtet worden war, welcher der Anwesenden zu Einflussreichen und Wohlhabenden der Stadt gehörte. Besonders eine gewisse Art von Zweiflern und Skeptikern verbreitete ganz ohne Wagners zutun eine hübsche Menge an Gerüchten, die mit Bilderbergern und allerlei anderem Unsinn zu tun hatten.

„Ich habe dich gewarnt, Johann“, fuhr Markus aus dem Telefon fort. „Ich habe dich gewarnt und das ist deine Angelegenheit. Nicht meine. Du klärst das. Ich habe den Typen von der Presse deine Privatnummer gegeben, also geh gefälligst ran und kümmer dich da selber drum. Wir sind nicht deine Pressestelle für dumme Ideen.“

Markus beendete das Gespräch. Das Leuchten des Telefons erlosch, noch bevor Wagner es sich hatte greifen können.

Mit seinem frischen Kaffee setzte er sich auf die Couch, ging den Anrufbeantworter durch. Er löschte Markus‘ Nachricht. Er wusste, dass Markus die Sache mitbekommen hatte und das war es, worauf es ankam. In einigen Tagen würde er sich bei ihm melden. Morgen oder den Tag darauf, wenn er sich in dieser Sache klarer war.

Er fühlte sich nicht gut. Jedenfalls nicht gut genug, um den möglichen Konsequenzen jetzt schon ins Auge zu blicken. Zu sehr gefiel er sich in der Rolle des mysteriösen Künstlers, der unschuldig etwas provokatives veröffentlichte und dann nicht erreichbar war, weil er seinen Kopf tief in der eigenen Kunst vergraben hatte.

Das und weil er zerstreut war. Es kostete Arbeit und Anstrengung, auch ein öffentliches Bild seiner Person gezielt zu manipulieren. Anstrengung, die er nicht aufbringen konnte.

Er schlief schlecht in letzter Zeit, etwa seit er die Bilder weitergeleitet hatte. Dass es sein Unwohlsein über die Veröffentlichung und den Vertragsbruch war oder gar ein schlechtes Gewissen, glaubte er nicht. Er hatte Alpträume, das war alles. Und die hatten eine klare Ursache: Das furchtbare Bild selbst, die Szene, auf der es basierte, dieser ganze scheußliche Abend eigentlich. So viel war selbst ihm ersichtlich, auch ohne Quacksalber und Psychodoctor.

Er träumte wieder und wieder davon. Von dieser Frau, dieser Demoiselle Isabelle, wie sie auf den Altar stieg in ihrem schwarzen Abendkleid, mit ihrem verächtlichen Blick in ihrem kalkweißen Marmorgesicht.

Weshalb er ausgerechnet von ihr träumte und nicht von dem Sterbenden oder dem später hinaus getragenen Leichnam. Weshalb nicht von den kalten, gierigen Blicken der anderen Gäste, sondern von ihrem. Weshalb nicht von dem dementen, erschöpften Geplapper des alten Mannes, sondern von ihrer nüchternen Beschreibung seines Sterbens.

Am nächsten Morgen erinnerte er sich kaum an diese Träume. Sie waren schwache Abdrücke in seiner Erinnerung, die kaum mehr als ein ungreifbares Gefühl hinterließen in ihm. Eine Ahnung von Unwohlsein mehr als eine konkrete Furcht.

Er wusste nur, dass es nicht die Worte waren, die sie tatsächlich auf dieser Bühne gesprochen hatte. Sie waren düsterer, ominöser, und von seinen eigenen Ängsten durchdrungen. Von seiner Furcht, was das hier für sein Image bedeuten würde, von der Angst, von dieser Sache nicht profitieren zu können.

Ihre Worte waren ihm fremd, unheimlich. Wie in einer Sprache, die er nicht verstand.

Die Träume verstörten ihn in einem solchen Maß, dass er sich ein, zwei mal dabei erwischt hatte, wie er den abendlichen Schlaf fürchtete. Er blieb länger auf als für ihn üblich war, verbrachte mehr Zeit bei der Arbeit. Und trank wieder vermehrt, in der Hoffnung, seinen Träumen davon zu laufen.

Nein. Er würde die Sache aussitzen und erst in einigen Tagen aufklären. Wenn die Gerüchteküche ordentlich gebrodelt hätte und er noch einmal Aufmerksamkeit erregen könnte, wenn er „sein Schweigen brach“.

So wie er jetzt war, mit seinen Eindrücken frisch im Gedächtnis, mit seinen Gedanken derart in Unordnung…würde er alles nur noch schlimmer machen. Würde absurde Vorwürfe an ihn bekräftigen und ihnen Nahrung geben.

Ein Vorhaben, das unter einem schlechten Stern stand, jetzt wo Markus sich weigerte, sein Spiel weiter mitzuspielen und ihm die Presse und die Direktion vom Hals zu halten.

Noch am selben Abend rief ihn einer der Redakteure des Schmierblattes an, dem er das Foto zum Vorabdruck zugespielt und ein exklusives Interview versprochen hatte. Das Telefon riss Wagner erneut aus seiner Arbeit, zwang ihn zu einer Rückkehr in die Wirklichkeit seiner Wohnung.

Es war spät geworden, weit nach Sonnenuntergang mittlerweile.

Wagner warf dem unschuldigen Display einen zornigen Blick zu. Als könne das Gerät etwas dafür, wer es anwählte. Der Alte war ihm doch nützlicher, als er angenommen hatte, wenn er ihm solche Störungen vom Hals hielt.

Nur für einen kurzen Augenblick überlegte er, ob er das Telefonat annehmen sollte. Dann besann er sich und schüttelte den Kopf. Er stand auf, streckte sich nach einigen Stunden in der gleichen, ungesunden Haltung.

Der Anrufbeantworter schaltete sich erneut auf laut, er hörte eine fremde Stimme.

„Guten Abend Herr Wagner, bitte entschuldigen Sie die späte Störung. Dieter Kaiman hier, Redakteur der Wort. Sie hatten sich vor einigen Tagen bei uns gemeldet, wir konnten Sie leider nicht erreichen. Ihr Agent, Herr Mühsam?, hat uns Ihre Nummer gegeben, sagte wir sollten es gegen Abend bei Ihnen versuchen, Sie seien sehr beschäftigt.“

Wagner grinste schief. Humor immerhin hatte Markus auch in so einer Situation. Oder einfach nur eine gewisse Gehässigkeit. Er ließ das Telefon an seinem Platz auf dem Glastisch liegen, wo er es in der ganzen Wohnung hören konnte. Vor dem Fenster war es finster, bis auf eine Reihe Straßenlaternen, die ein halborangenes Licht verströmten. Das Fensterglas war kühl auf seiner Stirn. Er schloß die Augen, gönnte ihnen einen Augenblick der Ruhe.

„Wir sind sehr interessiert an der Geschichte, die Sie uns in Aussicht gestellt haben, Herr Wagner“, fuhr das Telefon in seinem Rücken fort. „Unsere Teaserstory ist eine der meistgelesensten diese Woche und hat nationale Aufmerksamkeit erlangt. Selbst einige französische und britische Zeitungen haben mit der Bitte um Weiterverwendung mit uns Kontakt aufgenommen. Uns schwebt etwas wie ein exklusives Interview mit Ihnen vor, vielleicht eine Art Homestory. Wenn Sie nebenher Ihre eigenen Bilder promoten möchten, wäre das für uns in Ordnung.

Melden Sie sich einfach bei uns, sobald Sie das hier hören. Meine private Nummer, unter der ich jederzeit erreichbar bin, ist die 0152…“

Ein oder zwei Tage, sagte Wagner sich. Die Kettenhunde von den Medien würden ungeduldig werden, selbst nach einer Story suchen, wenn sie keine bekamen. Sie würden alte Gerüchte über das Guignol aufwärmen und sie ein wenig ausschmücken, bis er ihnen seine eigene vorsetzen würde. Dann würden Sie die verbreiten und sich das Guignol vornehmen – oder jedenfalls seinen Namen ein paar Mal auf dem Titelblatt abbilden.

Ein Signalton erklang.

Wagner entspannte sich. Ein Lächeln zog über sein Gesicht. Er würde berühmt werden – erneut ohne wirklich eines seiner Bilder herumzeigen zu müssen.

Dann erstarrte er.

Der Journalist hatte nicht aufgelegt. Er sprach weiter, als würde er nicht an der Mailbox hängen. Und zu Johanns unendlicher Verwunderung antwortete ihm jemand.

„Jaja, sie müssen mir das nachsehen“, sagte eine fremde Stimme. „Die Presse rennt mir die Tür ein. Sehr gefragter Mann in letzter Zeit bei euch Aasgeiern.“

Der Journalist lachte nervös über diesen schlechten Scherz.

„Ah. Herr Wagner, nehme ich an? Wie schön. Haben Sie den Anfang gehört…?“

„Klar, wer sonst? Hat der Fettsack Ihnen noch eine andere Privatnummer seiner Klienten gegeben? Die seiner Frau vielleicht? Klar hab ich den Anfang gehört. Hören Sie: Die Story ist gestorben. Sagen Sie das auch den Franzacken, ja? Sie sind echt herrlich auf die Fälschung reingefallen. Haha. Haben Sie den Scheiß wirklich geglaubt? Bilderbergertreffen mitten in Berlin? Die Reichen und Schönen, die sich an Menschenopfern aufgeilen. Himmel, das war schon ‘99 ein alter Hut. Aber Danke, dass sie es trotzdem abgedruckt haben, war ein echter Lacher für uns.“

Der echte Johann Wagner, der am Fenster gestanden und mit geöffneten Augen hinaus auf die Straße gestarrt hatte, wirbelte herum.

Irgendjemand erlaubte sich einen schlechten Scherz mit ihm, wollte ihn sabotieren.

Er griff nach dem Telefon, presste es sich ans Ohr. Unruhig ging Wagner auf und ab, redete hektisch auf das Gerät ein.

„Herr Kaiman? Herr Kaiman, bitte verzeihen Sie, ein schlechter Scherz von jemandem. Ich weiß nicht, wem. Ich versichere Ihnen, die Story ist nicht gestorben. Sie wollen ein Interview, nicht? Wann passt es Ihnen, morgen direkt? Ich lade Sie ein, was halten Sie davon? 11 Uhr im…“

„Noch nie in meinem Leben bin ich so behandelt worden!“, schrie es Wagner von der anderen Seite her entgegen.

Es tutete. Der Journalist hatte aufgelegt.

Wagner blieb entgeistert vor dem Fenster stehen.

„Tut mir Leid, Johnny, er hat dich nicht gehört“, tönte es blechern aus seinem Handy. „Ich fürchte die ganze Sache liegt nicht mehr in deiner Hand.“

Wagner starrte entgeistert in die Dunkelheit, suchte nach einem Mann mit Telefon oder nach einem auffälligen weißen Van. Jemand…irgendjemand musste sich einen schlechten Scherz mit ihm erlauben. Musste sein Telefon angezapft haben oder gehackt haben und ihn jetzt…Das war es. Ein Trick. Er musste die Ruhe bewahren, vernünftig bleiben. Sein Mobiltelefon war gehackt worden oder seine Leitung angezapft. Weiter schwer konnte das nicht sein. Die Leute aus dem Guignol mussten jemanden angeheuert haben…

Im Glas des Fensters grinste ihm sein Spiegelbild entgegen.

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