Elfenbein – Teil II: Ein zerrissenes Gespräch

Die frische Abendluft hatte den Bann gebrochen, den „Meister Josef“ über sie gelegt hatte. Mit dem ersten Schritt in den Abend hinein und aus dem privaten Laboratorium des Professors hinaus hatten sich ihre Köpfe geklärt. Stück für Stück waren sie alle wieder zu Besinnung gekommen – Löwenstern und Schlüsselburg lachten bereits wieder über den „Meister“ und seine Tricks.
Über Universitätsprofessor Josef von Falkenrath, Doktor der Biochemie und Lehrkörper an der Akademie, der darauf bestand seine privaten Stunden im altmodischen Talar und mit allerlei Tand und Zauber zu begehen. Derselbe Professor, der ihnen mit seiner Stiftung und Protektion ein gehöriges Maß an universitären Privilegien verschafft hatte. Nicht das geringste darunter war das Dormitorium, das ihnen vom Institut zur Verfügung gestellt wurde und zu dem sie sich rasch nach dem Ende der Privatstunden beim Professor begeben hatten.

Es lag nicht weit vom Anwesen des Professors in Dahlem entfernt, vielleicht zwanzig oder dreißig Wegminuten. „Dormitorium“ war eigentlich schon zu viel gesagt, viel mehr handelte es sich um eine durchaus üppige Wohnung in einem üblichen Wohnhaus. Das Gebäude selbst war dem Charoninstitut der Akademie angegliedert und diente als Unterkunft für einige der Studenten und Stipendianten, die dem Institut besonders vielversprechend schienen. Dormitorium nannten sie es nur, um sich über die altmodische und miefige Art des Instituts und vor allem des Professors lustig zu machen. Beide – das Institut wie auch der Professor – machten ein großes Gehabe um die Geheimnisse, die sie wohl teilten mit den Studenten und dass, nach abgeschlossenem Studium, sie mehr als bloße Menschen wären, sondern Anteil an unfassbaren Mysterien hätten.
Darin zumindest waren sie den arroganten Scharlatanen und Göttern in Weiß nicht unähnlich, zu denen sie sich gerne aufplusterten.

Der Heimweg nach den monatlichen Sitzungen war wie gewöhnlich ereignislos und mit einer seltsamen Stimmung durchsetzt. Sie alle fühlten sich gelöst nach der Anspannung der letzten Minuten und stellten das voreinander ausgiebig zur Schau.
Sie nahmen die knorrigen Treppen mit ihren Eichengeländern zügig, ohne in Schweiß auszubrechen, und scherzten miteinander. Sie warfen ihre dünnen Jacken und Taschen ohne einen Blick nebeneinander in die Ecke ihres gemeinsamen Wohnzimmers.

Es gab, eigentlich, keinen Grund für sie, wachzubleiben.
Der Abend war bereits spät und auch für die Protegés des Professors galten die üblichen Pflichten und Veranstaltungen eines Studenten – der Labordienst begann früh am nächsten Morgen und auch sie waren davon nicht entbunden. Dann hieß es wieder Geräte reinigen und Assistenzarbeiten übernehmen für die Doktoranden und in den Pausen ihre eigenen Arbeiten voranbringen.
Dennoch lungerten sie alle nach ihrer Ankunft in der Wohnung noch im Gemeinschaftsraum herum. Jeder von Ihnen hatte seinen eigenen dünnen Vorwand vorzubringen:
Strauß und Schlüsselburg waren in einem überaus spannendem und wichtigem Gespräch über irgendeine Belanglosigkeit vertieft, einen Film, den sie vor kurzem gesehen oder ein Theaterstück, das sie besucht hatten. Löwenstern hatte sich mit einem Buch in seinen Sessel zurück gezogen und blätterte dort lustlos darin herum. Mehrfach überflog er die selben paar Seiten, blätterte vor und wieder zurück, ohne sich wirklich in der Geschichte über einen nicht existenten Ritter zu verlieren. Aschebach hatte sich rasch einen Gin Tonic eingeschenkt und wanderte unruhig, das Glas in seiner rechten Hand, am hinteren Ende des Raumes entlang. Vor den Fenstern ging er auf und ab.
Sein Verhalten zeigte, wie sich alle im Raum fühlten, auch, wenn sie es nicht offen zeigten: Rastlos und unsicher, was von dem Geschehen des Abends zu halten sei.
Eine Frage hing in der Luft. Eine, auf die keiner von ihnen eine Antwort wusste und sie darum nicht zu stellen wagte.

Karl Aschebach starrte auf seinen rechten Unterarm, wo vor kaum einer Stunde noch ein tiefer Schnitt geklafft hatte. Die anderen drei und ihre Gespräche sanken in den Hintergrund, verschwanden in dem Rauschen, das sich die letzte knappe Stunde in seinen Ohren gebildet hatte. Er streckte den Arm, drehte das Handgelenk und beugte den Ellbogen, strich mit den Fingern der linken Hand wieder und wieder über darüber. Wie um die Festigkeit seines Fleisches zu überprüfen, ob alles am Platz war und funktionierte oder wie eine dünne Schicht Kleber bei der geringsten Bewegung aufreißen würde.

Endlich brach er die geschäftige Stille im Raum.
„Ich wüsste zu gerne, woher er es hat“, sagte er.
Georg Schlüsselburg und Ludwig Strauß sahen sich an. Schlüsselburg wandte sich um, musterte Karl Aschebachs Arm und sagte schlicht: „Ein Trick.“
Löwenstern blickte von seinem Buch auf. Er sah Schlüsselburg an und lächelte auf eine Art, die die beiden unsympathisch machen musste. So eine Art von Lächeln, die ein verstecktes Wissen andeutete und auch, dass dieses Wissen nicht geteilt werden würde.
„Mit Sicherheit ein Trick. Ein künstliches Eiweiß vielleicht, das als eine Art von neuer Haut fungiert und die Wunde oberflächlich verschließt. Die Australier haben dergleichen erfunden, habe ich gehört, und sogar für den Feldeinsatz im Militär getestet in Form eines simplen Sprays.“

Aschebach schüttelte den Kopf, strich sich über den Unterarm.
„So fühlt es sich nicht an“, sagte er. „Es fühlt sich nicht wie ein Verband an oder eine zweite Haut, sondern wie meine eigene, mein eigenes Fleisch.“
„Und wenn es kein Trick war?“, fragte Ludwig Strauß. „Wenn er wirklich diese Macht besitzt, von der er erzählt hat?“
Schlüsselburg begann zu lachen – ein meckerndes, hämisches Geräusch, so als hielte er es für eine Unmöglichkeit. „Glaubst du nicht, er würde ein solches Allheilmittel längst der Öffentlichkeit vorgestellt haben? Wenn es die Wahrheit wäre…Wenn…er mit synthetischem Blut all das könnte, was er eben behauptet hat – ihm wäre mehr als nur ein Nobelpreis sicher. Man würde seinen Namen in jeder Unfallstation der Welt preisen. Der Mann wäre ein Heiliger.“

Sein Lachen breitete sich aus. Es durchdrang die nervöse Entspannung im Raum, steckte auch Strauß und Löwenstern an, die sich gegenseitig ihres Lachens versicherten.
„Als ob Falkenrath diese Dinge geheim halten könnte. Als ob er nicht vor jedem damit prahlen und um Anerkennung und Respekt buhlen würde“, sagte Löwenstern.
„Als ob einer, der sich in Alchemistenroben wirft, nicht vor der ganzen Akademie mit seinem geheimen Wissen angeben würde“, sagte Strauß.
Sie lachten alle leise, jeder für sich verzweifelt darauf aus, diese Frage zu beantworten, die im Raum schwebte. Diese Zweifel zu zerstreuen und in einer dünnen, eleganten Erklärung zusammen zu setzen, die in ihre Welt passte. In alles, was sie von der Akademie gelernt hatten.

Ein Klirren zerstörte diese fragile Hoffnung. Es war vom Fenster gekommen, wo Aschebach zuvor in die Nacht hinaus geblickt hatte. Noch immer hatte er der Gruppe den Rücken zugewandt, hatte sie das ganze Gespräch über nicht weiter beachtet und hielt seinen Kopf in die dünne Nachtluft. Gin und Blut tropfte ihm die Hand und den Arm hinab.
Niemand hatte gesehen, was geschehen war. Das dicke Glas schien einfach in seiner Hand zerborsten zu sein, die Scherben steckten ihm noch im Fleisch.
„Es war kein Trick“, sagte er. Seine Stimme war ruhig geblieben, aber als er sich umdrehte, war er zittrig. Sein Gesicht war kreideweiß, seine Augen glühten wie von Fieber. Sie bohrten sich in Georg Schlüsselburgs Gesicht, als könne er ihn dazu zwingen zu sehen, was er selbst gesehen hatte.

Alle sahen ihn mit einer Irritation an, einer Mischung aus Neugier und Angst, die bei jedem von Ihnen unterschiedlich war.
Löwenstern hatte eine Augenbraue hochgezogen, seine Augen wanderten immer wieder zu seinem Roman zurück, den er weiter zu lesen vorgab. Er war es, der als erstes wieder das Wort ergriff.
„Du hast einen besseren Vorschlag?“, fragte er. Sein Ton war flach, beinahe eine Feststellung.
Schlüsselburg blieb stumm. Nichts aus Angst vor Aschebach, vermutlich, er war aus seiner Familie gröberes gewöhnt. Aber er sah angespannt hinüber und und erwartete die Antwort, die Aschebach wohl geben mochte.

Karl blieb sie ihm noch schuldig. Er ging zur Küchenzeile hinüber, wo er sich den Gin bereitet hatte, und wusch sich die Hand. Er atmete gepresst. Stück um Stückchen zog er die Scherben aus der Innenseite seiner Hand, legte sie auf ein Küchenpapier neben der Spüle. Dabei starrte er nach unten, auf die Mischung aus Blut und Alkohol, die in den Abfluss ran. Er wirkte von sich selbst überrascht, von seinem Aussetzer, sagte aber:
„Nein, ich habe keinen besseren Vorschlag. Ich weiß nur, dass eure schwachsinnig sind.“

Löwenstern schnaubte, lehnte sich in seinem Sessel weiter zurück.
Strauß dagegen verrenkte sich beinahe in seinem Sitzplatz, drehte sich über die Lehne hinweg, um seinen Oberkörper näher zu Aschebach zu bringen. Er zog ein besorgtes Gesicht, zuckte zusammen, wann immer sich Aschebach einen größeren Splitter aus dem Fleisch zog.
„Es ist unmöglich, dass er wirklich den Stein der Weisen gefunden hat“, sagte Strauß. „Vielleicht – und ich sage vielleicht – ist es denkbar, die Regeneration irgendwie zu beschleunigen, meinetwegen. Irgendein synthetisches oder angereichertes Blut, das den Eindruck einer Wunderheilung erweckt.
Aber das Panazee? Ich bitte dich. Weniger exzentrische Männer haben in den letzten dreitausend Jahren danach gesucht und es nicht gefunden. Es muss ein Trick sein.“

Karl hatte sein Hemd bis zum Ellbogen hoch gekrempelt. Er zeigte seinen Unterarm, seine rechte Handfläche. Es war keine Spur davon geblieben, dass vor einigen Stunden erst ein tiefer Schnitt dort geklafft hatte. Kein rosanes, junges Fleisch zog sich durch seine ansonsten gebräunte Haut. Kein Schorf verdeckte eine heilende Wunde.
Selbst seine Handfläche, in der vor wenigen Minuten noch Glassplitter gesteckt hatten, die sichtbar für sie alle geblutet hatte, hatte die Blutung bereits gestoppt. Die Verletzungen schienen weniger tief zu sein, als sie angenommen hatten… oder sie heilten bereits.

„Das hier ist kein Trick“, sagt er. Abwechselnd schloss und öffnete er die Faust. „Keine Illusion. Euch kann er getäuscht haben, vielleicht, aber mich nicht. Ich habe das Skalpell in meinem Fleisch gespürt, habe den Schmerz in meinem Arm gespürt. Die Wunde war echt und was auch immer er getan hat – sie ist weg.“

„Was ist es dann?“, fragte Strauß. Beinahe war er aufgesprungen, hielt sich aber noch an den Armlehnen seines Sessels fest. Seine Finger krallten sich um ihre Enden, er lehnte gefährlich nach vorne. „Was, wenn es wirklich… Wenn er wirklich…
Was, wenn in den alchemistischen Texten Wahrheit steckt?“
„Das ist nicht dein Ernst“, sagte Löwenstern.
Auch Schlüsselburg schüttelte den Kopf. Er schwenkte seine Soda.
„Unmöglich“, sagte er. „Die Alchemie ist in ihrem Grundsatz falsch. Die Welt ist nicht in der magischen Analogie sondern in der kritischen Analyse zu begreifen. Es muss eine technische Erklärung dafür geben, eine physiologische, keine psychische.“
„Es muss eine wissenschaftliche Erklärung dafür geben“, setzte Löwenstern nach, „und keine magische.“
„Eine vernünftige und erklärbare.“

Strauß zog die Augenbrauen zusammen, presste die Kiefer aufeinander. Er sah zu Karl hinüber. Der hatte den Effekt selbst erfahren, der würde zumindest wissen, ob es im Reich des möglichen wäre…
Aber er starrte nur in das Nichts, schloss seine Hand wieder und wieder.

„Natürlich“, sagte Karl. Seine Stimme unterbrach ihr Gespräch. Sie wandten sich zu ihm um, als erwarteten sie von ihm eine Lösung. Die Art, wie er dieses Wort ausgesprochen hatte, hatte sie aufhorchen lassen. Als ob ihm ein Geistesblitz widerfahren wäre.
Er sah auf, blickte Schlüsselburg ins Gesicht und schien etwas sagen zu wollen. Dann besann er sich, lächelte nur.
„Natürlich“, sagte er, ganz anders als eben noch, „ist es irrwitzig anzunehmen, dass unser Professor tatsächlich ein Blutmagier und Hexer ist.
Aber vielleicht… vielleicht ist an diesem einen Satz, den er gesagt hat, ja etwas wahres dran, wenn schon alles andere irgendein Trick sein mag. Vielleicht ist das Blut wirklich das Leben.“

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