Grotesk – Teil I: Abgeblitzt

Niemand konnte guten Gewissens die Wörter „Kunst“, „Schönheit“ oder auch nur Anstand mit dem in Verbindung bringen, was am Abend des siebzehnten August in einer alten Kirche am Landwehrkanal geschah.

Die gesamte Einrichtung war mehr ein Mahnmal gegen alles, was in anständiger Gesellschaft als Kunst galt. Sie war gefüllt mit Personen, die einer Art Gottesdienst beiwohnen würden, der alles bisher da gewesene in den Schatten stellen würde. Nichts so naives wie eine Predigt oder ein unschuldiges Gebet. Derlei war seit gut und gerne vierzig Jahren nicht mehr in dem alten Backsteingebäude erklungen. Hier huldigte man einem anderen Götzen und sein Name war Eitelkeit.

Das „Grotesque Guignol“ war widerwärtig in jedem Sinne.

Und Johann Wagner liebte jeden einzelnen Augenblick, den er dort verbrachte.

Er hatte oft genug Gerüchte gehört, was in diesem sogenannten „Schauspielhaus“ vor sich ging. In der ganzen Stadt wusste man von den Lauten, die bisweilen über den Hof drangen.Von den Logen in der Galerie über der Bühne, über dem entweihten Altar, und von den Maskierten und Unbekannten, die sich dort herum trieben.

Man wusste, dass ein Stück selten mehr als einmal aufgeführt wurde, weil selbst die liberalste Staatsgewalt sie wieder und wieder verbot. Man wusste von den Verhören. Von den Durchsuchungen, bei denen nie irgendetwas gefunden wurde, abgesehen von einer offenen Verachtung für allen Anstand in der Gesellschaft.

Trotz alledem wusste kaum jemand wirklich, wie widerwärtig das Guignol hinter seiner berüchtigten Fassade war. Selbst Johann Wagner hatte einige Zeit später erfahren, was für eine Schlangengrube dort zusammenkam.

Am Abend des siebzehnten August selbst war er noch geblendet davon. Er hatte lange und hart um eine Einladung gekämpft – denn nur so kam man hinein: Mit einer persönlichen Einladung der Direktion oder einer gehörigen Menge einflußreicher Bekanntschaft.

Wagner besaß nichts davon. Er besaß lediglich eine Kamera und einen gewissen Ruf in gewissen Kreisen als ein Fotograf der Exklusivität. Seine Kunst – und das waren seine Bilder, entgegen aller Verleumdung durch die bürgerliche Presse – war eine einmalige Angelegenheit, die hinter verschlossenen Türen stattfand. Die breite Öffentlichkeit hatte von ihm nur durch exzentrische Interviews Kenntnis, konnte sich von ihm nur ein Bild machen durch die verschwommenen Ausschnitte und Mosaik-Bilder, die er selbst anonym in den Medien verteilte.

Er war, worüber viele redeten, ohne wirklich etwas davon zu wissen.

Und das hatte ihm immerhin ein Engagement im Guignol eingebracht. Er war in die Halle des Guignol eingelassen worden, vom Direktor persönlich, und über seine Aufgabe in Kenntnis gesetzt.

Was an diesem besonderen Abend aufgeführt werden sollte, wusste er nicht. Aber er sollte die Bilder dazu liefern, sollte einen „einmaligen, vergänglichen Augenblick in Ewigkeit verwandeln“, wie der Direktor ihn hatte wissen lassen.

Viele der Gäste ließen sich bereitwillig von ihm fotografieren, ohne ihm dabei großartige Beachtung zu schenken. Sie genossen die Gelegenheit, einmal Portraits von sich anfertigen zu lassen. Ihre vielseitigen und unerwarteten Kostüme zu präsentieren, sich zur Schau zu stellen und – immerhin für die Zeit einer kurzen Fotoserie – der Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu sein.

Wer keinen Wert auf solche Fotografien legte, verschwand rasch über die Treppen im hinteren Bereich auf der Galerie, wo Wagner der Zutritt verboten war.

Es schien, als kämen die meisten von ihnen aus einer anderen Zeit als er. Aus mehreren anderen Zeiten, um genau zu sein. Zeiten jedenfalls, in denen es noch Könige gab und eine Aristokratie, die mit jeder Bewegung und jedem Blick das Selbstbewusstsein ausstrahlte, etwas besseres sein zu müssen. Der beinahe raubtierhafte Gang eines gewissen „Wolfgang. Einfach nur Wolfgang“ im Punker-Outfit, das arrogante Schweben der Cocktailkleidchen, die adrette Perfektion eines „Fräuleins Melissa“.

Alles zeugte von diesem Drang zur Repräsentation. Von der Notwendigkeit für diese Leute, selbst hier im geheimen Guignol noch ein Bild von sich zu entwerfen. Eines, das gesehen werden wollte.

Wagner…Wagner war mehr ein Spanner mit einer Kamera, als ein Teil dieser Gesellschaft. Und er war nur allzu willig, die Abbilder dieser Leute zu betrachten. Sie waren faszinierend in ihrer Buntheit, ihrer Zusammenhangslosigkeit. Jedes einzelne für sich genommen war sorgfältig entworfen, jede Person eine Kunstfigur, wie man sie selten sah. Aber hier, zusammen im Guignol verband sie für seine Augen nichts weiter, als eben das Guignol selbst.

Das „Schauspielhaus des Makaberen und Grotesken“, wie es sich nannte, war der eigentliche Star des Abends. Jedenfalls soweit es Wagner betraf. Das Guignol war die Galerie, durch die alle Bilder in ihr erst Bedeutung als Kunst erlangten, der Rahmen für alle Wahrnehmung.

Wagner hatte Zeit, sich umzusehen, nachdem das Gros der Gäste eingetroffen war. Er schlich durch das alte Kirchenschiff, das weitgehend in Takt geblieben war, seine Kamera in der Hand und einen Blick immer in die Höhe geworfen.

Die Architektur der Kirche war unangetastet, bis auf einen Holzboden, der die Galerie in ein eigenes Stockwerk verwandelte. Dort befanden sich die Logen für Gäste, die Wert auf eine gewisse Anonymität oder Intimität legten. Dennoch war die Decke sechs oder sieben Meter hoch.

Nur über der „Bühne“ brach die Galerie auf und erlaubte einen Blick auf die Kuppel über ihnen, zwanzig Meter in luftiger Höhe.

Die Bühne selbst…war schlicht der Altarraum der Kirche. Der massive Marmortisch aus dem neunzehnten Jahrhundert, die Kandelaber, die Leuchter, die Figuren an den Wänden und all das war nicht entfernt worden. Eine Reihe von entzündeten Kerzen und eine massive Menge an Blumen war um den Altar herum aufgestellt worden.

Wagner ließ die Kamera sinken. Es gab nichts, was sein Bild hier von einem bloßen Ausschnitt, einer billigen Fotokopie der Realität abgesetzt hätte. Rein äußerlich war die Bühne mit dem Altar einer protestantischen Kirche des vorletzten Jahrhunderts identisch. Sämtliche Stücke, die dort aufgeführt wurden, mussten diesen Fakt in Betracht ziehen und um die Kirchenrelikte herum spielen. Die Schauspieler würden um den Altar herum spielen müssen, unter den Blicken der Heiligen und Gemarterten an den Säulenvorsprüngen.

Selbst das Altarbild hing noch über der Bühne. Ein überlebensgroßes Monumentalbild eines italienischen Malers, ursprünglich für eine vollkommen andere Kirche angefertigt.

Es zeigte einen Engel in der üblichen Rüstung, der sein Schwert siegreich in die Sonne, in den Himmel, reckte. Sein Blick war verächtlich nach unten gerichtet, wo sich unter seinen Sandalen eine Gruppe Dämonen wand. Seine Tritte beförderten die Elenden gerade in den Abgrund, der sich unter ihnen in Rauch und Blut auftat. Über ihre zerschmetterten Grimassen hinweg stieg der Engel in den Himmel auf, während seinen Widersachern Hufe wuchsen, Teufelshörner, gespaltene Zungen und Schuppen sprossen, die sie vielleicht noch mehr als seine Tritte und Hiebe schmerzten.

„Luca Giordano: Ein Erzengel“, sagte eine Stimme in einem recht gelangweilten Tonfall. „Ziemlich aufdringliche Staffage, finden Sie nicht?“

Wagner zuckte aus seinen Beobachtungen auf. Er fand einen Mann neben sich stehen, den er vor kurzem erst portratiert hatte. Er hatte sich nicht mit Namen vorgestellt und nur ein einziges Foto zugelassen, das aber von einer lässigen Perfektion seinerseits zeugte. Er war schlank, in seinem dunklen Samtanzug mit hohem Kragen wirkte er noch schlanker. Seine manikürten Finger lagen auf dem Samt seiner Oberarme, als wären sie Juwelen in der Auslage. Er war jung, jünger als Wagner.

Neid stach Wagner für einen Augenblick ins Herz.

„Ich finde Sie phantastisch“, sagte er. „Ich kann mir gut vorstellen, was hier gespielt wird.“

Der Mann lächelte und schaffte es dabei bevormundend zu wirken. Er schüttelte die blonden Haare, ohne Wagner dabei anzusehen.

„Nein. Nein, das können Sie nicht“, sagte der Mann. „So viel muss ich der Demoiselle lassen: Was sie üblicherweise aufführt, übertrifft meist das Vorstellungsvermögen gewöhnlicher Menschen.“

Wagner wusste nicht recht, ob er sich beleidigt fühlen sollte. Ob der Mann nur zu ihm gekommen war, weil er offensichtlich keiner der üblichen Besucher war und damit ein leichtes Ziel für ihn. Oder ob mehr dahinter steckte. Wollte er sich erkundigen, ob sein Foto gut geworden war? Bestätigung für sein Aussehen, sein entworfenes Selbstbild haben?

Bevor Wagner etwas antworten konnte, sprach der Mann das offensichtliche aus.

„Sie sind nicht oft hier.“

„Ja. Mein erstes Mal hier. Eigentlich nur als Fotograf, nicht als Gast. Wagner, mein Name. Johann Wagner. Stehe den ganzen Abend zu Ihrer Verfügung, Herr….“

Er kramte in seiner Tasche nach einer Visitenkarte, hielt sie dem Mann hin. Der runzelte die Stirn, weiterhin ohne Wagner anzusehen. Dann senkte sich sein Blick auf die Visitenkarte, die er nicht berührte. Ein anderer Mann, der von Wagner unbemerkt hinter dem Anzugträger gestanden hatte, nahm sie entgegen.

„Thomas von Blankenfeld“, sagte der Mann im Anzug schließlich, ohne die Karte berührt oder den anderen Mann vorgestellt zu haben. „Sie sollten nicht so fokusiert auf ihre Arbeit sein, Herr Wagner. Genießen Sie lieber Ihren flüchtigen Augenblick im Guignol. Genießen Sie, dass er flüchtig ist, meine ich.“

Das Lächeln des jungen Mannes wurde verspielter. Endlich warf er aus den Augenwinkeln einen Blick zu Wagner hinüber.

Der runzelte die Stirn. Als er dem Blick von Blankenfelds begegnen wollte, hatte dieser seine Aufmerksamkeit schon wieder auf die Bühne gerichtet.

„Wissen Sie, was hier heute Abend gespielt werden soll?“, fragte er.

„Nein“, gab Wagner irritiert zu. Die Visitenkarte verschwand wieder in seiner Tasche. „Aber witzig, dass sie es erwähnen. Es soll um Vergänglichkeit gehen, denke ich. Ich darf diese Vergänglichkeit festhalten und in der Ewigkeit eines Bildes einfangen, wie der Herr Direktor so schön gesagt hat.“

„Sie…und ihre Kamera?“, fragte von Blankenfeld.

Wagner war an der Reihe, wissend zu lächeln. Sein Blick glitt an dem jungen Mann herab, an seinem feinen Anzug, den manikürten Fingern. Dem Bild, das er von sich präsentierte.

„Zu einem gewissen Teil. Hauptsächlich ich. Die Kamera ist ein Werkzeug, aber nicht das einzige. Der Einfall des Lichts in die Szene, der Winkel der Abbildung…Der Blick des Fotografen ist das entscheidende. Die Kamera hält ihn nur fest. Alles weitere kommt dann in der Nachbearbeitung. Einfärbungen, Retouche, und dergleichen mehr. Ganz unter uns: Bilder werden heutzutage nicht mehr fotografiert, sie werden am Computer gemacht. Es ist künstlich, selbst wenn das Objekt real ist. Aber sie werden das wissen.“

Wagner sah, wie die Augenlider von Blankenfelds zuckten. Wie seine Augen zu Wagner hinüber huschten. Blaue, stechende Dolche.

„Was meinen Sie?“, fragte Thomas. Seine Stimme war höflich, aber kühl, Wagners Andeutung auf fruchtbaren Boden gefallen.

„Oh“, sagte Wagner. „Das Guignol. Sie wissen, dass solche Bilder gemacht werden. Von der Presse und Ihren Gerüchten. Das Guignol ist, was es ist, wegen all der Geschichten, die darüber verbreitet werden. Die Vorstellungen selbst sind nur der kleinste Teil davon, denke ich. Der Kontext, der Medienrummel drum herum, der macht es erst zu diesem grotesken Tempel.“

Von Blankenfeld lächelte. Wieder dieses bevormundende Lächeln, das nur umso schlimmer war,weil er um einiges jünger schien als Wagner.

„Glauben Sie mir, Johann – diese Gerüchte sind eine schwache Annäherung an das, was die Demoiselle Ombrage hier geschaffen hat.“

„Verzeihung, ich…Bin mit dieser Dame nicht bekannt. Sie meinen den Herrn Direktor?“

„Natürlich. Der Herr Direktor.“

Ein Schaben von verzogenem Eichenholz auf dem Fußboden unterbrach Wagner in seiner Antwort. Er drehte sich langsam um. Die Flügel des Eingangsportales schwangen auf und ließen Geister hinein.

Die Gäste des Abends, die sich in kleinen Grüppchen zusammengestellt hatten, unterbrachen ihre Gespräche. Alle Augen richteten sich auf den Eingang, durch den eine Gruppe Menschen trat, die weiße Kutten trugen.

Leinengewänder, lang und weiß und edel, die ihnen bis auf die nackten Füße fielen. Mit Kapuzen, die sie so tief ins Gesicht gezogen hatten, dass ihre Gesichter nicht erkennbar waren. Sie waren Geister, die lautlos und gleichgültig in die Ausstellung schwebten. Die Gestalt, die die Eichentüren geöffnet hatte, schlug eine Glocke. Ihr tiefer Klang war das einzige Geräusch, das sie von sich gaben. Sie war tief und schwer, ein Geräusch, das Wagner bis ins Mark ging. Er kannte das Geräusch nicht, wusste aber sofort, was es damit auf sich hatte.

Es war eine Grabesglocke.

Die Gäste näherten sich neugierig dem Mittelschiff. Obwohl sie auf einen weiten Abstand zueinander achteten, zogen sie sich vor dem Altar zusammen. Sie beobachteten die Prozession, die sich langsam einen Weg durch die Kirche bahnte, hin zur Bühne. Zum Altar der Kirche.

Erst als die Gruppe näher heran war, sah Wagner, dass sie etwas mit sich trugen. Eine Bahre aus einfachem Holz, die mit dickem Stoff überzogen war.

Darauf ein Körper. Ein Mann, der unendlich hager war. Und reglos.

Er sah elend aus. Seine Sehnen und Knochen traten unter der Pergamenthaut hervor. Sein Schädel war lang und kahl und die Haare, die daraus hervor wuchsen, waren zerrissene, graue Strähnen.

Als die Bahre an Wagner vorbei getragen worde, konnte er einen Blick aus nächster Nähe in sein Gesicht werfen. Seine Augen waren gelblich, eingefallen. Wirkten nur um so kränklicher, als sie von Tränensäcken umgeben waren. Schwarz waren sie, als wären Adern in ihnen geplatzt und das Blut geronnen. Seine Augen starrten blicklos in den Raum, von einem feinen, weißen Film überzogen.

Dann war die Prozession an ihm vorüber und erklomm den erhöhten Altar mit gesetzten Schritten. Das elendige, durchdringende Geräusch der Glocke erstarb, als sie den Körper auf dem Altar ablegten.

Reglosigkeit ergriff von der Szene Besitz.

„Ist er…ist er…?“, fragte Wagner atemlos. Er wagte es nicht, den Blick vom Altar abzuwenden. Thomas von Blankenfeld ignorierte ihn. Er starrte nach vorn, gebannt wie Wagner, wie alle anderen in der Kirche.

Für endlose Augenblicke war es still in der Kirche. Nicht einmal der Atem der Anwesenden war zu hören.

Dann setzte das Röcheln ein.

Der Mann auf dem Altar erwachte ein letztes Mal zu einem hustenden, röchelnden Leben. Er warf sich zur Seite, umklammerte den Marmor unter seinem dünnen Leichentuch. Sein Blick ging in die versammelte Gesellschaft, wirr, hektisch, krank. Er hustete, spuckte wie ein zerrosteter Automotor. Wagner beobachte, wie Phlegma auf die Fliesen fiel.

Seine Stimme rasselte auf, ein verzweifeltes Greifen nach seinen letzten Atemzügen. Aus beinahe blinden Augen sah er durch den Dunstkreis der zahllosen Kerzen und Blumen hinweg in die Menge.

„Wer…wer sind Sie?“, röchelte der Mann.

Sein Kopf ruckte herum, von den Geistern um ihn her zu der Menge vor dem Altar. Zu der versprengten Versammlung von vielleicht zwei oder drei Dutzend Personen, die sich in einigem Abstand zueinander hielten.

Die ihn mit einer Mischung aus Neugier und Verachtung ansahen.

„Ich denke er ist unsere Abendunterhaltung“, hörte er Thomas von Blankenfeld seine eigenen Gedanken aussprechen. Gedanken, denen er sich nicht stellen wollte.

Er war nicht hier, um einzugreifen. Er war ein Beobachter und als solcher wurde er bezahlt. Um zu beobachten. Festzuhalten. Er könnte eingreifen, oder nicht? Er konnte aufschreien, wie grausam es wäre, diesen Mann dort…Wie pervers, sich davon unterhalten zu lassen.

Erneut flüsterte Thomas ihm ins Ohr.

„Deutlich pittoresker als zuvor, finden Sie nicht? Ein Anblick für die Ewigkeit. Eine kurze zumindest.“

Wagner wurde schlecht bei diesen Worten. Als hätte die Erkenntnis ihm einen Schlag in die Magengrube versetzt.

Eine einzigartige Vergänglichkeit in ewigen Bildern festhalten, das war seine Aufgabe für heute Abend.

Dem kurzen Moment des Sterbens Ewigkeit verleihen.

Seine Finger erstarrten auf dem Auslöser seiner Kamera, die er vor der Brust umklammert hielt. Er konnte nicht. Er konnte unmöglich. Das hier war zu real, zu greifbar, um in ein Bild verwandelt zu werden, um von ihm umgestaltet zu werden. Dazu war er zu überwältigt, zu ohnmächtig vor dem riesigen Gemälde des Engels und dem Sterbenden.

Erst das Auftreten einer Frau riss ihn aus seiner Lähmung. Sie hatte die Bühne von der Seite betreten, in sicherem Abstand zu den Geistern am Altar, zu den Kerzenflammen um sie herum.

Wagner hatte sie unter den Gästen gesehen, während er fotografiert hatte. Sie hatte es abgelehnt, von ihm und seiner Kamera abgebildet zu werden. Er hatte ihr keinen weiteren Gedanken geschenkt.

Dabei war sie durchaus schön und aufregend. Ein dunkles Abendkleid, mit vielen Rüschen und Verzierungen. Gestickte Muster über einem Hauch von Dunkelheit. Der Silberschmuck an ihren Ohren und in ihrem ansonsten rabenschwarzen Haar ließ sie anderweltlich wirken.

Es hatte nur das gewisse Etwas gefehlt. Das Etwas, das seine Aufmerksamkeit ganz für sich beanspruchte. Eine Szene, ein Bild gewissermaßen, zu dem er sich hingezogen fühlte.

Das bot sie ihm erst jetzt.

Sie, die Hände keusch vor der Brust gefaltet, einen Rosenkranz aus Silber umfassend, mit einem ernsten Blick. Eine Hand deutete auf den Altar mit dem Sterbenden darauf. Den Altar um den her eine Schar von Geistern geduldig wartete. Den Altar, über dem jener grauenhafte Engel die Teufel in die Hölle trat.

Wagner fand seine Finger am Auslöser seiner Kamera, noch bevor er vollends begriff, was geschah. Wie von selbst fotografierte er die Szenerie, erlag ihrem Ruf, alle moralischen Einwände hinfort gewischt.

„Willkommen im Grotesque Guignol“, sagte die Frau und wechselte anstrengungslos zwischen makellosem Deutsch und der französischen Aussprache einzelner Wörter hin und her.

„Es ist mir seine ganz besondere Ehre, meine verehrten und sehr verehrten Damen und Herren, Sie heute Abend in meinem Etablissement begrüßen zu dürfen.“

„Die Demoiselle Isabelle“, informierte ihn Thomas‘ Flüstern von der Seite. „Die eigentliche Herrin des Hauses.“

Von den einzelnen Flüstereien und dem Geraune im Publikum ungestört, fuhr die schwarze Dame fort.

„Das Exponat“, erklärte sie mit distanziertem Tonfall, ohne einen Blick auf den sich windenden „ist eine Idee des Monsieur Georg Schneider selbst. Als er vor einigen Jahren damit an die Öffentlichkeit trat, war der Widerstand groß. Zu riskant, zu extraordinaire für die bürgerlich-spießige Kunstwelt war seine Idee.

Das Guignol ist stolz darauf, ein Zufluchtsort für experimentelle Kunst zu sein, für alles gewagte und außergewöhnliche, und wir haben ihm mit großer Freude zugesichert, ihm diesen Wunsch zu erfüllen. Herr Schneider ist der Künstler, sein Kunstwerk…der eigene Tod.

Lassen Sie mich daher nicht viele weitere Worte verlieren. Zeit ist kostbar heute Nacht und aller Rest davon gehört ganz ihnen, Monsieur Schneider.“

Sie faltete erneut die Hände vor der Brust, ergriff ihr Kreuz in einer hämischen Verächtlichmachung von Demut, und wandte sich dem Sterbenden zu.

Georg Schneider, der Mann auf dem Altar, schien nicht zu wissen, wo er sich befand. Offenbar hatte er sich vor einiger Zeit bereits ans Delirium verloren und rang nicht länger nur mit dem Tod, sondern auch mit seinem eigenen Verstand.

Ein Kampf, den er noch in dieser Nacht verlieren sollte.

„Stellen Sie sich nur vor, was für Gerüchte die Presse über diese Wahrheiten in die Welt setzen würde“, hörte er Thomas von Blankenfeld an seinem Ohr flüstern. Eine fremde Hand legte sich auf Wagners Schulter, brachte ihn dazu, den Blick von der Demoiselle zu lösen.

Zum ersten Mal während des Abends blickte Thomas ihm in die Augen. Sie waren blau und klar wie frisch gefallener Schnee.

Und sie waren von einer Kälte, die Wagner diesen Satz in den Geist brannte.

„Stellen Sie sich nur vor, wie berühmt Sie mit einem Mal wären für ihren Mut, die Wahrheit zu teilen.“

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