Das Bild eines Lebens – Teil I: Der Bettler

Warum ich trinke? Damit meine Hände zu zittrig sind, um die Nadel noch zu führen. Damit ich sie nicht mehr halten kann und nie wieder in Versuchung komme, ein Bild zu stechen. Ein echtes Bild, meine ich. Nicht diese kleinen Brandzeichen von Narben und Junkies.
Kunst, meine ich.
Bei Gott, ich hoffe, ich muss nie wieder Kunst schaffen. Ich hoffe, ich muss nie wieder…weißt du überhaupt, was es heißt, echte Kunst zu machen? Kannst du dir auch nur vorstellen, was es bedeutet, sich mit allem irgendetwas hinzugeben? Welche grausame Schönheit das ist, die uns gleichzeitig segnen und vernichten kann in einem Augenblick, die so sehr Besitz von uns ergreift, dass wir alles andere vergessen, uns völlig aufgeben?

Nein, nein das weißt du natürlich nicht.
Einmal in meinem Leben habe ich solche Kunst geschaffen, ein Werk das größer war als ich. Und ich hoffe, ich wünsche mir, dass es nie wieder passiert. Denn es ist eine grauenhafte Last, für soetwas verantwortlich zu sein.

Lach nicht! Und erzähl mir nicht, ich wäre nur ein Hautstecher, irgendein billiger Schmierfink, der Huren und Bastarden ihre Brandzeichen verpasst. Natürlich bin ich Künstler. Du siehst meine Bilder auf den Schultern der Frau dort drüben, wie es sich im Neonlicht zu einem Teil von ihr macht.
Du siehst es in dem Lächeln, mit dem der Mann hinter der Bar dir seine Seele bloß legt, wenn er dir den nackten Unterarm zeigt. Den mit dem Bild von allen Dingen, die ihm am wichtigsten sind auf der Welt, die ihn ausmachen.

Ja, ich bin Künstler. Meine Leinwand ist Fleisch. Ich zeige der ganzen Welt, wie es in dir aussieht.
Bist du deswegen nicht hier? Um eines meiner Bilder abzubekommen, von denen du gehört hast? Hat irgendjemand seine Klappe nicht gehalten und dir von den Wundern erzählt, die meine Hände auf Haut aufbringen konnten? Sie sind wahr. Nicht alle davon, vielleicht, aber genug davon sind wahr. Vielleicht konnte ich keine ewige Jugend malen, aber ein Bild von mir macht dich sicher zwanzig Jahre jünger und gesund wie einen jungen Bullen.

Tut mir Leid, Kleiner, ich mach ich mache sowas nicht mehr. Einmal, ein einziges Mal in meinem Leben, habe ich echte Kunst geschaffen. Kunst, die ich selber nicht verstehen kann, weil sie so viel größer ist als ich. Ich hoffe, es bleibt auch bei diesem einen Mal.
Verzieh dich wieder. Kriech zurück auf die Schlachtbank von dem Typen, der dir das Pentagram da auf die Brust gestochen hat. Ich male nicht mehr, nicht für alles Geld der Welt. Und schon gar nicht auf irgendeinen kleinen Pisser, der an einer Bar große Töne spuckt, weil er mich beeindrucken will.

Warum ich nicht mehr male…Kleiner, dafür ist es zu früh in der Nacht. Das ist nichts, worüber man vor Sonnenaufgang sprechen sollte. Es hat mit diesem einen Bild zu tun. Dieses eine echte Kunstwerk, das ich gemalt habe, vor fünfzehn oder zwanzig Jahren, bevor ich mit dem ganzen anderen Scheiß angefangen habe. Daneben sieht alles, was ich seitdem gemacht habe, wie Gekritzel aus.

Du erinnerst mich ein bisschen an den Kunden, der das Bild von mir wolllte. Hat auch nicht locker gelassen, bis ich ihn tattowiert und in die Hölle geworfen habe. Keine Angst, er hat mich mitgezogen.
Ein seltsamer Kerl war das. Jung, aber nicht übermäßig gut gehalten. So um die dreißig vielleicht, schlanker Kerl. Nein, mehr hager. Ein ausgehungerter Hund, mit diesem Blick in den dunklen Augen. Diese Gier, weißt du? Nach mehr. Wie ein Tier, den man zu füttern vergessen hat.
Er kam eines Abends in mein Studio, so eine halbe Stunde, bevor ich zumachen wollte.

Hatte keine einzige Tätowierung je gehabt, nicht einmal eine kleine. Kein Anker irgendwo an den Knöcheln, keine Noten im Nacken, kein Gangtattoo. Nichtmal eine von diesen bescheuerten Stacheldraht-Dingern auf dem Oberarm, um zu zeigen wie hart er ist.
Aber er hat drauf bestanden, was großes zu bekommen. So ein Riesenteil, quer über die Brust, sagte er. Sollte knapp unter dem Schlüsselbein anfangen und bis zu den unteren Rippen gehen. Und nicht nur grobe Formen, sagte er, sondern detailiert. Sehr detailiert, mit Verzierungen und komplizierten Teilen.

Ich hab natürlich nein gesagt. Er sollte mit was kleinerem Anfangen oder vielleicht einem Teilstück. Irgendetwas, um rauszubekommen, ob ihm das Gefühl gefällt. Ob er es in ein paar Wochen immer noch mag und damit leben kann, wenn ich seine Haut in Kunst verwandle.
Ich hielt mich damals schon für einen Künstler. Aber ich war arrogant dabei, hochnäsig. Kein schöner Zug vielleicht, aber meine Bilder waren gut und gefragt – wie könnten die dann keine Kunst sein?
So wichtig war mir Geld nicht, dass ich Leben dafür ruiniere oder dann einen Kunden habe, bei dem die Hälfte auf der Brust fehlt. Also hab ich nein gesagt. Wenn er mit dem Schmerz nicht umgehen kann oder das Blut nicht mag, habe ich die Gerüchte am Hals und den wütenden Kunden. Mein Ruf und meine Eitelkeit war wertvoller als die Bezahlung.

Aber er blieb hart. Kam am nächsten Morgen wieder. Sagt er braucht das Tattoo. Braucht es unbedingt und er ist bereit, das doppelte zu bezahlen.
Ich habe weiter versucht, es ihm auszureden.
Natürlich hab ich dran gedacht, dass es was mit ner Gang zu tun haben könnte oder irgendeiner Sekte. Aber er kam alleine, Gangs normalerweise im Rudel. Ich hatte auch gedacht, dass er vielleicht nur ein Spinner ist, so ein Esoteriker, der seinen ganzen leeren Symbolismus auf der Haut haben will. Ich hab dir mal von dem erzählt, der ein Pentagramm auf dem Rücken haben wollte und die ganze Zeit von seinem Dunklen Herrn erzählt hat, oder?

Der hier wollte außerdem etwas nach seiner eigenen Vorlage haben. Der Stil dürfte schon meiner sein, sagte er. Hätte eine meiner Arbeiten gesehen bei einer Goth. Hübsches Ding, sehr dezent. Das Tattoo, meine ich. Frankensteins Monster, jedenfalls der Kopf. Sollte so eine Teenager-Rebellin-Tattowierung überdecken, die sie sich mit 16 hatte stechen lassen, um den alten Herrn anzupissen.
Ist hübsch geworden, eine meiner besseren Sachen. Weiche, schwammige Schatten, ganz grau in schwarz. Mehr Impressionismus als Horrorschock, wenn ich mich selbst loben darf.

So etwas wollte er jedenfalls, etwas nach meinem frühen Stil, als ich noch nicht Promis gestochen habe, sondern den Abschaum der Stadt. Aber er wollte es eben nach einer bestimmten Vorlage. Keine Veränderungen am Aufbau, an den Details, den Motiven. Er war sehr deutlich dabei, dass an der Konzeption nichts geändert würde – an den Linien und wie sie zueinander im Verhältnis stehen, dass die geometrische Perfektion der Vorlage beibehalten würde. Nur die Farbgebung dürfte meine sein, die Schattierungen, die Dicke der Linien und der Stil. Die Art und Weise, auf die ich diese Linien sichtbar machen würde, ob mit Dotwork oder Negativ oder Schatten. Er hätte vollstes Vertrauen in mich, dass ich meinen künstlerischen Fähigkeiten auf ihm zur Geltung bringen würde.

Ich sagte also weiter nein. Ich mache keine riesigen Bilder bei Anfängern und schon gar nicht nach einer fremden Vorlage. Stundenlanges Malen nach Zahlen ist nicht meins. Ich schick ihn also weiter, zu Rick oder Bill oder sonst wem. Die machen so etwas und das ist ihr gutes Recht. Ich wollte aber nicht. Mein Ruf war mir wichtiger als das Geld.

Bis er am nächsten Tag wieder kam mit einem großen Umschlag unter dem Arm.
Bis er mir die Vorlage gezeigt hat. Grundgütiger…An dem Vormittag habe ich Gott gefunden. Das meine ich ernst. Ich dachte, ich wäre ein ganz Großer gewesen. Hatte gedacht, ich wüsste, was mit Tinte und Nadel und ein paar Narben auf Haut so möglich ist.
Aber niemand weiß, was Schönheit ist, wenn er dieses Bild nicht gesehen hat. Was ich vor diesem Bild gemacht habe, war wenig mehr als eine Zeichenschule dafür. Alles danach nur der Versuch, dieses eine Bild wieder zu sehen, es wieder zu erreichen und zu imitieren. Ein trauriger Schattenwurf.

Nein, nein, das ist gelogen. Das war kein Bild. Das war Kunst. Das war ein Gemälde und seine Leinwand war Haut gewesen.
Er hatte es abfotographiert von einem Kumpel, sagte er jedenfalls, ich bin mir da heute nicht mehr so sicher. Die Haut war zu blass, wenn ich darüber nachdenke. Die Farbe war zu rötlich, zu grell im Kontrast mit der fast schneeweißen Haut.
Wie als wenn die Kamera gewackelt hätte bei der Aufnahme und die Person nicht ganz erwischt hätte. Oder als hätte sie sich bewegt und wäre nicht mehr als ein Schemen, eine Art von blassem Phantom auf der Kamera.

Aber das Bild war zu erkennen. Naja, nicht alles. Es ging dem Kerl auf dem Foto über den ganzen Brustkorb, eine einzige Fläche voller Formen, voller Windungen, Zeichen, Schriftzüge, angereichert mit komplexen Verbindungen, die ich noch nie in meinem Leben gesehen habe.
Es war unmöglich, alles gleichzeitig zu sehen oder zu verstehen. Aber das, was ich gesehen habe…

Es hat sich in meinen Kopf gebrannt, klar und deutlich. Wie der Umriss der Sonne, wenn man an einem klaren Tag zu lange hinein starrt. Nein, eher noch anders herum. Stell dir vor, du starrst in die Sonne und es brennt sich nicht der Umriss der Sonne in deine Netzhaut – der ist nur ein schwarzes Loch in deinem Blickfeld – sondern alles andere. Der Himmel, die Wolken, die Vögel und alles andere am Rand deiner Wahrnehmung. Ich weiß, dass es keinen Sinn macht. Aber es ist die einzige Art, auf die ich es erklären kann. So war es mit diesem Bild. Nur die Stellen, auf die ich nicht direkt geblickt habe, waren mir präsent.
Wie? Als ob ich das wüsste. Ich frage mich das selbst seit zwanzig Jahren. Wie konnte ich diese Details sehen, sie so klar vor mir sehen, wie ich dich hier vor mir sitzen habe, wenn ich die ersten Tage nur eine ausgewaschene Fotographie davon gesehen habe?

Da hab’ ich ja gesagt.
Ich bin schwach geworden, trotz allem. Nicht wegen des Geldes, aber ich sage dir: Bei dem Bild wäre jeder eingeknickt. Das war…Man, hätte Michelangelo die sixtinische Kapelle abgelehnt? Egal ob nach einer Vorlage oder nicht, das war nicht einfach nur ein Bild. Das war…Magie. Das war eine Gelegenheit, mehr als nur ein paar Eitelkeitstattoos zu stechen.

Ich sage dir: Ich habe damals nur die Chance gesehen, ein Kunstwerk zu machen. Echte Kunst, lebende Kunst auf lebender Haut. Die Gelegenheit eines Lebens. So etwas…ich konnte einfach nicht ablehnen, verstehst du? Ich konnte einfach niemand anderen dieses Bild machen lassen. Ich hätte mir nie verzeihen, diese Gelegenheit auszuschlagen. Selbst wenn er mir nicht all das Geld geboten hätte.
Verdammt, selbst wenn ich ihn bezahlen hätte müssen, um dieses Bild machen zu dürfen – ich hätte es getan und mich noch bei ihm bedankt.

Oh, natürlich: Ich hab mich geziert. Am Anfang. Ich hab ihn wieder fortgeschickt, hab mich geweigert. Ich wollte keine Gangtattoos machen, hab ich nie gewollt, noch weniger irgendetwas mit Sekten zu tun haben und all der okkulte Scheiß stank nach Sekte.
Aber das Bild ging mir nicht mehr aus dem Kopf.

Ich hab davon geträumt, die ganze Nacht. Hab es vor mir gesehen mit all den komplizierten Linien, mit den Symbolen, die ich nicht verstehe, den seltsamen Phrasen. Ich hab die Teile sich bewegen sehen wie kleine wandernde Beschwörungskreise. Was auf mich beim ersten Blick nur wie abstrakte Formen aussah, wie Windungen und Verzerrungen von Schatten und Geometrie, die ich noch nie in meinem Leben gesehen habe, entpuppte sich als lebendig, als Kreatur. Ich hab gesehen, wie sie sich auf seinem Fleisch bewegen und umeinander räkeln, als wäre das Bild wirklich und wahrhaftig am Leben – mit seinem eigenen Willen und Beweglichkeit ausgestattet. Als hätte es ein Leben unabhängig vom Fleisch, in das es gestochen worden war.

Ein einziges, zusammenhängendes Schauspiel, bei dem jedes kleine Stück Teil eines größeren Ganzen ist. Bei dem das Ganze zu schön ist, zu umfassend, zu unbegreiflich, um es in seiner Ganzheit zu erfassen. Als ob man in die Sonne blicken würde.
Weißt du, was ich meine?
Ich konnte mich nicht auf das ganze Bild konzentrieren. Es ging nicht. Es waren zu viele Details, zu wundervolle Einzelheiten, die so komplex und wunderbar miteinander verwoben waren, dass das Auge sich auf nichts festlegen kann.

In meinen Träumen war es schlimmer. Da habe ich das Ganze gesehen. Oder geträumt, was auch immer. Ohne es zu verstehen, ohne seine Bedeutung zu ahnen. Aber es war da, hat alles eingenommen, mich daran gehindert, an etwas anderes zu denken. Als würde mein Kopf zerspringen vor lauter Einzelheiten. Als wäre das ganze Bild dann immer noch zu groß für meinen Schädel.

Ich hatte das Bild vielleicht für fünf Minuten gesehen, bevor er es wieder eingerollt hatte. Trotzdem sind Sie mir nicht aus dem Kopf gegangen. Immer, wenn ich die Augen geschlossen habe, hab ich diese Stücke vor mir gesehen. Die Details. Der Mann ohne Maske, das kriechende Chaos im Zentrum, die Ringe, die Sterne und Zeichen, die so…so bewusst angeordnet worden waren, dass sie mehr bedeuten mussten, als einfach nur eine Collage von coolem Zeug. Sie mussten einfach. Kein Mensch kann aus Zufall etwas malen, das sich so falsch anfühlt. Das sich dem menschlichen Verstand so sehr widersetzt und ihm seine Geheimnisse verweigert, dass er ganz davon besessen wird.
Es war wie ein Schattenriss, der sich in meinen Kopf eingebrannt hat.

Ich war durcheinander die nächsten paar Tage, nachdem ich ihn das letzte Mal raus geworfen hatte. War ziemlich hilflos. Hab zum ersten Mal seit Jahrzehnten ein Tattoo wieder versaut. Hab ne Linie falsch gezogen bei einer kleinen Blondine, Bild ist etwas schief geworden. Absoluter Anfängerfehler, hatte nicht aufgepasst und der Kleinen die Hüfte ruiniert. Musste ihr das Geld zurückgeben und sie zu Rick schicken, damit der es repariert. Der lässt mich das heute noch spüren.

Danach hab ich zugesperrt und frei gemacht für ein paar Tage. Das war schlimmer als Arbeit. Arbeit hat mich abgelenkt, das Malen hat meinen Kopf benansprucht. Da gab es was, das nicht dieses eine Bild war, das ich dauernd sah. Etwas, mit dem ich mich beschäftigen konnte.
Mit mir alleine…war da nichts anderes, an das ich denken konnte.

Aus allen unmöglichen Formen und Orten kamen mir die Details dieses Bildes entgegen. Ich sah Schatten in den Gesichtern der Bettler, die mich in den U-Bahn Unterführungen erbärmlich angeschaut haben. Schatten, die ich heute als den Mann ohne Maske kenne, den Herold des kriechenden Chaos, das ich im Rauschen der Gassen gehört habe.

Hab mich dabei erwischt, wie ich immer dran gedacht habe. Wie ich mich an Details erinnert habe, die ich dachte, nie gesehen zu haben. Wie ich einfach Teilstücke daraus gekritzelt habe. Irgendwelche astronomischen Zeichen und Symbole, die ich nicht zuordnen konnte. Keine Horoskope oder Tierkreiszeichen oder solchen Unsinn, wie ihn sich manche Tussis stechen lassen. Die waren anders. Tiefer vergraben in der Zeit, älter. Schriftzeichen für etwas, für das es in menschlichen Sprachen keine Namen gibt. Die übernommen wurden von uns, um zu bezeichnen, was wir nicht benennen können. Heute weiß ich, was es für Zeug war, das mir da entgegen kam aus den Schatten der Welt. Nenn mich abergläubisch, Kleiner, aber dieses Zeichen hier auf meinem Unterarm? Dieses Zeichen der Alten, mit der Strich mit den fünf kürzeren Zweigen? Der klebt da, damit ich diese Dinge nie wieder sehen muss.

Ich hab fern gesehen oder gegessen und irgendwann stell ich fest, dass ich Papier in der Hand halte, über und über voll mit diesen Einzelheiten, mit Details von Gesichtern und Sternen und Schatten – schöner, detailierter und wunderbarer, als ich sie bei Bewusstsein je hinbekommen hätte.
Als hätten die sich in meinem Kopf festgefressen, obwohl ich sie mir unmöglich in den fünf Minuten, die ich das Foto gesehen hatte, alle eingeprägt haben konnte.

Zwei Tage später ruf ich ihn also an, frage, ob das Angebot noch steht. Er sagt ja.
Am selben Abend sitzt er bei mir auf dem Stuhl, klärt mit mir die Details.
Ich soll spezielle Tinte nehmen, die er mitgebracht hat. Kann nur am Abend bis zum Morgengrauen daran arbeiten. Muss alles in drei Nächten erledigen, bei mir im Privatatelier, nicht im Studio unten. Darf auf gar keinen Fall die Vorlage verändern, jede Linie muss exakt gesetzt sein, die geometrischen Verhältnisse beibehalten werden. Darf keine Fotos von machen. Werde nur nach Erfolg bezahlt.

Mir war das alles egal. Ich wollte nur noch dieses Bild machen.
Ich hab mich nicht gefragt, wie er das aushalten will. Wie das überhaupt gehen soll, ohne regelmäßige Ruhe für die Haut und das Fleisch, ohne dass der Kerl am Ende mit blutigen Resten auf seiner Brust aus meinem Studio marschiert.
Ich wollte nur noch diese Perfektion durch meine Hände fließen lassen, diese Idee von Schönheit real werden lassen.

Hast du das jemals gefühlt? Hast du jemals diesen Wunsch gehabt, mit deinen eigenen Händen etwas zu berühren, das so viel größer ist? Es war magisch, im absoluten Sinn des Wortes. Heilig, übernatürlich. Es überstieg mich und alles, was ich je gekannt hatte.
Scheiße. Selbst als ich noch dachte, das Bild würde mit ihm zusammen irgendwann sterben, irgendwie…irgendwie vergänglich sein, so wie es der Mann sein sollte, der es auf seiner Brust trägt – selbst da wollte ich ein Teil dieser Schönheit sein.
Einfach nur mich aufgeben und etwas schaffen, das größer ist als ich. Wichtiger. Ich sage also ja, unterschreib den Wisch, den er mir vorhält. Ich habe mein Leben eingetauscht für ein Stückchen Ruhm. Für drei Tage und Nächte gehörte es dem Bild, das ich nachts in eine jungrfräuliche Brust malte und von dem ich tagsüber träumte, während ich in in dem kleinen Zimmer neben meinem Atelier unruhig schlief.

Keine fünf Minuten nach meiner Unterschrift beginne ich den größten Fehler meines Lebens.

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