Entzündung – Teil II: Von Toten Träumen

Girolamo Segato. Es roch nach Angst, wie über den Mann geschwiegen wurde. Nach dem ehrfürchtigen Gefühl der Minderwertigkeit, das alle Schüler den Meistern gegenüber empfanden. Von den Professoren war kein Wort darüber zu hören gewesen, nicht einmal der Verachtung.

Jakob hatte von ihm im Studium erfahren. Das heißt während des Studiums, wie nebenher. Eine jener Schauergeschichten, die unter Studenten gerne umgingen, selbst unter denen der echten Wissenschaft. Der Kommilitone Aschebach hatte sich den Spaß erlaubt, sie damit im anatomischen Theater zu unterhalten bei einer seiner „Zusammenkünfte“ – jenen konspirativen Treffen einer kleinen Clique von Medizinern, die sich nachts im Anatomietheater einfanden, um der Reihe nach Schauergeschichten zu erzählen. Eine amüsante und meist harmlose Aktivität, die Jakob sehr lieb gewonnen hatte, allen lächerlichen Kostümen und Ritualen zum Trotz.

Segato war Italiener gewesen, vor knapp zweihundert Jahren, und ohne rechte Bedeutung. Ein Wissenschaftler und Kartograph jener Zeit, ausgebildet in diversen Kleinstädten am Golf von Venedig – keine überragende Begabung, keine berüchtigten Lehrer. Bis er von einer Expedition nach Ägypten zurück kehrte und – das ist alles, was man weiß – Wunder vollbrachte. Zauber der grauenhaftesten und betörendsten Art. Ihm war es gelungen, den Verwesungsprozess aufzuhalten, die unversehrte Schönheit des Lebens über den Tod hinaus zu retten. Gott zu spielen, flüsterte man.
Als er mit vierundvierzig Jahren starb, einsam und verstoßen in Florenz, war er Gerüchten zufolge dabei gewesen, das Geheimnis des Steins der Weisen zu lüften; seine unheiligen Künste auf die Lebenden anzuwenden und die Vergänglichkeit des menschlichen Leibes in Stein zu verwandeln.

Interesse hatte Jakob durchaus an dem Mann, aus rein akademischer Sicht natürlich. Unabhängig von dem Aberglauben über schwarze Magie aus dem Morgenland hatte er erfolgreich einige der schwierigsten Prozesse des Körpers gemeistert, hatte Biochemie beherrscht, noch ehe Bakterien gefunden worden waren, noch ehe Moleküle oder komplexe Wechselstoffbeziehungen erdacht, geschweige denn erforscht worden waren. Prozesse, die die moderne Medizin und Biochemie noch immer nicht vollständig geklärt hatte.

Das heißt, bis heute.
Denn Jakob war nicht nur überzeugt, dass dieser seltsame Fund, den er vor einigen Tagen gemacht hatte, ein verschollenes Präparat von Girolamo Segato, der Medusa von Florenz, war – sondern auch, dass sie das besterhaltene und großartigste von allen war. Segatos Sohn womöglich oder ein Vertrauter, den er aus Liebe für die Ewigkeit erhalten hatte.

Jakob war sicher, dass eine ordentliche Untersuchung endlich herausfinden könnte, wie der Versteinerungsprozess ausgesehen hatte.
Bei diesem Objekt war der Prozess offensichtlich bis zur Vollendung durchgeführt. Restspuren der Chemikalien waren nach all der Zeit zwar unwahrscheinlich, aber nicht ausgeschlossen. Nein, in der Hauptsache stützte Jakob sich auf die schlichte Tatsache, dass es sich bei diesem Exemplar um das einzige vollständige Präparat handelte. In mehr als einer Hinsicht war das Stück perfekt.
In seinen Gedanken und Selbstgesprächen hatte Jakob begonnen, ihm – dem Jungen, dem Leichnam in der Kiste – den Namen Benedikt zuzuweisen. Zu dieser Benennung war Jakob gezwungen worden, nachdem er in seinem Kopf nach einigen Tagen nicht länger vom ¨Ding in der Kiste¨ sprechen konnte, ohne sich wie ein Totenschänder anzuhören. Zudem vermenschlichte er damit den Leichnam und hoffte – ein Aberglaube, aber ein verzeihlicher – ihm damit näher zu kommen.

Benedikt war also der Name gewesen, nach jenem seligen Mann der Familie Ricasoli, der dreihundert Jahre nach seinem Tode noch frisch und unverwest aufgefunden worden war. Wie dieses Exemplar hier – wenngleich es bei diesem Benedikt sich um ein wissenschaftliches, nicht um ein göttliches Wunder handelte.

Boris sah die Sache völlig anders.
Anfangs noch neugierig, ob dieses neue Fundstück womöglich noch mehr Aufmerksamkeit auf seine Ausstellung lenken könnte – ein Leichnam, vollständig von schwarzer Magie erhalten, ein Rätsel für die modernste Wissenschaft? Phantastisch! – hatte sein Interesse schnell ein Ende gefunden.

Er fand das Stück und seine Geschichte ‚zu akademisch‘. War das zu glauben? Zu akademisch! Ein vollständig und perfekt erhaltenes Objekt der Medusa von Florenz, unbekannt bis letzte Woche, makellos, lebensecht und Boris Schalk fand es, in einfacheren Worten, zu langweilig.
Ihm fehlte das Groteske, das abstoßend Unheimliche daran.

¨Für Geschichte¨, sagte Boris, ¨ist das Alte Museum zuständig, für hübsche Leichen die Körperwelt. Wir, lieber Jakob, verdienen unser Geld mit dem Makabren. Mit der dünnen Grenze zwischen Mensch und Dämon, mit abartigen Taxidermien, mit eingelegten Embryonen, mit künstlich am Leben erhaltenen und beatmeten Köpfen ohne Körper. Mit den Schrecken der modernen und halbmodernen Wissenschaft.¨

Und das war das gewesen. An der Sache mit der ägyptischen Magie war er schwach interessiert gewesen, aber nicht an Benedikt selbst und auch nicht an diesem Anatom Segato. Er empfahl Jakob, mit Florenz in Kontakt zu treten und das Stück gegen ein anderes einzutauschen. Eine echte Medusa am besten oder wenigstens eine dieser Schimären, die irgendein britischer Pfuscher aus Affen und Fischkadavern zusammen genäht hatte.

Den Teufel würde Jakob tun!

Hier vor ihm, direkt unter seiner Nase, in jener unscheinbaren Kiste, der er Stunde um Stunde das Geheimnis ihrer Herkunft zu entreißen versuchte, lag eines der größten medizinischen Geheimnisse der letzten Jahrhunderte. Zum greifen nahe, berührbar nahe, war der Beweis, dass es noch immer weiße Flecken auf der Landkarte der Wissenschaft gab. Es gab noch immer Dinge zu entdecken, Dinge wie den geheimnisvollen Leichnam. Weiter nichts war zu tun, als seine Herkunft einwandfrei zu klären wäre echter Anerkennung würdig.

Aus dem Anatomischen Institut in Florenz war es kaum entwendet worden, denn ein Diebstahl dieser Art machte seine Runden. Jakob hätte wohl davon gehört, auf die ein oder andere Weise. Aschebach hätte es durchaus als Gelegenheit für eines seiner Schauerspiele genutzt oder Professor Wurm die Degeneration und Respektlosigkeit der Jugend beklagt.

Wo also war es hergekommen? Im Museum selbst gab es keine Aufzeichnungen bisher, jedenfalls keine leicht zugänglichen. Das elektronische Verzeichnis – unzulänglich, wie es war, hatte es doch zumindest die wichtigsten Exemplare aufgeführt – war keine Hilfe. Die älteren, handschriftlichen Inventare listeten Benedikt ebenfalls nicht und Jakobs Vorgänger stand für Rückfragen nicht zur Verfügung. Das heißt er wäre wohl ansprechbar gewesen, wenn Jakob den Drang verspürt hätte, sich das halb wirre Gebrabbel und ein Dutzend Anekdoten eines greisen Wissenschaftlers anzuhören. Der alte Doktor von Falkenrath war an guten Tagen zu nichts zu gebrauchen, an schlechten war er gar nicht anzusprechen und vertiefte sich in seinem Anwesen in seine Wahnvorstellungen.

Jakob arbeitete daher oft bis spät in die Nacht hinein und wälzte selbst alte Inventurlisten, Verzeichnisse und mottenzerfressene Kataloge. Boris‘ elende Ausstellung nahm einen guten Teil seiner eigentlichen Arbeitszeit in Anspruch und er konnte, durfte, sie nicht einfach beiseite schieben.

Boris war misstrauisch deswegen. Noch war er nicht offen ablehnend, noch hatte er ihm seine privaten Studien nicht verboten. Aber es füllte ihn wohl mit Unbehagen. Jakob bemerkte seine Blicke, wenn er mit Boris sprach. Er bemerkte, wie der Mann ihn aus den Augenwinkeln anblickte, mit einem Hauch von Ekel um den Mund. Als ob schmutzig wäre, was Jakob tat. Als ob seine akademische Neugier und Forschergeist pervers wären – bloß, weil das Präparat zufällig ein Knabe war. Als ob seine Intimität mit Benedikt ihn verstörte.

So betrieb Jakob das bloße Minimum an Arbeit für die makaber-groteske Blasphemie, die sein Vorgesetzter geplant hatte, und machte eine Menge unbezahlter Überstunden für seine private Forschung.

Zugegeben: Das störte ihn nur bedingt.

Ab dem späten Nachmittag war das Museum weitgehend leer, leerer noch als sonst, und er hatte eine himmlische Ruhe in seinem Büro und dem Archiv, wo er in aller Ruhe Bruchstücken von Informationen hinterher jagen konnte. Nicht, dass es viele gab. Aber Jakob war geduldig. Diese Sache hier war eine Erfahrung, die er noch nie gemacht hatte, eine Besessenheit, die er weder in der Liebe noch in der Leidenschaft je kennen gelernt hatte. Es war ein Rausch, wie er ihn selten zuvor erlebt hatte: Die völlige Hingabe an eine Sache, einen notwendigen Aspekt seines Lebens, der alles verdrängte.

Sie war allumfassend, insofern sie ihn ganz verschlang. Es gab keinen Gedanken mehr in seinem Kopf, der sich nicht um Benedikt drehte, kein Gespräch – nicht mit Laien oder Fachleuten, die eigentlich wegen einer völlig anderen Sache befragt werden sollten – das nicht auf ihn kam irgendwann.
Er brannte für den jungen Benedikt, der reglos im düstersten Teil des Archivs hockte, sorgsam vor jedem neugierigen Blick außer Jakobs selbst verborgen. Ohne es zu merken, war Jakob ihm verfallen. Oder besser gesagt: Es war ihm nicht gelungen, sich von dem ersten Eindruck der Schönheit und Unvergänglichkeit des Knaben zu lösen.

Ein Umstand, der seinen wenigen sozialen Kontakten wenig verborgen geblieben war. Zu seinem Leidwesen. Auch sie hatten immer öfter diese Blicke in letzter Zeit. Diese Seitenblicke, wenn er zu schwärmen begann von dem Jungen in seiner Kiste, von der morbiden Neugier, von den Schwierigkeiten. Ihre Versuche, das Thema auf etwas triviales zu lenken – ihre Familie, Freunde, weiß Gott was für andere Langweiligkeiten – ödeten ihn dagegen an.

Bis er sich langsam aber sicher von ihnen zurück zog. Er versank er in seiner Suche nach den Ursprüngen dieses Knaben, entschlossen, sich erst mit eindeutigen Ergebnissen wieder ans Licht zu wagen. Mit einem Erfolg, der die Medizin revolutionieren würde.

Unverstanden und vergessen von allen, bis auf einer einzelnen Person, die ihn nicht so sehr langweilte als viel mehr in dieser Jagd nach Geheimnissen störte.

¨Jacques¨, sagte Sarah ein Mal streng und riss ihn aus seinen Gedanken. Jakob zuckte zusammen, wie als kleiner Junge, wenn sie ihn dabei erwischt hatte, wie er Frösche quälte oder Fische oder Ameisen. Wenn sie ihn im Innenhof in irgendeinem Gebüsch gefunden hatte, beschmiert mit Erde und Eingeweiden kleiner Tierchen, wie er seiner Neugier nachging.

Er hasste diesen Namen. Sie benutzte ihn ausschließlich, um ihn zurechtzuweisen.

¨Jacques¨, wiederholte sie. ¨Sieh dich mal um.¨
Mit müdem Blick sah Jakob von seinem Papier auf und ließ sich aus seiner Suche reißen.

Die eine Wand seines Büros war voll gestellt mit Kisten voller Kataloge, der Tisch war übersäht mit Notizen und einigen Stapeln an Korrespondenz. Da waren die Listen aus Florenz, die offiziellen und die inoffiziellen, die alten Unterlagen über die Erbmasse und das Testament von Segato, außerdem einige aus Mailand und aus Prag, wo ein Teil der Stücke hin gelangt war im Lauf der letzten zweihundert Jahre. Die Couch war ein Chaos von alten Klamotten, seinem Mantel und einer schmuddeligen Decke.

¨Es ist etwas unordentlich, ja, meine Güte…ich habe wichtige Arbeit zu tun und gewisse Leute halten mich von der Arbeit ab¨, brummte er.

Sie blickte ihn mit diesem Blick an. Nicht wie die anderen von der Seite, ihn verstohlen verurteilend. Sarah kritisierte ihn immer offen, gerade heraus. Einer der wenigen Gründe, warum er sie in seinem Büro duldete. Sie versteckte ihre Meinung nicht hinter seinem Rücken.

„Das ist absurd“, sagte sie, „selbst für deine Verhältnisse. Du bist kein Jugendlicher mehr und es ist unanständig, wie einer zu leben. Hast du dich wieder verguckt? Dein ganzes Leben weggeworfen für irgendein hübsches Flittchen mit einem kurzen Rock und blonden Haaren, das du beeindrucken willst?“

Jakob verzog das Gesicht. Er lehnte sich in seinem Arbeitssessel zurück, blinzelte die Müdigkeit aus seinen Augen.

„Nein. Ich werfe mein Leben nicht weg, das hier ist mein Leben. Nicht so glamourös, wie du es dir vorstellst, nicht so edel, wie Mutter es sich wünscht. Aber das hier ist mein Leben. Ich gehe meinen eigenen Gelüsten und Trieben nach, ohne mich dafür vor Mutter oder Vater rechtfertigen oder verstecken zu müssen.“

Bitternis war in seine Stimme gekrochen, als er weiter gesprochen hatte. Ein Widerwillen, der ihn überkam, sobald er sich von seiner Arbeit, von Benedikt, abwendete. Er hatte immer schon zu einem gewissen Hedonismus geneigt. War immer schon schnell in den Dingen versunken, die ihn interessierten – gleichgültig, wie unverständlich das für seine verstockten Eltern und alle anderen gewesen war.

Sarah ließ die Plastiktüte in ihrer Hand auf seinen Schreibtisch fallen. Sein Mittagessen, das sie ihm vorbei gebracht hatte. Wie schon einige Male in den letzten Tagen, die er sich mehr und mehr zurück gezogen hatte.

„Jacques, selbst für deine Verhältnisse ist das hier nicht normal.“

Sie warf sich in den Stuhl ihm gegenüber, die Bücher, die darauf gelegen hatten, im Schoß. Ihre Lippen bewegten sich, als sie stumm die Buchtitel entzifferte: „Borellus. Die essentiellen Salze und wie sie zu beschwören seyen. Von Löwenstern. Von flüchtigen und fixen Salzen.“

Jakob griff nach seiner Kaffeetasse, nahm einen Schluck und schüttelte sich. Der Kaffee war kalt, schon einige Zeit.

„Ich arbeite“, wiederholte er, jedes Wort betonend, „an einer bedeutenden Sache.“

Seine Schwester rümpfte die Nase, hielt mit spitzen Fingern eine Photographie in die Höhe, die sie zwischen Borells Abhandlung hervor gepflückt hatte.

Es zeigte ein Unikat aus Florenz, ein späteres Stück von Segato, das wundervoll erhalten war. Eine Frau, rund, schön, wohlgeformt. Zartrosa Farbe, die lebendig war und das Fleisch echt und schrecklich wundervoll. Ihr Busen war im Fokus, elegant geschwungen,zart. Man hätte die Hand ausstrecken und sie liebkosen wollen – wäre es nicht bloß ihr Brustkorb gewesen, der aus ihrem verwesenden Leib heraus geschnitten und konserviert worden war.

„Sie ist ekelhaft“, sagte Sarah und warf ihm die Bücher und das Foto auf seinen Schreibtisch.

„Außerdem ist es greulich anzuschauen. Alles hier. Auch wie du lebst.“

Mit einer Bewegung deutete sie auf das Chaos auf seinem Schreibtisch. Mit einer wischenden, angewiderten Bewegung, die das alles von sich schieben wollte.

„Wie ein Ghoul“, flüsterte sie.

Jakob starrte auf die Fotographie.

Die unbekannte Dame war ein spätes Präparat des italienischen Anatoms gewesen. Von einer makellosen Eleganz, gewissermaßen filigran, noch mit den Musterungen des Lebens versehen, wohingegen die früheren Stücke krude und kindlich wirkten. Wie ganz gewöhnliche Mumien.

Hatte Segato selbst sich so gefühlt? Unverstanden und verstoßen? Die abergläubische Bevölkerung von Florenz hatte ihn als Hexer gebrandmarkt und vertrieben. Er war gezwungen, sämtliche seiner Aufzeichnungen, Apparaturen und Tinkturen zu vernichten, in einer Feuersbrunst aufgehen zu lassen.

Der Vertraute, der ursprünglich auf Segatos Totenbett die Geheimnisse empfangen sollte, starb früh und unter mysteriösen Umständen.

 

¨Was ich tue, ist wichtig“, sagte er. „Du verstehst das nicht.“
¨Versuch, es mir zu erklären¨, bat sie, mühsam beherrscht.
¨Ich habe eine der wichtigsten Entdeckungen dieses Jahrhunderts vor mir.¨
¨Oh?¨, fragte sie, die Brauen spöttisch hochgezogen. ¨Was ist es? Ein Heilmittel gegen Krebs? Aids? Der Stein der Weisen?¨
Jakob legte die Arme auf den Tisch vor sich, bemühte sich um Haltung. Er hob die Nase und versuchte es mit einem stolzen Blick, der ihm aber nicht halb so gut wie Sarah gelang.
¨Das unschätzbar wertvolle und einzigartige Präparat eines künstlich mineralisierten Kadavers, der das letzte und besterhaltenste…¨

¨Eine Leiche?!¨, Sarah warf den Kopf in den Nacken und lachte. Ein hohes, affektiertes Lachen, das mehr als Untermalung ihres Spottes denn als echte Emotion gedacht war. ¨Junge, hast du beschissene Prioritäten. Tote haben Zeit. Kümmer dich nach deiner Mutter drum.“

Jakob sah sie an, als hätte sie ihm eine Ohrfeige verpasst.

„Die modernsten, kompliziertesten Verfahren der Konservierung“, sagte er, „die Flüssigplastinationen, mit der dieser Hagen so viele Hallen füllt derzeit und Aufsehen erregt, sind barbarisch im Vergleich mit dem hier. Abbilder, billige Imitate der echten Körper. Ich bin hier an Geheimnissen dran, die seit zweihundert Jahren kein Mensch begriffen hat.“

„Wir machen uns Sorgen um dich, Jakob. Du meldest dich nicht, du kommst nicht mehr vorbei, du reagierst nicht auf Anrufe. Wir glauben, dir ist irgendetwas passiert…und du wirfst dich weg, weil du dich in eine verdammte Leiche verknallt hast?“

„Das ist es nicht! Ich meine, ja, auch, das ist es auch, vielleicht, aber eben nicht nur. Der Mann ist eine mystische Gestalt für die Medizin. Der Verantwortliche, meine ich, Segato. Wird überall nur die Medusa von Florenz genannt, selbst auf seinem Grabstein in der Santa Croce steht er unter diesem Namen. Willst du den Grund wissen? Weil er Menschen in Stein verwandelt hat, mineralisiert. Lebende, echte Menschen in Stein verwandelt.

Ich dachte, du müsstest das verstehen. Du müsstest es doch wissen. Ich erinnere mich an diese Geschichte, die wir einmal gelesen haben, als wir Kinder waren. Die von dem gelben König“

„Nicht“, stieß Sarah hervor. „Nicht, ich kenne dieses verdammte Buch nicht.“

„Du kennst es. Du kennst auch die Geschichten, die man davon erzählt. Erinnerst du dich an diesen Yvain, diesen verrückten Bildhauer, der die Moiren in Marmor schuf? Aus dem Fleisch und Leib seiner Geliebten?“

Jakob tippte mit der Fingerspitze auf die Bücher vor sich, auf die Kopien von Folianten des achtzehnten und siebzehnten Jahrhunderts, die alchemistischen Abhandlungen und Theorien.

„Nur dass das hier nicht die Einbildungen eines opiumsüchtigen Amerikaners des vorletzten Jahrhunderts sind, sondern die Wirklichkeit.

Ich weiß doch, dass ich mich vernachlässige, dass ich weniger esse. Ich bin doch nicht blind für die Rückenschmerzen und den schlechten Schlaf und dass ich einen Bart bekomme, weil ich seit Wochen kein Badezimmer mit Spiegel gesehen habe. Ich bin dankbar, dass du dich um mich kümmerst, Sarah, glaube mir. Auch Aschebach, dass er noch immer nach mir fragt, mich bei jedem Treffen der Gesellschaft aufs Neue fragt. Aber er versteht es. Er versteht, dass ich ein paar unserer Treffen verpasse, weil das hier wichtig ist.

Das hier ist das Material aus dem Nobelpreise gemacht werden. Die Petrifikation, die Versteinerung des menschlichen Leibes, seine Entfernung aus dem vergänglichen Reich des Organischen.

Wieso kannst du es nicht verstehen?“

Er würde Zeit genug haben, sich zu pflegen und präsentabel zu machen, wenn er dieses Geheimnis gelüftet hatte, sagte er sich. Wenn er erst die Feder in der Hand hielt, um seinen Namen in die Geschichtsbücher einzuschreiben. Bis dahin gab es genug Arbeit zu verrichten.

 

Sarah verstand es nicht. Sie hatte es noch nie verstanden. Ihre Leidenschaften waren – fand er – oberflächlich. Sie liebte die Vorstellung, eine Künstlerin zu sein, aber nicht die Kunst. Was sie Besessenheit nannte, waren kurze, hitzige Affairen, die sie selten länger als zwei Tage in ihrem Griff hielten und von einer Mode in die nächste trieben, ohne tieferen Eindruck zu hinterlassen.

Sie hatte sich noch eine Weile dagegen gewehrt, hatte ihn mit ihren Sorgen und Bitten überschüttet, während er gegessen hatte. Sie hatte darauf bestanden, dass er mit irgendjemandem sprach, um nicht völlig zu vereinsamen. Wenigstens mit seinen Freunden, wenn schon nicht mit seiner Familie.

Jakob hatte ihr zumindest diese Bitte gewährt.

„Benedikt ist ein grandioser Zuhörer“, hatte er mit einem diebischen Lächeln gesagt, als sie gegangen war.

Und es stimmte. In den langen, einsamen Stunden der nächlichen Recherche, wenn Jakob Katalog um Katalog wälzte, Zeitungsartikel nachverfolgte, Briefe und Mails nach Florenz, Montecassino, Pisa, Livorno, Istanbul, Kairo und ein Dutzend anderer Orte schrieb – in diesen einsamen Stunden redete er mit Benedikt mindestens so sehr, wie mit sich selbst. Er merkte kaum, wie seine Gedanken, in denen er über Boris und seinen unnütz verbrauchten Tag schimpfte, aus seinem Mund schlüpften. Wie alles, was er tat und dachte, Benedikt erzählte, ganz als wäre dieser ein Teil seines Lebens.

Er hatte schon früher Selbstgespräche geführt, in dieser Hinsicht war das also verzeihlich. Ganz gewöhnlich fand er das vielleicht nicht, aber die Eigenart half ihm beim Denken, half halb geformte Gefühle auszustaffieren und ihnen eine Richtung zu geben. Neu war nun lediglich, dass jener Gegenpart, mit dem er sich in seinem Kopf oder auch wenn er alleine war unterhielt, nicht mehr auch von Jakob selbst ausgefüllt wurde.

Benedikt war mit der Zeit an diese Stelle seines Unterbewusstseins getreten.
Wo er vorher stumm seine Gedanken gegen sich selbst gespielt und lediglich in der Leere seines Kopfes Listen und Anweisungen an sich selbst gegeben oder gewisse Aufgaben, die zu erledigen waren, wiederholt hatte – da gab es jetzt das warme und willkommene Gefühl einer zweiten Partei. Jemand, an den er seine nur unklaren Gedanken richten konnte. Das war ein gutes Stück besser, als mit sich selbst zu reden, fand er.
Benedikt war eben ein großartiger Zuhörer.

Seine Träume…ja, selbst seine Träume waren erfüllt von dem schrecklich wundervollen Ding in der Kiste, das seine Gedanken nie verließ. Das ihn noch verfolgte, wenn er für einige Stunden von seiner Seite wich, um einen unruhigen Schlaf in seinem Büro zu suchen. Oft, wenn der Tag einfach zu lang gewesen und die Arbeit zu wichtig war, dann schlief er dort auf seiner Couch, eingehüllt in seinen Mantel und sich unruhig hin und her wälzend.
Seine Träume waren die einzigen Augenblicke, in denen Benedikt ihm antwortete, in denen er etwas von sich preis zu geben schien.
Trotzdem fühlte Jakob sich verhöhnt. Noch in seinen Träumen blieb Benedikt stumm. Seine schöne Gestalt setzte sich oft nur neben ihn auf das Sofa, streichelte ihm durch das Haar, hörte seine Theorien und Sorgen und nickte verständig oder schüttelte den Kopf mit einem stummen Lächeln.

Nächtelang kam der Junge in seinen Träumen. Jakobs Gewissheit wuchs mit jeder Wiederkehr des immer sehr ähnlichen Traumes.

Benedikt war das Meisterwerk von Girolamo Segato, der Medusa von Florenz, und der Schlüssel zu seinem ganzen Werk. Zu Geheimnissen der Medizin, die selbst von den aufgeklärtesten Geistern als Hexerei verschrien wurden.

Irgendwann gab Benedikt selbst ihm Recht. Zwei Wochen, nachdem jene unsägliche Kiste von ihm gefunden worden war, sprach er endlich zu ihm.
Seine Stimme überraschte den Anatom. Er hätte mit einer klaren und hellen Knabenstimme gerechnet, seine war aber tief und erdig. Körnig, wie Grabeserde, rieb sie sich an den Gehörgängen. Der eine Satz, den Benedikt sprach, verstörte Jakob in dem Maße, in dem er ihn beflügelte:
¨Als ich lebte, kannte ich den Girolamo Segato und seine Geheimnisse, die schwarze Magie, mit der er den Tod aufhielt.¨

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