Das Bild eines Lebens – Teil III: Die Stimme meiner Träume

An diesem Tag habe ich nicht viel geschlafen. Gar nicht eigentlich, wie die nächsten auch nicht.

Aufregung war nicht der Grund gewesen, Nervosität auch nicht. Ich war todmüde nach dieser Nacht, ein großer Teil der Anspannung war schon während der Arbeit von mir abgefallen. Als wäre ich…als wäre ich völlig in meiner Arbeit aufgegangen, nicht mehr ich selbst und hätte alles hinter mir gelassen.

Alles außer dieses Bild.

Mehr als sieben Stunden hatte ich Franky den ersten Teil des Tattoos auf die Brust gebracht, schneller und konzentrierter als ich je zuvor oder seitdem wieder gearbeitet hätte. Meine Körper und mein Verstand waren einfach nur erschöpft, alles war zäh und langsam. Aber diese Unruhe, dieser gedankenlose Zwang, das Bild zu machen, der war mit dem ersten Licht des Morgens zusammen verschwunden.

Zusammen mit Francesco, der sich eilig die Lederjacke übergeworfen und mir meinen Antel für die Nacht gegeben hatte, ehe er sich mit der Zeichnung unter dem Arm in die noch dunstigen Straßen aufmachte, war meine Aufregung verschwunden.

Diese Ekstase war also weg, ich war eine ausgebrannte Hülle. Müde und erschlagen war von mir, meinen eigenen Gedanken, nichts weiter übrig. Alles war in diese ersten Teile des Bildes geflossen.

Trotzdem schlief ich nicht.

Oh, ich träumte schon. Aber ich schlief nicht wirklich.

Schlaf würde ich es jedenfalls nicht nennen. Eine tiefe Ohnmacht mehr noch oder Bewusstlosigkeit. Es war, als hätte mir jemand einfach das Licht ausgeschaltet und die Türen meines Unterbewusstseins aufgestoßen. Ich hatte Franky aus meinem Appartement befördert und war augenblicklich auf der Couch nieder gesunken, wie vom Schlag getroffen.

Hast du dich jemals bis zur Ermüdung geschunden? Bis zu diesem Moment, wenn nicht nur alle deine Muskeln sich steif und schmerzhaft anfühlen, sondern sogar dein Verstand aufgibt? Wenn jeder einzelne Gedanke sich auflöst und in seine Einzelteile zerfällt. Wenn da nur noch das vage Konzept ‘Hunger’ ist oder ‘Schlaf’, weil dein Geist so überanstrengt ist, dass er nicht mehr in der Lage zu komplizierteren Formulierungen ist?

So fühlte ich mich damals, als ich auf meine Couch kroch. Da war einfach nichts mehr, das wirklich ‘Ich’ gewesen wäre – nur eine Ansammlung unzusammenhängender Gedankenstücken und Bilder.

Ich kann nicht sagen, wovon ich in dieser ersten Nacht genau träumte. Es war nicht von den Bettlern oder dem Mann ohne Maske. Es war auch nicht von den zwei Sonnen, die sie auf Francescos Fleisch umringen würden oder die Symbole, die diese scheußlichen Worte bildeten, oder die schwarzen Sterne.

Es war lächerlich, komisch geradezu. Vier Tage und Nächte mittlerweile hatten mich diese Motive im Griff gehabt, hatten tiefer und fester Besitz von mir ergriffen als alles andere in meinem Leben. Selbst jetzt noch…selbst jetzt noch sehe ich es vor mir, wenn ich in unachtsamen Momenten die Augen schließe und ich schaudere, wenn ich zu lange in die dunklen Ecken der Stadt starre.

Aber damals, nach der ersten Nacht, die Franky bei mir war, beherrschte mich nicht das Bild. Ich weiß, dass ich in meinem…Schlaf – ich verabscheue dieses Wort tatsächlich, denn es hat nicht viel mit dieser Tortur gemein, die ich an diesen Tagen durchlebte – dass ich in meiner Ohnmacht an andere Orte ging, dass ich nicht in meinem Bett blieb, sondern an fremde und abscheuliche Orte reiste.

Möglich, dass ich mich irre. Möglich, dass ich mir den Geruch von Staub und Erde einbildete, den ich in meinen Haaren roch. Dass es die Reste der Träume waren, die aus verschütteten, nebligen Erinnerungen an einen halb-vergessenen Schlaf hervor krochen und versuchten, sich in mein Bewusstsein zu stehlen. Denkbar auch, dass ich mir den Dreck unter meinen Fingernägeln und die aufgeschürften Knie nur einbildete, dass es nicht mehr als mein übermüdeter Verstand und die Anstrengung der letzten Nacht waren, die ich in jedem Gelenk spürte.

Ich war erst gegen den Abend hin frei von diesen Gedanken, die sich an mich geklammert hatten. Möglich, dass ich damals schon den Verstand verloren habe, wäre vielleicht das beste.

Es war bereits gegen siebzehn Uhr, als ich wieder zu mir kam. Die Sonne stand niedrig am Himmel, verbrannte den Smog und die Abgase der Stadt in einem leuchtenden Orange – als stünde der Horizont über dem Häusermeer in Flammen. Ich trug noch meine Kleidung am Leib, musste mit ihr ins Bett gefallen sein. Sie war schmutzig und verschwitzt, ihr Geruch bereitete mir Übelkeit.

Für zwei Stunden fand ich keine Ruhe. Nichts beschäftigte mich länger als fünf bis zehn Minuten. Solange die Sonne noch am Himmel stand hatte alles für mich den Geschmack verloren, war mir fremd geworden. Es waren zwei Stunden, in denen ich mich unruhig durch meine Wohnung schleppte, duschte und mich mit Kaffee und nervösem Gelaufe ablenkte. Von mir selbst und allem anderen. Ich aß nicht viel an diesem Tag und auch am darauf folgenden nicht. Hatte einfach keinen Hunger. Tatsächlich fühlte ich nicht viel – selbst die Müdigkeit, die mich trotz des verschlafenen Tages überfallen hatte, verschwand nach einer Weile.

Auch das war kein Gefühl. Kein richtiges, echtes, das man irgendwie in sich besitzt. Viel mehr war es die Abwesenheit davon. So eine nervöse Anspannung, tief drinnen, wenn man nur weiß, dass etwas nicht länger da ist, was man sonst für selbstverständlich gehalten hatte.

Vielleicht so, wie es sich anfühlen muss, wenn man plötzlich taub wird oder geblendet von einem grellen Licht mitten in der Nacht. Man sieht nicht wirklich noch etwas, aber die Schemen und Schatten sind noch da, als eine Art schwacher Kopie der Wirklichkeit lügt man sie sich zusammen und glaubt daran, noch etwas zu sehen.

Ich würde ja sagen, dass es sich kalt angefühlt hat. Als hätte eine eisige Hand in meine Brust gegriffen und hätte mir alle Gefühle heraus gerissen und alle Gedanken, die ich für andere Dinge gehabt hatte.

Aber das beschreibt es nicht ganz. Das fasst diesen Druck auf der Brust und im Hals, der so unerklärlich alles andere beiseite schiebt außer den Gedanken an ihn selbst, nicht gut ein.

Das war es nämlich: Ein Gefühl von Furcht, das sich völlig unbestimmbar in mir ausbreitete, alles beiseite riss, was vorher dort gewesen war. Eine Furcht, die mich dazu antrieb, weiter zu arbeiten. Ich fürchtete, dass Franky nicht kommen würde.

Ich wollte weiter an dem Bild arbeiten. Ich musste es.

Zu meinem Erstaunen änderte sich nur wenig daran, als Franky endlich da war. Er war pünktlich, wie ich es eigentlich erwartet hätte. Obwohl wir keine feste Zeit ausgemacht hatten, kam er nur eine halbe Stunde nach Sonnenuntergang zu mir, wie schon den Tag zuvor.

Dieses Gefühl in meiner Brust blieb, als er sich in mein privates Studio begab.

Ich fürchtete mich sogar, als Franky sich auf der Liege hinsetzte und seine Jacke öffnete. Ich gestehe es freimütig: Ich hatte Angst vor diesem halbfertigen Tattoo auf seiner Brust, hatte Angst davor es anzusehen. Angst war vernünftig. Angst hieß, ich hatte damals noch nicht den Verstand verloren. Das selbe Bild, das mich die Tage zuvor noch aufgepeitscht, angetrieben, hatte, ließ mich jetzt schaudern.

Als ich dieses Bild vor mir sah, die Teile davon jedenfalls, die ich bereits fertig hatte, überkam mich eine scharfe Abneigung dagegen. Ich wolltes nichts weiter, als davor fliehen; wollte Francesco sein Geld vor die Füße werfen und ihn fortjagen. Selbst dieses letzte Prinzip meiner Eitelkeit hätte ich noch brechen wollen, wenn es nur bedeutet hätte, dieses grauenhafte Bild nicht zu malen, bei dem sich die Erinnerungen an den Tag aus meinem Unterbewusstsein schlichen.

Irgendetwas regte sich bei diesem Anblick in mir. Etwas, auf das ich keinen Wert legte, das ich los werden wollte. Ein dunkles Gefühl wie von nassem Eichenlaub stieg in mir auf, der Geruch von noch kalter, feuchter Erde stieg mir wieder in die Nase.

Franky sah nicht gut aus. Damals hätte ich es schon ahnen können. Vielleicht hatte ich das sogar und hatte nur beschlossen, nicht auf mein Bauchgefühl zu hören. Vielleicht hatte ich geahnt, dass…dass was immer es war nicht gut war, nicht gesund, und hattte mich deswegen drei Tage lang gesträubt, bevor ich den Job annahm.

Er war blass um die Nase, wirkte etwas eingefallen. Nicht mehr nur hager und hungrig, sondern wirklich zusammen gesunken, als hätte auch er seit einiger Zeit weder gegessen noch geschlafen, als verzehre ihn irgendetwas von innen. Nur dieses Glühen in seinen Augen war noch da, dieses Glühen das darauf bestand, diese Tattowierung von mir zu bekommen und von keinem anderen.

Sein Fleisch hatte die Arbeit der letzten Stunden gut verkraftet. Viel besser, als es erlaubt gewesen wäre.

Der Mann hatte eine offene, frische Wunde auf dem Leib – dreißig mal dreißig Zentimeter im damals halbfertigen Zustand – und schien nichts davon zu spüren. Seine Haut war nicht einmal gerötet, der Verband mit Salbe darunter nicht einmal angeblutet oder rosa. Kaum etwas deutete darauf hin, dass das Tattoo gestern gemacht worden war – und nicht vor drei Wochen.

Meine Hand zitterte, als ich die zweite Ampulle mit Farbe von Francesco entgegen nahm.

Sie war genau wie die erste: Ein tiefes, tiefes Scharlach, das alles Licht zu fressen schien.

Im schwachen Neonlicht des Studios, neben Ihm und Mir, die wir beide kaum geschlafen hatten und kaum einen klaren Gedanken hatten, wirkte dieses Fläschchen wie das einzig wirklich lebendige Ding im Raum.

Die Art, wie sie sich bewegte, wie vielleicht mein nervöses Zittern sich auf die Flüssigkeit übertrug, sie dazu brachte, sich zu rühren und die dünnen Glaswände empor zu lecken, füllte mich mit Unbehagen. Ich wollte es nicht ansehen, wollte nicht daran denken, wo diese Farbe herkam, was es mit diesem dünn-metallischen, kaum verkennbaren Geruch auf sich hatte, der an den Pforten meines Unterbewusstseins kratzte.

Ich habe gesagt, ich hätte etwas heiliges getan, als ich das Bild begann. Die Wahrheit ist: Ich bin mir heute nicht mehr sicher, was es genau war. Aber es war etwas unnatürliches. Dieses Bild…dieser Akt, das Bild aus der Zeichnung zu holen und auf Francescos Körper zu bringen, eins mit ihm werden zu lassen – das war keine menschliche Handlung. Das war Kunst, dabei bleibe ich.

Es lässt sich kaum beschreiben, wie es war. Wie es ist, sich völlig selbst aufzugeben im Dienst von etwas, das so viel wichtiger ist. Es muss wohl komisch klingen, aber dieses Bild war zeitlos. Zeitloser als ich oder als er, auf dessen vergänglichem Fleisch es aufgebracht war. Man muss es sehen, um es begreifen zu können.

Viele Einzelheiten dieser Nacht sind verloren für mich, irgendwie untergegangen in der Arbeit über diesem Bild. Vielleicht liegt es in irgendeiner Krypta meines Gedächtnisses begraben, vielleicht habe ich es verdrängt und will mich auch nur nicht daran erinnern. So, wie ich mich nicht an den Mann ohne Maske erinnern will, oder an die Zwillings-Sonnen, die ihn bescheinen.

Ich weiß, dass ich gearbeitet habe, so besessen wie in der Nacht davor. Dass ich sechs oder acht Stunden damit zu brachte, dieses Meisterwerk voran zu treiben.

Ich weiß, dass Francesco sehr still war in dieser Zeit und ich auch. An seinen gepressten Atem erinnere ich mich, der nichts mit den Schmerzen der Tättowiernadel zu tun gehabt hatte. An diese Geräusche von flacher und verängstigter Atmung.

Er ging noch vor dem Morgengrauen, drückte mir wieder ohne große Worte die Bezahlung für diese Nacht in die Hand. Vielleicht sagte er irgendetwas in die Richtung, dass wir uns am Abend wieder sehen würden oder so etwas. Ich weiß es nicht mehr.

Aber den Blick, den er mir zuwarf, den werde ich nie vergessen.

So ein Ausdruck war in seinen bernsteinfarbenen Augen, in denen das Glühen nur noch schwach da war, überschattet von der Müdigkeit der zweiten durchwachten Nacht. Ein Ausdruck wie von einem gejagten Tier, der das Heulen der Jäger hinter sich hört und seine Zeit gekommen weiß.

Ein Ausdruck wie von einem Mann, der auf sein Ende zugeht.

An die Träume dieses Tages erinnere ich mich. Nicht sehr deutlich und nur schemenhaft, aber auch das ist noch zu klar und zu viel. Ich muss gereist sein an einen anderen Ort, in eine andere Zeit. In meinem Kopf wenigstens, denn alles andere kann ich nicht beweisen. Vermuten kann ich es aber, denn wenn ich die Augen schließe, dann sehe ich noch heute diesen Abgrund vor mir.

Dann sehe ich diese Gewölbe, irgendwo tief unter den Fundamenten dieser Straßen, voller Schatten in denen irgendetwas lauert und nach mir greift. Dann sehe ich dieses alte Häuschen, das sich schief und mit gesenkten Brauen gegen die umgebende Straße bäumt. Das aussieht wie ein ketzerischer Tempel, den die Zeit noch nicht eingerissen hat. Dann sehe ich die alte Eiche im Garten dahinter und die…die Gruft darunter, in die ich mich verirrt hatte.

Ich hörte diese Stimme flüstern in meinen Träumen. Diese Stimme, die immer am Rand meines Bewusstseins lauerte, immer in den Augenwinkeln wie der flüchtig vorbei ziehende Schatten eines herabstoßenden Raubvogels. Die ich noch heute manchmal höre, wenn ich zu lange und zu tief in die Schatten zwischen den Häuserschluchten schaue.

Ich hörte sie, als ich dort auf den Knien im Dreck rutschte und mich in die Schatten drückte, um von Vater nicht bemerkt zu werden. Vater, der hinab gestiegen war in die Dunkelheit, um mich zurück zu lassen und sein Leben fort zu werfen. In jeder Faser meines Körpers hörte ich sie vibrieren, sich langsam wie der Staub und die Schatten vom Boden aufwirbeln. Ich hörte sie, als mein schmalen, kleinen Finger über das Messing wischten, noch mehr Staub aufwirbelten.

Ich hörte sie flüstern, während ich den alten Namen las, der dort auf diesem Portal in den Tartaros eingraviert war. Diese Tür aus getriebenem Messing, die in einem der Gewölbe unter unserem Haus lag, von uns vergessen und trotzdem mit unserem Leben beschützt. Ich hörte sie in meinem Kopf, ohne dass jemand in der Nähe etwas gesprochen hatte, als ich dort unter dem verfluchten Namen das Bild vor mir fand. Das selbe Bild, das ich in das Fleisch von Francesco brannte, starrte mich dort aus meinen Träumen an, als Siegel einer vergessenen und vergrabenen Gruft unter einer namenlosen Ruine.

“Befreie mich aus meinem Grab”, flüsterte sie, “und ich werde dich groß machen und alt jenseits deiner Jahre. Brenne dieses Siegel auf dein Herz.”

Wie am Abend zuvor erwachte ich mit dieser undeutlichen Furcht, wieder in schweißdurchtränkter Kleidung. Der Himmel über der Stadt brannte im Abendrot, in deutlich leuchtenden Farben.

Ich brauchte eine Weile, bis ich diese Gedanken abgeschüttelt hatte, bis eine heiße Dusche und ein doppelter Whisky vertrieben hatten, was ich für einen schlechten Traum hielt.

Francesco sah furchtbar aus, als er an diesem letzten Abend in mein Studio kam.

Seine Augen waren fast scharlachfarben, vollständig gerötet, mit entzündeten Stellen um seine braune Iris. Sie glühten zwar noch, aber fiebrig. Seine Haut war schlaf und hing von seinen Knochen herab, sein Griff feuchtkalt.
Es schien nicht, als hätte er in den letzten Tagen überhaupt geschlafen. Nicht, seit wir das Tattoo begonnen hatten.

Alpträume“, sagte er, ohne zunächst genauer darauf einzugehen. „Die gleichen wie gestern.“
Als ich ihn fragte, ob er in ein paar Tagen weitermachen wollte, wurde er wütend.

Heute Nacht noch“, verlangte er von mir, „Heute Nacht muss es fertig werden. Drei Tage und drei Nächte und nicht eine mehr.“

Ich hätte es wissen können. Damals hätte ich noch nein sagen können, hätte mich weigern können, weiter zu zeichnen. Hätte darauf bestehen können, dass er erst gesund werden müsste und ich erst dann weiterarbeiten würde.

Aber ich tat es nicht. Ich redete mir ein, ich könnte einen Fehler machen. Könnte vielleicht ein letztes der Symbole falsch ziehen, eine der wichtigen Konstellationen ändern, nur einen Grad zu schief, nur einen Millimeter zu lang oder zu kurz.

Ich redete mir ein, ich könnte – wenn ich nur einmal noch Hand anlegen könnte an dieses Wunder, dann könnte ich alles richtig machen. Alles gut werden lassen.

Aber ich tat es nicht.

Ich wollte dieses Bild machen. Ich musste. So, wie er es mir gezeigt hatte. Wie meine Träume es mir gezeigt hatten in aller Perfektion, in seiner grauenhaften Bedeutung.

Es wäre leicht zu sagen, dass es mich vervollständigen würde, dass es mir einen Sinn geben würde oder die Krone meines schöpferischen Talents gewesen wäre, dieses Meisterwerk zu vollenden.

Die Wahrheit ist einfacher, beschämender.

Als ich daran arbeitete, als ich die letzten Schliffe anbrachte, bekam ich Francesco zum Erzählen.

Und mit jedem Satz, den er sprach, wurde es mir unmöglicher, die Nadel beiseite zu legen. Mit jedem abscheulichen Wort aus meinem Mund – Worte, die ich weder hören noch verstehen wollte, die sich mir aufzwangen wie sich mir tags zuvor die Ohnmacht aufgezwungen hatte – gewann dieses Bild wieder mehr und mehr Macht über mich. Mit jedem Wort verlor ich mehr und mehr die Gewalt über meine Hände, die wie von selbt dieses Bild vollendeten. Als wollte das Bild fertig werden, als wäre es in seiner ganzen grausamen Logik notwendig, dass ich es vollendete und genau so, wie es sein musste.

Es mochte die Müdigkeit der letzten drei Tage sein, die uns endlich einholte und ihn gesprächig machte. Vielleicht wollte er auch nur seinen Geist von dem ablenken, was er zu tun im Begriff war. Wollte ein wenig seine Geschichte teilen, bevor sie mit ihm zusammen verschwand und bedeutungslos wurde. Vielleicht war es das verzweifelte Brabbeln eines Mannes auf dem Totenbett.

Francesco erzählte mir von dem kleinen Häuschen, in dem er aufgewachsen war. Ein kleines, zerschundenes Ding, das heute am Rand einer Wohnsiedlung stand. Es war recht verlassen, ein Relikt aus einer Zeit, als dieser Teil der Stadt noch ein Dorf gewesen war. Hinter dem Haus stand noch die selbe Eiche, die dort gestanden hatte, bevor Menschen dort gelebt hatten. Jedenfalls bevor das Haus dort gestanden hatte.

Er erzählte mir von seiner Kindheit dort, die glücklich gewesen war die ersten Jahre und dann traurig bis zu seinem Ende. Von seiner kalten Mutter und dem Vater, der ihn…verlassen hatte.

Eine Nacht war ihm besonders im Gedächtnis geblieben, obwohl er nicht sagen konnte, wann genau sie tatsächlich geschehen war. Es war eine undeutliche Erinnerung gewesen, die losgelöst von aller Zeit in seinem Kopf geblieben war. Eine Erinnerung seiner Kindheit, ein Alptraum seiner Jugend, ein Wahn seiner späteren Ehe – alles zusammen womöglich, das wusste er nicht.

Was er wusste war, dass er sich schweiß durchnässt im Keller des Hauses wiedergefunden hatte. Dort, tief unter dem Fundament des Hauses, in einer geheimen Kammer deren Existenz er über Jahre geleugnet hatte, hatte er es gefunden. Das Bild, eingebrannt in die Erde auf…auf einem alten Relikt aus Messing. Ein Erbstück der Familie, sagte er, und ihre Last zu tragen. Ihr Schatz, die Quelle ihres alten Ruhms vor vielen Generationen und des Elends seiner Kindheit.

Wie er dort hinunter gekommen war, erklärte er nicht. Er wusste es auch gar nicht mehr oder schien jedenfalls nicht darüber reden zu wollen. Eine Art von Ruf, sagte er, als hätte es nach ihm gerufen in der Feuchtigkeit der alten Hütte. Hätte seinen Namen gerufen und nach ihm verlangt.

Mehr erzählte er nicht.

Er musste auch nicht, denn ich wusste, was er dort gefunden hatte. Ich wusste es und trotzdem habe ich das Bild gemacht, habe vielleicht noch über diesen Zufall gelacht und ihn zu verbergen versucht.

Ja, ich habe es vollendet. Natürlich habe ich es vollendet, in all der Perfektion, die ich vor meinem inneren Auge sah, habe ich ihm diesen Pakt ins Fleisch gebrannt und ihm Wirklichkeit gegeben. Mit allen Künsten, die ich je besessen habe, habe ich diesem Bild Leben eingehaucht, es wahr werden lassen in seiner Schönheit.

Francesco selbst erkannte es in diesen letzten Minuten. Er lächelte, als ich ihm den Spiegel gab, um das Werk zu bewundern. Mehr als zufrieden sah er aus, fast selig, als er für einen kurzen Moment die Augen schloss und alle Last der letzten Jahre von ihm abfiel. Als da nichts von der Angst und den Erwartungen zurück blieb, als er sich völlig aufgab und fallen ließ mit diesen letzten Linien rot-schwarzer Tinte auf seiner Haut.

Er zahlte einen großzügigen Bonus, ehe er ging. Ich habe ihn seitdem nie wieder gesehen, lege aber auch keinen Wert darauf.

Es war nicht seine Stimme, mit der er mich zum Abschied für gute Arbeit beglückwünschte.

Sondern das Flüstern aus unseren Träumen.

Als er ging fühlte ich eine Last auf mir, die ich nicht erklären konnte. Was immer…was auch immer wir getan hatten, in diesen drei Nächten hatte ich etwas unmenschliches berührt. Etwas heiliges, dachte ich damals. Der Gedanke ließ mich nicht los. Monate wanderte ich durch die Stadt, durch die Bibliotheken und Akademien auf der Suche nach jemandem, der dieses Bild gesehen hatte. Der mir sagen konnte, was ich berührt hatte in meinen Träumen, in welche Sphären jenseits des menschlichen, des bloß künstlerischen ich vorgestoßen war in diesen paar Nächten, die mich seitdem begleiten wie kein anderes Erlebnis meiner Zeit.

Zu meinem Elend wurde ich fündig, irgendwann, in den kleinsten Hinterzimmern geheimer Laboratorien. Ich fand mehr von dieser Tinte, die Franky mit sich gebracht hatte, dieser schwarze Milch der Frühe. Ja, ich fand genug davon, um für zwanzig Jahre danach noch meine Kunst auszuüben. Um Bilder auf Fleisch zu brennen, um lange Jahre der Jugend zu schenken oder zu stehlen, um eine Magie zu wirken, die blutiger war und älter als du dir je träumen lassen könntest. Ich fand jemanden – etwas – das meiner Malerei Sinn gab und Bedeutung über die Vergänglichkeit menschlichen Fleisches hinaus.

Und jetzt stehst du hier vor mir und glaubst, du kannst mich mit ein paar Drinks und etwas Schleimerei dazu bewegen, dir auch ein Bild zu stechen? Eines von diesen abgefahrenen okkulten Dingern, von denen du gehört hast, weil einer deiner Freunde einen Vater hat, der dumm genug war in seiner Jugend auch eines zu wollen.

Verschwinde, Kleiner. Lass dich mit einem Geheimnis bezahlen. Eines, das sich mir in den Augen Frankys entgegen stellt, wenn ich mich an ihn erinnere. Das sich mir in diesem fiebrigen Blick so voller Hunger und Gier, mit dem er mich angeblickt hat, offen gelegt hat und das mich bis in meine Träume verfolgt:

Wenn es so etwas wie eine Seele gibt, spiegelt sich in ihr wieder, was wir unseren Körpern antun. Jede Narbe, jede Wunde, ist darin eingeschrieben.

Über die Jahre habe ich mehr als genug Leiber verstümmelt, mehr als einer Seele Gewalt angetan und sie bis zur Unkenntlichkeit verzerrt. Alle diese Dinge haben einen Preis, der größer ist als alles Geld, das dein Daddy dir geben könnte.

Für meinen Blick jenseits des menschlichen habe ich mit meinem Leben bezahlt. Und wenn ich je ein einziges weiteres Bild anfertigen würde, dann für mich selbst. Auf dieser Stelle hier an meinem Unterarm, die als einzige an meinem Körper noch frei ist von Tinte und groß genug. Diese eine Stelle, die zu füllen ich nicht den Mut habe.

Nur dann kann ich Frieden kennen. Wenn ich es Franky gleich tue…und mich selbst vergessen kann.

 

 

17.4: 3168/3328 (160+edit? Also so 300? Sagen wir einfach 500)

19.4: 3204/3779 (575)

 

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