Grotesk – Teil II: Verfressen

„Doktor“ Mühsam war ein Mann von erstaunlichem Appetit und Umfang. Nichts, was er je tat, wäre in irgendeiner Art und Weise klein zu nennen. Weder bei seinen Plänen, noch bei einem einfachen Mittagessen kannte er so etwas wie Mäßigung.

Obwohl er dabei oft mit Klienten sprach und Geschäfte abschloss, verbrachte er exorbitant viel Zeit bei Tisch.

Nach den obligatorischen Vorspeisen – heute Ochsenschwanzsuppe und einem Salat – folgte ein reichhaltiger und fettiger Hauptgang. Für gewöhnlich ein gutes Pfund Steak mit Bratkartoffeln, Rippchen oder Eisbein, herunter gespült mit einer guten Quart Wein. Dessert gab es nur an schlechten Tagen, was er an allen anderen mit einem doppelten Whisky auszugleichen pflegte.

Heute war ein solcher schlechter Tag. Mühsam rauchte mehr als gewöhnlich und kaute mit hörbarem Ärger.

Johann Wagner störte sich nicht daran. Es war Mühsam, der die Rechnung beglich. Die ersten Male hatte ihn diese Gewohnheit seines Agenten beinahe verstört, die Monate der regelmäßigen Geschäftsessen hatten ihn aber daran gewöhnt. Auch wenn ihm immer noch für einige Tage danach der Appetit schwand.

Er schwieg in seine Zeitung vertieft. Ihm war nicht nach Reden zu Mute, er glaubte den größten Teil seiner Sache bereits gesagt zu haben und wartete nur darauf, dass Mühsam sein Essen beendete. Und sich ein wenig beruhigte.

Die „WORT“ eine Zeitung zu nennen war dabei eine Beleidigung. Die „WORT“ war, wenn man ihren Lesern glaubte, so viel mehr: Ein Einblick in die echte Welt, die ungeschönte Wahrheit, die die Lügenpresse nie erwähnen würde.

Glaubte man jedem anderen, so war sie ein Schmierblatt der übelsten Sorte, das vor privaten Schmutzkampagnen genau so wenig wie vor politischer Agitation zurück schreckte.

Wagner scherte sich wenig darum. Das Blatt bewahrte ihn davor, sich gegen Mühsam stellen zu müssen, der eindeutig an einer langen und wütenden Erklärung arbeitet.

Das – und er wollte ein besseres Gefühl für das Schmierblatt entwickeln. Er wusste, dass er früher oder später eine gewisse Öffentlichkeit brauchen würde. Als Fotograf und Künstler, wenn nicht als Mensch. Und er hatte eine gewisse Schwäche für die unsinnige Skandalträchtigkeit.

Tatsächlich war genau diese Idee von ihm der Grund dafür, dass sein Agent ihn grimmig anstarrte, als Johann den Fehler machte über den Rand der „WORT“ hinweg zu sehen.

Seinen Blickkontakt nahm Mühsam zum Anlass, loszulegen.

„Schlechte Idee, Johnny“, sagte er zwischen zwei Bissen. „Gefällt mir nicht.“

„Welchen Sinn soll es dann haben, bei einer exklusiven Veranstaltung der Reichen und Eingebildeten dabei zu sein, wenn niemand davon weiß? Gar keinen. Dann wird es sein, als wäre ich niemals da gewesen.“

„Ich weiß es“, konterte Mühsam. „Und deine nächsten Kunden werden es wissen. Sie werden auch wissen, wenn du deine Verabredung brichst.“

„Es ist ein Foto, Markus, um Himmels Willen. Ein verschwommenes, verwackeltes Foto, auf dem nichts zu sehen ist.“

Nicht einmal das Fräulein Isabelle, dachte Wagner und warf die Zeitung frustriert auf den Tisch. Tatsächlich war sie auf keinem einzigen der mehreren Hundert Bilder gewesen, die er in jener Nacht geschossen hatte. Entweder er hatte irgendetwas verwackelt, hatte ihren Platz am Rand der Bühne vom Bild geschnitten, oder sdas ganze Bild war verwischt, unscharf.

Als ob sich die Kamera schlicht geweigert hätte, ein Bild von ihr zu machen.

„Darum geht es nicht.“

Mühsam stoppte sein Essen für einen Augenblick. Er sah ernst aus, den Blick auf Wagner gerichtet, als hätte er das Verbrechen begangen.

„Du hast eine Verabredung mit diesen Leuten gehabt“, sagte Mühsam. „Eine, für die ich lange gearbeitet habe. Brich Sie und die werden dir nie wieder einen Auftrag geben.“

„Soll mir Recht sein.“

„Was zum Henker soll das jetzt wieder?“

„Das soll, dass es mir egal ist, ob ich wieder in diesen Laden gehe.“

Mühsam sah ihn an, als ob er den Verstand verloren hatte. Wagner konnte es ihm kaum verdenken. Für Tage hatte er von nichts anderem geredet als von den Möglichkeiten. Von seinem goldenen Ticket in die hohe Welt der Kunst.

Heute war ihm schlecht, wenn er daran dachte.

Wagner griff nach der halb leeren Schachtel, die auf Mühsams Seite des Tisches lag. Er zündete eine davon an, lehnte sich zurück.

„Schon einmal drin gewesen?“, fragte er, als er Mühsams Blick bemerkte. „Im Guignol, meine ich.“

„Kenne einige, die mal drin waren. Seltsamer Klub, hab ich gehört. Klang mehr nach einem Irrenhaus als einem Theater.

„Aber du selbst warst nicht dort?“

„Nein, Johann. Nein, ich bin nicht schlank und schön und reich genug, um da rein zu kommen, danke, dass du es erwähnst.“

„Hm“, machte Wagner und rauchte weiter.

Mühsam unterbrach sein Essen. Besteck klirrte auf dem Teller. Er zündete sich ebensfalls eine Zigarette an. Die fünfte für den Mittag, wenn Wagner sich nicht verzählt hatte.

„Wieso fragst du?“

Wagner zuckte mit den Schultern.

„Ist schwer zu erklären. Weißt du…jemand hat an diesem Abend gesagt, dass die Gerüchte und das Hörensagen darüber nicht wirklich an das herankommen, was dort geschieht. Ich meine…Du weißt das genau so gut wie ich, vielleicht besser. Die Gerüchte über die geheimen Logen, über die…animalischen Geräusche daraus. Die Gerüchte über die abartigen Dinge, die dort vor sich gehen. Die illegalen Sachen. Dass die Schauspieler oft genug sterben bei den Aufführungen.“

Seine Kiefer mahlten angestrengt. Als ob die Worte nicht aus seinem Mund wollten. Als ob sich etwas in ihm weigerte, es auszusprechen. Wagner drückte seine Zigarette aus, schüttelte den Kopf.

„Das mit eigenen Augen zu sehen und zu fotografieren ist tatsächlich schlimmer. Ich lege keinen Wert auf die Fortführung dieser Geschäfte, Markus.“

Schweigen.

Eine ganze Zeit lang nichts als Schweigen. Mühsam rauchte seine Zigarette ungewöhnlich langsam. Wagner mied seinen Blick. Er hatte sich zur Seite gedreht, die Beine übergeschlagen, und sah sich im Kaffeehaus um.

Es war nicht sonderlich gefüllt und ohnehin mehr eine Art…Geheimtipp. Ein herunter gekommenes Etablissement mit verschlissener Einrichtung. Gelbe, nikotinschwere Vorhänge vor zugigen Fenstern; durchgesessene ehemals blaue Polster vor weißen Marmortischen. Es war modisch, irgendwie, hatte einen gewissen Flair, den Wagner sehr mochte. Wie eine abgerissene Künstlerbar.

Er hatte keine Angst, hier Bekannten zu begegnen oder gar Leuten aus dem Guignol. Trotzdem fühlte er sich unwohl dabei, diese Dinge hier zu bereden. Schmutzig. Als ob er die Geschehnisse jener Nacht damit in den Tag zerren würde, wohin sie jedenfalls nicht gehörten.

„Was hast du gesehen?“, fragte Mühsam schließlich.

„Was auf dem Bild ist“, sagte Wagner tonlos.

„Das habe ich nicht gesehen.“

„Wirst du, sobald die Zeitung es bekommt.“

Mühsam schnaubte. Sein Tonfall verriet, wie wenig er immer noch von dieser Idee hielt.

Er schob den Teller von sich. Offenbar war ihm der Appetit vergangen.

Wagner hatte sich die Einwände durch den Kopf gehen lassen. Alles, was Markus ihm gesagt hatte, hatte er sich selbst in den letzten paar Tagen schon selbst vorgesagt. Es war ein Bruch seines Wortes, es würde seinen Ruf schädigen, es würde garantieren, dass er nie wieder vom Guignol angeheuert würde. Vielleicht würde es ihn andere Jobs kosten und einige Käufer seiner Bilder verschrecken.

Dennoch hatte er heute Morgen eine Mail an die Redaktion der „WORT“ gesendet. Mit einer kleinen Vorschau und der Bitte um baldigen Rückruf, um mögliche – natürlich exklusive – Bildrechte zu besprechen.

Es waren harmlose Bilder, alles in allem. Er hatte die in Auftrag gegebenen Portraits für sich behalten, genau wie alle anderen, auf denen irgendjemandes Gesicht zu erkennen war. Den Auftrag des Guignols würde er noch beenden. Was er als Appetitanreger an die Presse gesendet hatte, war…belanglos, eigentlich. Eine gut gesetzte, aber leblose Aufnahme der letzten Momente aus dem Leben von Georg Schneider.

Der alte Mann auf dem Altar, umringt von Geistern in Leinengewändern. Um ihn her die Kerzen und die Blumen, die die Aufnahme überwucherten.

Das eigentliche Bild war wertlos: Nur das übergroße Gemälde war scharf gewesen, als ob der Engel, der die Teufel und den Altar unter sich in die Hölle trat, der eigentliche Mittelpunkt der Szenerie gewesen wäre. Aber ihm haftete eine gewisse Atmosphäre an. Es transportierte ein Stück des Unwohlseins, das Wagner beim Gedanken an das Guignol empfand.

Es würde ein hübsches, kleines Skandälchen lostreten. Es würde das Guignol erneut in die Presse bringen als einen dekadenten Ort der Sünde, der wieder einmal zu weit ging in seinem Anliegen – und mit ihm auch Wagner.

Die Idee war gut, egal was Mühsam sagte. Der war ein Segen für Wagner, keine Frage. Er war der beste Agent, den er sich wünschen konnte – ein Mann mit Kontakten und einem gewissen hinterhältigen Gespür. Aber er war alt und kam mit der heutigen Zeit nicht zurecht. Vor allem nicht damit, wie wichtig es war, im Gespräch zu bleiben

„Was hast du gesehen?“

Mühsams neuerliche Frage riss ihn aus seinen Gedanken. Wagner schüttelte den Kopf, vermied seinen Blick.

„Du wirst es sehen“, sagte er. Sein Mund verzog sich beim Gedanken daran. Als hätte er auf etwas Bitteres gebissen. „Du wirst es sehen, wenn es an der Öffentlichkeit ist. Keine Angst, es wird nichts…nichts ernstes sein. Nur der Beweis. Ich denke am Ende wird es ihnen vielleicht noch gefallen.“

Er lachte, tonlos, und warf sich das Haar zurück.

„Man wird darüber reden, ohne viel unternehmen zu können. Bei solchen Dingen unternimmt niemals jemand etwas. Die werden verurteilt und unter den Tisch gekehrt. Irgendjemand tritt zurück und dann, ein paar Monate später, ist er wieder da. Und ich kann kaum zurück treten von einem Job, der dann schon fertig ist, oder?

Mach dir keine Sorgen, Markus. Es wird nicht auf dich zurückfallen. Es sind Kleinigkeiten, harmlose Kleinigkeiten, über die man reden wird. Die einem schlecht werden lassen und auf so eine perverse Art doch irgendwie erlauben sich besser zu fühlen als Gesindel, das solche Dinge nötig hat. Die bürgerliche Presse wird schimpfen, wie sie es immer tut. Ich werde einige Interviews geben, um mich schadlos zu halten an der ganzen Sache…und dann wird es vorbei sein.“

Mühsam ließ seine Zigarette sinken.

„Meine Güte, Johann. Du bist ganz bleich, was ist mit dir? Geht es dir gut? Was hast du gesehen, dass du…“

„Ich weiß es nicht“, sagte Wagner nur. Er drückte eine weitere Zigarette aus, holte seinen Geldbeutel hervor und warf einige Scheine auf den Tisch. Ihm war die Lust vergangen, Markus zu unterhalten.

„Ich weiß nicht, was ich gesehen habe. Ich weiß ja nicht einmal, was ich nicht gesehen habe. Ob es diese Frau wirklich gab, die auf keinem einzigen meiner Bilder zu sehen ist. Ob es den Mann, den wir wie Geier umkreist haben, wirklich gab in dieser Kirche, unter diesem verdammten Bild. Wenn du dort gewesen wärst, Markus…“

Wagner erhob sich abrupt, ohne seinen Satz zu einem Ende zu bringen. Er hatte Mühsams Blick gesehen. Dass er nicht verstand. Nicht verstehen würde, egal, was Wagner ihm sagte. Markus war ein Relikt, ein Mann der alten Schule für den das Wort alles galt, auch wenn er es gegeben hatte ohne alle Einzelheiten zu kennen. Selbst wenn er herein gelegt worden war würde sein Wort alles gelten.

Nicht für ihn. Für ihn galt, was die Welt von ihm wusste. Und sie würde von ihm wissen, dass er im Guignol gewesen war.

„Tut mir Leid, Markus. Ich muss das tun. Du wirst es verstehen, wenn du gesehen hast, was ich gesehen habe. Wenn du selbst einen Blick hinein geworfen hast ins Guignol und dir nicht nur von mir davon erzählen lassen musst.“

Ohne auf ein weiteres Wort seines Agenten zu warten, griff Wagner sich seine Jacke und ging.

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