Entzündung – Teil III: Das Letzte

¨Dein Geheimnis. Verrat es mir.¨

Jakob war gefangen, nicht ganz bei sich. Er spürte alles wie durch Watte, als hätte er einen leichten Kater oder hätte die Nacht durchtanzt. Es tat nichts weh, nichts schmerzte. Aber die Energie war ihm ausgegangen, alles war leicht und locker und selbst die Luft war seltsam zäh-viskos, als hätte sie sich um ihn verdichtet und widerstünde den einfachsten Bewegungen. Es kostete ihn Kraft, nur diese Frage zu stellen, seine Lippen und Zähne zu bewegen.

Er träumte wohl. War sich fast sicher, dass er träumte. Das Licht fiel so komisch durch sein Arbeitszimmer, so grau und trist, wie von abgedämpftem Mondlicht. Und Benedikt saß neben ihm auf der Couch, auf der Jakob immer schlief.

Wie konnte er da nicht träumen?

¨Was sollten das für ein Geheimnis sein?¨, fragte seine Traumstimme. Sie klang, wie in den Träumen zuvor. Rau und irgendwie erdig, als schleife sie etwas auf den Stimmbändern.
¨Woher du kommst. Wer du warst.¨
¨Ein Niemand von Nirgendwo. Wohin wir alle wieder gehen¨, war die Antwort. Jakob spürte, wie sich Falten in seine Stirn gruben und seine Augenbrauen sich hoben, mühsam und schwer, irgendwie losgelöst von ihm.

Er war zur Seite gesunken, im Lauf der Nacht. Er erinnerte sich, wie er wieder lange im Büro geblieben war, jedenfalls schwach erinnerte er sich an den Tag. Eine endlose Reihe von Papieren, wie die letzten Wochen schon. Papiere und Unterlagen, die ihn diesmal bis auf die Couch begleitet hatten, wo er unter einer schmuddeligen Decke eingeschlafen war.

Jetzt lag er dort, zur Seite weg gesunken, den Kopf auf dem Schoß eines Knaben und den Blick nach oben gerichtet, zur Decke. Wie in müßiger Überlegung. Wie, als wäre es ein fauler Sommernachmittag, den er in der Sonne verbrachte.

Nur dass es Nacht war und er zu schlafen glaubte.

Über ihm…das Gesicht von Benedikt. Die scharfen, Züge, das kräftige Kinn, die feinen Marmorierungen auf den Wangen und der Stirn, wo Adern bläulich durch die Haut schimmerten. Die schwarzen Locken, nach denen er fassen, in denen er seine Finger vergraben wollte. Nur seine Augen sah Jakob nicht. Die hielt der tote Knabe auch in seinen Träumen noch geschlossen.

Es wirkte leer, nicht lebendig sondern schlafend. So groß war die Macht seiner Träume offenbar nicht, dass Jakob die Toten wieder leben lassen konnte. Aber er konnte sie sprechen lassen.

Der Junge hatte eine Hand auf seine Schulter gelegt, strich ihm über den Nacken. Küsste ihn mit kühlen Lippen das Fleisch zwischen Schlüsselbein und Hals.

Jakob zitterte unter den Berührungen, vibrierte trotz seiner Schwäche darunter, schmiegte sich an das kühle Fleisch Benedikts.

¨Wie hat Segato dich konserviert?¨, verlangte er zu wissen. ¨Verrat es mir. Woher kommst du, wie bist du in meinem Archiv gelandet und zu meiner Qual geworden?¨
¨Qual?“ Der Körper, dem die Stimme gehörte, schüttelte sacht das Haupt. Als lachte er, aber ohne einen Ton von sich zu geben. „Ist es so grausam, mich nicht zu kennen?¨

Jakob zögerte einen Augenblick, überdachte seine Möglichkeiten. Was er die letzten Tage und Nächte herausgefunden oder besser gesagt nicht herausgefunden hatte. Er hatte grandiose Behauptungen gemacht über die Natur seiner Beobachtungen, über die absolut unzweifelhafte Echtheit des Objekts, die ins Haus stehenden Tests und Laboruntersuchungen, die ihm und einem Team an ausgesuchten Wissenschaftlern Ruhm und Ehre bringen würden.

Das jedenfalls hatte er gesagt, um sich Boris und seine Familie vom Leib zu halten.

Die Wahrheit war: Jakob bewegte sich auf der Stelle.

Es war nichts aufzutreiben, kein Beweis. Er hatte nichts von Benedikt, als diesen Namen, der eines Abends in seinem Geist aufgetaucht war und mit dem er einen leblosen Kadaver betitelte. Nichts als den Namen und die Gewissheit, dass er mit Segato zu tun hatte.

Schließlich nickte er.
¨Es ist grausam, dich zu kennen, aber nicht zu wissen, wo du her kommst.¨
Die Lippen des Körpers, den er Benedikt nannte, zuckten.
¨Ich kannte Girolamo Segato“, wiederholte die Stimme und Jakob nickte.
„Ich weiß, ich weiß“, unterbrach er ihn.
„Ich starb vor mehr als zweihundert Jahren“, sagte Benedikt weiter und Jakob bekam den Eindruck eines Lächelns, eines feinen, verschmitzten Ausdruckes um die Mundwinkel..
„Ich weiß, ich weiß“, stimmte Jakob eifrig zu. „Du musst, wenn du Segato kanntest. Aber wie bist du dann hier gelandet?“
„Du hast nur eine falsche Annahme gemacht¨, sagte die Traumstimme, ohne das Lächeln zu unterbrechen.
¨Ja?¨, fragte Jakob zittrig, spürte, wie sich alles in ihm anspannte. Er war auf dem Weg, ein weiteres Geheimnis zu erfahren. Stück für Stück würde er die Rätsel schon lösen, und wenn es ihn Monate und seinen Verstand kostete: Er würde die Geheimnisse der Medusa von Florenz schon noch dem Vergessen entreißen.
¨Welche?¨, fragte er atemlos.

Benedikt antwortete mit erdiger Stimme:
¨Du denkst noch, ich sei eine Schöpfung Girolamos. Dabei war er meine Kreatur. All seine Kunst ist mein Verdienst.¨

—-

Der Anatom Dr. Gottfried hatte schlecht geschlafen, natürlicherweise. Die Träume ließen ihn nicht los, sondern wurden nur echter und fesselnder. Auch tagsüber schlichen sie sich in sein Leben. Als drifte er langsam ab, verabschiedete er sich aus dem frustrierenden Alltag, in dem er keine Lösungen fand. Immer öfter fand er sich in seinen wachen Stunden eine Hand auf seinen Nacken legen, dort, wo er die Hand Benedikts im Traum zu spüren geglaubt hatte.

Womöglich war es nur die Müdigkeit. Er schlief eben sehr schlecht und zu wenig. Entweder sackte er am Schreibtisch in sich zusammen, über seinen Büchern, oder schaffte es mit Müh und Not auf die harte Couch. Sein Rücken schmerzte, seine Augen brannten und er hatte einige Verspannungen den ganzen Rücken runter. Seine Schultern waren steif und hart. Wenn er nicht bald ein richtiges Bett und ein Wochenende Schlaf bekäme…

Der Besuch, der ihn mit seinem Mittagessen belästigte und von der Arbeit abhielt, tat sein übriges.

Jakob schnaubte, klappte gleichzeitig seinen Katalog zu und griff sich den nächsten vom Stapel. Er hatte sich Arbeit aus dem Archiv mitgenommen. Wobei mitgenommen auch ein eigentümliches Wort dafür war. Er hatte mehr große Teile der Aufzeichnungen über die Jahre 1920 bis 1950 in sein Büro geschafft. Kistenweise stapelten sie sich vor den Bücherregalen, mehrere lagen auf dem Tisch. In diesem Fall die Jahre 1920 bis ’23. Er vermutete, dass Benedikt in diesem Zeitraum das erste Mal ins Archiv gekommen war. Die Aufzeichnungen müssten im Krieg untergegangen sein, verschüttet irgendwie. Von den Russen eingekistet und dann nicht mitgenommen oder irgendein übereifriger SS-Mann hatte womöglich noch einige davon verbrannt.

Wenn dem so war, dann müsste es Notizen geben, Randbemerkungen, irgendwo Verweise auf etwas fehlendes oder vernichtetes…oder schlicht eine Beschreibung von Benedikt als Teil einer Ausstellung oder Inventur, das wäre das beste Szenario.

Für ihn selbst hätte es keinen Beweis gebraucht, natürlich nicht. Er wusste, dass es sich um Segatos Meisterwerk handelte, nicht um ein Imitat, noch weniger um eine moderne Plastik. Aber für den akademischen Betrieb…musste er sich durch die handschriftlichen Inventurlisten wühlen.

Sollte in diesen Katalogen nichts verzeichnet sein, das in etwa einer Beschreibung der Kiste entsprach, hätte er noch einige weitere Möglichkeiten. Er plante durchaus, sich etwa mit den Russen in Beziehung zu setzen, die ’45 einen großen Teil sämtlichen Kulturschatzes der Stadt als Beute mitgeschleppt hatten. Natürlich würden sie nicht erklären können, wann das Stück aufgetaucht war. Aber wenn es bis Mai des Jahres schon im Insitut gewesen wäre, dürfte irgendeiner seiner Kontakte eine Notiz darüber gefunden haben, als sie wertvolles und wertloses trennten.

Seiner Erfahrung nach waren die Sovjets mehr an den technologischen Errungenschaften interessiert gewesen, der Eisernen Lunge etwa oder mechanischem Ersatz für organische Funktionen. Benedikt wäre zu harmlos für sie gewesen, zu wenig bedeutsam als technische Errungenschaft. Wenn Jakob sich nicht sehr irrte, hatten einige ihrer Forscher sogar einen vollständigen Blutkreislauf imitieren und einige Stunden lang stabil halten können. Anatomisch durchaus eine Leistung, die sogar Boris in seinem grotesken Kabinett gefallen hätte.
Das wäre doch ein Schauspiel für die Kinder gewesen: Der noch zuckende Leichnam eines Tieres, aufgespalten und Inneres nach Außen verkehrt, künstlich am Leben gehalten durch Pumpen, Schläuche, Blasebälge, den Mund leblos öffnet, angetrieben von irgendeiner elektrischen Teufelei

 

¨Du siehst scheiße aus¨, unterbrach Sarah seine Überlegungen. ¨Du schläfst in deinem Büro, Jacques, und ernährst dich von Pizza und Papier. Wann warst du zuletzt draußen? Nein, richtig draußen, mit anderen Menschen. Es stinkt hier drinnen, als wärst du allergisch gegen Wasser.¨

Ein müdes Lächeln schlich sich auf sein Gesicht und er zuckte mit den Schultern, desinteressiert und schwächlich.
„Wenn ich nicht raus gehe, dann stört es keinen“, sagte er, ohne aufzublicken.
Seine Schwester stampfte auf, trat gegen eine der vielen Kisten an der Wand, die seit ihrem letzten Besuch nur noch mehr geworden waren. Er wusste, dass sie ihm wieder diesen garstigen Blick zuwarf. Dafür musste er sie überhaupt nicht sehen. Er spürte ihn als so ein Kribbeln unter der Kopfhaut.
¨Du telefonierst nicht mehr mit Mutter“, sagte sie. „Die Alte macht mich irre mit ihren dauernden Anrufen. Ob ich was von dir gehört habe, was tu tust, ob du jetzt zu wichtig bist, um mit deiner Mutter zu sprechen.“

„Nur ein paar Tage noch“, sagte Jakob, „dann bin ich fertig. Dann hat Mama wieder Grund, mit mir anzugeben, ohne mit mir zu reden.“
¨Scheiß auf ihr behämmertes Selbstwertgefühl. Ich mache mir Sorgen um dich, Mann. Du lebst wie ein Tier hier drinnen. Schlimmer eigentlich, Tiere haben keine andere Wahl.“
Jakob schüttelte den Kopf. Das war es nicht wert, sich aufzuregen, wütend zu werden und zu schreien. Nur weil sie einmal mehr nicht verstand, weil sie das alles für kranke Spielereien hielt, was er „so trieb“. Benedikt war wichtiger, als sie. Wichtiger als das fragile Ego der Familie, das sich nur am Leben halten konnte, wenn es ihn immer und immer wieder auf seine Andersartigkeit hinwies.

„Mir geht es gut“, sagte er.

Es war wie eine Aufnahme, die er abspielte. In dem selben Tonfall, den er die letzten Tage ihr gegenüber verwendet hatte. Den er auch bei Boris benutzte und bei allen anderen, die ihn fragten.

¨Sacre…¨, schimpfte Sarah und fischte einen handtellergroßen Spiegel aus ihrer Handtasche. Sie schnappte ihn mit einer Handbewegung auf, hielt ihn vor seinem Gesicht.

¨Schau genau hin¨, befahl sie.
Ihr kleiner Bruder folgte nur widerwillig. Etwas in diesem kleinen, ausschnitthaften Spiegelbild füllte ihn mit einem Unbehagen, auf das er nicht direkt deuten konnte. Er hatte tiefe, braune Ringe unter den Augen, die von wenig Schlaf und schlechtem Licht gerötet waren. Seine Wangen waren eingefallen, bleich, unter einem stoppeligen, dunkelblonden und ungepflegten Bart, der etwa drei Wochen gebraucht hatte, um zu wachsen.

Jakob wandte den Blick ab, zuckte mit den Schultern. Hätte er seine Füße durch die Arbeitsplatte seines Sekretärs hindurch sehen können, er hätte sie betreten angestarrt.
„Meine Güte, ja, ich achte nicht gut auf mich. Aber was soll ich sagen? Das hier ist wichtig, Sarah. Sehr wichtig. Wie kann ich mich um mich kümmern, wenn ich mich um…“

Er biss sich auf die Lippe. Beinahe hätte er gesagt, wenn er sich um Benedikt kümmern musste.

„Wenn ich mich um mein Projekt kümmern muss. Ich habe so viel zu tun“, sagte er. „Boris droht, mich zu feuern, wenn ich nicht mehr an seiner hirnrissigen Ausstellung arbeite. Ich versinke jetzt schon bis über beide Ohren. Ich muss einfach fertig werden hiermit, verstehst du? Dann…dann wird es besser werden. Ganz bestimmt.“

Der Spiegel schnappte mit einem bösartigen Geräusch zu. Sarah versetzte ihrem Bruder einen spielerischen Klapps auf den Hinterkopf, nahm ihre Tasche in die Armbeuge und ging zur Tür hinüber. Sie hatte ausgerichtet, wozu sie gekommen war und Jakob war klarerweise in irgendetwas vergraben, das sie weder interessierte noch verstand. Wenn er sich jetzt nicht am Riemen riss, käme der nächste Besuch von Vater und das wäre…es wahrscheinlich nicht einmal für ihn wert.
„Mutter erwartet dich Sonntag zum Kaffee. Das ist in zwei Tagen, klaro, Doktor Immerschlau? Einen Tag wirst du einmal rauskommen diesen Monat, und wenn Vater dich zu ihr schleifen muss.“
„Hmh“, machte Jakob abwesend und nahm sich den nächsten Katalog vor.

Ehe Sarah die Tür ins Schloss warf fauchte sie:
¨Und schaff mir Mutter vom Hals.¨

Es knallte mit einer Wucht, als hätte sie Jakob eine Ohrfeige auf die Entfernung verpassen wollen. Fast hatte sie damit auch Erfolg. Das Geräusch riss Jakob für einen Augenblick aus seinen Gedanken, hinein in die Sorgen, die Sarah vor ihm ausgebreitet hatte.

Er starrte auf die Tür, durch die seine Schwester eben verschwunden war. Für einen kurzen Augenblick verspüre er Schuld, die ihm die Eingeweide zusammen zog.

Jakob hatte nicht gelogen. Boris hatte wirklich gedroht, ihn zu feuern. Aber nicht für seine fehlende oder unerledigte Arbeit. Er fand es „unprofessionell“, wie Jakob seine Arbeit angeblich vernachlässigte und sich dafür einem „Hobbyprojekt“ zuwandte.

Hobbyprojekt! Als wäre Benedikt irgendeine Modelleisenbahn und nicht…und nicht das einzige, was ihn die letzten Wochen zusammen gehalten hatte.

Boris hatte, in sehr eindeutigen Worten, seinen Unmut darüber ausgedrückt. Worte wie ekelhaft waren gefallen, auch pervers. Er hatte ihn besessen genannt von diesem Kadaver, den Boris sich schließlich doch angesehen hatte.

Also hatte er gedroht, ihn zu feuern, wenn er bis nächste Woche seine Angelegenheiten nicht in Ordnung hatte und ein „professionelleres Arbeitsverhalten“ an den Tag legen würde.

Ein Umstand, den er Sarah verschwiegen hatte. Warum, wusste er selbst nicht genau. Vielleicht, weil sie nie großes Interesse an seiner akademischen Arbeit gezeigt hatte. Vielleicht, weil sie ihn dafür schelten würde. Vielleicht, weil er befürchtete, dass sie damit im Recht wäre.

Jakob löste sich von seinen Gedanken, kehrte wie von selbst zu seiner Arbeit zurück. Zu Benedikt. Verdammt sollte Boris sein mit seinen Beschwerden. Der fand überhaupt alles „unprofessionell“ – wie Jakob unbezahlte Überstunden schob, wie er die Arbeit seiner eigentlichen Anstellung immer mehr für sein „Hobbyprojekt“ vernachlässigte und stattdessen eilig in der Nacht erledigte, bis er darüber in seinem Büro einschlief. Wie sich das Lieferessen im Müll und der Büroküche stapelte.

Die Arbeit wurde gemacht, war das nicht genug? Er erledigte sie, Boris hatte sie am nächsten Morgen auf dem Tisch, manchmal auch erst zum Mittag, aber immer rechtzeitig, wenn sie gebraucht wurde.

Er verbrachte diesen Tag, wie alle anderen auch. Es hatte keinen Zweck, sich jetzt darüber den Kopf zu zerbrechen. Nicht, wenn er so nah an der Lösung des Rätsels dran war. An einem Beweis dafür, dass Benedikt nicht nur ein Scherz war, eine Laune, sondern echt. Wirklich. Morgen früh würde er sich in Ordnung bringen. Das Wochenende vielleicht frei nehmen, um Sarah ihren Wunsch zu erfüllen, oder wenigstens den Sonntag. Morgen wäre genug Zeit dafür.

Solange schob er die Ablenkung beiseite und versank erneut in seiner Arbeit. Sie nahm den Rest des Nachmittags in Anspruch, ohne wirklich Ergebnisse zu bringen. Die Kiste oder eine Beschreibung Benedikts oder auch nur die Erwähnung eines außergewöhnlichen Ganzkörperpräparats war unauffindbar. In den Katalogen der dreißiger Jahre, den paar Notizen der Kriegszeit, in den elektronischen Aufzeichnungen und große Blöcke der Nachkriegszeit fehlten ebenso in seinen Aufzeichnungen. Wahrscheinlich würde er also den ehemaligen Archivar, Professor von Falkenrath, aufsuchen müssen. Dann würde er ohnehin einmal heraus kommen.

Jakob holte sich einen Kaffee aus der Küche. Einen frischen aus der Maschine, so viel Zeit und Geduld war er sich schuldig. Er vertrat sich dabei ein wenig die Beine, streckte das Kreuz durch und machte einen Spaziergang durch den Keller des Instituts, wo auch sein Büro lag. Seine Schulter schmerzte, wie sein ganzer Nacken. Besonders, wenn er die Hand darauf legte, um die steifen Muskeln ein wenig zu massieren. Vielleicht hatte Sarah ja Recht, vielleicht hatte selbst Boris Recht und er verbrachte zu viel Zeit im Büro und zu wenig an der Sonne. Er fühlte sich matt, ausgelaugt und müde. Ein Mangel an Vitaminen vielleicht, so selten, wie er in den letzten Wochen die Sonne gesehen hatte.

Diese kleinen Spaziergänge zwischen der Suche nach Benedikts Ursprüngen und der langweiligen Arbeit für Boris waren Jakobs liebste Beschäftigung. Sie erinnerten ihn daran, weshalb er ursprünglich für das Charoninstitut hatte arbeiten wollen. Sie führten ihn an den Reihen und Regalen voller anatomischer Präparate vorbei. An den wunderlichen und gefälschten Ausstellungsstücken, mit denen die Mediziner und Hexer früherer Jahrhunderte eine Beherrschung von Leben und Tod vorgespielt hatten. Das Archiv des anatomischen Museums war voll von Dingen, die die Öffentlichkeit nie gesehen hatte, die selbst den meisten Professoren und Studierenden am Institut unbekannt waren oder sie abstoßen würden.

Dingen wie Benedikt in seiner Ecke.

Jakob fand sich am Ende seines Spaziergangs am spartanischen Sarg des Jungen wieder. Er legte eine Hand auf das dunkle Holz, das er auf gute hundert Jahre Alter schätzte. Der Deckel glitt leicht hinunter, wie die letzten Male auch, und offenbarte den hübschen Jungen darunter. Es beruhigte Jakob, auf das starre, tote Antlitz des Knaben zu blicken. Er wirkte nicht wie tot, nicht einmal wie schlafend. Er wirkte, als hätte er die Augen geschlossen, nur für einen Augenblick, um besser der Stimme eines Freundes zu lauschen. Jakob wollte ihn berühren, wollte die Hand nach seiner bleichen Wange ausstrecken, die Finger durch seine Haare fahren…aber er beherrschte sich, begnügte sich mit einem kurzen, allzu kurzen Blick.

Für nur einen Augenblick wünschte er sich, dass er den Jungen selbst zum sprechen bringen könnte. Seine Schwester hatte Recht gehabt, oder nicht? Er warf sein Leben weg. Nein, er opferte es, um genau das zu erreichen: Um die Geschichte des Jungen zu hören, um sie und ihn wieder zum Leben zu erwecken, wenigstens für einige Zeit.

Nachdem er seinen kalten Kaffee ausgetrunken hatte, ging er zurück in sein Büro. Dass er wieder abzusperren vergaß, bemerkte er nicht.

 

Zwischen den Katalogen und Büchern in seinem Büro suchte er nach einer Liste, einige Blatt dick, die er in den letzten Wochen angelegt hatte. Er fand sie nicht augenblicklich, auch, weil sein Blick an einigen der Bücher hängen blieb, die er sich vor einiger Zeit zur Recherche bestellt hatte.

Mit den Büchern und der Liste verzog er sich auf die schäbige Couch in seinem Arbeitszimmer. Er warf Mantel und Wechselkleidung auf seinen Sessel am Schreibtisch, dann schob er sich Es war spät, bereits kurz nach Sonnenuntergang, aber das kümmerte ihn selten. Im künstlichen Licht der Neonlampen hier im Keller verloren Rhythmen wie Sonnenauf- und untergang rasch ihre Bedeutung.

Jakob vergaß, seine Familie anzurufen. Er würde sie in den nächsten Tagen besuchen und ihren albernen Forderungen nachkommen. Das würde genug sein, dachte er, wenn er erst einmal mit seiner Arbeit fertig wäre. Lange würde es nicht mehr dauern. Er hatte so eine Ahnung, ein ganz unbestimmte, die er nicht erklären konnte. Schon den ganzen Tag war sie da gewesen, hatte sich die letzten Tage und Wochen über angekündigt: Die Gewissheit, das Geheimnis bald zu lüften. Daher hatte ihn auch wenig von dem berührt, was sie ihm vorgeworfen hatte. Jakob war durch den Tag geschwebt, wie auf Watte, immer zuversichtlich, dass seine wochenlange Tortur nicht umsonst gewesen wäre. Das Wochenende über, bis zum Montag, wäre er allein im Institut. Niemand würde ihn stören in den nächsten drei Tagen, er hatte alle Zeit der Welt, um die Spur zu finden, die ihn zum Geheimnis des toten Jungen führen würde. Und er würde sie finden. Er wusste es.

Er hatte diese Stimme im Kopf gehabt. Nein, besser gesagt: Dieses Echo. Er hatte wie stets in seinen struppigen Bart hinein gebrummt bei der Arbeit, hatte wie üblich Selbstgespräche geführt. Hatte mit sich geredet und mit Benedikt, als ob er ihn hören könnte.

Nur dass er heute Antwort erhalten hatte, das erste Mal nicht nur in seinen Träumen Gewissheit und Sicherheit erfuhr, sondern auch im Wachen. Ein Echo, ein ganz leises, in seinen Gedanken. Wie ein Tropfen in einer Höhle oder bloße Sohlen auf körniger Erde.

Ihm brannten die Augen und lange schon starrte er nur noch auf die Seiten seiner Bücher, ohne sie wirklich zu lesen. Oder er starrte auf die Decke seines Büros, wechselte unruhig die Haltung, blickte dann den Schreibtisch oder die Tür an, neben der sich die Unterlagen stapelten. Das Licht in seinem Büro hielt ihn wach, aber nicht konzentriert.

Stück für Stück bemerkte er, wie er in einen ungesunden Schlaf absackte. In einen mühsamen, auf dem er wieder und wieder aufschreckte.

In den anderen Nächten war er vor Müdigkeit zur Seite gefallen, auf seine Unterlagen. Dass es eine unbequeme und harte Couch voller Unterlagen war, war ihm gleichgültig gewesen. Die Erschöpfung hatte Schlaf von ihm gefordert und er war mit Freude gefolgt. Denn dort, in seinem Schlaf, in seinen Träumen, harrte stets und ständig schon Benedikt. Ein Fragment seines Unterbewusstseins, das im Schlaf noch mit ihm die Dinge durch dachte, die Jakob beschäftigten.

Dieser Schlaf hier war anders, er fühlte es.

Schreckensstarr lag Jakob da, sah zur Tür. Sein Kopf war schwer, seine Gedanken und sein Geist lasteten auf ihm. Er war unfähig, sich auf etwas zu konzentrieren, selbst auf seinen Schlaf.

Seine Träume waren zerrissen, flüchtig und flatterhaft. Er erinnerte sich an Fetzen, wenn er aufschreckte und in die Dunkelheit starrte. Hatte er das Licht gelöscht? Er musste es wohl, denn es war dunkel im Zimmer, nicht einmal der Mond schien durch das schmale Oberlicht und nur ein dünner Rest von Tageslicht erlaubte ihm zu sehen.

Jakob schauderte, warf sich mühsam umher. Seine Träume und sein Schlaf zerfielen ihm unter den Händen, undeutlich und ungeformt. Wie Embryonen. In seinem Traumbrocken begegnete ihm Benedikt nur für einige Augenblicke, nur für mühsame, undeutliche Sätze, die ihn beunruhigten.

Er erinnerte sich an Küsse, an zärtliche Berührungen, die sich verflüchtigten, sobald er zu lange aus seinem Schlaf erwachte. An den Schmerz in seinem Nacken, als er sich streckte und verzerrte. An das Blut an seiner Hand, als er nach seiner Schulter griff.

Etwas hatte ihn aus dem Schlaf gerissen, etwas undeutliches, unerkanntes, das in der Gestalt des Bekannten ereilt hatte. Ein unbestimmbares Rasen seines Herzens, wie ein letzter, verzweifelter Schrei. Ein Aufbäumen gegen die Last seines Lebens, mit dem es ihn in Schweiß und Kälte gebadet hatte. Eine Weigerung, so zu Grunde zu gehen, kampflos im Schlaf zu verrecken, sein Leben für einen Leichnam auszubluten.

Seine geröteten Augen starrten in die Dunkelheit. Die Nacht warf Schatten an seine Wände, vor denen er sich fürchtete, ohne ihnen eine Form oder seiner Angst einen Namen geben zu können.

Am anderen Ende des Zimmers, zwischen den Kisten und Unterlagen die Schatten, die ihn an Benedikt erinnerten.

 

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