Das Bild eines Lebens – Teil II: Alte Erinnerungen

Ich tätowierte Franky also noch am selben Abend. So hieß der Knabe übrigens. Hatte sich jedenfalls so vorgestellt. Seltsamer Name für so einen Typen, dachte ich. Passte nicht zu dem Vertrag, mit dem er ankam, den ganzen Regeln. Zehn Seiten juristischen Geschwätz, das ich nie verstanden habe, egal wie oft ich ihn später angesehen habe. Das mir nur immer wieder gesagt hat, dass ich es hätte kommen sehen müssen. Das mich angeklagt hat, bevor ich es endlich verbrannt habe.
Unterschrieben hab ich trotzdem. Ohne es damals wirklich gelesen zu haben, gebe ich zu. Keine Ahnung, was genau drin stand. Schien mir damals nicht wichtig.
Damals hatte ich keine Gedanken dafür, keine Zeit für solche Dummheiten. Wieso sich auch mit Kleingedrucktem auseinandersetzen, wieso Zeit verschwenden für das Gezänk von Anwälten, wenn es so viel mehr, so viel besseres zu tun gab?

Ich fing sofort mit der Arbeit an. Franky hatte ich in mein Appartement kommen lassen. Ich besaß ein kleines, privates Studio darin. Ein Raum mit einer Liege und meinem Zeichenmaterial. Mein Atelier, wenn ich ein Pseudo und Angeber wäre. Normalerweise war es nur mein Arbeitsplatz für meine eigenen Zeichnungen oder ich machte darin kleinere Tattoos für Freunde. Experimenteller Kram, der nichts mit der Arbeit und dem eigentlichen Studio ein paar Straßen zu tun hatte.
In dieser und den folgenden Nächten krönte ich mein Lebenswerk.
Erst musste ich das Bild vorziehen, damit ich später klar und präzise malen konnte. Ich steche nicht gerne Freihand, nicht einmal bei langweiligen Bildern. Bei diesem hier wäre jede Änderung, jeder Abrutscher ein Fehler gewesen, hätte es ruiniert. Außerdem war es zu groß, um es in einer Sitzung zu machen oder auch nur in einer Sitzung vorzuprägen. Zu komplex. Ich hätte die ganze Nacht gebraucht, nur um die gröbsten Umrisse einzutragen und vorzuziehen, bevor ich steche.
Das wäre auch unmöglich gewesen, das habe ich schnell eingesehen, als ich das Bild in seiner Gänze zu sehen bekommen habe.

Franky hatte an diesem Tag eine großformatige Version dabei. Eine bessere Vorlage, als das verwaschene Foto, das er mir die letzten Male gezeigt hatte. Es war eine große Zeichnung, sicherlich ein Meter Mal ein Meter. Größer als seine Brust, auf der ich es aufbringen sollte jedenfalls, was wegen der Details nötig gewesen war.

Ich hatte drei Nächte Zeit, um das Tattoo fertig zu stellen und konnte nur zwischen Sonnenuntergang und Sonnenaufgang arbeiten. Nicht viel Zeit, auch im Frühling nicht.
Außerdem juckte es mir in den Fingern, das hatte ich gesagt. Ich wollte mich in der Arbeit verlieren, wollte nur noch dieses Bild malen und auf sein Fleisch prägen. War richtig geil drauf.
Noch nie habe ich so schnell und fieberhaft gearbeitet. Noch nie…niemals wieder ist so etwas dabei heraus gesprungen. Es war mehr als nur ein Flow, als irgendein Zustand der vollständigen Versenkung in nur dieser einen Tätigkeit. Es war eine Art von Gebet.
Meine Hände taten etwas…nicht gerade heiliges, denke ich. Aber etwas in dieser Richtung. Ich berührte etwas mit ihnen, das größer war als ich und Franky.

Das Bild so vor mir zu haben, so vollständig und ganz…
Ich hatte nur einen Ausschnitt gesehen. Eine verwaschene, halbdunkle Fotokopie von der Brust irgendeines anderen Mannes, der dieses Tattoo getragen hatte. Als ich die Tage darauf davon geträumt hatte – damals, als ich mich noch geweigert hatte und es mich dennoch nicht los ließ – hatte ich gedacht, meine Phantasie würde mit mir durchgehen. Hatte gedacht, ich hätte Teile davon aus ihrem Kontext gezerrt, größer gemacht, irgendwie verändert.
Als ich es so vor mir sah, in aller Pracht und Herrlichkeit, erkannte ich, dass ich es in meinen Träumen gesehen hatte. Ganz so, wie es wirklich wahr. Jede Linie, jeder Winkel, jeder Schattenwurf von unbeschreiblichen Dingen war mir aus meinen Alpträumen vertraut.

Ich zögerte, als er mit dem Bild vor mir stand.
Ja, ich gestehe, dass ich Angst hatte. Jeder denkende Mensch hätte sich gefürchtet in diesem Augenblick. Hätte Angst gehabt, ein Bild zu sehen, das er aus seinen halbwachen Alpträumen kannte, in dem gleichen Detailreichtum und der gleichen Schrecklichkeit.

Aber ich hatte unterschrieben. Ich hatte den Vertrag unterschrieben und, wenn ich ganz ehrlich bin: Ich wollte es machen. Ich wollte dieses Bild aus meinem Schädel kriegen. Dazu musste ich es malen.

Wenn es einmal auf der Haut war, wäre es von Franky nicht zu trennen, von den Muskeln seiner Schultern und Oberarme, den Sehnen des Halses oder den sanften Schatten seiner Rippen. Die Ränder verloren sich in den Muskelsträngen und den Vertiefungen, waren gleichzeitig ein Teil von ihm und etwas völlig Fremdes.
Es drückte sich dem Körper nicht auf wie ein übliches Tattoo – es veränderte ihn, irgendwie. Ich kann es nicht genau beschreiben, ich habe so etwas nie wieder gesehen. Das Bild anzusehen hieß, sich darin zu verlieren, kein Ende und keinen Anfang finden zu können. Es zu tragen hieß, sich wirklich zu verändern. Seine Seele zu öffnen.

Aber es war…wundervoll. Auf eine Art, die nicht von dieser Welt war. Nicht von aus einer Welt, die wir kennen. Es war wie ein Traum. Nein, nicht ganz. Mehr wie diese Trance, die ich die zwei Tage davor hatte. Als ich nicht wusste, dass ich wirklich andauernd und vergessen dieses Bild vor mich hinzeichnete, sondern völlig darin versunken war, es einfach nur zu tun. Als keine Gedanken zwischen mir und der Kunst standen, sondern diese Details und alles, was ich so auf’s Papier gekritzelt habe, einfach durch mich durchfloss.
Nur beim Anblick der Vorlage kam mir schon dieses Gefühl, diese Leichtigkeit, dass ich nicht wirklich da war. Dass da nichts war außer dieses Bild.

Ich beschloss, in Abschnitten zu arbeiten. Ich nahm mir einzelne Abschnitte des Bildes vor und fertigte sie vollständig und in einer Sitzung an, bis in die Details.
Von einigen der Figuren im Zentrum arbeitete ich mich nach außen. Was für Figuren das waren…
Heute weiß ich es. Damals waren sie mir ein Rätsel, ein unbekanntes Loch in meiner Welt, die keinen Namen hatten. Niemand sollte diese Dinge kennen, die ich später nur geflüstert gefunden habe. Allein der Gedanke an einige ihrer Namen macht mir heute Kopfschmerzen.
Damals war ich viel zu versunken in den Linien, in den Einzelteilen und den Formen, um überhaupt darüber nachzudenken, was ich da eigentlich auf seiner Haut fest hielt.

Erst Monate später stellte ich Nachforschungen an und versuchte, diesen Bildern in meinen Alpträumen eine Bedeutung zu geben. Auch als die Arbeit mit Franky lange abgeschlossen war, waren diese Bilder in mein Bewusstsein eingebrannt geblieben. Hatten mich unruhig und zerstreut durch mein Leben gehen lassen, wie in den Tagen, bevor ich endlich zugesagt hatte.
Das meiste von dem, was ich heute weiß, habe ich in diesen halbwachen Monaten gelernt. Als ich in den Universitäten nach den wenigen gelehrten Männern suchte, die damit etwas anfangen konnten. Die mir helfen konnten, diesem kriechenden Chaos eine Bedeutung abzugewinnen.

Ich weiß nicht, was besser ist. Darum zu wissen und es zu fürchten, oder in ignoranter Verwirrung zu leben.
Damals hatte ich keine Wahl. Ich wollte keinen Fehler machen, als ich das Bild stach. Nicht wegen des Vertrages. Nicht weil irgendwelche Änderungen an der Vorlage nicht Teil des Auftrags gewesen wären. Sondern weil es…falsch gewesen wäre. Weil das Bild perfekt war. Jede Änderung, alle Kleinigkeiten wären Makel gewesen, Sakrileg.

Nach zwei Stunden war ich fertig mit diesem Teil, hatte die groben Figuren in der Mitte aufgebracht und die kleineren drumherum. Das eigentliche Wunder konnte beginnen. Ich konnte damit anfangen, ihm die Tinte unter die Haut zu stechen, mich Millimeter für Millimeter über seine Brust zu arbeiten und den toten Linien Leben einzuhauchen, ihnen Tiefe zu geben.

Sie waren erschlagend. Schon diese Vorarbeit war ein Meisterwerk. Ich sage das nicht, um mich selbst zu loben – ich war nur das Medium, der Blitzableiter für die Vorlage. Das habe ich schon gesagt: Ich hasse es, nach fremder Vorarbeit zu stechen. Das hier war eine Ausnahme, eine absolut einmalige Ausnahme und wenn ich es nie wieder tun muss, ist selbst das noch ein Menschenalter zu früh.
Aber das war das beste Werk, das ich je gemacht hatte. Es wirkte so lebendig, damals schon, nach kaum zwei Stunden. Noch ohne Schatten, ohne echte Farbe, nur auf die Umrisse reduziert, war es so unendlich viel schöner als alles, was ich in den Jahrzehnten davor oder seitdem fertig gebracht habe. Als würden die Figuren jeden Moment selbst aus seiner Brust steigen und uns verschlingen können.

Dann kam die Tinte. Er hatte mir das früher schon gesagt, während ich den Vertrag unterschrieben habe. Denke ich jedenfalls. Er muss es wohl getan haben, auch wenn ich mich nicht dran erinnere. Aber ich erinnere mich an vieles nicht, was in dem Ding drin stand und was er mir gesagt hatte.
Ich sollte spezielle Tinte nehmen, nicht meine eigene.

Normalerweise wäre das ein Grund für mich gewesen, abzulehnen. Der Mist wird nicht kontrolliert, niemand weiß, was drin ist. Einiges davon ist verdammt giftig. Ich hatte einmal davor den Fehler gemacht und fremde Tinte genommen, die wohl nicht gut oder richtig abgemischt worden ist. Bin nur leicht abgerutscht, ein paar Millimeter zu tief in die Haut gekommen.
Großflächige Entzündung wegen irgendwelcher Unreinheiten. Unter der Haut. Der armen Sau musste das halbe Bein abgenommen werden.

Bei Franky aber…
Ich zögerte. Wenigstens rede ich es mir ein, um mir noch in die Augen schauen zu können. Rede mir ein, dass ich das bisschen Anstand noch gehabt hatte, das bisschen Verstand. Ich zögerte, als ich das Fläschchen in der Hand hielt.
Ich wusste, was es war. Nur ein Schwachkopf würde es nicht erkennen. Der Geruch war mir vertraut. Ich hatte einen guten Teil meines Lebens damit verbracht, Leuten großflächig Wunden beizufügen. In jeder anderen Situation hätte ich es erkannt, hätte mich geweigert. Hoffe ich.

Aber ich hatte bereits zwei Stunden gearbeitet. Ich hatte nicht vor der Vorlage zurück geschreckt, nicht vor Frankys Bedingungen und jetzt…Jetzt war ich zu weit gekommen, um aufzugeben. Die ersten zwei Stunden, während ich vorzeichnete, hatten wir kein Wort gewechselt, glaube ich. Jedenfalls kann ich mich an kein Gespräch erinnern. Ein paar Plattheiten vielleicht, aber er schien mir nie der Typ für sowas zu sein.

Franky lag nur auf meinem Tisch, mit diesem Ausdruck im Gesicht. So eine Mischung aus Erwartung und Angst, aus Furcht vor irgendetwas, von dem er selbst noch nicht ganz wusste, was es war.
Immer noch hungrig, als hätte er Jahre auf diesen Moment gewartet. Aber auch irgendwie…keine Ahnung. Als hätte er Angst. Ich hab sein Herz ja rasen gehört und meinen Händen, als ich vorsichtig die Linien gezogen habe, noch ohne die Nadel in seine Haut zu versenken.

Nicht vor der Nadel. Er ertrug den Schmerz tatsächlich ziemlich gut. Hat am Anfang kurz das Gesicht verzogen, über dieses unerwartete Gefühl, aber dann hat er nichtmal mehr gemuckt. Jedenfalls nicht solang er bei mir im Studio war und das waren so…fünf, sechs Stunden dann noch?
Jetzt…ich glaube heute verstehe ich etwas, warum er sich so gefürchtet hatte. Woher diese Aufregung kam, die gleichzeitig so süß und so qualvoll ist. Ich weiß nicht, ob er wirklich geahnt hat, worauf er sich da einließ. Wenn, war er erstaunlich gefasst darauf.

Bei der Tinte fragte ich aber das erste Mal nach, unterhielt mich mit ihm. Die ersten Worte seit Stunden.
Warum diese Tinte, warum nicht irgendeine andere? Warum gerade diese schimmernde, rötliche Flüssigkeit, die ich nicht kannte und die ich heute nicht kennen will?
Er wich mir aus. Das wäre Teil der Abmachung. Nur die Farbe würde die wichtigen Stellen zur Geltung bringen. Er redete vom vollen Potential des Bildes, von der Notwendigkeit einen bestimmten Farbton zu treffen.
Er hatte Recht: Ich hatte eingewilligt. Ich war so geil darauf gewesen, das Bild zu machen, dass mir alle Bedingungen egal gewesen waren. Eine weitere meiner persönlichen Regeln nach alledem…war kein großes Hindernis mehr. Und auch, wenn ich mich dafür hasse: Die Farbe war vermutlich das wichtigste Element an der ganzen Sache.

Die Flüssigkeit war…seltsam. Es war nur ein kleines Fläschchen, gerade genug für die Arbeit dieser Nacht. Schimmerte kaum im Licht, schien darunter höchstens noch dunkler zu werden.
Sie war zäher als normale Tinte, dickflüssiger. Sie verlief auch nicht wirklich. Nicht so, wie Tinte das tun sollte. Sie verteilte sich mehr, sickerte langsam ein und fraß sich fest. Fast als wüsste sie, wo sie gebraucht wurde. Weniger wie Farbe, mehr wie ein Teil seines Körpers. Als wüsste sie ganz genau, in welcher Schicht dieser Schatten liegen sollte, welche Linien sie ziehen und welche Formen sie bilden müsste.
Als verlangte es diese Farbe danach, Teil diese Bildes auf diesem Körper zu werden.

Und ich weiß nicht, was es war, aber der Kerl hat nicht geblutet. Es gab kaum Blut, als ich seine Haut aufgerissen habe, um diese rote Tinte unterzurbringen. Ich habe sechs Stunden an dem Abend auf seiner Brust rumgestochen, ihn immer und immer wieder auf den gleichen paar Zentimetern mit Nadeln bearbeitet. Ich habe winzige Symbole mit Schattierungen und Inschriften in sein Fleisch gepresst, in drei verschiedenen Schichten. Normalerweise hätte ich gewischt und gewischt, damit das Zeug mir nicht den Blick auf das Bild verdeckt. Aber da war keines, nicht ein Tropfen.

Jedenfalls nicht über der Haut. Als ich fertig war mit ihm, eine Nacht der Arbeit später, war sein Brustkorb ein einziger, blauer Fleck. Sämtliche Adern über den Knochen mussten geplatzt sein unter dem Druck der Nadel. Aber kein Blut ist ausgetreten. Er sah einfach nur aus, als hätte ich ihm die Brust mit einem Ziegelstein bearbeitet.

Ich hab schon echte Tiere bei mir heulen sehen. Stiernackige Typen mit mehr Muskeln als du und ich zusammen. Kerle, denen nach drei Stunden die Haut in Fetzen von der Brust hängt, überall Blut, die dann erstmal ein paar Wochen Pause brauchen, bis alles verheilt ist. Typen, die nur zur nächsten Tortur wiederkommen, weil das sonst scheiße aussieht.
Franky nicht. Er hat das ertragen, immer nur mit diesem einem Ausdruck von Verzückung im Gesicht, als käme mit jedem Stich in seiner Haut irgendetwas näher. Etwas, auf das er seit Jahren gewartet hat. Freudige, bebende Erwartung mehr noch.

Stück für Stück ging ich also wieder die Linien ab, die ich vorher schon gezogen hatte. Habe das Bild direkt fertig gemacht, mit Schattierungen, mit Ebenen, Illusionen und allem. Also den Abschnitt, den ich mir für diese Nacht vorgenommen hatte.
Meine Gedanken waren freier dabei, irgendwie. Freier als sie es beim vorzeichnen gewesen waren. Ich kannte diese Formen schon, hatte sie eben schon einmal gemalt – und drei Tage lang von ihnen geträumt. Sie waren so tief in meinem Kopf wie kaum jemals etwas gewesen war.
Noch heute schließe ich manchmal die Augen und sehe Stücke davon vor mir, wie sie zucken und tanzen.
Das Ausfüllen aber, das war keine große Kunst mehr. Das war nur ich, der die Flächen ausfüllt. Eine stupide Arbeit, die wenig mit der gedankenlosen Ekstase zu tun hat, die ich davor verspürt hatte. Obwohl das meine eigentliche Arbeit war, obwohl ich mir hier das Bild wirklich aneignete, ihm meinen Stil und meine Fingerabdrücke einprägte, fühlte es sich…leer an. Nicht wie das echte Stechen der Figuren, der Bettler und Zeichen in seinem Fleisch.

Ich war frei genug, mir Gedanken über den Knaben zu machen, der da auf meinem Tisch lag. Nicht so wie vorher, als da nur diesses Bild in meinem Kopf war. Dieser Zwang, es exakt und endlich aus meinem Kopf auf Haut zu bringen.
Hab mich das erste Mal gewundert, warum er überhaupt dieses Tattoo haben wollte und kein anderes. Also warum er wollte. Das Bild sprach für sich selbst, aber ich…ich hätte es mir nie stechen lassen. Ich kenne auch niemanden, der sonst so etwas mit sich hätte machen lassen.

Natürlich hatte ich mich das schon gefragt, als er mit der Frage das erste Mal kam, fünf Tage zuvor. Aber damals, als ich endlich für einen kurzen Augenblick frei war von dieser gedankenlosen Trance der letzten Tage – da verspürte ich das erste Mal wirkliche, echte Neugier.
Ich hab ja schon einige in mein Studio kommen sehen über die Jahre und aus verschiedenen Gründen Tattoos gestochen.

Ein Gangtattoo war es nicht, so viel kann ich dir sagen. Es war zu groß für einen Neuling und er zu unberührt an anderen Stellen. Keine Narben auf der Brust, keine Tattoos irgendwo sonst. Nicht einmal ein Piercing.
Ich dachte unweigerlich an den Typen, der sich das Pentagramm auf den Rücken hatte stechen lassen von mir – weil sein Körper ein Tempel war. Aber der war irre gewesen, hatte auch schon so ausgesehen mit dem Ziegenbart und den fiebrigen Augen.
Der hier war…gewöhnlich.
Ein gewöhnlicher Junge, etwas blass um die Nase, hager mit diesem Blick eines hungrigen Wolfes. Mehr wie ein Banker oder ein Politiker, der auf seine Chance lauert. Weniger wie ein Straßenschläger oder Handlanger.

Franky wich der Frage wieder aus. Es hätte Bedeutung für ihn, wäre ein Versprechen für sich selbst. Er sprach lieber von sich als von dem Bild, erzählte frei davon, dass er Jura studiert hätte, seinen Abschluss mit Auszeichnung an der Akademie gemacht hätte.

Er sagte er hieß Francesco. ‘Franky’ wäre nur sein Spitzname. Er brauche das Bild für seine Familie, sagte er. Um sich daran zu erinnern, wie wichtig sie ihm war, an eine Aufgabe und ihren Platz in der Welt. Früher hätte Familie mal etwas bedeutet, meinte er. Wenigstens unter seinesgleichen wäre das wichtig und seine Familie von ein wenig Bedeutung gewesen.
Bis zu den Zeiten seines Großvaters oder Urgroßvaters. Als sie vergessen hätten, was ihr eigentliches, echtes Geschäft gewesen war und sich mit Resten zufrieden gegeben hätten. Sie hatten gesündigt, indem sie vergessen hätten, und wären dafür bestraft worden.
Er wollte nicht länger vergessen, sondern sich erinnern.

Ich hab nicht nachgefragt, was das Geschäft seiner Familie gewesen war. Oder wer seinesgleichen waren. Mit solchen Dingen wollte ich nie etwas zu tun haben. Kann sein, dass es die Mafia war. Kann sein, dass er anständig war. Dass sein Vater auch anständig war. Dass sein Großvater versucht hatte, anständig zu sein.
Mich hat es bei anderen Kunden nie interessiert, ich wollte es nie wissen. Bei solchen Dingen fragt man nicht nach.

Aber je länger es dauerte, je länger er nichts weiter tun konnte, als dem Summen der Maschine zuzuhören und an das Stechen auf seiner Brust zu denken. Je länger er mit nichts weiter als seinen Gedanken und mir eingesperrt war, desto mehr taute er langsam auf. Es beruhigte ihn, zu reden. Von Dingen zu reden, die nicht das Bild waren, das ich da auf seinem Fleisch malte. Ich konnte spüren, wie sein Herz dabei langsamer wurde, ruhiger, je mehr er von anderen Sachen sprach.

Bis ihm diese Sachen ausgingen und nicht viel mehr zu reden war. Nur noch dieses Bild, das da auf seiner Brust entstand.

‘Ein Pakt’, sagte er schließlich, während ich an den letzten Schattierungen hing. ‘Ein Pakt mit der Vergangenheit, die meine Familie reich gemacht hat. Ein Versprechen an Sie, dass ich Sie wiederholen werde.’
Er sagte mir nicht, was für eine Vergangenheit das gewesen war und ich fragte nicht nach diesem Pakt. Aber das Bild hat mich nicht losgelassen. Was hatte das damit zu tun?
Sicher, mir war das nicht neu, dass manche Leute sich Tattoos wie Abzeichen machen lassen oder Chroniken ihres Lebens. Ein Symbol für neue Zeiten – zerbrochene Herzen für Scheidungen, bestimmte Stiche zur Volljährigkeit, das gewöhnliche Ding für rebellische Jugendliche.
Aber das hier war irgendwie…irgendwie anders. Wie ein Siegel, das er sich in die Haut einbrennen ließ. Etwas das größer war als er, ganz sicher größer als ich. So viel hatte ich gespürt, als das Bild durch meine Hände jagte.

Vielleicht ist es auch nur Einbildung gewesen. Ich war müde, hatte sieben Stunden oder mehr an ihm herum gestochen. Seine Haut war rot, überall. Nicht mehr so bleich wie am Anfang des Abends. Meine Arme fielen mir bald ab und es war schwer, die Nadel gerade zu halten.
Vielleicht interpretierte ich dieses Beben in seiner Stimme falsch damals und sah und fühlte Dinge, die es nie wirklich gab.
Womöglich sind alle diese Worte sinnlos, viel zu groß für einen jungen Mann, der sich ein ungewöhnliches Tattoo stechen lässt.

Aber dieses Teilstück war fertig. Ein sinnloses Durcheinander von Teilen, die ich aus dem Zusammenhang gerissen hatte. Teile und Details, die keinen Sinn machten ohne die sie umgebenden Figuren und trotzdem eine Ausstrahlung hatten. Jedes für sich genommen wäre ein Schmuckstück auf einer einzelnen Person gewesen.
Der erste Kick war weg, als die Tinte unter meinen Händen leer wurde. Der erste Rausch, in dem ich gearbeitet hatte, hatte sich verflüchtigt, sich irgendwie in den sieben Stunden mit der Tinte zusammen in sein Fleisch eingebrannt, und ließ mich nur noch müde und leer zurück.

Ich sank an diesem Morgen rasch in einen bleiernen Schlaf, ohne echte Ruhe darin zu finden.

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