Entzündung – Teil I: Boy in a Box

Doktor der Medizin Jakob B. Gottfried – welch ein Name! Was für eine Größe, welche Leistung, sich durch die Jahre des Studiums und der Ausbeutung im Spital zu quälen und am Ende die Herren von der Kommission zu überzeugen, ihm einen Zettel in die Hand zu drücken und seinem Namen einen weiteren, sinnlosen Titel voranzustellen.

Aber wert war es das doch alles gewesen.

Mutter erzählte seitdem jedem stolz ihr Sohn sei Arzt, ungeachtet der Tatsache, dass er kein Mediziner sondern Doktor der Anatomie war. Eine durchaus andere Angelegenheit, die aber niemanden außer ihm scherte. Vater konnte beruhigt in den Ruhestand gehen, denn der Sohn war nun ein Jemand in einer Welt voller Irgendwer. Schwesterherz Klara konnte etwas sorgenloser ihrer Selbstfindung nachgehen. Jetzt, wo Jakob die Familienehre hochhielt und Herr Papa womöglich mit sich reden ließ, eine brotlose Künstlerin in der Familie zu unterhalten.

Und Jakob selbst?

Der stapelte Kisten mit seinem schicken neuen Doktortitel an die Brust gepinnt.

Das heißt, wenn es nach Boris Schalk ging, war er „kuratorisch-wissenschaftlicher Mitarbeiter“ am anatomischen Museum und ein wichtiger Mann mit einer dankbaren Aufgabe – eine Art Verwalter und Galerist gleichermaßen. Das Museum am Alexanderufer war gewissermaßen abhängig von ihm, von der guten Seele im Keller, die dreihundert Jahre an historischen und unersetzbaren Lehrmitteln verwaltete.

Allerdings war Boris ein Idiot und Jakobs Job bestand in Wirklichkeit zu einem großen Teil im stapeln, katalogisieren und archivieren von „eingelagerten Ausstellungsstücken und Präparaten“ – Kisten voller Leichenteile, vielfältigst konserviert.

Zu Beginn seiner Arbeit war er ekstatisch gewesen. Das Museum war Teil des Charoninstituts, dem medizinisch-biologischen Arm der größten Akademie des Landes. Teil desselben Instituts, an dem Jakob zehn Jahre für seinen Doktortitel geschuftet hatte.

Sechs oder sieben oder acht Monate waren inzwischen vergangen, so genau wusste er es gar nicht mehr. Seitdem stand die Zeit seltsam still für ihn hier unten im Archiv. Ein Monat bedeutete soviel als ein Tag, fühlte sich genau so lange an.

Die Luft war stickig und staubig, wegen der Luftreinigung trocken und kratzig im Hals. Durch die dicken Wände verstummte auch die geschäftige Metropole über seinem Kopf. Selbst der normale Museumsbetrieb bloß zwei Stockwerke höher war nicht zu hören. Hier unten in den düsteren Korridoren, gebildet von Regal um Regal voller schauriger Gläser, nur beleuchtet von alten Funzeln – hier herrschte die Ewigkeit.

Zu Beginn hatte Jakob noch eine gewisse Spannung verspürt, eine heimliche Ehrfurcht, wenn er hier herunter kam.

Soviel Neues gab es im Archiv zu entdecken. Nicht nur für ihn, sondern für das einige hundert Jahre alte Charoninstitut selbst, das die meisten seiner Aufzeichnungen im Lauf der Spaltung der Stadt, zwei Weltkriegen und einigen Reformen und Umzügen verloren hatte.

Liegengelassene Präparate aus den vierzigern, die nirgendwo verzeichnet waren. Manchmal auch Erbmasse aus diversen Privatsammlungen, die im Lauf der Zeit zwar eingelagert, aber nie katalogisiert worden waren. Seltener entdeckte er in den letzten Regalreihen, verborgen hinter den widerlichen Exponaten der Nazis, dem esoterischen Firlefanz der Kaier und den okkulten Zaubereien der Königszeit falsch einsortiert auch echte Schätze. Präparate von Virchow selbst oder gar eines der letzten erhaltenen Objekte von Johann Gottlieb Walter. Objekte wie die mit Kupfer ausgegossenen Äderchen, die mehr an ein Korallenriff als einen menschlichen Körperteil erinnerten.

Einige dieser Stücke waren zum ersten Mal seit Jahrzehnten von einem menschlichen Auge betrachtet worden und es war nur an ihm gewesen, das Rätsel ihrer Herkunft zu lösen. Sie existierten und waren alt, so viel stand außer Frage. Hin und wieder stand fest, um was für Körperteile es sich handelte oder dass das Präparat völlig unbrauchbar war – etwa wenn durch feine Risse Luft oder Schimmel eingedrungen oder die Methode der Konservierung schlicht unzureichend gewesen war, um den natürlichen Verfall aufzuhalten.

Viel mehr war aber selten bekannt. Die Etikette waren unleserlich oder fehlten oft genug.

Er hatte ihrem unbekannten Inhalten nachgespürt. Er hatte die Geschichten und Wanderungen einiger Dutzend Mumien aus den Anden, Ägypten und Arabien nachvollzogen, hatte durch die halbe Welt telefoniert, Kataloge gewälzt. Kuratoren aus Kairo und Grabungsleiter aus Sibirien hatte er an den Apparat bekommen und ihnen die Geheimnisse einiger Ausstellungsstücke abgepresst, die irgendwann von den Deutschen aus Polen, der Ukraine und Russland gestohlen worden waren, oder gekauft oder geschmuggelt oder – in einigen wenigen Fällen – ordentlich beschafft.

Keine so aufregende Archäologie, wie sie gewisse peitschenschwingende Abenteurer praktizierten, aber deutlich bequemer. Und nicht weniger spannend, wenn man seine Erwartungen vernünftig einstellte.

Jakob war durchaus zufrieden damit gewesen. Er reiste ohnehin nicht gern, wurde schnell krank und vertrug den Streß nicht. Seine Arbeit führte ihn dennoch an ferne Orte und schickte ihn auf Entdeckungsreisen. Er konnte all die Geschichten erleben, für die mancher nach Afrika oder Asien reisen musste, aber ohne die Bequemlichkeit seines Lehnsessels zu verlassen.

Im anstrengendsten Falle musste er die archaisch organisierten Aufzeichnungen zu Rate ziehen – was davon noch vorhanden war zumindest – und einige Stunden Reiseberichte lesen oder in fehlerhaften Katalogen nachschlagen, von welcher Humboldtschen Reise dieses oder jenes Stück stammen könnte, was womöglich der abenteuerliche und infame Prof. Wurm angeschleppt haben könnte.

Es gab, fand Jakob, schlechtere Beschäftigungen, als sich stundenlang durch die fragwürdigen Abenteuer einiger zwielichtiger Wissenschaftler zu lesen.

Vor einer Weile aber war Boris auf die geniale Idee verfallen, von dem Furore um die jüngste Ausstellung der Körperwelten und die Zurschaustellung der Mumie Nofretete in der Stadt zu profitieren. Das neue Jahrtausend war gerade einen Winter alt und mit ihm schien auch eine neue Gier nach makabrem und groteskem einzusetzen.

Seitdem bestand Jakobs Arbeit aus Kisten. Endlosen Reihen von Kisten und Telefonaten mit deutschen Museen. Er entdeckte nicht mehr, sondern verschacherte nur noch. Es gab nichts aufregendes an diesen Dingern, die nun hier ankamen. Keine neuen Verfahren, keine Aufregenden Geschichten über gefährliche Expeditionen. Was er nun bekam – in Formaldehyd aufbewahrte Hybride und Embryonen, Geschlechtsteile und dergleichen uninteressantes Blendwerk mehr – war vollkommen gewöhnlich, hier ebenso zu finden wie in Heidelberg oder Rostock oder sogar Hamburg.

Bloß der fade Alltag eines akademischen Geschäfts, das Augenwischerei betreiben sollte, um Besucherzahlen abzugreifen.

Irgendjemand im Charoninstitut hatte beschlossen, dass das anatomische Museum mit dem Alten Museum zusammenarbeiten und für diese neun Monate des Jahres eine makabere Ausstellungsstätte sein sollte.

Wo die Körperwelten auf einen gewissen Schockfaktor setzten, darauf mit nackten, menschlichen Körpern zu verstören und zu verunsichern; wo das Museum auf das übliche trockene Historiengewäsch setzte und alte Steintafeln, mysteriöse Grabkammern usw., da wollte Boris das Makabre bedienen. Die grauenhaften Anfänge der Anatomie, die Leichendiebstähle und Verkäufe an Universitäten, die Experimente am lebenden Objekt, die Vivisektion Gefangener, letztlich die Besessenheit der sogenannten Aufklärung, die Geheimnisse der Magie und der Unsterblichkeit des menschlichen Leibes zu erkunden.

Er wollte, in aller Kürze, die akademische Geschichte der Anatomie dramatisieren und die moderne Medizin mit einem Hauch von Verbotenheit umgeben.

So jedenfalls der Plan.

Letzten Endes bedeutete es bloß, dass Jakob weniger exotische Präparate und mehr Kuriositäten heran holte. Langweilige Stücke, ganz gewöhnliche Leichname, eingelegte Embryonen, ein Imitat des Homuncuklus-Prozesses und der Palingenesis. Scharlatanerie, alles, und eigentlich als Betrug abzulehnen. Allein der Gedanke, die Anmaßung, noch fünfzig Jahre nach Hegel einem Hirngespinst wie der Wiederauferstehung aus Asche hinterher zu jagen, hätte Jakob als Student noch in Rage gebracht.
Heute ging er stumm mit seinem Klemmbrett durch das Archiv und überlegte, welche der kostbaren Stücke des Museums er gegen den Humbug eintauschen wollte, den Boris ihm aufgedrückt hatte. Darauf lief es nämlich hinaus: Endlose, zähe Verhandlungen mit anderen Museen und Instituten, die prestigeträchtige oder wertvolle Stücke der angesehenen Charité oder der umfassenden okkulten Sammlung des Charoninstituts gegen Jahrmarktskuriositäten eintauschen wollten.

Er notierte sich den Bestand der neu eingetroffenen Objekte, kontrollierte, ob es sich um die richtigen Stücke handelte, notierte sie und verzog sich dann gegen Nachmittag in sein Büro, nur den Gang vorm Archiv herunter, wo er Zeit mit Telefonaten vertrödelte oder alle paar Tage einem interessanten Stück nachforschte, das fehlerhaft gekennzeichnet war. Meist endete es damit, dass seine Meinung über die sogenannten Aufklärer und ihre mathematische Metaphysik weiter sank.

Er hatte in den letzten Monaten hier alles mögliche und unmögliche an Körperteilen gesehen, präpariert, taxidermiert, aufgeschnitten, gewürfelt, eingelegt, künstlich am Leben gehalten, mit dem plastischen Verfahren konserviert. Alles erdenkliche, das selbst seine wilde Studienzeit und seine eher sadistischen Forschungen zahm wirken ließ.

Professor Wurm, der renitente alte Sack, hatte allen Vorschriften zum Trotz noch nach der alten Methode der Vivisektion gelehrt. Irgendetwas an den zuckenden Innereien des sich auf Stecknadeln gespießt windenden Frosches hatte ihn in dem Maße neugierig gemacht, wie es andere abgeschreckt hatte.

Ein, zwei Mal hatte Jakob sich auch in das anatomische Theater einer Autopsie geschmuggelt. Während des Studiums hatte er sich bei diversen weniger legalen Tatortreinigern ein kleines Taschengeld verdient. Er hatte daher einen starken Magen, war vertraut mit dem Gesicht des Todes, der Verwesung und schließlich Auflösung in allen erdenklichen Stadien.

Nicht zuletzt deswegen hatte er sich mit dieser faden Beschäftigung abfinden können, die diese Neugier in ihm befriedigte, die ihm die Chance gab, seinen morbiden Neigungen nachzugeben.

Was er jetzt gefunden hatte allerdings…

Es handelte sich um eine unscheinbare Kiste unbestimmten Alters. Rechteckig und ungefähr zwei mal einen Meter von der Grundfläche, reichte sie ihm kaum bis zu den Knien. Sie war nicht markiert, nicht mit Zollstempeln versehen und auf keiner der Lieferlisten zu finden, die Jakob zur Verfügung stand. Ihre Machart mit dünnen aber massiven Brettern aus echtem Holz – nicht aus Pressspan – und Zimmermannsnägeln implizierte ein Herkunft aus dem neunzehnten Jahrhundert.

Das hier…das…das Ding in der Kiste verstörte und entzückte ihn gleichermaßen. Es sprach eine morbide und widerwärtige Ader an, von deren Existenz Jakob natürlich gewusst hatte – mit Ende zwanzig und leichtem Zugriff auf Pharmazeutika hatte er bereits genug Möglichkeiten gehabt, diese Abgründe zu erforschen – die ihm in dieser Form aber unbekannt war.

Und diese Feststellung machte ihm Angst. Mehr, als einige widerliche Bilder oder ein Rascheln im dunklen Archiv es vermocht hätten.

Was sich in der unmarkierten Kiste am hinteren Ende des Archivs befand, war schlicht: Ein Junge.

Noch nicht wirklich postpubertär, aber auch nur wenig älter als siebzehn oder sogar sechzehn Jahre alt. Eine schmale Gestalt, um die 60 Kilogramm womöglich auf eine Höhe von 170cm, schmale Schultern, feine Glieder. Notdürftig bekleidet um die Hüften.

Sein Gesicht dagegen…schmal, hohle Wangen, niedrige Stirn. Weiches Kinn, das in einen feinen Kiefer überging. Volle Lippen. Wunderschöne braune Locken, die ihm über die Wangen und die Schulter fielen. Das Gesicht eines Künstlers, vielleicht, oder eines beginnenden Musikers. Eine zarte Seele, zu früh aus aus dem Leben geschieden.

Das aber war nicht das seltsame. Vielmehr…er war statuenhaft. Perfekt.

Der Junge war tot, das stand außer Frage, und durchaus eine Weile. Er hatte die graue Farbe eines Verstorbenen, allerdings ging kein Geruch von ihm aus. Seine Haut war wie Stein und kalt. Sie gab kein bisschen nach unter dem sanften Druck von Jakobs Fingerspitzen. Mund und Augen ließen sich nicht öffnen und nach einigen weiteren Berührungen kam Jakob in seiner Funktion als Doktor der Anatomie zu der Überzeugung, dass der Leichnam vollständig mineralisiert war.

Jakob fand seine eigene Reaktion darauf ebenso seltsam, wie fürchterlich. Er war nicht schwul und, wahrscheinlich, auch nicht pädophil. Das eine war schlicht nicht sein Fall gewesen, das andere unnötig riskant und reizte ihn auch nicht sonderlich. Sexuelle Anziehung – widerwärtig wie sie in diesem Fall gewesen wäre, hätte er sie doch verstanden, hätte gewissermaßen eine emotionale Antwort darauf gehabt, hätte Ekel empfinden können.

Sexuelle Anziehung gegenüber dem wunderschönen Leichnam wäre insofern eine Erleichterung gewesen, als dass es eine bekannte Emotion gewesen wäre.

Stattdessen empfand der Anatom etwas, das er sich nicht erklären konnte. Er betrachtete den Jüngling bloß, alles um sich herum vergessend. Seine Arbeit, die dröge Langeweile, selbst die spannenderen Präparate und den Ärger über Boris, vergaß er.

Es gab nichts weiter für ihn an diesem Nachmittag, als den hübschen Knaben. Nur seine makellose Gestalt und das Rätsel, wie sie so gut erhalten geblieben war. Er bemerkte es erst, als der Hausmeister seine letzte Runde drehte und ihn am späten Abend aus der Trance weckte. Als die stählerne Tür sich quietschend öffnete und das Licht der erbärmlichen Funzel, die jene hintere Ecke des Archivs beleuchtet hatte, in den Flur entfloh.

Hastig verschloß Jakob die Kiste wieder und fing den Mann ab. Er machte irgendwelche Ausreden, wusste gar nicht mehr, welche oder worüber, und versicherte, alles sei in Ordnung. Überstunden habe er schieben müssen, Boris‘ dämlicher Idee wegen. Abschließen werde er noch selbst, da brauche er sich nicht drum zu kümmern.Tatsächlich löschte Dr. Gottfried noch das Licht und schloss sorgfältig ab, versicherte sich selbst mehrmals, alle Riegel an Ort und Stelle waren.

Jakob lehnte die Stirn gegen das kühle Metall der Tür zum Lager. Er glühte und brauchte einige Minuten, um sich zu fangen. Er ignorierte sein Büro weitgehend, schaltete lediglich den Zentralschalter aus, griff sich Aktentasche und Mantel und verschwand eilig. Er ignorierte seine Schritte über das Kopfsteinpflaster, die Studenten und ehemaligen Kollegen, die ihn auf dem Weg zum Bahnhof grüßten.

Seine Fahrt nach Hause war belanglos und bloß von wiederholten Unterbrechungen gekennzeichnet. Er konzentrierte sich nicht, wie üblich, auf seine Zeitung oder die Leute in seiner Umgebung. Er verfiel nicht in eine Plauderei mit der hübschen Blondine neben sich, sondern starrte aus dem Fenster. Die Gegend rauschte langsam an der Stadtbahn vorbei, nur begleitet vom Rattern seiner Gedanken.

Noch ehe er zuhause angekommen war, noch während Jakob der untergehende Sonne über den alten Gemeindebauten Schönebergs zusah, wusste er, was er zu tun hatte. Der Anatom wusste, dass er nicht mehr zum Schlafen kommen würde. Er konnte es fühlen, wie es in seinen Eingeweiden rumorte. Die Aufregung einer neuen Jagd erfasste ihn, wie er sie seit Monaten nicht verspürt hatte. Die Jagd nach Geheimnissen.

Ein Name spukte über die scharlachroten Dächer und dröhnte in seinen Ohren.

Girolamo Segato, die Medusa von Florenz.

2 thoughts on “Entzündung – Teil I: Boy in a Box

  1. Spannend, spannend! Ich mag die düstere Atmosphäre, die mich wirklich sehr an Lovecraft erinnert 😉 Freu mich schon darauf, mehr zu lesen!

    1. Vielen lieben Dank! 😀 Das ist eines der schönsten Komplimente, die du mir machen konntest. Ich hoffe die nächste Story gefällt dir auch.

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