Elfenbein – Teil III: Ein unangenehmer Besuch

Auf diesen beinahe ungeheuerlichen und beinahe allen Beteiligten noch für lange Zeit unverständlichen Vorfall folgten einige Wochen von erdrückender Gewöhnlichkeit. Eine Zeit lang verfolgten sie noch die Ideen, die ihnen am Ende jener Nacht gekommen waren, und versuchten in ihren eigenen Laborarbeiten dem Rätsel auf die Spur zu kommen. Die Privatstunden bei ihrem Professor halfen ihnen dabei wenig. Es gab keinen Schall, keinen Rauch, keine Schmerzen und keinen düsteren Meister Josef. Nur den Professor von Falkenrath, der mit geübter Miene die gedanklichen Wunder vollbrachte, die die vier Studenten von ihm bereits gewohnt waren.

Es war ein Rätsel gewesen, das er ihnen aufgegeben hatte und das sich freilich nicht in einigen Stunden lösen ließ und sie so für Monate in Beschlag nahm. Karl versuchte über Wochen hinweg, dem Meister das Geheimnis zu entlocken. Immer wieder hatte er gestichelt, hatte Fragen gestellt, die durchaus hinterlistig und voller Fallen waren – aber umsonst.
Mit der Zeit war er offen provokant geworden. Um irgendeine Reaktion des Meisters hervorzurufen, hatte er vor ihnen allen an den Fähigkeiten des Meisters gezweifelt, hatte sie für Scharlatanerie erklärt und Augenwischerei. Nur um ihn auf irgendeine Weise aus der Façon zu bringen und dazu zu bewegen, sich zu einer Verteidigung seiner Thesen hinreißen zu lassen.

Aber nichts folgte daraus.

Der Meister trug sein überhebliches Schweigen wie einen Mantel, ließ seine Protegés sich den Kopf über das Geheimnis seiner Vorführung zerbrechen. Er demonstrierte nicht noch einmal seine Kräfte, sondern ließ sie experimentieren oder verteilte seltsamste Aufgaben.
Aufsätze über die mögliche Quelle einer Reihe von Versteinerungen im Berlin der Jahre zwischen den Kriegen sollten sie schreiben, weiters Träumereien über die Methoden des Girolamo Segato, der Medusa von Florenz, oder Abhandlungen über den Galvanismus.
Einmal nur deutete er an, von einem Pierre Borel sprechen zu wollen und etwas, dass dieser die „essentiellen Salze“ nannte – zog sich aber rasch von diesem Thema zurück, so als wolle er selbst nicht darüber reden. Als wäre allein die Erwähnung dieses Namens zu viel. In all der Zeit aber verlor er kein direktes Wort mehr über die Prima Materia, die gefunden zu haben er behauptete.

Sie alle waren überzeugt, dass es mit diesem Rätsel etwas auf sich haben musste, noch jenseits des Rätsels selbst. Dass die Lösung, die der Professor von ihnen zu erwarten schien, mit einer Belohnung einher gehen würde, die größer war als das bloße Wissen über des Rätsels Lösung. Eine Idee hatte sich bei Ihnen fest gesetzt, die nichts weniger besagte als dass dieses Rätsel ihre letzte Prüfung wäre. Die eigentlich abschließende Prüfung ihrer Studien bei Professor von Falkenrath.

Karl trieb es in den Wahnsinn. Während die anderen sich in Arbeit stürzten und weiter der Führung des Professors in ihren Studien folgten, verzweifelt auf der Suche nach irgendeinem übersehenen Hinweis, schien er daran zugrunde zu gehen. Wie von einem inneren Zwang getrieben rutschte er über die folgenden Monate in einen Abgrund des Denkens. Sein rechter Arm brannte alle neunundzwanzig Tage: Ein scharfer, reißender Schmerz, von seiner Handfläche bis hinunter zu seinem Ellenbogen, genau entlang der Wunden, die in jener Nacht so schnell verheilt waren. Der Schmerz spornte ihn an, erinnerte ihn daran, dass es keine Einbildung gewesen war.
Es war zu beobachten, wie er sich nach den Stunden mit dem Meister noch in der Nähe des Hauses herum trieb, wie er versuchte außerhalb der strikten Hierarchie des Instituts zu Ergebnissen oder wenigstens Hinweisen zu gelangen. Alles ohne nennenswerten Erfolg. Er fehlte während der regulären Stunden und blieb dem Alltag der Akademie immer häufiger fern.
Kamen seine Mitbewohner – und, wie er langsam zu glauben begann, seine Rivalen um die Gunst des Professors – des Abends nach in ihre gemeinsame Wohnung, so fanden sie ihn im Arbeitszimmer zwischen Büchern versunken. Zwischen dicken Folianten, in Leder eingebunden, die sich mit all dem befassten, wovon der Meister nur in jenen halben Absätzen zu flüstern wagte.

Während Schlüsselburg und Löwenstern darüber spotteten – wann hatte schließlich eine Literaturrecherche je ein naturwissenschaftliches Problem gelöst? Als nächstes würde er anfangen, in der Bibel nach Hinweisen zu suchen – war Georg Strauß beeindruckt und besorgt gleichermaßen. Er und die anderen zwei waren keineswegs faul, sondern schlugen sich die Abende in den Laboren des Instituts um die Ohren und versuchten mit jedem ihnen bekannten Trick die Ergebnisse des Professors zu wiederholen. Woche um Woche verbrachten sie bis spät in die Nacht hinein über ihren Petrischalen und Blutproben, die sie anreicherten, eindampften, potenzierten – alles ohne Resultate, die einer Erwähnung wert gewesen wären. Ihr Wissen und ihre vier Jahre chemisches und biologisches Studium versagten völlig. Und obwohl Karl sich ihren gemeinsamen Laborversuchen und selbst dem gemeinschaftlichen Leben im Dormitorium mehr und mehr entzog, schien er sich vollständig, mit Leib und Seele, diesem Rätsel hinzugeben.

Besorgt war Georg lediglich wegen der Wege, die Karl auf der Suche nach der Lösung einschlug.
Einmal hatte er ihm Abendessen bringen wollen, nachdem er wieder einmal nicht aus seinem Zimmer heraus gekommen war. Georg fand ihn am Schreibtisch, zusammen gesunken zwischen all dem Papier, den Federhalter noch in der Hand.
Vorsichtig hatte Georg einige der Bücher beiseite geschoben und den Teller auf einen freien Flecken Tisch abgestellt. Seine Neugier, mit der er die Buchtitel gelesen und die offenen Abhandlungen überflogen hatte, hatte sich rasch in Sorge verwandelt, vielleicht sogar Angst.
Er kannte nur wenige der Namen und Titel, hauptsächlich aus Andeutungen des Professors. Es waren Namen, die er aus seinen eigenen Studien nicht kannte, die in der Welt der vernünftigen Wissenschaft keine Rolle spielten, die vergessen, verboten worden waren: Ludwig Prinn. Friedrich von Junzt. Olaus Wormius und andre, die selbst in den dunkelsten Tiefen der Pseudowissenschaft nur geflüstert wurden.
Zu blutrünstig waren die Zeichnungen, zu geheimniskrämerisch die verborgenen Andeutungen der Autoren. Georg sah sie nur flüchtig, an diesem Abend überflog nur die Anmerkungen, die Karl auf seinem Notizblock gemacht hatte. Und er war bestürzt.
Es waren wirklich Abhandlungen über den Stein der Weisen, den sie alle noch vor wenigen Wochen zu Irrsinn erklärt hatten. Auszüge und Kommentare zum Buch der toten Namen, wie darin wohl magische und beinahe magische Rituale und Anleitungen enthalten wären, um aus der Seele selbst einen solchen Stein zu fertigen und mit ihm dämonische Wunder zu vollbringen.

Aschebach erklärte später nie, woher er diese Bände hatte, aus welcher scheußlichen Bibliothek er diese düsteren Bücher zog mit ihren Abbildungen, ihren Grausamkeiten und Ritualen, die in dünnster Tinte ihre Obszönitäten verkündeten. Aber es war nicht die naturwissenschaftliche Abteilung ihres Instituts, soviel war gewiss, und Georg wagte es nicht, zu fragen. Mehr und mehr zögerte er, seinem Mitbewohner und Kommilitonen auf seinen Wegen zu folgen. Sie entfernten sich voneinander, in ihren Studien und ihrem Leben, aus dem Karl sich mehr und mehr entfernte.
Immer weniger war er ein Teil der Studiengemeinschaft, die sich in den letzten Jahren im Dormitorium heraus gebildet hatte. Selbst bei den privaten Stunden des Professors war er schweigsam und mürrisch und schlug den gemeinsamen Heimweg aus, um noch ein paar kostbare Minuten auf Falkenrath lauern zu können.

Alles, was Georg als Hinweis auf sein seltsames Verhalten blieb, war ein kleiner Stempel am unteren Rand des Buchrückens gewesen. Ein Zeichen, das er für sich behielt und auch nicht mit den anderen teilte: Soavita.

Karl aber verlor sich in den Büchern, die er aus diesem Loch gezogen hatte, das wohl das Soavita sein musste. Er wühlte in all den Lügen und Geheimnissen nach dem Staubkörnchen Wahrheit, nach dem einen Puzzlestück, das ihm das Rätsel um seine eigene Wunderheilung lösen könnte.

Bis er es gefunden zu haben glaubte.
Bis eines Nachts – Monate, nachdem der Meister seine Fähigkeit demonstriert und sich wieder in Schweigen gehüllt hatte; Wochen, nachdem der Vorfall fast wieder in Vergessenheit geraten war über Prüfungen, über Vorlesungen, Aufsätzen, anatomischen Praktika, nachdem sie sich fast an das seltsame Verhalten Karls gewöhnt hatten – ihn die Erkenntnis traf.
Bis er Georg aus dem Schlaf rüttelte.

Karls Gesicht war rot, trotz des blassen Mondlichtes, das durch die Fenster fiel. Aufgequollen, als hätte er eine Weile nicht geschlafen. Als wären die wenigen Minuten unbequemen Schlafes auf dem Schreibtisch zusammen gesunken die einzigen gewesen, die er in Monaten bekommen hätte.
„Ich habe sein Rätsel gelöst“, sagte Karl, das Gesicht ganz nahe an seinem. Er lächelte breit und irgendwie fiebrig. Er war Georg unangenehm nahe, berührte beinahe sein Gesicht mit seiner Nase.
„Was? Rätsel? Lösung?“, fragte Georg, der sich schlaftrunken aufsetzte. Sie hatten Einzelzimmer, allesamt. Einzelne Zimmer für ihr Privatleben in der großen Altbauwohnung und teilten sich lediglich Arbeitszimmer, Küche und derlei Räume.
Karl war mitten in der Nacht eingedrungen, schien aber nichts ungewöhnliches daran zu finden. Oder seine Erkenntnis für wichtiger zu halten als Georgs Privatsphäre.

Karl nickte.
„Das Geheimnis des Meisters und seiner Urmaterie. Jedenfalls glaube ich das.“
Georg tastete nach seinem Nachttisch, kniff die Augen zusammen, als ihm die Uhrzeit ins Gesicht sprang.
„Es ist drei Uhr in der Nacht“, sagte er gequält. „Kann das nicht warten?“

Karl schnaubte verächtlich und rückte von Georg ab. Sein Geruch blieb noch zurück. Ein Geruch wie von… Leder und Staub, stellte Georg fest. Sein Mitbewohner entfernte sich von seinem Bett und durch das schmale Zimmer. Richtung Fenster, das er ohne zu fragen öffnete und sich hinaus lehnte. Die kalte Nachtluft umspülte ihn, floss an ihm vorbei ins Zimmer und trug mit sich den Geruch von Schweiß und Angst. Ein Geruch, der Georg erst jetzt auffiel.
„Nein“, sagte Karl, schüttelte den Kopf. „Nein, kann es nicht. Das hier ist eine überaus wichtige Angelegenheit. Sie könnte die Welt verändern, verstehst du? Sie könnte…Bei Gott, es ist vielleicht die wichtigste Entdeckung seit dem Penicillin. Wichtiger.“

Georg setzte sich auf, rieb sich die noch müden Augen.
„Warum erzählst du es dann mir?“, fragte er.
Karl drehte den Kopf kurz über die Schulter, betrachtete seinen unfreiwilligen Mitbewohner mit einem Ausdruck, so als sei seine Frage unsinnig und ihm überhaupt nicht in den Sinn gekommen. „Weil ich wissen muss, ob ich verrückt bin“, sagte Karl.
Georg starrte ihn einen Augenblick lang an.
„Was?“, fragte er.
„Es ist…Meine Erklärung für das, was der Professor tat, ist eine ganz und gar irrsinnige. Eine, die ich vor wenigen Wochen noch verlacht hätte, für unmöglich gehalten hätte, selbst als ich in die Tiefen des Geisteslebens vorgestoßen bin. Eine Erklärung, die alles, was ich je geglaubt habe, eine Lüge nennt oder wenigstens eine Täuschung. Was wiederum bedeutet, dass ich womöglich verrückt geworden bin… oder die Welt ist es.
Ich brauche jemanden, der von klarem Verstand ist und darüber urteilen kann, wer der Verrückte ist.“

Karl drehte sich nun vollständig zu Georg, lehnte sich an das Fensterbrett. Es lag keine Freude in seinem Witz, kein schelmischer Witz. Nicht einmal eine Wut, wie er sie vor einigen Wochen gezeigt hatte. Nur kalte, müde Berechnung, die die Möglichkeit seines eigenen Wahnsinns in Betracht zog wie eine volatile chemische Reaktion und Vorsichtsmaßnahmen dagegen traf.
„Das meinte ich nicht“, sagte Georg. Er schüttelte den Kopf. „Ich meinte: Warum erzählst du es mir und nicht einem der anderen??“
Karl zog sich auf das Fensterbrett und holte eine gelbliche, zerknautsche Packung Zigaretten aus seiner Hosentasche. Er hatte zu rauchen angefangen, als einziger von ihnen, während der letzten Monate. Es beruhigte ihn, sagte er, half seinen Nerven und der Müdigkeit. Beschäftigte den Körper, den er mit seinen akademischen Abenteuern so sehr vernachlässigte.
Ungefragt zündete er sich eine an und sagte dann:
„Du bist nicht eifersüchtig auf mich, wie Strauß es tut. Jaja, ich weiß, er ist nicht eifersüchtig, er ist ein arroganter Mistkerl, dessen Überlegenheitskomplex von mir herausgefordert wird und das verträgt er nicht, meinetwegen. Löwenstern neigt er zu Esoterik und diesem ganzen Schwachsinn mit seinem ständigen Eskapismus.“
Karl schnaubte wieder, pustete dabei den Rauch durch seine Nase. Ein langer, anhaltender Strom.
„Nein, du musst mein Verstand sein heute Nacht“, sagte er, „und kein anderer.“
„Und wenn ich nicht will?“
„Werden wir nie erfahren, ob das Elixier der Unsterblichkeit nicht doch nur die Phantasie eines greisen Exzentrikers ist.¨

Georg biss sich auf die Unterlippe. Noch immer starrte er, ohne sich so Recht einen Reim auf diese Angelegenheit machen zu können, zum Fenster, und sah Karl beim rauchen zu. Schließlich, nachdem er wohl eine Weile überlegt hatte, seufzte er.
„Wie stellst du dir die Sache vor?“, fragte er.
„Vertraust du mir?“
„Nein.“
„Gut“, sagte Karl und lächelte wieder dieses melancholische Lächeln, das seine eigene Irrsinnigkeit für genau so möglich hielt, wie seine eigene Genialität.
Georg runzelte die Stirn. Etwas an Karl faszinierte ihn in diesem Augenblick. Etwas an der Art, wie er sich benahm, wie er größere Geheimnisse andeutete, ohne sie beim Namen zu nennen. Die gleiche, unerträgliche Art des Meisters – mit der dieser ihn noch jedes Mal in seinen Bann zog.

„Lass mich erzählen, was ich gefunden habe. Du musst nur zuhören und prüfen, ob ich an irgendeiner Stelle etwas erzähle, das… Nun, nicht unwahrscheinlich scheint, denn alle diese Dinge sind ungeheuerlich, irrwitzig und eigentlich, bei Licht betrachtet, unmöglich. Dennoch ist jeder einzelne Schritt meiner Gedanken logisch gewesen und hat mich zu diesem Punkt geführt. Ich muss wissen, ob sie… nein, ob ich dir irre erscheine, wenn ich sie erzähle. Mehr verlange ich nicht.“

Für einen Moment zögerte Georg. Der junge Mann, der dort am Fenster stand, kaum dreiundzwanzigjährig, schien in diesem Augenblick besessen von irgendeiner Idee. Eine Gewissheit steckte in der lässigen Art, mit der er dort lungerte, und eine Überzeugung, die seinem sonderlichen Verhalten eine gewisse Berechtigung zu sprach – gleich viel, wie sehr Georg sich über diese späte Stunde wunderte.
Schließlich aber nickte er und bedeutete Karl, fortzufahren.

„Ich wusste nicht, ob die wilden Behauptungen des Meisters der Wahrheit entsprachen“, erklärte Karl. „Aber ich hatte zumindest gespürt, was wahr daran war. Dass es kein Trick war, wie du behauptet hattest, sondern tatsächlich…dass tatsächlich eine Kraft in dieser Flüssigkeit lag, die alle herkömmliche Medizin bei weitem übersteigt. Ich habe es damals gesagt, als wir uns darüber unterhalten haben: Was, wenn das Blut wirklich das Leben ist?“
Ich habe der Prima Materia, wie er es nannte, nachgeforscht. Selbst den alchemistischen Unsinn habe ich nicht außer Acht gelassen bei meinen Recherchen, obgleich natürlich vieles davon späteren Beobachtungen nicht stand gehalten hat. Wie du weißt, hat noch Newton selbst einige Experimente dieser Art durchgeführt, hat den lebenden Mineralien nachgespürt und ekstatisch seine Beobachtungen zum Arbor Saturnae festgehalten und von lebenden Steinen und beseelten Geisterbäumen berichtet.“

„Erst in der jüngeren Zeit wurde ich fündig. Eine beiläufige Erwähnung eines gewissen ‘Alchemysten und Chymiker Kunckel’, der hier, in dieser Stadt, in seiner Goldmacherhütte das rote Elixier herzustellen behauptete. Eine Behauptung, die kühn ist, sicher, so kühn wie die des Professors. Die durch die vielen Gerüchte des einfachen Volkes sicherlich übertrieben wurden – so wie die Gerüchte um diesen Segato und seine Versteinerungs- und Hexenkünste. Wir dürfen auch nicht vergessen, dass das noch etwas vor der Zeit der Aufklärung gewesen sein muss und in jedem Fall das Volk nur allzu bereit war, Schauergeschichten zu verbreiten.“

Schweigen senkte sich in dem Zimmer, das nur vom langsamen Abbrennen von Karls Zigarette erfüllt war.
„Laut der Gedenksteine, der Tafeln und aller Verzeichnisse starb der Mann, der sich Kunckel nannte, um 1703 herum. Jedenfalls ist dieses Datum auf den Grabstein auf der Pfaueninsel eingetrieben, an der Stelle wo früher sein Laboratorium gestanden haben muss.
Und trotzdem tauchen spätere Schriften auf, deren Verfasser er gewesen sein muss. Schriften unter falschen Namen, die seinem Duktus folgen, seinem Stil. Die seine Theorien aufgreifen, selbst die obskursten und arkanen Sätze von ihm heraus nehmen und seine Experimente bestätigen. Ich habe es selbst geprüft, Georg, ich habe all die Schritte, das ritualisierte Gefasel nachvollzogen und es ist unmöglich. Niemand kann diese Verfahren bestätigen, aber diese Bücher anonymer Verfasser behaupten es im gleichen Atemzug wie sie sein Werk loben.“

Georg zuckte mit den Schultern, ablehnend und wie immer mit raschen Erklärungen bei der Hand.
„Dann irrt sich die Datierung eben, dann hat er ein paar Jahrzehnte länger gelebt und versucht sich selbst seinen Platz in der Geschichtsschreibung zu sichern. Was ist dabei?“
„Ja, das hat er wohl. Länger als es möglich sein sollte. Diese Schriften erscheinen bis fast 1920 – und dann erst unter dem Namen eines gewissen Rudolf Falkenrath…“, sagte Karl.
Georg kniff die Augen zusammen, schüttelte den Kopf, als könne er die Worte aus seinem Geist ausschließen.
„Unmöglich“, sagte er.
„Nicht, wenn er die Prima Materia besitzt“, sagte Karl. „Nicht, wenn er wirklich die Unsterblichkeit erfunden hat.“

„Du irrst dich“, erklärte Georg, schüttelte abermals den Kopf. „Es ist unmöglich. Der Professor ist ein Mann, ein gewöhnlicher Mann, es gibt Aufzeichnungen über seine Geburt, wahrscheinlich seine Schulabschlüsse und weiß Gott was noch. Es ist unmöglich, diese Dinge heutzutage zu vertuschen.“

Karls Gesicht zeigte wieder die Spuren der Wut, die ihn vor einigen Wochen so entstellt und ihn unabsichtlich das Glas hatten zerschmettern lassen.
„Wer redet denn vom alten Falkenrath? Himmel, er ist eine Marionette, eine Puppe. Der Honig, mit dem der wahre Meister seine Fliegen fängt. Der Lockduft des Prestige und der Anerkennung an der Akademie, das wonach sich junge Kerle wie wir sehnen – nach Ruhm und Macht und Lob.
Wozu fragst du? Liegt das nicht auf der Hand, wozu?
So, wie der Alte die Materia hergestellt hat damals, mit einer Menge meines Blutes… machst du dir eine Vorstellung, wie viel Leben es fordert, einen Kelch davon zu erbringen? Wie viel Blut und Leben vergossen werden muss für kaum ein Jahrzehnt seines unheilvollen, perversen Lebens?“

„Du musst dich irren. Du kannst nicht Recht haben.“ Georg war schockiert und wie erstarrt. Er fühlte sich kalt, trotz der lauen Frühlingsnacht vor seinem Fenster fröstelte ihn und er zog die Decke fester um sich. „Du darfst nicht Recht haben“, sagte er und sprach aus, was Karl selbst wohl gedacht, als er ihn geweckt hatte.
„Und wenn es wahr ist? Wenn es doch wahr ist und diese Männer länger auf der Erde wandeln, als es Menschen möglich sein sollte?
Dann haben sie Dinge erreicht, die man uns unser ganzes Leben als unmöglich vorgebetet hat. Kannst du dir auch nur vorstellen, worüber diese Geister sich unterhalten mögen? Können wir uns in unseren kühnsten Träumen auch nur vorstellen, welche Fragen sie nach dreihundert Jahren noch beschäftigen mögen?“

Georg konnte es sich vorstellen. Georg konnte sich erträumen, was für dunkle Geheimnisse diese Männer wohl austauschen mochten. Wie von den Lippen dieses Kunckel die Weisheit dreier Jahrhunderte tropfte. Wie sich in seinem Herz das gestohlene Blut Hunderter sammelte, wie die Leben, die er ihnen gestohlen hatte, den Tod von ihm abhielten und ihm Geheimnisse der Welt zuflüsterten, die zu erforschen mehr als nur ein Leben lang dauern würde.
Er glaubte nicht an diese Prima Materia, diesen angeblichen Urstoff, in den der Meister Blut verwandeln zu können behauptete. Auch wenn er mit eigenen Augen gesehen hatte, wie sich eine klaffende Wunde an Karls Unterarm schloss. Auch wenn der Meister vor seinen Augen das frisch vergossene Blut Karls potenziert und in einen winzigen Tropfen von solcher Macht verwandelt hatte.
Georg konnte nicht daran glauben, durfte nicht.
„Du bist verrückt“, flüsterte er, „Du musst dich irren.“

Karl stieß sich von seinem Platz am Fenster ab. Mit raschen Schritten hatte er das Zimmer durchquert und war wieder bei Georg. In seiner Hand die noch qualmende Zigarette, die sich langsam in den Filter fraß.
Seine Kiefer pressten sich aufeinander, trieben die Sehnen in seinem dünnen Nacken hervor.
Er beherrschte sich, auf Armeslänge von Georg entfernt, der von diesem Ausbruch überrascht und verunsichert war, wie von der ganzen Scharade, die Karl hier aufführte.
Er starrte nur für einige Sekunden, die Hände zu Fäusten geballt. Ein Blick von Enttäuschung, von Verachtung. Von Scham, so viel Zeit und Worte an einen Tauben verschwendet zu haben.
Bis die heiße Glut seine Finger erreichte und sich in sein Fleisch brannte, bis der Schmerz ihn aus seiner Starre riss. Karl zuckte mit der Hand, ließ den rauchenden Stummel fallen.
Ohne ein weiteres Wort verschwand er im Dunkel des Flurs und ließ seinen Studienkollegen allein in dessen Zimmer zurück.

Georg hatte Angst nach jener Nacht.
Nicht so sehr um sich selbst, obwohl er die Tür hinter Karl Aschebach verschloss und bei angeschaltetem Licht auf den Morgen wartete. Obwohl die Anspannung erst von ihm wich, als Strauß und Löwenstern ihm beim Frühstück versicherten, es wäre für sie eine ganz gewöhnliche Nacht gewesen. In der Tat sei nicht die ganze Welt verrückt geworden, sondern höchstens Aschebach, der endgültig von seinen absurden Recherchen eingeholt worden war.

Karl aber blieb fort. Nicht in dieser Nacht und nicht in der folgenden.
Die anderen lachten zunächst und sagten sie hätten es ja immer schon gewusst: Für diesen doppelten Streß und den ständigen Druck zweier Studien gleichzeitig – und das bei ihrem anspruchsvollen und exzentrischen Professor selbst – war er einfach nicht gemacht. Es wäre das beste, wenn er aufgab. So behinderte er sie nicht mit seinen irrsinnigen Ideen und Tagträumen.

Nach vier Tagen wurden auch sie nervös. Georg sah es ihnen an. Trotz der Sticheleien und der abfälligen Bemerkungen, dass Karl wohl das Weite gesucht hatte, war dort Sorge in ihren Augen. Sie blieben wie er lange auf im Gemeinschaftsraum, fanden Ausreden, warum sie sich um Mitternacht noch nicht wie gewöhnlich zurückzogen, sondern mit verstohlenen Blicken auf die Uhr ausharrten und warteten.
Nach sechs Tagen…
Nach sechs Tagen war es Zeit für die nächste Sitzung und ihrer aller Anspannung erreichte ihren Höhepunkt.
Wer nicht zu den Sitzungen des Profesors erschien, wer seine Zeit verschwendete, der war raus. Mit dem wollte Von Falkenrath nichts mehr zu schaffen haben und der wurde von ihm zurück gestoßen in die Bedeutungslosigkeit der tausenden gewöhnlichen ‘Laborratten’ der Akademie. So wie es vor Karl schon Dutzenden Anderen der “Besten” ihres Jahresgangs ergangen war, mit denen sie vor Jahren noch das Labor geteilt hatten.

Georg zögerte seinen Aufbruch bis zum letztmöglichen Augenblick hinaus. Unruhig ging er in dem Gemeinschaftszimmer ihrer Wohnung auf und ab, in der vagen Hoffnung, Karl würde noch im letzten Moment durch die Türe stolpern. Betrunken vielleicht oder unter Drogen, seinen Fieberwahn mit irgendwelchen Substanzen erklärend, und Georg könne ihn dem Professor vor die Füße werfen, damit er um seinen Platz am Institut und großherrliche Milde betteln konnte.

Aber Karl blieb fort und Georg nichts anderes übrig, als sich alleine auf den Weg durch das Villenviertel zu begeben, wenn er nicht selbst noch hinausgeworfen werden wollte.
Er eilte sich, zum Anwesen des Professors zu kommen, mit seinem gusseisernen Zaun und dem gepflegten Garten.
Dennoch wagte es nicht gleich, hinein zu gehen. Wagte es nicht, das Haus zu betreten, und fürchtete sich, die Dämpfe einzuatmen, den stickigen Rauch in seine Lungen zu lassen und dem Mann unter die Augen zu treten, der womöglich, vielleicht, mit dem Bösen im Bunde war.
Ein absurder Gedanke, ein irrationaler Gedanke, rief er sich in Erinnerung und trat ein.

Sein Blick glitt langsam durch das Laboratorium des Meisters. Strauß und Löwenstern waren schon länger anwesend. Beide standen am Fenster, die Köpfe zusammen gesteckt. Sie unterhielten sich nicht, blickten sich nicht einmal an, sondern stierten in die Nacht hinaus, jeder ein Gefangener seiner eigenen Stimmung.

Meister Josef kam kurz darauf herein, wie gewohnt in seinem schwarzen Talar. Sein Blick war der eines Habichts, seine Miene hinterlistig und verborgen unter einem halbseidenen Lächeln.
Sie begannen ihren Unterricht, ohne dass Karl Aschebach noch aufgetaucht wäre. Ohne dass der Meister ein Wort über ihn verloren hatte. Stattdessen fuhr er wie gewohnt fort, ihnen die Fehler der letzten Woche aufzuzeigen und sie mit seinen rauchigen Worten auf ein weiteres Experiment vorzubereiten. Eines, dessen Kerntück erneut die Prima Materia sein sollte, jener dickflüssige, geheimnisvolle Stoff, in den er Blut umwandeln zu können behauptete.

Georg erschauderte, als der Meister die kleine Phiole aus seinem Ärmel holte und erneut mit diesem ehrfürchtigen Gesicht zeigte. Mit diesem Blick der Lust und des Fiebers, als trüge er etwas heiliges zwischen seinen Fingerspitzen.
“Das Blut ist das Leben”, flüsterte der Meister erneut.
Und Georg wusste nun woher das Blut kam.

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