Grotesk – Teil VI: Abgerissen

Die Polizisten ließen ihn in seine Wohnung, nachdem Wagner ihnen seinen Personalausweis gezeigt hatte. Sein Name stand am Klingelschild.

Alles hatte seine Ordnung.

Sie besaßen sogar den Anstand und die Nachsicht, ihn erst für einige Minuten in Ruhe zu lassen. Ihn durch das Chaos in seiner Wohnung waten zu lassen.

Sie war vollständig zerstört. Irgendjemand – oder irgendetwas – hatte die Einrichtung in kleine Teile zerlegt. In der gesamten Wohnung fand sich keine einzige spiegelnde Fläche mehr. Fernseher, Bildschirme, Spiegel im Bad und im Schlafzimmer, Glasflächen an den Vitrinen, in den Fenstern, die Glastische und gläsernen Bilderrahmen seiner Fotographien, waren zerschlagen worden. In kleine Teile zerlegt, die kaum größer als ein Daumen waren. Selbst die spiegelnde Metallfläche auf dem Kühlschrank war zerbeult und mit Messern zerkratzt worden.

Wer immer es gewesen war, dachte Wagner, hatte die Möbel und andere Gegenstände benutzt. Bücher, Lampen, Gläser, Stühle und Sessel – alles war wild durch einander geworfen oder als Hiebwaffe benutzt worden.

Selbst sein Computer war von seinem Platz am Schreibtisch fortgeschafft – alle Kabel hatte man mit brachialer Gewalt heraus gerissen – und in die Glasvitrinen geschleudert geschleudert worden.

Wagner tastete nach seiner Hosentasche, hinten am Gesäß. In der einen Tasche sein Briefbeutel. In der anderen…eine Sicherheitskopie seiner Arbeit, eine kleine, transportable Festplatte. Er wusste, vermutete wenigstens, was sie gesucht hatten. Wenn es denn nicht nur eine Einbildung gewesen war.

Er hatte seine Fotographien des Abends im Guignol noch, dort wo er sie gestern Abend erst gesichert hatte.

Die Verwüstung ließ ihn unsicher zurück. Er ging hindurch, hob Bruchstücke seiner Möbel auf, schob Glassplitter mit den Schuhen herum, befreite ein Buch aus einem Trümmerhaufen und blätterte sinnlos die Seiten durch.

Erst nach fünf oder zehn Minuten – es war für Wagner schwer zu sagen – näherte sich ihm der Mann, der die Wohnung inspiziert hatte.

„Herr Wagner?“, sagte er, vorsichtig, fast behutsam. „Wir müssen ihre Aussage zu Protokoll nehmen. Ordnungswidrigkeit und so weiter. Lassen Sie uns das jetzt machen, dann können wir Sie in Ruhe lassen.“

Wagner willigte ein, etwas durch den Wind. Er blieb stehen, während der Polizist sich einen der zwei verbliebenen Stühle nahm und an die Küchenzeile heran schob. Er holte Zettel und Stift aus seiner Brusttasche, daneben ein Tonbandgerät.

Wagner starrte es an, als wäre es eine geladene Waffe. Der Mann lächelte entschuldigend.

„Also, Herr Wagner. Wissen Sie, was hier geschehen ist?“

„Ich war das nicht“, murmelte Wagner und blickte auf seine Hände. Er schüttelte den Kopf.

„Ich war das nicht, ich war das nicht. Ich erinnere mich daran, das hier gewesen zu sein.“

Das Tonbandgerät wiederholte seine Aussage, warf sie zurück in den Raum. Seltsam, dachte Wagner für einen Augenblick. Sollte so ein Gerät das tun? Der Polizist störte sich nicht daran. Er notierte Wagners Personalien auf seinem Protokollzettel.

Was das Gerät wiederholte…Es war noch Wagners eigene Stimme, aber anders. Verzerrt und angestrengt, wie von einem Willen, sich von seinen tatsächlichen Worten zu lösen. Als…als ob die Stimme unabhängig werde wollte.

„Ich war das“, schallte es vom Tonband wieder. „Ich erinnere mich daran.“

Wagner starrte das Tonband an. Der Polizist schien es nicht zu bemerken. Er schrieb weiter auf seinem Protokoll herum, notierte Wagners Personalien.

„Sie…sie hören das auch, oder?“, fragte Wagner ihn, starrte das Gerät an. „Dass es…es sagt andere Dinge als ich?“

Der Polizist blickte ihn einen Augenblick verwirrt an.

„Das Gerät ist von der Behörde geprüft und geeicht“, erklärte er, langsam, als ob er es mit einem Idioten oder Verwirrten zu tun hätte.

„Doppelte Absicherung von Protokollen und all das. Wir werden ihre Aussage schriftlich und digital aufnehmen. Sie sprechen auf das Tonbandgerät, ich notierem it. Wir werden den Mitschnitt löschen, wenn er nicht länger benötigt wird. Kümmern Sie sich einfach nicht darum, das Gerät ist gar nicht da. Sprechen Sie mit mir.“

Wagner sah ihn mit zusammengezogenen Augenbrauen an. Er nickte langsam. Der Polizist stellte seine nächste Frage:

„Wo waren sie die letzten Stunden? Etwa seit sechzehn Uhr?“

Seine Stimme wurde von dem Tonband nicht wiederholt, stellte Wagner verwirrt fest. Als Wagner selbst sprach, als er antwortete, spulte das Gerät seine Stimme aber erneut ab. Einen Bruchteil einer Sekunde nach seiner eigenen Stimme. Wie ein Nachbild, als wäre es ein tonaler Abdruck seiner eigenen Stimme. Und wieder veränderte sich dieses Nachbild, noch während er sprach.

„Ich war unterwegs,“ sagte Wagner und sah in seine zerstörte Wohnung. „und habe einen Spaziergang gemacht. Das hilft bei Streß und Anspannung, wissen Sie? Da verlasse ich einfach gern das Haus. Nur, um einmal rauszukommen.“

„Ich war beim Arzt“, hörte er stattdessen die Stimme sagen, „und habe mir eine Überweisung in die Nervenklinik geholt. Schizophrenie, wissen Sie? Werde mich demnächst in das Sanatorium Schlüsselberg einweisen, um das in den Griff zu bekommen.“

Als es ihm dämmerte, erstarrte er.

Was er hörte, das war nicht das Tonbandgerät. Was er hörte, war seine eigene Stimme, wie sie später auf dem Tonbandgerät zu hören sein würde.

Wagner starrte den Polizisten an. Er konnte nichts davon bemerken, da er nur Wagners tatsächliche Stimme hörte, die die in diesem Augenblick aus seiner Kehle kam. Was auf dem Gerät festgehalten wurde, das wäre etwas vollständig anderes.

Klar und eindeutig stand es vor Wagner, was geschehen würde.

In wenigen Stunden oder Tagen, wenn ein Kollege das Protokoll mit dem Tonbandgerät verglich, würde es zu einiger Verwirrung kommen. Man würde die Abweichungen bemerken, sich für einen Augenblick wundern, weshalb das schriftliche Protokoll so dermaßen anders wäre – und dem audiellen Beweis von Wagners Aussage glauben.

Die Technik log schließlich nicht.

Mit jedem Wort, das er sprach, würde er sich mehr und mehr selbst beschuldigen. Mit jedem Wort würde er sich später verrückter anhören. Mit jedem Wort würde er der Stimme in seinem Kopf mehr Macht geben.

Also schwieg er und schüttelte den Kopf, als der Polizist ihn aufforderte, weiterzusprechen.

Er wandte ihm den Rücken zu, suchte mit den Blicken nach irgendetwas in der Wohnung.

War er tatsächlich schizophren, wie seine Stimme es behauptete, und bildete er sich bloß ein diese harmlosen Dinge zu sagen, während er in Wirklichkeit von Einweisung sprach, von seiner angeblichen Gewalttätigkeit?

War er…verrückt?

Der Beamte sah ihn an, als wäre er es.

Der Polizist legte Zettel und Stift beiseite und sah ihn geduldig an.

„Nun, Herr Wagner“, sagte er, vorsichtig und behutsam so als fürchtete er, seine Worte würden Wagner wieder in Rage versetzen. Als würde er glauben, dass Wagner selbst seine gesamte Wohnung in einem Wutanfall zertrümmert habe.

„Ich denke, wir sind für heute soweit fertig…Kommen Sie bitte morgen irgendwann im Präsidium vorbei. Ich verstehe, dass das alles sehr erschütternd für Sie sein muss, aber wir können Ihnen nur helfen, wenn Sie uns lassen. Hier haben Sie meine Karte.“

Wagner nahm die Visiten entgegen, ohne einen Blick darauf zu werfen. Er würde nicht zur Polizei gehen. Er würde einen Scheiß tun. Was wusste er schon, was er sagen würde, was seine Stimme gegen seinem Willen an Lügen und Unwahrheiten verbreiten würde?

Ohne dem Polizisten diese Befürchtungen mitzuteilen, nickte er lediglich, den Mund zu einem dünnen Strich gepresst.

Dann war sie wieder da. Kurz, bevor der Beamte das Tonbandgerät ausschaltete, hörte er sie. Ohne, dass er den Mund geöffnet hatte, war da diese Stimme in seinem Kopf. Seine Stimme, aber ohne, dass er sie dorthin gerufen hatte.

„Hauen Sie ab!“, sagte sie. „Ich brauche Ihre Hilfe nicht. Ich habe nichts getan, weswegen Sie mir meine Zeit und Nerven stehlen müssen. Und wenn dieses Flittchen sie geschickt hat, diese…diese Ombrage, dann sagen Sie ihr, dass ich mich nicht schikanieren lasse. Sagen Sie ihr das, ja? Ich lasse mich nicht schikanieren. Sie wollte es so, Sie hat mich angefleht, dass ich es ihr besorge.“

Wagner starrte den Beamten an, der in aller Seelenruhe seine Geräte einpackte, sich erhob und ihm einen guten Abend wünschte. Als ob er nichts gehört hätte. Als ob nicht gerade eine Stimme, Wagners eigene Stimme…

Es war Blödsinn, es war alles Blödsinn. Er hatte das Fräulein nie berührt, hatte Sie nie wieder gesehen nach diesem einem Abend. Weshalb war das in seinem Kopf? Weshalb hörte er diese Dinge dann, wenn er sie nicht sagte, wenn sie nicht einmal wahr waren? Weshalb…weshalb war er sich so sicher, dass genau diese eine Lüge keine Wahnvorstellung war, sondern auf dem Tonbandgerät auftauchen würde?

Er fühlte, wie es in seinen Ohren rauschte. Wie das Blut in ihm zu kochen begann, wie es erst vor wenigen Stunden der Fall gewesen war. Die Welt wurde kleiner, zog sich zurück von ihm oder er zog sich von ihr zurück, in eine kleine, sichere Blase, die nur aus seinem Kopf bestand.

Alles andere, alles um ihn her – seine zerstörte Wohnung, der Polizist, der sich durch den Schutt kämpfte, die Geräusche von der Straße – stürzte ein.

Er floh, so wie er erst vor wenigen Stunden aus seiner Wohnung geflüchtet war. Er war an den Polizisten vor seinem Eingang vorbei und in den Straßen der Stadt verschwunden, bevor man ihn aufhalten konnte.

Wohin er lief, welchen Weg er ging, selbst dass seine Füße sich bewegten, wusste er nicht. Überhaupt wusste er gar nichts in diesen Momenten, die er wie ein Tier durch die Straßen hastete, bis alle Augenblicke in diesem einen verschwammen und ineinanderliefen.

Es gab nichts weiter für ihn, als seinen Kopf, in dem alles rauschte und durcheinander taumelte. Und diese paar Worte. Diese Worte, die seine eigene Stimme geflüstert hatte, ohne dass er sie dazu angewiesen hatte.

Ich lasse mich nicht schikanieren, dröhnte es in seinem Kopf. Höhnisch, verächtlich, da er selbst es doch war, der schikaniert wurde, dem Lüge um Lüge angehängt wurde, bloß weil er ein Lügner und Aufreißer war.

Wie lange er erneut durch die Straßen taumelte, wusste er nicht. Sein Zeitgefühl hatte sich im Lauf des Tages vollständig aufgelöst, irgendwann zwischen seiner ersten Panikattacke am Nachmittag und der Warterei beim Arzt.

Erst, als er zu laufen aufhörte, kam er wieder zu sich. Ob er von selbst angehalten hatte, ob er noch genug Kontrolle über sich und sein Leben hatte, um den Weg hierher selbst gewählt und verfolgt zu haben, das konnte er nicht sagen.

Aber die Gegend, in der er zu sich kam, kannte er. Sie lag im Zentrum der Stadt, eine dieser alt ehrwürdigen Straßen, die nach dem einen oder anderen König oder einer Königin benannt worden war. Das Gebäude, vor dem er zum Stehen gekommen war, war eines dieser älteren Häuser mit einer klassizistischen Fassade, mit Gesichtern unter den Fenstern. Im dunklen Laternenlicht zogen sie ihre Fratzen und sahen ihn vorwurfsvoll an. Es mochte auch Mitleid sein, das in ihre langen Gesichter gemeißelt stand – im Halbdunkel konnte er das nicht erkennen.

Wagner fand sich vor dem Bureau von Dr. Mühsam wieder.

Vielleicht war Markus schon lange fort, nach Hause gegangen oder zu einem späten Geschäftsessen. Vielleicht aber war es einer dieser Tage, an denen er noch ein wenig länger blieb. An denen er nur ein paar Stunden mehr im Bureau zubrachte, weil er wichtige Telefonate zu führen hatte oder der Gattin aus dem Weg gehen wollte.

Die Tür zum Haus war, wie immer, geöffnet. Auch nach Sonnenuntergang wurde sie selten abgeschlossen. Es gab im ganzen Haus nicht eine einzige Wohnung, nur ein Dutzend oder mehr Bureaus für Anwälte, Medienvertreter, Impresarii, Werbeagenten und anderes Gesindel, das zu jeder erdenklichen Uhrzeit Besucher und zwielichtigere Klienten empfing.

Das Bureau der Agentur Mühsam lag am Ende der großen Treppe im Foyer, entlang einer kleinen Galerie, die über dem Durchgang zu den Hinterhöfen entlang führte.

Auch hier war die Eingangstür offen.

Nun, „Agentur“ war eigentlich schon zu viel gesagt. Es war eine ehemalige Wohnung, die in mehrere kleine Bureaus zerhackt worden war. Eine Sekretärin im ehemaligen Wohnzimmer, eine kleine Küche für die Belegschaft, die sich die vormaligen Raucher- und Schlafzimmer teilten.

Markus hatte das größere Bureau in Beschlag genommen, natürlich das Arbeitszimmer mit Blick in den ruhigen Innenhof. Eine Schande eigentlich, da er es nur zwischen zwei oder fünf Terminen benutzte. Und um Abends seiner Gattin zu entkommen.

Niemand hielt Wagner auf, als er hinein ging. Keine Assistentin wartete an der Rezeption, kein Mitarbeiter schob Überstunden oder aß in der Küche. Keine Polizei, die ihm hier auflauerte oder Markus zu ihm befragen wollte.

Nur eine Stimme flüsterte vom Ende des Ganges her. Aus Markus‘ Bureau.

Wagner fand dort Markus und erstarrte für einen Augenblick. Er telefonierte offenbar, in dieser leisen und gepressten Stimmlage, die einer hat, wenn er ein wichtiges und ernstes Gespräch führt.

Mehr als Fetzen waren trotzdem für Wagner nicht zu verstehen, auch wenn er sich anstrengte und an der nur einen Spalt geöffneten Tür lauschte. Erst war es Höflichkeit gewesen, die ihn am Eintreten gehindert hatte. Sein Freund telefonierte, was sollte er dort einfach zu so später Stunde ungebeten herein platzen?

Dann war es Neugier gewesen, ganz einfach. Neugier darüber, vor wem sich der stattliche und ansonsten sture Markus derartig in den Staub warf.

„Nein, Herr Direktor. Nein, ich bitte Sie. Ich…Ja. Ja, ich verstehe ihre Wut ja, Herr Direktor. Bitte, wenn Sie mich nur…Nein, wir haben nichts davon gewusst. Natürlich haben wir es nicht gewusst, mein Herr. Ich versichere Ihnen, wir hätten sonst nie…“

Markus stand am Fenster, etwas seitlich von dem dünnen Streifen Raum, den Wagner durch den Türspalt sehen konnte. Viel mehr als Markus‘ breiter Arm mit dem Telefon war für ihn nicht erkennbar.

„Nein, es wird natürlich nicht wieder…“, hörte er Markus sagen. „Wir sind untröstlich, Herr Direktor, und ebenso schockiert wie Sie…Natürlich. Ich verstehe. Lassen Sie mich Ihnen…Wie? Personale Konsequenzen, natürlich, natürlich.“

Dann Schweigen für einige Sekunden. Sekunden, in denen Wagner das das Herz bis zum Hals sprang und er fest überzeugt war, dass Markus ihn doch hören musste. Das dieses Schlagen in seiner Brust für ihn genau so dröhnend sein musste, wie für ihn. Dass dieses Rauschen in seinen Ohren auch ihn erfassen müsste bei diesen Worten, dieser Ungerechtigkeit, diesen Verleumdungen.

Markus unterbrach seine aufsteigende Panik mit einem Seufzer.

„Ihnen ebenfalls einen guten Abend, Herr Direktor“, sagte er und legte auf.

Für einen Augenblick schien es, als vergrübe er das massige Gesicht in den Händen. Stille herrschte wieder, bis auf das angestrengte Atmen von Markus. Seine Arme bewegten sich, als führe er mit der einen Hand mehrmals über sein Gesicht. Dann verschwand er vollständig aus dem dünnen Streifen Raum, der für Wagner einsichtig war.

Glas klirrte, ein Geräusch wie von fließendem Likör. In der einen Ecke des Bureaus, erinnerte sich Wagner, stand ein Kabinett mit allerlei Schnäpsen und dicken Kristallgläsern, die Markus „für besondere Gäste“ und späte Überstunden in seinem Arbeitszimmer aufbewahrte.

Markus hatte also einen Anruf erhalten. Vom Direktor des Guignol allen Anschein nach. Sie mussten über ihn gesprochen haben. Über Wagner und die Dinge, die er der Presse erzählt hatte, bevor…bevor was eigentlich? Bevor er den Verstand verloren hatte? Oder bevor man ihm garstige Streiche gespielt hatte, um ihn das nur glauben zu lassen?

Er schüttelte den Kopf und atmete flach, unhörbar, ein und aus. Mit einer Hand fuhr er sich durch das Haar, warf es aus der Stirn, und streckte den Rücken gerade.

Dann klopfte er und trat, ohne auf Antwort zu warten, ein.

Markus stand wieder am Fenster, starrte mit einem Glas, halb gefüllt mit bernsteinfarbener Flüssigkeit, in der Hand hinaus. Er drehte den Kopf, in seinen Augen eine Mischung aus Erleichterung und Überraschung. Seine Stimme war flach.

„Johann!“, sagte er . Unwillkürlich wich er ein Stück zurück. Unwillkürlich, sicherlich, bloß die Überraschung, Johann so unvermutet zu sehen. Keine Angst. Sicherlich war es keine Angst.

„Was hast du getan?“, fragte er. „Gott, Junge, was hast du angestellt?“

„Ich hätte auf dich hören sollen“, sagte Wagner. „Ich hätte einfach auf dich hören sollen.“

Er machte einige Schritte in den Raum hinein, verschloß die Tür hinter sich. Was für ein Gesicht er machte, konnte er nicht sagen. Aber er sah, wie Markus reagierte. Wie er ihm einen Arm um die Schulter legte, ihn in den Sessel vor dem Schreibtisch presste und ihm das eigene Glas in die Hand drückte.

Wagner musste elend aussehen.

„Meine Güte, Johann, vergiss das. Das ist doch egal. Du hättest auf mich hören sollen, hast du aber nicht. Was passiert ist, ist passiert, das hätten wir schon irgendwie…aber das?“

Markus nahm sich ein weiteres Glas aus dem Kabinett, ließ sich in seinen eigenen Sessel fallen. Auf dem Tisch stand noch die Karaffe, aus der er sich eingeschenkt hatte.

„Was? Was meinst du?“, fragte Johann. „Das Chaos mit der Presse hat sich erledigt, abgeblasen alles. Die WORT hält es für einen schlechten Scherz, einen erbärmlichen Schrei nach Aufmerksamkeit von einem Verrückten.“

Markus sah ihn an, als wäre er plötzlich und unvermutet gegen eine Ziegelmauer gefahren. Dann schüttelte er den Kopf und trank einen guten Teil seines Getränks. Brandy, dem Geruch nach zu urteilen.

„Ich habe gerade mit dem Direktor des Guignol telefoniert, Johann“, sagte er. „Er wird Anklage erheben. Nicht wegen deiner Bilder, nicht wegen der Presse. Sondern wegen…Unsittlichkeit.“

Wagner starrte ihn an.

„Was?“, fragte er.

Das Glas in seiner Hand fühlte sich schwer an. Zu schwer, um es zum Mund zu führen. Alles Blut war ihm in den Magen gesackt.

„Belästigung, Mann. Sexuelle Belästigung einer Mitarbeiterin. Einer Kuratorin, irgendeiner Ombrage. Er sagt, du hättest sie belästigt an dem Abend und später noch. Unangemessene Fotos von ihr machen wollen, sie erpresst. Er behauptet, sie hätten dich auf Band, wie du ihr drohst, sie solle besser ihren Mund halten.“

Sein Mund war plötzlich trocken geworden. Er stürzte einen teil seines Getränks hinunter. Es war scharf und beißend, half aber wenig.

„Das ist unmöglich“, sagte Wagner lahm. „Ich…ich habe diese…diese Demoiselle einmal gesehen in meinem Leben, an jenem Abend selbst. Sie war hübsch, ja, vielleicht sogar mein Typ. Aber ich hätte doch nie…ich könnte gar nicht.“

Er riss die Augen auf, als wäre der Gedanke erschreckend für ihn.

„Ich war unprofessionell, ja. Himmel, ja, aber doch nicht so. Ich wäre doch niemals so dumm und…“

Die Farbe war aus seinem Gesicht gewichen. Er fühlte es. Wie sein Gesichtsausdruck zu einer Maske wurde. Wie ihm das Blut und die Galle wieder aus dem Magen zu kriechen begann. Nach oben in seinen Kopf.

„Du glaubst mir also nicht.“

Markus blieb ruhig, entsetzlich ruhig.

„Ich will dir doch glauben, Johann. Aber meine Fresse, die haben dich auf Band. Dich, deine eigene Stimme, wie du diesen Mist von dir gibst. Wie du ihr drohst, sie ein Flittchen nennst, die alles wollte. Vier Tage, ganze vier, höre ich nicht ein Wort von dir, und aus heiterem Himmel tauchst du hier auf, die Hände voll blutigen Bandagen, und fängst an zu schreien.

Wie soll ich da wissen, was ich glauben kann?“

„Das weiß ich doch auch nicht! Ich kann mir nicht vorstellen, was passiert ist, wie sollst du es da können? Ich weiß nicht, woher diese Dinge kommen, weshalb…weshalb die Polizei vorhin bei mir war, weshalb meine Wohnung nur noch Schutt ist, weshalb du…woher diese Dinge kommen.

Ich weiß nur, dass ich es nicht war. Dass ich keines von diesen Dingen getan habe, die man mir hier unterstellt. Nicht willentlich, nicht wissentlich jedenfalls.“

Wagner biss sich auf die Unterlippe, sackte in seinem Sessel zurück.

„Vielleicht verliere ich ja den Verstand. Vielleicht wäre es das beste, wenn…Aber ich schwöre dir, ich wollte es nicht, selbst wenn ich es war.“

Wortlos griff Markus nach dem leeren Glas von Wagner, füllte es auf. Es kratzte über den Tisch und blieb kurz vor der Tischkante stehen. Wie eine Aufforderung, die Markus nicht auszusprechen brauchte.

Markus‘ Blick glitt zu den bandagierten Händen, mit denen Wagner sich die Schläfe massierte.

„Was ist passiert?“, fragte er.

Lange starrte Wagner auf das Glas vor sich, blickte dann unruhig durch das Büro. Es war wuchtig eingerichtet, wie sein Bewohner. Der Kabinettschrank aus dunklem Eichenholz in der Ecke, der Tisch eine einzige massive Platte mit einem Sortiment an Federhaltern und Papierstapeln bedeckt. An einer Ecke eine Zigarrenschachtel. Hinter Markus‘ Rücken eine einzige, massive Regalwand voller Bücher, die sich bis zur drei Meter hohen Decke stapelten.

Wagner fand nichts, an dem er sich festhalten konnte. Nichts, außer das Glas.

„Habe meine Wohnung zerlegt“, sagte er schließlich. „Jedenfalls das Bad, vielleicht auch den Rest. Ich weiß nicht, kann mich nicht daran erinnern. Alles ist zerschmettert, zertrümmert in kleine Teile. Jeder Spiegel, jedes Glas, selbst die Fernseher und Spiegelflächen am Kühlschrank. Findest in der ganzen Wohnung nicht ein Stück Glas, das größer als mein Daumen ist. Denke auch die Kamera und die Telefone hat es erwischt. Alles mit einem Mikrophon oder einer Kamera oder einem Lautsprecher. Alles, was Abbilder von mir machen oder sie wiedergeben konnte.“

Ein gequälter Ausdruck schlich sich auf sein Gesicht. Unschlüssig drehte er das Glas in seinen Händen, ein schiefes Lächeln auf den Lippen.

„Muss mich dabei geschnitten haben, böse. Als ich zu mir kam, stand ich irgendwo am anderen Ende der Stadt. Die Hände aufgefetzt und blutig, ohne Erinnerung an die letzte…Stunde? Zwei Stunden? Ich weiß nicht.“

„Ich verstehe nicht“, sagte Markus. „Wieso? Weshalb tust du so etwas?“

Zum ersten Mal, seit er das Bureau betreten hatte, sah er Markus in die Augen. Markus hatte die Stirn gerunzelt, einen Ausdruck von Sorge im Gesicht.

„Ich habe einen Anruf bekommen“, sagte Wagner, als wäre es das normalste von der Welt. „Von einem Reporter, weiß den Namen nicht mehr. Ich habe ihn ignoriert, so wie den ganzen Rest. Er rief wegen der Bilder an, so wie alle anderen. Wollte ein Interview. Ich bin nicht ran gegangen, aber…aber irgendjemand anderes hat mit ihm geredet. Mit meiner Stimme hat er mit ihm geredet. Als ob ich es gewesen wäre, aber ich war es nicht.“

Wagner schüttelte den Kopf. Er stürzte die Hälfte seines Brandys hinunter, schüttelte erneut den Kopf. Der Alkohol machte sich rasch bemerkbar. Den halben Tag hatte er nichts gegessen, fiel ihm auf. Dafür war keine Zeit gewesen zwischen seinem zerstörerischen Wutanfall und seiner Flucht zu Markus.

„Aber…wieso?“, fragte Markus wieder. „Was hat das mit dem Guignol zu tun? Oder mit diesem Vorwurf, den der Direktor hat?“

„Ich weiß es nicht“, sagte Wagner lahm. „Ich weiß es einfach nicht.“

„Die haben dich auf Band, Johann. Der Direktor hat es mir vorgespielt vorhin. Es ist deine Stimme, ganz sicher, die diese Frau bedroht. Die ihren Namen in sagt, sie beschimpft und bedroht.“

Wagner schüttelte den Kopf. Er stürzte den Rest seines Glases herunter.

„Ja. Meine Stimme, aber nicht ich.“

Er grinste schief.

„Ich weiß nicht, was hier läuft“, sagte er, „aber ich schwöre dir, ich habe eine fremde Stimme gehört, die ganz genau wie meine klang. Wer weiß schon, was die für technische Tricks haben. Die Kerle vom Guignol mein ich. Vielleicht haben sie das irgendwie gefälscht. Das geht, mit modernen Computern geht so etwas. Himmel, vielleicht war es sogar meine Stimme und ich verliere wirklich den Verstand. Vielleicht habe ich diese Dinge gesagt, bin ein verschissener Psycho und verdiene alles das hier, weil ich kaputt bin im Kopf.“

Eine bandagierte Hand klammerte sich um die Kante des Tisches. Wagner stemmte sich empor, das Kristallglas polterte zu Boden.

„Danke für deine Zeit, Markus“, sagte er und zwang sich zu einem Lächeln. Es schmerzte ihn, um die Mundwinkel herum. Dann wandte er sich zum gehen.

„Du hörst von mir. So oder so.“

Markus war überrascht davon und blieb sitzen, wo er war.

„Johann!“, rief er ihm hinterher. „Wo willst du hin? Johann!“

„Weg“, sagte Wagner und schwankte durch die Tür. Der Blutverlust, die Nerven, der Alkohol – alles betäubte ihn, ließ ihn schneller betrunken werden, als er je gedacht hätte.

„Ich muss raus, irgendwohin. Woanders hin.“

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